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Jüdische Rundschau · 1906-02-09 · Heft 6 (2.2.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 6 (2.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 6 J U D I SC HE RUNDSCHAU Seite 83 fieissige Arbeiter ausgewiesen werden, sondern auch reiche und wohlhabende Juden. Die Poscner Landcsncg erutig macht sich aus diesen liberalen Juden, die vor ihn doch immer zu Kreuze kriechen, gar nichts. Die schreien ihr Deutschtum aus. und müssen cs sich gefallen lassen als Fremde behandelt zu werden. Auch aus Berlin wurden jahrzehntelang ansässige Juden ausgewiesen, besonders fieissige Handwerker und Arbeiter mit ihren Familien. Russische Gemütsanwandlungen Der deutsche Barde und Bismarcksänger Max Bewer fordert zur ״Abwehr“ auf gegen, das Findringen der jüdische!! Umsturzbewegungen in Russland. Als bestes Mittel dagegen sieht er es an, dass man den Juden die Häuser über den Uop.c;. anzündet, sic in die Lüfte sprengt und überhaupt ״mit den Juden deutsch redet“! Er denkt sich das so: ״In Russland schlägt man zu rpät hier und da einig t hundert Hebräer tof; man hat die giftigen Wühler zu spät erkannt. In Deutschland richte sich reclitze'.t.g die gcsarnte Front des Volkes gegen das revolutionäre Judentum. Wenn schon einmal Blut fHessen :■011, so!st es kulturell, sittlich und ästhetisch tausend Mal besser, dass einige tausend nichtswürdige Juden in die Luit fliegen, als ein einziger deutscher Fürst. Bürger oder Arbeiter, de sich über ihr soziales Gluck ohne Juden leicht und einträchtig verständigen können. Wenn der Jude sieht,, dass das Volk einmütig gegen ihn Stellung nimmt, wird er felge die brennendst Revolutions-Lunte aus der Hand fallen lassen; darum schwört: Russisch will man mit euch sprechen. Deutsche seid auf eurer Hut! Denn •es waten schon die frechen Juden tief in Russlands Blut: Aber eh’ ein Tropfen deutschen Blutes unsre Lrdc trankt. Sei zuerst der Jude Singer fit die deutsche Luft gesprengt; Lh' ein Fürsteoschloss der Lrde Auch'bei uns wird gieicligemacht. Schwört, dass erst die Synagoge In die freien Lüfte kracht! Ls ist Zeit, daran zu erinnern, dass, als Bzsmarck zji Hans Blum sagte: ,.das richtige Wanzenmlttel gegen die Juden se: noch nicht gefunden“, ihm zugleich der fragende Gedanke durch das Haupt strich: ״Bartholomäusnacht?” Er hielt diesen Ausgang einer licbräerracht zwar nicht für wahrscheinlich, auch damals nicht iür denkbar, aber es sind in der Weltge* schichte schon viele Dinge möglich, ja notwendig geworden, die man für ganz unwahrscheinlich hielt. Halten die Juden den ungeheueren Volksfrcvel für möglich, wie in Russland so auch in Deutschland die bürgerliche Gesellschaft in Schutt und Asche begraben zu können, so gebe jeder, der es mit den Deutschen gut meint, gegen die freche Parole ״Russisch reden“ von Mund zu Mund die Gegenparole weiter ..M i t den Juden deutsch reden!" Da Herr Bewer das so ruhig schreiben und sagen darf, so möge er sich folgendes merken: Wem1, sein tapferer Mut, den er bislier immer nur mit gaduldiger Tinte auf geduldigem Papier bewiesen bat. ausrcchcn sollte, auch nur den geringsten Versuch zu machen, der jüdischen Feigheit nahe zu treten, so soll er wissen, dass wir cs wohl verstehen, was ehemalige preuss'sche Soldaten mit ״mutig!>m“ Gesindel anzufangen haben. Er wird sein blaues Wunder erleben. Er wird freilich keinen Schaden an seinem Leben nehmen, sondern nur diejenige Lektion erhalten, die er in der Klippschule zu wenig' bekommen hat. Ob!er nach dem Erichen dieses blauer. Wunders auf ganz natürlichem Wege imstande sein wird, sich zu weiteren Artikeln hinzusetzen, bleibt freilich sehr fraglich. Immerhin ist cs recht bezeichnend, was man $:ch alles in Aufrclzung des Rassenhasses ungestraft b sten darf wenn es sich gegen die Juden richtet. Herr Bewe-r gehört aber auch zu den Helden, die von weitem schreien und schreiben und sich sehr hüten vor den schlagenden Antworten, die ihnen in erster Link gebührten. Uudenfeindschaft im Zentrum ln der Sitzung des Reichstages vom 31. Januar, in der die erste Lesung des sogenannten ,Toleranzantrages" des Zentrums auf der Tage?wdnung stand, erlaubte sich der Zentrumsabgeordnele Os0.1✓ ln einer Polemik gegen den Abgeordneten Müller-Meiningen folgende mit dem eigentlichen Sinne des Tolcranzantragcs sehr wohl harmonierenden Worte: ״VcrmutPeh hat Abu. Müller se'nc We:sbcit aus « Blatte, das aucli nicht zu den saubersten rechnet, der FRANK- FURTER ZEITUNO, von der ja bekannt ist, dass sie, wenn irgendwo in Kroatien oder Slavonien einem Juden auf den Fuss getreten wird, ,Au \vai ge sch r ien"' ruft." Cs ist keine Frage, dass das Zentrum nur so weit für die Rechte der Judpn ciutritt. als cs ihm durch d i politische Klugheit und das eigene Interesse dikticrt^w.rd. Die bezeichnende Acusscrung des Abgeordneten Os erzeigt, dass er ebensowenig wie andere Zentrumsstürmcr ein Antisemit ist — hat er gar nicht nötig — bei seinem Rischus. Rischus ist aber keineswegs der Antisemitismus, sondern mir die Anlage zum Anti- 3:mitisn:us und die steckt in jedem nordcuropüischen Nicht־- Juden, gezüchtet in Jahrhunderten und Jahrtausenden durch die christlichen Kirchen und durch die römische Erbschaft Zur Stellung der Juden in Mähren Die Frage der Wahlreform beherrscht in Oesterreich die Tagesordnung und auch von jüdischer Seite müssen die voraussichtlichen Folgen der Wahlreform auf die Stellung der Jude» in Kombination gezogen werden. Die zuerst für die östlichen Kronländer, Galizien und Bukowina, aufgetauchte Idee der Schafiung einer nationalen Judenkurie hat aucli nach Schlesien, Wien und besonders nach Mähren hinfibergegrifien und wird speziell von zionistischer Seite eifrig forciert. Sic soll bezwecken, einerseits die Juden im nationalen Kampfe der beiden das Land bewohnenden Nationalitäten neutral zu stellen, andererseits die Entsendung einer gewissen Zahl jüdischer Abgeordneter in die gesetzgebenden Körperschäften zu sichern. Die Regierung verhält sich dem Projekte der Schaffung einer eigenen Judenkur:? gegenüber vorläufig passiv. Den jüdischen Wählern ist es jedoch keineswegs da mm zu tun. sich in einen Wahlkampf cinzulasscn, uni der einen oder anderen Partei Mandate zu entreißen, vielmehr;st es ihr Wunsch, dass Wahlbezirke geschaffen werden zum Zwecke, um Kandidaten mit ausgesprochenem jüdischen Programm ohne ernsten Wahlkampf mit einem d e u t - sch cn oder tschechischen Gegenkandidaten zum Siege zu verhelfen. Zu diesen: Zwecke empfiehlt Dr. Theodor Haas in Brünn, die in Mahren bestehenden politischen Judengemeinden zu egeuen Wahlbezirken zu vereinigen. Von den 27 in Mähren bestehende« politischen Judengemcinden üben dort laut Reichsratswahlordnung 20, laut Landtagswahlordnung 22 das Wahlrecht in der Städtckurie aus, und zwar in den gleichen Wahlbezirken, wie die gleichnamigen Christenstädtc. Nach der neuen mährischen Landtagswphlordnung übt mmmehr jeder Wahlbezirk sein Wahlrecht doppelt aus. als dcuts c h ic r u׳!d als tschechischer Wahlbezirk. Die 22 Judcngemefnden sind iu 10 tschechische und 5 deutsehe Wahlbezirke eingcreiht Es ist daher die Frage zu erwägen, ob diese Judengemcinden nicht aus den Wahlbezirken, m die sie jetzt eingereiht sind, ausgeschieden und zu separaten Wahlbezirken vereinigt werden sollen, um aus Urnen die Ent- Sendung jüdischer Abgeordneter zu ermöglichen. Heute wohnt ein grosser Teil der jüdischen Wählerschaft ausserhalb der Judengemeinden, nichtsdestoweniger könnte man sich damit bescheiden, dass nur die Einwohner dieser Judengemeinden jüdische Vertreter pntsenden, welche jedoch die Rechte aller Juden wahrzunehnien hätten, während die jüdischen Wähler ausserhalb dieser Judengemcinden nach ihrem eigenen Ermessen ihr Wahlrecht ausüben könnten, wobei allerdings als Direktive zu dienen hatte, dass s:e sich in denjenigen »atonalen Kataster eintragen lassen, welchem die •Bevölkerung unter der sic leben, angchört und dass sie. wie erwähnt, denjenigen Kandidaten im Wahlkampfe unterstützen, von dem am ehesten die Respektierung jüdischer Intcrssen erwartet werden kann. Eure am 26. v. M. in Ungarlsch-Hradiscfi auf Anregung des dortigen Bürgermeisters abgehaltene vertrauliche Ver- Sammlung beschloss, der Judengemeinde auf deren Befragen rr.itzute len. dass cs der Wunsch der tschechischen Bevölkerung sei, die Juden mögen sich anlässlich der bevorstehenden Landtagswahlen in den tschechischen Kataster cintrageu lassen. ״Lidovc Novinv“ erklären, dass diesem Beispiel auch andere tschechische Städte folgen werden. Nationalczechische Juden Der deutsche Jude, der sich selbst für einen urtcutschcii Germanen hält wird es schwer begreifen, dass es auch czechischnationale Juden gibt. Aber dem ist wirklich so. Gibt es üoeh hi Prag eine Reformsvnagoge. in der nicht in deutscher, sondern in czech׳'cb<*r Snrac’m d e Gebet״ um 7. 011 abgeschabt sind. Der tschechlsch-iüdische Nationalvcrcln In Prag veranstaltete Samstag abends eine Versammlung, auf deren Tagesordnung sich d e Frage der Errichtung einer jüdische« Wahlkurie befand. Zu der Versammlung waren ausser tschc-

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