Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82 JÜDISCHE RUN DSC H A U No. 6 fühle!-. Volke daher len und ethischen Fortschritts des russischen Votkcs zu bemessen sei. Genu«! genug des unschuldig verRosscncn jfidisehen Bluts! Mosen die christlichen Völker Europas die dank• bare Mission übernehmen, den «rossen, russischen Augiasstall von den» Miste zu säubern, der sich durch Jahrhunderte da* seihst angehäuft hat — wir sind keine Herkulesse. Oder mögen diese Mission diejenigen russischen Juden übernehmen, welche sich eins mit dem russischen Volke und nur in der russischen Regieruug. und nicht im selbst, den gemeinschaftlichen Feind erblicken, sich mit dem Wisch Papier begnügen werden, welchen man rus• sischc Konstitution nennen wird und welche im besten Falle der rumänischen, wie ein Ei dem andern, gleichen wird. Noch nie, glaube ich, hat der Zionismus im weiteren Sinnt «ine solche Existenzberechtigung erlangt, wie gerade jetzt, allerdings für diejenigen bloss, die Augen und Ohren zwar hatten, aber nicht hören und sehen wollten. Denn für uns Zionisten waren ja die Pogrome keine Uebcrraschung, keine vulkanische Eruption; wir wussten vielmehr, dass •das Verhängte kommen, das Gefürchtete nahen müsste. Diese Judenkrawalle sind die natürliche Folge eines Judenhasses, der seit Jahrhunderten gezüchtet, durch eine Rechtlosigkeit sondergleichen genährt, eine Rechtlosigkeit, welche in Bezug auf das Wohnrecht selbst die eines Hundes iibertriitt. Hunde nämlich dürfen ohne Maulkorb und Pass überall in Russland hcrumtaufen; Juden dürfen es nicht, selbst mit Pass und Maulkorb, eines Hasses, der daher zu jeder gelegenen und ungelegenen Stunde ausbrechen konnte und cs noch ferner kann . . . Was sich, ich will in der Sprache Darwin’s und Häckcl’s reden, philogcnctisch durch lange Zeitläufte allmählich abgespielt hat. hat sich in den Oktobertagen 0 n 10־ genetisch wiederholt; mit anderen Worten: die Oktobertage waren bloss eine kurze Wiederholung, ein auf 3. Tage und 3 Nächte zusammengedrängter Extrakt desselben Vornichtungsprozesses, der allmählich, von Geschlecht zu Ge. schlecht, an den Juden verübt worden ist. Die allgemeine Lage in Russland ist gegenwärtig eine der schrecklichsten und fürchterlichsten, welche die Wcltgeschichte kennt. Der japanische Krieg hat den Riesen zu Boden gestreckt, und nun liegt er da, aus tausend Wunden blutend, aus tausend Beulen eiternd. Der Gährungsprozcss, welcher seit langer Zeit im Lande begonnen und nur aus Mangel an Licht und Luftzutritt bis nun nicht in Erscheinung treten konnte, hat gegenwärtig riesige Dimensionen angenommen. Es brodelt, es brauset und zischt wie in einem Hexenkesscl. Alles in Aufruhr! Ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Ahriman und Ormuzd! Wo ist der Weise, welcher auch nur annähernd Voraussagen könnte, was aus diesem Zerscfzungs- und Zerstönmgsprozcss entstehen werde? Ob Russland gelautert, konstitutionell und frei hervorgehen und in seiner Integrität und Grösse sich den rinderen Kul'hir- Staaten wird anrciheti oder ob es als Conglomerat von Völkcrschaften, welche nicht organisch miteinander verknüpft, sondern durch Blut, Eisen und dem Unverstand Europas zu einem Ricscnreich zusammcngescluvcisst, auseinander fallen wird? — wer kann das wissen und berechnen? Gegenwärtig stehen sich zwei Parteien mit ungleicher Kraftverteilung gegentiber. Eine Schar von freien, zielbewussten Männern, die durch ihren Geist und ihr Wissen einen! jeden Kulturstaatc Europas Ehre machen würden, von Männern, die eine friedliehe, kulturelle Entwickelung, Recht und Freiheit anstreben; ihnen zur Linken eine heissspornige Jugend, welche nichts geringer schätzt als ihr eigenes Leben. Ba r r i k a d c n h e iden, durch die edelsten Motive geleitet, aber politisch ungcschuit, schlecht organisiert, ihre eigene Kraft überschätzend und die des Feindes unterschätzend; Leute, die auf einmal den kühnen Sprung, das Salto mortale aus dein autokratischcn Gefängnis in eine demokratische Republik zu maeben, sich anschicktcn. Andrerseits eine durch Jahrhunderte zum Tier herabgcwürdigste Bauernmasse, der seit den! Tatarcnjoclic und der Leibeigenschaft durch die Knute alle ethischen Begriffe herausgeklopft worden sind, nichts schabend, al'es zerstörend, in eine aussichtslose Armut versunken, weil jeder Kultur bar; ausgcbcutet durch eine nach Millionen zählende Bande von Beamten, eine käufliche Polizei und geldgierige, unwissende Pfaffen, deren KuFurniveau zumeist nicht hoher ist als das der Bauern, eine Soldateska, welche ihre eigenen Brüder zu jeder Stunde auf Befehl wie die Sperlinge herunterschiesst, eine Hofkamarilla, welche um ihre Existenz, d. h. die Rosincr»- kuchen, kämpft, die sie aut Kosten des Volkes zu verspeisen atavistisch gewöhnt ist; . . . zwischen diese Elemente 6 Millionen eingekeilt, rechtlos, bodenlos, ohne die geringste Aussicht aui irgend eine Selbständigkeit, eine Autonomie, welche die anderen Völkerschaften über kurz oder lang zu erkämpfen hoffen und auch erkämpfen werden; zu jeder Stunde der Volkswut als Zielscheibe ausgesetzt, zwischen Polen und Russen hcrumpendelnd tmd einer moral insanity entgegengehend, - das ist die jetzige, düstere Sachlage, aus der sich ein jeder Unparteiische das Zukunftsbild der Juden innerhalb Russlands zurechtlegen kann . . . Aber auch nach aussen hin ist das Bild recht düster. (Schluss folgt.) «״• Rundschau IttiX Repräsentantenversammlung Die Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde heschäitigten sich in ihrer letzten Sitzung mit einer Vorlage des Vorstandes, anlässlich der Silbernen Hochzeit des Kaiserpaares IÜOUOO Mark zu bewilligen für die Errichtung einer Enthindungsanstalt und gynäkologischen Station im Anschluss an das jüdische Krankenhaus. Diese Vorlage, die bereits im Ausschuss ihre einstimmige Annahme erfahren, wurde auch von der Ge* meindevertretung einstimmig angenommen. Der Vorstand der Gemeinde hat der Repräsentantenversammlung die Mitteilung zukommen lassen, dass er sich konstituiert und als ersten Vorsitzenden den Kaufmann Julius Jacoby, als ersten stellvertretenden Vorsitzenden den Justizrat Dr. Lachmann, als zweiten stellvertretenden Vorsitzenden den Fabrikbesitzer Netter erwählt hat. Es folgte die Beratung über die Rechnung*, abschh'isse der verschiedenen Synagogen und über eine Not- Standsvorlage, nach deren Annahme den Gemeindeangestellten infolge der teuren Fleischpreise eine Gesamtz.ulage von 6000 Mark bewilligt wird. Ausserdem wurde eine Vorlage über die Aufnahme von 5,-י Millionen Mark zum Ziusfuss‘ von 3*■1• —ן v. jf. erörtert. Diese Anleihe wurde notwendig durch die bevorstehenden gewaltigen Ausgaben infolge von Neubauten (Errichtung eines grossen Krankenhauses, einer neuen Synacoge im Westen Berlins in der Fasaucnstr., eines neuen Vcrwaitungsgebäudes etc.). Lauterer Wettbewerb Von der Gründung einer neuen antisemitischen Tageszeitung in Berlin verlautete schon trüber wiederholt. Der VORWÄRTS criährt jetzt, dass der Beginn des Unternehmens für den I. April in sichere Aussicht genommen sc!. An der Gründung seien hauptsächlich Wiener Kapitalisten beteiligt, an deren Spitze der bekannte Führer der Christlichsozialen, Herr Ernst Vergani. der Herausgeber des DEUTSCHEN VOLKS* BLATTES in Wien, steht. Das Gründungskapital beträgt vor läuiig etwa eine halbe Million Mark. Das neue Blatt soll sich von sämtlichen konservativen und antisemitischen Richtungen unabhängig halten und alle Bestrebungen unterstützen, welche auf eine Bekämpfung des Judentums, der Sozialdemokratie und Freisinns abziclen. — Wahrscheinlich hält man, da die STAATSBÜRGERZEITUNG in den letzten Zügen liegt, den jetzigen Zeitpunkt fiir die Gründung als besonders geeignet. Bisher war der Lärm der STAATSBÜRGERZEITUNG und WAHRHEIT (liicus, a non luceudo) nicht laut genug. Der Wettbewerb der Wiener VERGANEW soll diesen Lärm lauter machen. Ausweisungen Aus Prcusscn werden jc׳tzt wieder einmal *die auslandisehen Juden in Massen ausgewiesen. Juden, de sich taufen bessen. wurden b'sbcr von dieser Auswicisungsordre nicht betroffen. In der Provinz Posen, die eine dem emphatischen Uc’itscnturn der poscnschen Juden in ihrer antisemitischen GcsTnung ganz proportionale Reg erung hat. und in Westpreussen wird überhaupt ke n ausländischer Jude geduldet. Die Acrmstcn der Elenden werden unbarmherzig ausgewiesen und gejagt. ..als lästige Ausländer“ ohne jede weitere Vcran* lasrung. Grund allein ist das schwere nationale Verbrechen, dem Judenvolkc auz'jgi.diören. Diese Judeuauswelsungen wer* den deren, die sie grundsätzlich verfügen, wahrlich keine Lorbeeren in der Geschichte tragen. Aber eine Poscncr Landesregiert!!׳« richtet sich nach realeren Orundsöuen, als nach dem Urteil der Geschichte. Sie wess. dass sie den Über a ־ len P l a c 7. c k s aller, bieten kann und dass sic sich büchstuis beschwert fühlen, wenn nicht mir klein. Handwerker unJ w «■? יייי1*ף^י״״5״*י t