Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 74;! 1 JÜDISCHE hört, und ein durch Zahl und politische Reife bemerkenswerter Teil des jüdischen Volkes im Sozialismus sein Lebens- und Zukunftsprinzip erblickt. Diese Wirkung würde auch der Sozialismus ungehindert unter den jüdischen Massen entfalten, wenn nicht im Wettbewerb um ihre Anhängerschaft die bcwusste jüdisch-nationale Bewegung, der Zionismus, in die Arena träte. Teils von der ideellen Forderung ausgehend, dass das Judentum als ein Kulturfaktor erhalten werden müsse, teils von der materiellen Erwägung geleitet, dass alles jüdische Elend durch die Zerstreutheit der Juden unter den Völkern hervorgerufen sei, erstreben die Anhänger des Zionismus durch die Schaffung einer Volksheimat die Befreiung des jiidisehen Volkes aus seiner jetzigen abnormen Lage. Sic wirken darum bei den jüdischen Massen der Auffassung entgegen, dass eine Abschwächung oder Ausgleichung ökonomischer Gegensätze auch der Weg zur Lösung der Judenfrage sein könnte. Wir sehen also 7.wei Prinzipien. Sozialismus und Zionisntus im jüdischen Lage' um die Vorherrschaft kämpfen. Wie wird der Kampf enden? Wird die Mehrheit des jüdischen Volkes den Gedanken einer jüdischen Renaissance ablehnen, oder wird eine Verständigung beider Faktoren erfolgen? ln dieser Frage tritt uns in der Geschichte des modernen Judentums das wichtigste Problem entgegen. Von d c r. G e s t a 1tung des Verhältnisses zwischen Zionismus und Sozialismus!!äugt die Zukunft des j ü d ischeu Volkes ab. Bei jedem ar.deren Volke kann der Sozialismus nur eine Aenderimg der ökonomischen Struktur der Gesellschaft im Rahmen des natior.alcn Lebens bewirken, weil der nationale Zusammenhang durch die territoriale Basis gewahrt bleibt. Bei den Juden aber würde der Sieg rein sozialistischer, das jüdische Volkstum regierender Ideale auch den Tod des jüdischen Volkes bedeuten, weil die westeuropäische Judcnheit sich mit Riesenschritten der' völligen Assimilation nähert, und der grösste Teil der östlichen Juden sich durch seine ökonomische Lage zum Sozialismus hingezogen fühlt. Dann wird auch das Bollwerk der traditionellen Orthodoxie von den Stürmen der freiheitlichen Entwicklung int Osten und von dem Aufklärungseifer der jüdischen Sozialisten hinweggefegt werden. Angesichts der Gefahren, die dieser Kampf für die Zukunft des jüdischen Volkes in sich birgt, müssen wir uns tragen: Sind denn Zionismus und Sozialismus in Wirklichkeit prinzipielleregensätze? Setzt sich ein Volk mit seinem Streben nach nationaler Sesshaftigkeit mit dem Gedanken einer allgemeinen sozialen Befreiung in Widerspruch? Gicht es keine friedliche Verständigung zwischen beiden Faktoren? Leider ist die gegenwärtige Lage der Jude so kompliziert, dass Ucbertreibungen, Verdächtigungen und Missverständnisse auf allen Seiten an der Tagesordnung sind. Und doch könnte eine ruhige, objektive Betrachtung beiden Richtungen gerecht werden und sie unter Achtung des gegenteiliger. Sundpunktes zu gemeinsanier gedeihlicher Arbeit vereinigen. (Fortsetzung folgt.) —I Aus den Ortsgruppen ן— Berlin. Montag, den 5. Februar, abends 9 Uhr werden die in Berlin anwesenden Mitglieder der Brüsseler Konferenz in« grossen Saale des Handwerkervereins, Sophienstr. 15, ihren Bericht über die Konferenz erstatten. Jeder ist als Gast willkommen. Berlin. Dovnncrstag. den 8. Februar, abends 9 Uhr, spricht Mathias Acher (D r. Nathan B i r n b a u m -Wien) in den Industriesälen, Beuthstrassc 19. über ״Jüdische Autonomie in österreic h". Berlin. Die ״J iid isch ־ na t ior.a I c Frauen vere i n i g u n g” hat beschlossen, jeden ersten Sonntag im Monat eine gesellige Zusammenkunft im Restaurant ״Roscnthal“, Spittclmarkt. Leipzigerstrasse 63. Nachm. 5—S Uhr, abzuhalten, zu der auch Damen als Gäste sehr willkommen sind. Die nächste Zusammenkunft findet schon am nächsten Sonntag. den •I. Februar, statt, und wird gebeten, recht zahlreich zu erscheinen. "ןייי״יי'"* 1"^««■׳ ■י jp 1mm.! »<** y.fffjwi —mi» RUNDSCHAU- No. 5 Jüdischer Handlungsgehllfcn-Vereln Berlin. Sonntag, den •I. Februar a. c. findet im Restaurant ״Okocimer Hof“, Dragonerstrasse 2J, eine Besprechung von jüdischen Angestellten zwecks Gründung der obengenannten Organisatioti statt. Beginn 5 Uhr nachmittags. Adresse für Zuschriften: F r i c 11 S a I o m o n, Berlin- C 11 a r 1011 e n b u r g, L c i b n i t z s t r a s s c 31־. Das G r ii n d 11 n g s k o!11 i t c e. J. Stettin. Die Stettiner Zionistische V e rcinigung veranstaltete am *-M. Januar einen Vortragsabend, dessen ersten und wichtigsten Teil ein Referat von Heinrieh 'Locwc: ״Kulturelle S t r e i f z ii g e durch Palästina" bildete. Der Redner gab in seinem etwa zweistiindigeu Vortrage ein sehr anschauliches Bild des Landes und seiner Bewohner und wusste durch seine anziehende Schilderung die Aufmerksamkeit der Zuhörer rege zu erhalten, die ihrer Anerkennung durch stürmischen Beifall Ausdruck gaben. Der tiefe und nachhaltige Eindruck des Vortrages wird sicher dahin wirken, die vielfach verbreiteten irrigen Vor- Stellungen über die Bodenverhältnisse Palästinas und die Lage seiner jüdischen Bevölkerung zu berichtigen. Ein soleher Erfolg muss aber von der zionistischen Propaganda umsomehr angestrebt werden, als cs ja noch immer zu den Requisiten der gegnerischen Taktik gehört. Palästina als ein unfruchtbares Land darzustellcn, dessen Kolonisation aussichtslos sei und dessen Bewohner ein kümmerliches Dasein fülltcii. Der zweite Teil des Abends wurde durch Deklamationen aus jüdischen Dichtungen, sowie Klavier- und Gesangsvorträgen ausgefüllt, an welche sich ein geselliges Beisammenscin anschloss, das einen sehr anregenden Verlauf nahm und die Teilnehmer noch recht lange hcisatnmcnhiclt. Kaiserslautern. 1111 Wissenschaftlich-Literarischen Verein nielt Herr Dr. Dreyfuss einen sehr interessanten Vortrag über den modernen Z i 0 n i s in u s. Man ersah daraus, mit welcher Aufmerksamkeit er die Bewegung von Anfang an verfolgt und mit welchen! Eleisse er das diesbe ziiglichc Material durchgearbeitet bat. So fand dieser Vortrag in einem christlichen Vereine unter dem Vorsitz des protestantischen Stadtpfarrers statt. In hübschem Gegensatz dazu singt die hiesige U. O. B. B. Loge bei ihrem Stiftu'ngsfeste: ״Was der Zionismus will, interessiert die Log* nicht vie 1.“ Der Vortragende besprach die jüngste Geschichte der Bewegung seit Hcrz'ls ״Judenstaat und ihren Siegeszug durch alle von Juden bewohnten Länder, dann die Judennot und die ideellen Triebkräfte der Bewegung, die Kulturfähigkeit der jüdisch-deutschen und hebräischen Sprache usw." Die PEÄL- ZISCHE VOLKSZEITUNG bemerkt im Anschluss an ihr sehr ausführliches Referat: ״Es machte einen gewinnenden Eindruck, dass der Redner sich freimütig und hierbei unparteiisch als Jude bekannte und mit den Interessen seines Volkes identifizierte. Keine Spur von Antisemitismus zeigte sich in der Diskussion, welche sich an den mit lautem Beifall belohnten, so viel Neues bietenden Vortrag knüpfte.“ Gedenkfeier Angesichts des tiefen Eindrucks, den die Feier hinterliess, dürften die Hauptpunkte des Programms demnächst zur Wiederholung gelangen. Als besonders erfreuliche Erscheiiiuneg ist liervorzuheben, dass die Hauptorganc der Berliner Presse, insbesondere die VOSS1SC1IE ZEITUNG, nicht minder aber der BÖRSEX-COL'RIER, anlässlich der Gedenkfeier in anerkennendster Weise über den Zionismus sich aussprachen. Auch andere Blätter wie MORGENPOST usw. brachten lobende Erwähnungen. Herr Dr. Alfred Nossig ersucht uns in einer Zuschrift zur Kenntnis zu nehmen, dass die Initiative nicht von ihm pers ö 111 i c 11, sondern von der zionistischen Propaganda- Kommission ausging. Das veranstaltende Komitee setzte sich aus den Vorstandsmitgliedern sämtlicher zionistischen mut nationaljüdischen Vereine Berlins zusammen. Insbesondere haben sich Erl. Berta Majcrowitsch, Herr Isidor Wolf und Herr Adolf Graupe durch ihre unermüdliche Tätigkeit das grösste Verdienst um den Erfolg der Gedenkfeier erworben. Diesen treuen Mitarbeitern wird hiermit im Namen des Komitces der wärmste.Dank gesagt. Rumänische Zionisten Das Hauptergebnis der IX. Jahrcs-Kouferenz der rumünisehen Zionisten war die Neugestaltung der Organisation, an deren Spitze Heinrich Roscnbaum als Direktor berufen wurde, I 1,