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Jüdische Rundschau · 1906-02-09 · Heft 6 (2.2.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 6 (2.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 84__ _ ._JÜDISCHE schisch-nationalen Juden auch Zionisten erschienen. Die Ver- ‘Sammlung־ nahm einen so stürmischen Verlauf, dass sie der Regicrungskonmtissar auflösen musste. Von einem Ritualmordprozess Der Prozess Hilsner ist bekanntlich einer der vielen dunklen Punkte in dem dunklen Staat an der preussischsächsischen Südostgrenze. ln der Monachie, in der so oft Judenmüdchcn ihren Eltern entrissen werden, um in majorem ecolesiae gloriam getauft zu werden, ohno dass der Staat das verletzte Elternrecht auch nur versucht wieder herzustcllen,!st der Prozess Hilsner beinahe selbstverständlich. Aber was hat der unglückliche Jude davon, das£ er weiss, dass er ein Opfer einer minderwertigen Gesellschaft ist, die im österreichisehen Staate mehr als in geordneten Rechtsstaaten ihren stillen und lauten Einfluss geltend macht. Bei Gelegenheit des von Nussbäum herausgegeben •Buches über diesen Prozess, zu dem Prof, von Liszt eine Einleitung geschrieben hat. wirft die NEUE FREIE PRESSE in einem entsprechenden Zusammenhange die Frage auf: ״Sollte zwischen dem 6. und dem 17. April eine Einwirkung aus jener höheren Sphäre in den Gang des Prozesses erfolgt sein? Das ist ein dunkler Punkt, welcher noch der Aufklärung bedari und s'e vielleicht dereinst finden wird. An der Spitze der Justizverwaltung stand damals der Justizm'mister Dr. v. Ruber. Tatsache ist, dass vom 17. April ab das Verfahret! eine scharfe Wendung ht der Riehtung des Ritualmordes nahm.“ Hierzu äussert sich Dr. Josef S. Bloch in seiner OESTFRREl£HISCHEN WOCHENSCHRIFT: ״Die Auiklürung dieses ״dunklen Punktes“ hat mit aller wünschenswerten Klarheit und Deutlichkeit kein anderer als Ernst Schneider geboten. In der Sitzung des niederösterreichischen Landtages vorn 5. November 190-1 nahm Schneider sofort nach Eröifnung das Wort Er klagte über die ״Verfolgungen" und ״ProvokatioiKn". denen er seitens der Juden ausgesetzt sei. und als Ursache dieser angeblichen Verfolgungen führte er nach der offiziellen Landtags-Korrespondenz u. a. folgendes wörtlich aus: ״Weil ich den Juden nicht nachgegeben habe und cs dem Minister Ruber unmöglich gemacht habe, den Polnacr Ritualmord und andere Ritualmorde totzuschweigen.“ Herr Schneider erklärte somit, dass die Juden ihm einen Hass nachtragen, weil ihnen die Tatsache bekannt sei, dass der ehemalige Justizminister Dr. Ignaz Edler von Ruber, während dessen Amtsführung sich die Polnacr Affäre abspielte, in Ucbereinstimmung rnit dem die Vorerhebungen leitenden Polnaer Bezirksrichter Reichenbach i ii r die Ein- Stellung dps Verfahrens gegen Hilsner war, dass er aber an dieser Absicht durch irgend welche Pressions mittel, die Herr Schneider gegen ihn zur Anwendung brachte, behindert worden sei. Wir haben an dieser Steile Herrn Ignaz v. Ruber wiederholt, aber bis heute vergebens aufgeiorilert. über diese wahrhalt sensationelle Enthüllung Ernst Schneiders sich zu aussern. Schneiders Acusserung vom 5, November 190-1 steht offenbar im Zusammenhänge mit einem Droh rufe, den er in der Sitzung des niedcrüstcrreichischcn Landtages vom 28. April 1899 ausgestossen hat. dem Drohrufc: ״Ob nicht wieder der Justizminister Geld eingesteckt hat? Der Justizministcr Ruber ist auch bestochen, ich werde ihm schon zeigen!“ Es war damals schon allgemein aufgefallen, dass Herr von Ruber diesen unerhörten Vorwurf ruhig hingenonunen t׳nd Herrn Schneidet nicht wie es seine Amtschrc erfordert hätte, auf irgend eine Weise zur Verantwortung geztgen, respektive zur näheren Erklärung eines solch’ schwerwiegenden Vorwurfes veranlasst hat Die Folge dieses Stillschweigens des Chefs der Justiz- Verwaltung waf denn auch, dass die antisemitischen Blätter die Behauptung wagen konnten, dass für die Polnaer Affäre sich ..hochgestellte Persönlichkeiten" interessieren und dass insbesondere eine dieser Persönlichkeiten auf den Gang da Untersuchung erneu bestimmenden Einfluss genommen habe.'־ Das freche Auftreten Ernst Schneiders und die unerklärliche Nachsicht des Herrn von Ruber gaben schm! damals zu merkwürdigen Gerüchten Veranlassung, welche die Einstellung des Verfahrens über ein Sittlichkcitsddikt. das da־ Sohn eines bekannten Wiener Industriellen begangen Inb. sollte, in kausalen Zusammenhang mit der Wicdcrverhaftm; ־ des vom Landgcrichtsrate Rcichenbach als un verdächtig entlassenen Hilsner brachten. Deswegen hat Herr Ernst Schneider in seiner Emmziation vom 5. November 190-1 als den Juden bekannt vorausgesetzt, dass er es dem Minister Ruber ..unmöglich gemacht habe“, den Polnacr Ritualmord ..totzuschweigen“. Dies•.־ Aeusserung ist ein Beweis dafür, dass in dein verhängnisvoll»., RUNDSCHAU N0.6 Augenblick, in dem es sich uni die Instruicrung des Polnaer Prozesses handelte, fern von׳ Schauplätze der Tat und der gerichtlichen Untersuchung, in einem Wiener Ministerhotel sich Koulissengchsimnisse abgespielt haben. Welcher Art war denn das Presstonsmittel, das Herr Schneider angeblich mit Erfolg anwenden konnte, um unntöglieh zu machet), dass an entscheidender Stelle aus der Ueber־ zeugung von der Unschuld Hilsucrs die praktischen Konseqitenzcn gezogen werden? Diese Frage, welche wir bereits am 11. November 1904 an Herrn Ign. v. Ruber gerichtet haben, schreit noch immer nach einer Antwort. Heute, da die Männer deutscher Wissen- Schaft dem Studium dieses Prozesses sich widmen, wird es nicht gut möglich sein, die Antwort zu verweigern. Herr von Ruber weilt noch unter den Lebenden. Er ist heute zweiter Präsident des Obersten Gerichtshofes und in dieser Funktion berufen, den blanken Schild der österreichischen Justizpflege vor jeder Trübung zu bewahren. In einem der ersten Vertretungskörpcr Oesterreichs wurde vor aller Welt klipp und klar ausgesprochen, dass er durch einen Ernst Schneider dazu gebracht worden sei. in seiner Eigenschaft als oberster Hüter der Gerechtigkeit einen sensationellen Prozess in eine vorher bestimmte Richtung zu leiten. Kann er dazu schweigen? Er braucht 1ms nicht Rede und Antwort zu stehen. Manchmal ist indessen Schweiget! von gewaltigerer Beredsamkeit viel peinlicher und tragischer, als das Wort. W c n 11 I g n. v. R u b'c r die Zeichen der Zeit zu deuten weiss. so wird er endlich reden! Herr Ign. v. Ruber hat das Wort!“ Du sollst nicht auswandern Über die schwergeprüfte Judciigcmcinde der Stadt Hotttei, der das traurige Los zu Teil wurde, den zweiten Pogrom nach dem Kischifiewer zu erleben, brach eine neuerliche entsetzliche Judcniuctzclei herein. Der Pogrom!tat am Freitag, dem 26. Januar, um 4 Uhr nachmittags begonnen. Er kam beinahe unerwartet, wiewohl in der letzten Zeit Gerüchte von einer bevorstehenden Judenmetzelei herumliefen. Der NOWOST1 zufolge hatten die Revolutionäre in H o m e 1 für den 22. d. den Streik proklamiert. Da jedoch der Polizeitncister am 21. d. unter Androhung empfindlicher Strafen auftorderte. die Läden nicht zu schiiessen. waren am 22. d. die jüdischen Läden gcöiinct. und keinerlei Demonstrationen landen statt. Der Tag verlief ruhig, nur von den Agents provocatcurs wurden cin/.etnc Schüsse ahgefeuert. und unter den Rowdies machte sich eine gewisse Belebung bemerkbar, .-un 23. d. wurden viele Hausdurchsuchungen und Verhaftungen vorgenomnien und um 5 Uhr nachmittags die Läden geschlossen. Am 24. d. wurde ein Attentat auf den Polizeioftizicr Ossonow verübt. Die ״Schwarze Bande" begann hierauf iltre Tätigkeit. Eine Judendeputatioti. die am 26 d. in Anbetracht der erregten Stimmung bei dem Polizciministcr erschien, erhielt eine unbestimmte Antwort. An demselben Tage begannen die Brand- .Stiftungen. Die ״Schwarze Bande" zerstreute sich nach allen Strassen, in denen häufig Schüsse ertönten. Die Papierhandhingen von Syrkin und Hamburg wurden mit Petroleum übergossen und aiigeziindct. Dragoner und Tscherkessett Hessen niemanden zu den Magazinen heran. - Die Feuerwehr blich untätig. Allmählich verbreitete sich das Feuer aui das ganze Stadtzentrum. Die Juden verbrachten eine furchtbare Nacht. Der Pogrom ist offenkundig von der Polizei organisiert worden. Fs war ein Racheakt für die Tötung des Polizeikommissärs Ossonow. der am Mittwoch, dem 24., auf der Troitzkaja durch einen Rcvolverscltuss als Strafe dafür, getötet wurde, dass er hei einer Durchsuchung in einem Arbeiterklub die dort befindlichen jungen Arbeiterinnen von den ihn begleitenden Dragoner schänden liess. Am Freitag nach der Beerdigung Ossonows hat der Pogrom begonnen. Einige Huügans überfielen die Bticlthandlung des Ingenieurs Syrkin und zündeten sie an. Dann breiteten sielt Scharen von Htüigans iiK-r die Strassen Rttmianzowa uttd Basarnaja, pliinderten Geschälte und Häuser und steckten sic in Brand. Dit Nnligans waren zwar nicht zahlreich, aber die I* o I i z c i, sowie Kosaken und Dragoner hielten die Strassen besetzt, deckten dfe Httligans und schossen unausgesetzt auf die Juden. Die Feuerwehr, die den Brand loschen wollte, wurde von der Polizei daran verhindert. Der Pogrom dauerte von Freitag Nachmittag bis Sonnabend, 4 Uhr früh. Die Sothstv. elir war waffenlos und durfte sich deshalb nicht zeigen. Es wurden 20*'י Geschäfte und 20■grosse Häuser verbrannt, der Schaden beträgt mehrere Millionen Rubel. Es sind auch mehrere luden getötet und schwer verwundet. Die Kosaken

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