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Jüdische Rundschau · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 7 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite* 93 zu treiben, was doch die natürlichste und zwcckmassigstc Art wäre, gesunde Kolonisation zu betreiben und eine Gesundüng des physisch licrabgekonmicneu Ghettogeschlechts herbeizufiihrcu. Die verzweifelte Lage eines 5-*6 Millionen zählenden Volkes, welches nicht sterben will und nicht leben kann, eine Lage, die nicht erst durch die Oktobertage oder die Wirren in Russland geschaffen, sondern in der letzten Zeit bloss akutere f ormen angenommen, hat ja seit undenklicher Zeit dem Zionismus den Boden gedüngt; die Lage der Juden in Rumänien und Galizien — ihn befruchtet, der Antisetnitismus in andern Ländern ihn zur Reife gebracht. Es ist ein Irrtum, zu glauben, H c r zI habe ihn ge sc 11 a ffen; das Umgekehrte Ist der. Fall. Herzl. dieser grosse Mann mit goldenem Herzen und eisernem Willen, hat ihm bloss eine konkrete Gestalt verliehen. Herzl stellte die Frage klar und unzweideutig: entweder das jüdische Volk existiert noch als solches und ist im Staude, sich wiederum zusammenzuscharen und aus den zersprengten Gliedern ein Ganzes zu schaffen, oder, es kann dies nicht mehr tun. Die Probe auf das Fixempel waren die Baseler Kongresse, die er geschaffen. Diese Tribüne,•auf der die Judenfrage, in Angriff genommen werden sollte, wurde eben zum Orte, wo das Selbstbestimmungsrecht der Juden dekretiert worden ist. Ls wurde daselbst bcschlossen, dass die Juden ein für alle mal ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen müssen, anstatt von der Gnade ihrer Wirtsvölker abzuhängen. Als erste Bedingung dazu gehört ein Land, ein Territorium, wie ich bereits erwähnt habe. Das Wohin erschien Herzl anfangs sehr klar und einleuchtend: ״Das Land unserer Vater — Pal ästin a." Diese Synthese, ein wenig bevölkertes, zwar fruchtbares, aber verkommenes Land, auf autonomer Grundlage und dazu das frühere Heimatland, an welches die Judentnassen durch unzühlige Traditionen geknüpft sind. — schien ihm eine der glücklichsten zu sein, um die Judenfrage einer cndgiltigcn Lö% sung entgegenzuführen, um so eher, als bereits vor 25 Jahren, nach den. Judenkrawallen von 1SS1, die* ersten Anfänge einer Kolonisation Palästinas gemacht worden sind. Mit übermenschlicher Anstrengung und Anspannung seines eminenten Talents, bis zur Selbstaufopferung, setzte er alle Hebel in Bewegung, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Er verschaffte sich Audienzen bei fast allen gekrönten Häuptern Europas, von Kaiser Wilhelm bis zum Papst, er •strengte alle Kräfte an, um die Jtidenfragc zu einer internationalen auszugestalten und die massgebenden Sphären für eine Besiedelung Palästinas auf autonomer Grundlage zu gewinnen. Er erreichte Vieles — die Hauptsache aber erreichte er nicht. Der Sultan, der ihn mit Ehrenbezeugungen aller Art überhäufte, der ihn als Gast bei sich beherbergte, ihm Orden verlieh — erklärte ihm zuletzt, dass von einem A b t r e t e n Palästinas an die Juden nicht die Rede sein könne. Die terrltorralistischc Bewegung ist keine phantastische, sondern eine äusserst reelle, praktische; die Judennot ist zur brennenden Fräse geworden, nicht nur für die östlichen Juden selbst, sondern auch für ihre westlichen Glaubensgenossen, welchen die fluchtartige Emigration russischer Juden äusserst lästig, ja unerträglich werden könnte. Wir müssen nun diesen Moment der allgemeinen St'imnung. iimcrhalb des gesamten Judentums ausmitzen, um die Emigration in richtige Bahnen, in ein gesundes Flussbett zu lenken. Wir müssen einen Abfluss suchen. Dies aber kann einzig und allein geschehen, warn ein Territorium geschaffen werden sollte, welches zur autonomen Ansiedelung geeignet wäre, wo d e Juden Werte schaffen und sich Achtung verschaffen könnten, d. 11. den Befältigungsnaehweis für ein gesundes Kolonisieren ahlcgcti können. Die unglücklichen Menschen welch.: jetzt, ohne sielt umzfRchuuen. dahin gelten, wo der geringste Widerstand ist, könnten sich mit der Zeit ein ״Home'’, eine עיר טק״ט schaffen, auf welches auch d:ejcttigen liinschuuen würden welche in ihren jetzigen Vaterländern bleiben. Es handelt sich hier nicht etwa um eine Ver- Setzung von Bergen, um das Hittithcrftihrcn von WO 000 Mettsehen auf einmal in ein neues Land, sondern um eine langsatne. vernünftige Pionierarbeit mit geeignetem Mcnschrnatcrial auf günstigem Boden, um eine Arbeit, wie sie sich im Verlaufe von 60 Jahren in Neuseeland vollzogen hat. woselbst vor etwa 50 Jahren die Ureinwohner noch Mcnsclienfleisch, ihre Feinde mit Wonne verspeisten und wo jetzt gegen eine Million Menschen sich die allerhöchste politische und soziale Freiheit erkämpft haben, ebenfalls unter dem Protektorate Englands, dermassen, dass. d:eselben Menschenfresser, Maori samt Frauen an den Parlaiiientsverliaudluugen teilueluneit und Stimroberechtigung gemessen. Eine solche Kolonisation wird mit jedem Jahre umso ausführbarer werden müssen, als auf allen Gcbieten der Technik, des Verkehrs riesige Fortschritte gemacht werden und wäre für uns um so leichter, als den vielfachen jüdisch-philanthropischen Vereinen kolossale Geldmittel zur Vertilgung stehen. Hat ja Barmt Hirsch seit! ettormes Vermögen der ICA ausschliesslich zu Kolonisationszwecken vermacht! Der Versuch wäre allerdings kühn, aber durchaus nicht gewagt; denn zu verlieren haben wir Juden des Ostens absolut nichts. Diese elenden, geknechteten Menschen, diese Ghettojuden, welche eine so erstaunliche Zähigkeit besitzen, kulturell so sehr veranlagt sind, könnten bei richtiger Aufiassung des Problems, hei einer peinlich gewissenhaften Auswähl der ersten Kerntruppen, mit der Zeit der Welt dis erstaunltche Bild darbicten. was ein Volk leisten kann, welches sich selber hilft und nicht von dent Gnadenbrot und den Speisercsten seiner Wirtsvölker abhängt. Was heute Utopia ist - - das könnte morgen tastbare Wirklichkeit werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass, wenn es uns gelingen würde, im Verlaufe der ersten 5 Jahre nur 2000 Faniitieu in ein Land zu bringen, das zur Kolonisation geeignet, das Juden- Problem in der Theorie als gelöst angesehen werden könnte, denn diese 2000 Familien, sobald es ihnen gelingen würde, positive Werte zu schaffen, würden in de:t nächsten Jahren in geometrischer Proportion wachsen und von einer jeden Re- ״Sehen Sie, Herr von Jekutiel, das sind nun die griechischen Altertümer, die fast nirgends so vollständig sind, wie gerade hier in Berlin.“ ״Und was sagen die Griechen dazu, die doch sonst so stolz und mächtig waren?“ ״Die Griechen? — Die Griechen sind längst zu Grunde gegangen. Und was heute noch von Hellenen lebt, ist roh lind unkultivierter als fast die Wilden. Und dabei die Schulden! Herr von Jekutiel, glauben Sie mir, ich kamt keinen Blick auf diese griechischen Stein- Klötze werfen, ohne an die nichtbezahlten, griechischen. Schuidobllgationen zu denken.“ Unter solchen Gesprächen war es spät geworden, und das Museum wurde geschlossen. Bett-Jekutiel begleitete Herrn Abraham nach Hause, wo er dessen Familie kennen lernte und bis zum Abend blieb. Als die Dämmerstunde her<mnahte, geleitete Herr Abraham seinen Qast bis zur Synagoge in der Oranienburgerstrassp, Das riesenhafte Gebäude war erschreckend leer, und aut Ben-Jekutiels Befragen darüber äusserte der Bankier seinen Unwillen über die geschmacklose und verdummte jüdische' Masse, die nur aus ganz dummen und albernen Bedenken statt zur Neuen, in die Alte Synagogc gingen, wobei sie zum Teil einen ausserordentlieh weiten Weg laufen müssten. ״Aber hören Sie doch, Herr von Jekutiel . . .״ Plötzlich brausten Töne durch die Hallen der Synagüge, wie sie des Jünglings Ohr nie vernommen hatte. ״Was ist das?“ ״Das ist die Orgel!“ Und nun wusste Ben-Jekutiel auch nicht •besser, was das wäre. Aber er dachte an die Pferdebahn, die er gesehen hatte, und meinte: so gut wie man jetzt mit Pferdebahnen fahre, anstatt zu Fuss zu gehen, so könne man auch auf einer Orgel spielen, anstatt zu singen. Und Herr Abraham sagte zu ihm: ״Nicht wahr, Herr Jekutiel, mit der Orgel betet cs sich weit besser als nur so . . .?“ ״Meinen Sie, dass es Qott besser hört, wenn es nur lauter tönt?“ ־ ’ Und da dachte Herr Abraham, dass er orthodox sei, und das gefiel ihm nicht; denn cs gefällt niemandem, —- wenn er einem nicht antworten kann, den er für viel tiefer stehend hält.— Jetzt hörte die Orgel auf zu brausen und der Chor begann zu singen. ״Verstellen Sie» Herr von Jekutiel, was sie sing'' 1 l i

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