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Jüdische Rundschau · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Beilage JUEDISCHE RUNDSCHAU ■י«*׳N0 6 Aus der zionistischen Bewegung Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 1. In einer kleineren Stadt Oberschlesiens ist durch den Tod eines Arztes die Niederlassung eines neuen sehr erwünscht. Die Umgebung der Stadt ist eine so gute, dass eine gute Praxis ziemlich sicher ist. Nähere Auskunft erteilt das Zentralbureau. 2. Zu einem jüdischen Arzt in mittelgrosser Stadt (Thüringen) wird ein Assistent gesucht. Oehalt 200 Mk. pro Monat bei freiem Logis und 1. Frühstück. Bewerber wollen sich an Medizinalpraktikanten Sichel, F r e i b 11 r g i. B., Marchstr. 17, wenden. 3. Herr Dr. Sonderling spricht am 13. Februar in Mannheim, am 14. Februar in Frankfurt a. M. Judentum und Sozialismus Von D r. Max Besser. (Fortsetzung.) Man wird der deutschen Sozialdemokratie zugestehen *müssen, dass sie in Fragen der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden und ihrer Gleichstellung innerhalb der Partei im Vergleich zu den anderen Parteien eine ehrliche Haltung beobachtet hat. Wenn man sich auch nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass hei einzelnen Führern wie bei den Massen antisemitische Instinkte nicht erloschen sind, so sind doch die Verdienste des Sozialismus um die Abschwachung von Rassen- und Nationalitatsgcgcnsatzcn unverkennbar, und Mathias Achcr hat nur bis zu einem gewissen Grade Recht, wenn er in seiner Schrift ״Jüdische Moderne” sagt: ״Man nehme ein bischen Psychologie zu Hilfe und studiere, wie viel von der übrigens recht flauen Betätigung internationalcr Gesinnung gegenüber den Juden Parteidrill von vorübergehender Wirkung, und wie wenig davon und bei wie weniger! ein endgiltig errungener Standpunkt ist. Man frage, wozu die sozialistischen Parteiblätter trotz ihres prinzipiell gegenteiligen Standpunktes antisemitisch schildern müssen, wenn cs nicht deshalb geschieht, um den Arbeitern, bei welchen man offenbar judenfcindliche Stimmungen voraussetzt, nicht vor den Kopf zu stossen.” Noch fehlte die Probe auf das Kxcmpel. Das Opfer der Assimilation war der Sozialdemokratie von ihren bisherigen jüdischen Parteigängern freiwillig dargebracht worden; würde sic es dort fordern, wo man cs ihr verweigerte? Hatte man sich in den Reihen der modernsten und fortschrittlichsten Bewegung so Aber alle traditionellen Vorurteile hinausgearbeitet, auch denen die Bruderhand zu reichen, die mit ihrer Bcteiligung an der sozialistischen Bewegung ein bewusstes Festhalten an ihrer jüdischen Nationalität verbinden wollten? Und diese Probe hat die Sozialdemokratie nicht bestanden. Was sie als selbstverständliches Recht Jeder Nation anerkannte, das hat sie den Juden verwelgert. Es schien auch unerhört: Jüdische Sozialisten, die gleichzeitig Juden bleiben wollten, jüdische Proletarier, die als selbständige Nationalgruppe der Gcsarntorganlsation angehören wollten! Eine unbekannte Melodie .für westeuropäische Ohren, ein Schrecken für alle jüdischen Assimilanten der Partei! In Russland hatte schon in den 80er Jahren eine solche Bewegung eingesetzt und im Jahre 1897 zur Gründung des ״Allgemeinen jüdischen Arbeiterbundes In Russland, Polen und Llthauen geführt.*) Den Führern, die aus Intelligenten russischen Juden, besonders Studenten, bestanden, gelang es, bis zum Jahre 190-1 etwa 30 000 jüdische Arbeiter d. h. 2—3 Proz. der jüdischen Bevölkerung unter den grössten Verfolgungen! seitens der russischen Behörden zu einer Organisation zusum-! mcnzuschliessen. Zunächst überwogen im Bund, der auf den j Grundsätzen des Marxismus aufgebaut war, derartig der Oedanke der internationalen Solidarität mit den Arbeitern der anderen Nationen und die revolutionäre Propaganda, dass von [ einer jüdischen Tendenz nicht die Rede sein konnte. Aber J durch die Aufrichtung eines Ideals, durch Beispiele von höch-! ster Opfcrwilligkelt, durch Verbreitung von Bildung, durch-! Förderung ökonomischer Interessen erhöhte er das Qefühl für | Menschenwürde bei seinen Anhängern und wirkte so auf die lüdlschen Massen kulturiördcrnd. Zum ersten Male sehen wir eine stärkere Beteiligung von Juden an der sozialistischen Bewegung unter Aufrechterhaltung ihrer Eigenart, zunächst mehr praktisch und Instinktiv, späterhin auch prinzipiell. Von der russischen Sozialdemokratie auf der einen Seite und dem Zionisinus auf der anderen Seite zu einer Präzis׳'erung seines Programms gedrängt, gelangte der Bund in einer Konferenz des Jahres 1901 zu folgender Resolution: ״Die Konferenz erkennt, dass nach dem Sinne des sozialdemokratischen Programms nicht nur keine Klasse über die andere, sondern auch keine Nation über die andere, keine j Sprache über die andere herrschen dürfe.! Demgemäss muss sich ein Staat wie Russland, der aus! verschiedenartigen Nationalitäten auf Grundlage der Autono- 1 mie zusammengesetzt Ist, in der Zukunft in eine Föderation der Nationalitäten auf Grundlage der Autonomie umgestalten. Weiter erkennt die Konferenz, dass der Begriff ״Nation" auch auf die Juden anzuwenden sei.“ Noch einmal fordert der Bund im Februar 1905 mit dem Hinweis auf das Recht aller unterdrückten Nationen sprachliehe und kulturelle Autonomie für die Juden. Infolge der ablehnenden Haltung der russischen Parteigenossen musste der Bum! Im Jahre!903 ans der Gesamtorganisation austreten. Ein ähnliches Beispiel bot ln der jüngsten Zeit Galizien. Auch hier hat sich eine selbständige sozialistische Arbelterorganlsation mit jüdisch-nationalem Programm gebildet. Sie wurde von der polnischen Parteivertretung aus der Partei ausgeschlossen, und die österreichische Gcsanitcxckutive bestätigte dieses Anathema mit der merkwürdigen Begründung: ״Die Tendenz, allerdings jüdische Proletarierschichten durch künstliehe Konservierung jüdisch-klerikaler Tradition und des sie ihrer Freizügigkeit beraubenden Jargons von dem polnischen Proletariat dauernd abzuspcr־׳en, muss als durchaus reaktionär angesehen werden." In seiner Schrift: ״Das Stiefkind der Sozialdemokratie" hat Mathias Achcr das Verhalten der österreichischen Sozialdemokratie einer scharfen Kritik unterzogen. Ich habe bisher die Bedeutung einzelner Juden für die Propagierung des SoziaFsmus und die Stellungnahme des Soz'alisimis zu seinen jüdischen Anhängern darzulegen versucht. Aber wir müssen uns auch fragen: Welche Rolle spielt der Sozialismus Innerhalb der Judenheft, und welchen Einfluss dürfte er auf die Gestaltung der Zukunft des Jüdischen Volkes ausüben? Die Frage erscheint in dieser Schärfe berechtigt, weil der grösste Teil der Judenheit zu den unterdrückten Klassen ge- *) Die Angaben über den ״Bund” sind einem Artikel von Esther Schnecrson in der Februarnummer (1905) der 2EIT- SCHRIFT FÜR DEMOGRAPHIE UND STATISTIK DER JUDEN entnommen.

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