Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-02-02 · Heft 5 (2.2.1906) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651453--03230-2660149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 7Ö JÜDISCHE RUNDSCHAU Juden in Australien Die grosse Stellung, welche die Juden in Australien eit nehmen, ist umso bemerkenswerter, als die jüdische Bcvölkerung daselbst geradezu verschwindend genannt werden muss. Im Jahre 1891 zählte das gegenwärtige Commonwealth of Australia kaum 15268 Juden und dürfte ihre Zahl gegcnwfirtig kaum mehr als 23.000 betragen. Auf die einzelnen Länder verteilt, kamen im Jahre 1S99 auf N e u - S ii d w a 1 e s 8840, auf Viktoria im Jahre ld» '5907. auf Ncu-Sccland 2270, auf Süd-Australien 1210, auf Queens- I a n d 930, auf \V e s t־A u s t r a I i e n S50 und aui Tasmania (Van D iem cn s 1 a nd) 550. Diese an Zahl so geringe jüdische Bevölkerung des jüngsten Weltteils sind englische, respektive russische Juden, die längere Zeit in England gelebt haben. Eine nennenswerte jüdische Einwanderung findet bis aui den heutigen Tag nicht statt. Trotz des Landhungers der Juden, und obgleich wir nicht mehr wissen, was wir mit den Zehntausenden von Emigranten, die alljährlich in Stärke von ganzen Armeekorps Russland und Oesterreich verlassen, um sich.anderswo eine neue Heimat zu suchen, beginnen sollen, wird das menschenleere und umfangreiche Australien von unseren Aus- Wanderern dennoch wenig aufgesucht, in erster Reihe sina dafür die von der in Australien allmächtigen Arbeiter- Partei durchgedrückten Restriktivniassrcgcln gegen die Einwanderer verantwortlich zu machen. In zweiter Reihe haben auch die Juden Australiens selbst alles getan, um die Zahl der jüdischen Emigranten dahin nicht steigern zu lassen. Als im Jahre 1899 in Rumänien die Judenirage wieder aktuell wurde, wurde von London aus der Versuch gemacht, eine Anzahl rumänischer Juden nach Australien zu bringen. Der Plan wurde jedoch auf Wunsch der australischen Juden nicht zur Ausführung gebracht. Das Beispiel der anderen Länder und die unumstösslichc Tatsache, dass in jedem Lande mit Ausnähme des türkischen Reiches der Antisemitismus proportioneil mit der Zahl der Juden wächst, hat unsere austrafischen Glaubensgenossen zu diesem unfreundlichen Verhalten veranlasst. Juden In China Shanghai. Herr Oliver Bainbridge. der sich vor einiger'Zeit nach Kai-Fung-Fu in der grosscntcils islamischen Provinz Hünau, begeben hatte, um die Uebcrblcibscl der dortigen, einst grossen jüdischen Kolonie, die von den mazdaqitischen Verfolgungen aus Persien nach China geflohen war, zu besuchen, ist am 19. November nach hier zurückgekehrt. Der Erfolg seiner Reise besteht in einer Anzahl Photographien von Tempeln, Palästen und Moscheen, in zwei sehr kostbaren Dokumenten und endlich in einer 400 Jahre alten Thorarolle.- Die Kai-Fung-Fuer Juden kamen ilinufreundlich ent• gegen und übergaben ihm einen Aufruf an ihre europäischen Brüder, der sie ersucht, zu dem Aufbau einer neuen Synagoge beizüsteuern. Die vor kurzem in Faksimiles von anderer Seite veröffentlichten Inschriften von Kai-Fung-Fu werden demnächst in deutscher Ausgabe erscheinen. Rundschau der Presse Ueber ״TerrUorlalismus und Zionismus“ sprach Dr. M. Oaster ln einer Rede bei einem Massenmeeting in Leeds, das von der dortigen ״Agudath Hazionim Association” einberufen worden war, und die als Artikel üi der WELT abgedruckt ist. •' ״Ich habe die Ehre. Ihnen folgende Resolution vorzulegen: ,.Diese Massenversammlung der Zionisten spricht ihr Bedauern aus über die jüngst erfolgte Kundgebung hervorragender Mitglieder der Londoner jüdischen Gemeinde, spricht ihre unabänäcrlichc Ucberzeugung aus, dass die. einzige Lösung der Judenfrage die Wiedereinsetzung der Juden in Palästina ist und legt es den Mitgliedern des Aktions-Komitees nahe, aktive zionistische Arbeit einzuleiten.” Dies sind die Worte der Resolution, die ich kommentieren und befürworten will. Der Redner wollte nicht auf den Versuch zurückkommeii, den manche auf dem Kongress gemacht haben, den Mantel von HerzI an sich zu relssen, bis sie ihn zerfetzt haben — wäre nicht der Eindruck. ־ der dadurch hervorgerufen wurde, so schlecht, dass manche Leute, die den Zionismus mit den Zionisten verwechseln, kleine Persönlichkeiten vorübergehender Natur mit der grossen überdauernden Idee identifizieren, zu dem Schlüsse kamen, der Zionismus läge im Sterben. Und wenn sie an das grosse Problem hcrantreten, was man mit unserem unglücklichen Volke anfaugen sollte, so reden sie Jetzt von Zionismys, wie man von Toten und Verewigten spricht nach dem schönen Prinzip: ״De mortuis nil nisi bene“, ihre Kritik No. 5 aber bewahren sie für den Territorialisnius. Aber ich hofie, Ihnen heute beweisen zu können, dass der Zionismus lebt und sich seiner Kraft bewusst ist. Ich bin der Meinung, dass die; Selig'-Sprecher dts Zionismus sich arg verrechnen; der Zionis- : nins ist nicht tot. wird auch nicht sterben, der Territorialisnius; aber lebt nicht, ist ein totgeborenes Kind. Nachdem die weisen j Vorsteher der jüdischen Gemeinde von London über uns ihre * Angriffe ergehen Hessen, was haben sie mm ersonnen? Es! war ein Schrei der Verzweiflung, den sic zu äussern wussten, j nein, noch mehr, cs war ein Jammern der Verzweiflung, ein j öffentliches Geständnis ihrer totalen Machtlosigkeit, eine Bloss- Stellung ihrer Nacktheit vor der ganzen Welt, weil sie in allen Zeitungen gestehen mussten, dass sic ״nicht wissen, was zu tun sei”. Das ist ihrer praktischen Weisheit letzter Schluss, j Das einzige von ihnen vorgcschlagcne'Mittcl ist das des engtischen Schutzmanns”. ״Gehen Sic weiter, bitte”, und zum zweitenmale schon strenger: ״Gehen Sie weiter” (schon ohne ״bitte”), ״Sie verstellen den Weg”. Es wäre weiser gewesen, wenn sie dieses Allheilmittel fiir alle Gebreste des Judentums; als ihr tiefstes Geheimnis bewahrt hätten. Der Redner zeigte i die Unterschiede zwischen den Zionisten und den Territoriaj listen, die tief und unüberbrückbar seien. Der Standpunkt des Tcrritorialismus sei ein rein ökonomischer, al>er auch von diesem aus sei er nur eine Phantasterei. Auch wenn sic das Land haben würden, was würde dann geschehen? Kami denn jemand ernstlich glauben, dass 5 Millionen Menschen oder sogar 2 Millionen in einer absehbaren Zeit auswandern könnten? Das Volk wird durch sein Elend zu Tode gemartert. Für die ]lungernden Millionen ist eine Hilfe, die erst nach zwanzig, drtissig oder erst nach fünfzig Jahren Früchte tragen würde, k c i n e H i 1 i e. Die Ueberfünrung einer grossen Zahl von Menschen ist eine der schwierigsten und kostspieligsten Unternehmungen, mit der sich je Körperschaften, die sich n.it solchen Fragen von derartigen Dimensionen befassen, abgegeben haben. England hat zur Kolonisierung über 100 Jahre gebraucht, trotzdem es im. Besitze des Kaps und eine Weltmacht war. Wissen Sie, wieviele sich angesiedelt haben? Ich glaube nicht, dass es 200 000 Engländer in ganz Südafrika gibt. Und, dasselbe• ist auch in Kanada und Australien der Fall •die ungeheuere Landfläclien und eine spärliche Einwohnerzahl haben, obwohl .die Leute ruhig himrehen können wie nach ihrem eigeneu Hause, da es ja das Britische Reich ist Wieviel Menschen gingen denn freiwillig nach Australien, bevor das Goldiicber ausgcbrocheu ist und wieviel nach Queensland? Die Statistik dieser Länder zeigt, dass cs nur wenige waren, und auch diese kamen aus freien Stücken mit Geld in ihrer Tasche und vorbereitet für ihre Tätigkeit. Es waren keine ängstlichen Flüchtlinge, keine Arme und keine zur Kolonisation Ungeeignete. Jeden Einzelnen müsste man da unterstützen. Ich spreche von den armen und nicht von den reichen russischen Juden. Diese sind wenig an Zahl, überall willkommen und leiden auch nicht allzusehr in Russland selbst. Man sagt uns, sie werden eine Autonomie haben unter der Oberherrschaft einer anderen Regierung. Ist das ein Mittel gegen Armut und Elend? Ist das alles, was die Juden brauchen, dies und nichts anderes! Haben sie schon einen Wohlstand, Wohlleben, alles, was ihr Herz begehrt, und sehnen sich bloss *nach der Befriedigung, einen jüdischen Gouverneur, einen bezahlten Magistrat und jüdische Polizisten zu haben? Oder wollen sie bessere Rechte und Privilegien, als sie das Bürgerrecht des grossen britischen Reiches bietet? Jüdische Beamte, jüdische Verwalter und Polizisten, iiirwahr, wir können sie hier haben, aber es wird wohl keinen geben, der besser als der englische Beamte seine Pflicht erfüllen, das Land verwalten würde. Die Territorialisten fühlen die Aussichtslosigkeit ihrer Position und wissen, dass ausser der sehr zweifelhaften Möglichkeit, der mopicntanen Not zu steuern, nichts von ihnen geboten wird, was die Kolonisten in.das neue Land locken würde. Sic versuchen uns zu entschlüpfen, indem sie sagen, dass ein Land bloss dann teuer wird, wenn wir es mit unseren Tranen und unserem Blut getränkt haben und wenn die Asche der Verblichenen mit dem Staube des Bodens sich vermengt hat. Sic sehen also voraus Geschlechter von Elend und sch\vc-: rer Mühsal, von Opfern an Blut und Tränen, bevor das neue Land den Menschen teuer werden wird. Ist dies das versprochene Dorado, der Hafen und das Asyl, das Zentrum des jüdischen Lebens?-Was für Garantien haben wir ferner, dass das Land, das wir reich gemacht haben, auch unser bleiben werde, da wir ja nur geduldet werden? Es ist doch nur ein Geschenk, und der Eigentümer kann immer sein Eigentum zurückverlangen. Ich frage Sie und alle Juden, die etwas von jüdischer Geschichte wissen: Gibt es ein Land Ln der Welt, das wir nicht mit unserem Blute* getränkt hätten,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.