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Jüdische Rundschau · 1906-02-09 · Heft 6 (2.2.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 6 (2.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 6 JÜDISCH E RUNDSCHAU Seite 81 Revolvern in der Hand, eine solche soziale Ordnung einfiihren. welche den Sozialdemokraten der kulturellsten Länder Europas, mit Hilfe aller ihnen zu Ocbote stehenden Kulturmittcl. bis nun nicht gelungen ist. Eines werden diese, zum grössten Teile unreifen, politisch nicht geschulten, über einen Schatz von einem Dutzend gcflügelter Worte verfügenden ״ßundisten" durch ihre immerwührenden Streiks wohl erreichen: die Proletarlslerung, alias Verelendung selbst dcrlenlgen Ghcttciuden, welche sich bis nun noch einigermassen über Wasser halten und sowohl sich, als auch diese Lumpenproletarier kümmerlich ernähren können. Das Schlimmste dabei ist, dass die russische bureaukratische Maschinc, die über Millionen Pferdekrättc verfügt und cs wedci lassen noch vertragen kann, dass Juden, dieses Corpus vile, diese Zigeunerbande, weiche bis in den letzten Jahren ihren Rücken geduldig wie ein Wurm krümmte, — und wie eine Zitrone sich auspressen Hess, dass diese Juden iungc, külmo Heiden zeugen, welche ihr Rückgrat grade strecken w׳ollcn; deshalb lässt sic Tausende von Wehrwölfen, Chuiigans genannt, auf das gesamte unglückliche Volk los, um es zu lynchen. Eine zahlreiche, bis nahe an die Hunderttausende gehende Gruppe Ghcttojuden gibts ferner, weiche politisch ganz indifferent, den nächsten Augenblick iu*s Auge fassend, dem unerträglichen Druck des Elends. Hungers, des Ausgcraubtwcrdens weichend, aus dem Lande fliehen, nach allen Richtungen der Windrose sich zerstreuen und ihr Heil in der Fremde suchen, zum grössten Teil ohne es zu finden; arme Unglückliehe Menschen, weiche instinktiv fühlen, dass sic von ihrem teuren Vaterlaude selbst in ferner Zukunft nichts zu erhoffen, lind dass sic anderswo nichts zu verlieren haben. Diese Emigration von Desperados, oder richtiger diese Flucht, ist durch nichts cinzudümmcn, weil sie naturgemäss, kraft des Gesetzes des geringsten Widerstandes, sich ein Flussbett graben muss. Aber eine erschreckend grosse Gruppe Ghettojudcn gibt’.s noch — laut statistischem Nachweis gegen 20 Prozent — eine Gruppe von Bettlern und Schnorrern, von Luftmenschcu, wie sic Max א o r d a u nennt, die am frühen Morgen amstehend, nicht recht wissen, wo sie für Weib und Kind das Stück Brot ergattern sollen, die Türen der Wohlhabenden belagern, hall) bittend, halb drohend, um Hilfe flehen. Die Zahl derselben nimmt in dem Masse horrend zu, als jetzt in Russland keine konstruktive, sondern eine zerstörende, zersetzende Arbeit vor sich geht und das Land einem unausweichlichen Bankrott entgege,!steuert. Aus diesem Gewimmel von kämpfenden und fliehenden Juden, von Glaubcnsseligen, Assimilanten. Polen und Russen mosaischer Konfession, von Sozial-Revolutionären und Sozialdemokraten. von Leuten, die eine Gleichberechtigung erträumen und gar eine nationale Autonomie erkämpfen wollen, aus diesem rührigen und ach! so eiend hilflosen, politisch ungeschulten Ameisenhaufen, ragt gleich ״dem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht״ eine zahlreiche, so vielfach verlästerte Gruppe russischer Juden hervor. — der auch ich anzugehören es mir sehr angenehm, Tischgesellschaft zu erhalten.“ ״Ja, sehen Sie, junger Herr,“ begann der Aeltere, ״wir sind keine Freunde davon, uns zu den Theologen dort an den Tisch zu setzen, die immer über alles sprechen, was sic nicht verstehen, oder über Sachen, die sich für sie nicht passen.“ So kam cs, dass die drei bald in ein interessantes Gespräch verwickelt wurden, wobei Bcn-Jekutiel erfuhr, dass sic Kaiiflcutc aus Freienwalde seien, und das ist eine andere Stadt als Berlin. Sic ässen jedesmal, wenn sie nach Berlin kämen, hier im Restaurant und sie würden sich freuen. Um vielleicht später wieder einmal hier zu treffen; noch angenehmer wäre es ihnen, wenn er selbst einmal nach Freicnwaldc käme und sie dort besuchte. Fis ist ein schöner Ort. Im Sommer haben wir dransseit beinahe mehr Berliner als Einheimische.“ ״Kommen Sic bald einmal herüber!" ״Gibt cs dort viele Juden?“ ״Nein, nur sechsundzwanzig Familien.“ ״Nein, dann ist es mir unmöglich, hinzureisen, da ich mich damit beschäftige, die Zustände und Sitten der Juden näher kennen zu lernen.“ die Ehre habe — die man ״Zionisten“ und in ihrer neuen Ent- Wickelungsphase ״Tcrritorialistcn" nennt und die bereits so viele Anhänger in den Ländern der ganzen Welt zählt; heute, die *auf der national-jüdischen Warte hoch oben stehen, sich weder durch das Wiegenlied, das Eiapopeia zukünftiger Gleichbcrechtigung oder kosmopolitischer Träumereien, noch durch die Hoffnung auf Lohn für das um den russischen Frcihcitskampf vergossene Blut einlullen lassen. Diese Judengruppe, welche so vorsichtig war, gründlich Geschichte zu treiben ,hat in ihrem Gedächtnis die Zeit des ״Völkerfrühlings", das Jahr IS-iS, lebhaft aufbewahrt, und vor ihrem geistigen Auge stehen noch in scharfen Umrissen die unzähligen jüdischen Opfer, welche die Barrikaden Oesterreichs und Deutschlands verschlungen, die Treue und Ehrlichkeit, mit welcher sie in Gemeinschaft mit ihren deutschen und slavischcn Brüdern den Freiheitskampf gekämpft; und auch der •Lohn, den sic dafür eingeheimst, liegt vor aller Welt zu Tage. Diese Zionisten, w e I c h e a u c h jetzt für d e 11 russischen Freiheitskampf ihren Mann steI- I em und während der Oktobertage sich nicht etwa feige verkrochen, sondern Ihre besten Jünglinge zur Sclbstwchr hingaben, welche zu Dutzenden unter den Flintenkugeln und Bajonettstichen der Soldateska und den Kculcnschlügcn der sclnvarzen Bande gefallen sind, — sind nichtsdestowenigei tief davon überzeugt, dass, wenn die Judenfrage einer men־ , schenwürdigcn Lösung überhaupt entgegengei'iihrt werden könne, dies nur dadurch erreicht werden müsse, dass ein freies Territorium geschahen werde, auf welchem sie sich frei ausleben und ihren Volksgenuss entfalten könnten. Ohne eigenen Boden ist die Existenz und Entwicklung eines Volkes unmöglieh; Antäus gleich schöpft ein Volk seine Kraft, sobald^es 1 mit eigenem Boden in Berührung kommt. Die Zionisten J hegen die tiefe Ucbcrzeugung. dass das jüdische Volk, ebenso j wie die andern Kulturvölker, seine Kulturmission eriüller» ן könne; dass das Endziel der Bestrebungen der ganzen Mensch-; heit — der Kosmopolitismus, d. h. das Nebeneinanderleben | der Völker auf gemeinschaftlicher ethischer Grundlage — nur I auf nationaler Basis möglich sei; dass die nationalen Einheiteu sich unablässig und frei entwickeln müssen, dass sie sich ebenso differenzieren müssen, wie sich etwa die Gehirnzellen zu hohem, aber dennoch von einander verschiedenen Funktionen entwickeln. Die Zionisten sind endlich davon überzeugt, dass zur Erreichung dieses grossen Zieles nur die Bedingungen geschaffen w׳crden müssen, welche der Wiedergebürt der jüdischen Nation günstig sind. Djesc Bedingungen könnn wir schaffen, wenn wir nur wollen — ״wo ein Wille — da Ist auch ein Weg.” Diese Arbeit wäre allerdings lang und schwer, aber auf jeden Fall viel weniger schwer und lang, als diejenige Arbeit, die wir verrichten müssten, um wilde Bestien in menschlicher Gestalt zu zähmen, die sich ״echt | russische Männer“ nennen. Wir haben cs satt, wo es auch j stpi! mag. namentlich aber in Russland, die Rolle von Verj suchskaninchen zu spielen, an welchen. nach der Seltenheit ׳ oder Häufigkeit ihrer Todeszuckungen, der Grad des kulturei- ״Ah, Sic sind wohl Theologe?" ״Wie.“ herrschte ihn Ben-Jekuticl an, ״Sic wagen es. mich zu jenen Burschen zu zählen, die Sie mit mir so gründlich verachten?“ ״Ei, ei, mein lieber Herr, Sic haben mich missverstanden. Wenn mit auch jene Tischgesellschaft nicht behagt, so bin ich doch himmelweit davon entfernt, jede 11 Theologen darum zu verabscheuen. Es gibt doch recht feine und bedeutende Leute unter ihnen." ״Dann würde ich Ihnen wirklich sehr dankbar sein, wenn Sie mir die Freude bereiteten, dass ich einen besseren von der Sorte kennen lernen kann." ״Nichts leichter als das! Heute ist Freitag. Gehen Sie heute Abend und morgen früh in die Neue Synagoge in der Oranicnburgerstrasse und hören sie dort den Prediger.“ ״Gut! Ich werde Ihrem Rate Folge leisten und danke Ihnen sehr, mein Herr." V (Fortsetzung folgt.)

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