Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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No. 6 Seite 80 JÜDISCHE RUNDSCHAU Der Zweck meines Hierseins ist einzig und allein der, Sie zu einer Tat zu bewegen, welche nicht mir momentane• Hilfe schaffen, sondern vielleicht den Weg bahnen könnte, auf welchem die Judenfrage in Russland, welche so ziemlich der Kern der Judenfragc überhaupt ist, einer radikalen Lösung, wenn auch in einem langen, aber dennoch absehbaren Zeitraum, eutgcgcngeiiihrt werden könnte. Da diese Lösung zu den schwierigsten sozialen Problemen gehört, welche die Weltgeschichte kennt, und da andererseits die Entrüstung, Trauer und Teilnahme, welche unsere westlichen Glaubensgenossen erfasst haben, von dem Solidaritätsgefühl der Judenheit aller Weltteile ein so eklatantes Zeugnis ablegen, so komme ich zu Ihnen mit dem Rüstzeug einer •10—50jährigen Beobachtung und Erfahrung, mit dem Einsatz meiner tiefinnersten Überzeugung und meiner ganzen Persönlichkeit, um Ihnen nachzuweisen, dass der im Westen cingcnistcte Glaube, die glücklichste Lösung der Judenfrage sei nur in Russland selbst möglich — meiner Überzeugung nach — reiner Aberglaube ist. Und wenn gar dieser Glaube zum unfehlbaren Dogma erhoben und zur einzigen Richtschnur splendider Hilfeleistungen gemacht wird, so könnten letztere vielleicht zum Danaergeschenk ausarten. Die harte Klausel: ״Bleibe zu Hause und n ä h r c d i c h r c d 1 i c h,” die den unglücklichen russischen Almoscnc mpiä 11 gc r 11 eingcschiirit wird, ist, meiner Ansicht nach, gleichbedeutend mit dem Rate sich zuerst abschlachten zu lassen, um alsdann'-russischer Vollbürgcr zu werden. Vielleicht ist cs das letzte Mal in meinem Leben — mein Alter gestattet mir nicht, nach dieser Richtung hin rosige Hoffnungen zu hegen, — dass ich vor Vertretern der verschiedensten jüdischen Korporationen und Wohitätigkeitsvcreine rede, vor einer illustren Versammlung, die am geeignetsten wäre, das Problem, welches ich hier stellen will, dreist, zielbewusst und opferfreudig anzupacken; deshalb halte ich’s für meine erste Pflicht, so objektiv wie möglich die Dinge, die sich jetzt im grossen Russland und speziell im jüdischen Ghetto rbspielen, zu schildern, und Ihrem Ermessen wird es anheimgestellt bleiben, ob die Beweggründe, die ich zu meinem Versuch der Lösung der Judenfrage ausserhalb Russlands anführe, überzeugend genug sind, damit das Problem in Angriff genommen werde. Es ist aber nicht so leicht, das Bild, welches der Ghetto• sumpf gegenwärtig darbietet, in photographischer Treue wiederzugeben, weil es bereits seit vielen Jahren so buntscheckig, so kaleidoskopisch verworren ist. wie die Zustände in Russland überhaupt: wte es sich christclt. so jüdclt es sich. Gruppen und politische Parteien sonder Zahl, die sieh gegenseitig befehden und um des Bären Fell streiten, bevor sie noch das Wild erlegt .... Alles durcheinander gewürfelt, ein echtes {Jabel, wobei der eine Jude aufgehört hat. die Sprache des andem zu verstehen . . . Keine Spur von einheitlichem Streben. . . . ..Arme, gequälte Sklaven, die mit aller Kraft an ihren Ketten rütteln, dabei sich die Glieder wund und blutig reiben und trotzdem den Einzug aus den dumpfen Ghettomauern — in spanische Schlösser erträumen. Vor allen Dingen sei mm eine Klasse russischer Juden her• vorzuheben, welche die Ansicht der Westler teilen, dass die endgiltige Lösung der Judenfrage in Russland selbst erfolgen müsse ... Zu diesen sind die besser situierten und intelligenten Kreise zu zählen, welche die Judenfrage als Teilfrage der allgemein russischen auffasstri. Sobald in Russland geregelte, rechtliche, freiheitliche Zustände cintreten. meinen diese Herren, müsse auch den Juden die Freiheit erblühen. Die Juden müssen die Leiden der russischen Freiheitskämpfer teilen, damit sie auch ihre Freude ernten. Die Juden müssen sich ihre Sporen erpämpfen und am russischen Freiheitstisch einen Ehrenplatz erobern . . . Die einen schlicsscn sich nun den liberalen, gemässigten, russischen Parteien an, wirken durch Wort und Schrift, in Meetings, Vereinen, Verbindungen jeglicher Art. in Gemeinschaft mit ihren russischen Gcsinnungsgenossen; die andern schlicsscn sich den radik.ajstcn, revolutionärsten Parteien an und suchen die Freiheit mit Hen Waffen in der Hand zu erkämpfen. Und wenn auch die russische Regierung und das russische Volk gewissenhaft dafür sorgen, dass der Glaube an eine Judcncmanzipation nicht zu sehr Wurzel fasse* und zu diesem Zwecke uns regelmässig als ״memento mori" Ueberraschtmgen jeglicher Art, Pogromchcn und Pogrome bcschcert. so verschlägt das recht *wenig. Im Gegenteil, diese Glaubcnsscligcn fassen die Judcnkrawullc als letzte Anstrengung einer verkrachten Burcaukratie auf. das Heft in Händen zu behalten, und stürzen sich mit um sc» grösserem Eifer in den Strudel der Revolution. . . Nur die Regierimg und nicht das Volk seihst sei der Feind, heisst es, und es dürfte ein Leichtes sein, erstcrer beizukommen. . . . Die Stunde der Freiheit habe geschlagen . . . Die Judenmassakres seien ein vOrüherziehendcs Gewitter, über das hinweg man zm Wahlurne schreiten, resp. die ״Duma" boykottieren müsse . . . Kitte zweite recht zahlreiche Gruppe russischer Juden sei erwähnt, welche seit Jahr und Tag die Aufmerksamkeit, nicht sowohl der Juden, als der russischen Regierung am sich lenken. Im Laude des Elends und des Jammers, im Ghettosumpfe nämlich, ist ganz wider Erwarten eine Pass io nsb 1 ü t e entsprossen, ein bis dahin nie dagewesenes Geschlecht junger Makkabäer in Jakobinermützen, bekannt unter dem Kamen ״B u n d”. Diese russisch-jiidischcu Sozialdemokraten, die ganz stramm, nach deutschem Muster organtsiert sind, aus Fabriksarbeitcm und hauptsächlich aus kleinen Handwerkern sich rekrutierend, haben den M a r x i s m u s m Bausch und Bogen dem Ghetto aufgepfropft. ohne Rücksicht auf Zeit, Raum und alle Lehensverhältnisse. In verbu m magistri schwörend, erwecken sie dufch iht mathematisch abgekirzeltcs Pro gram m. w c 1• chcs keine Kritik und keinen Widerspruch duldet, den א e i d eines jeden denkenden Mensehen. Mit kühnem Mute, weder Gefängnis noch Sibirien, noch den Galgen fürchtend, wollen sie in dem autokratischcn Russland, und gar im verelendeten Ghetto, mit Bomben und passen wollte. Er stritt mit einem wenige Jahre älteren Manne, mit schmaler.,!'einen, aber nicht besonders schönen Gesichtszügen, dessen' bleiche, von langem schwarzem Barte und Haar umrahmte Stirn und Wan- Reh aui ciii kummervolles Dasein und schwere Lebens- Schicksale zu deuten schienen. Es war ein sonderbarer Gegenstand, über den die beiden mit erbitterter Heftigkeit stritten, — so sonderhar, dass man schon in eine jüdische Restauration gehen musste, um einem solchen Streite mit beiwohnen zu können. Die Diskussion drehte sich um die Frage, ob der Prediger in der Synagoge seinen Betmantel über den Rücken herabhiingen lassen dün'te oder nicht. An der Heftigkeit der Reden sowie den aufgeregten Gesiebtem und aufmerksamen Blicken der lauschenden Tischnachbarn der beiden empfand er die ihm selbst unerfindliche Wichtigkeit der Frage. Aus gewissen Aeusserungen erkannte er ferner, dass die ganze Gruppe der jungen Leute aus solchen Männern bestand, welche die Absicht hatten, in späterer Zeit das jüdische Volk einmal als Rabbiner zu leiten. Sie sprachen viel davon, dass das alte Judentum verbesserungsbedürftig sei, lind dass man alle Kräfte, darauf verwenden müsste, es zu reformieren, und erfreuten dadurch Ben-Jekutiel, der zwar wenig vom Gespräch verstand, aber wohl zu ersehen glaubte, dass diese jungen Männer mit Schaudern die Entartung ihrer Nation erkannten, und Rückkehr zu wahrhaft würdigen Zuständen verlangten. Sie Hessen es sich mittlerweile gut schmecken und plauderten weiter. Einer aber unter ihnen, der sich bisiier am Gespräche nicht beteiligt hatte, machte plötzlich mitten in diese Gespräche hinein eine höchst unanstündige Bemerkung. Ben-Jekutiel dachte nicht anders, als dass seine idealen Kollegen den frechen Störer ihrer Zukunftsträunic tatkräftig abweisen würden, erstaunte aber mnsomebr. als jene ihre Entrüstung in ihm unbegreulicher Weise so ausdrückten, dass sie ihm lachend beistimmten und alle ihre soeben noch so eifrig besprochcnen Gegenstände vergassen, um mit noch mehr Eifer und lachendem Zynismus auf den frivolen Scherz ihres Kollegen einzugclien. Grade jetzt ging die Tiir auf, und herein traten zwei Herren, die sich vor Ben-Jekutiel kurz verbeugten, und zu ihm an den Tisch setzten, indem sie fragten, ob er das erlaube. ״Ich kann nichts dagegen haben; im Gegenteile ist