Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651453--03226-2660145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 66 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 5 Der ״Bund“ und die ’ jüdische Selbstwehr Es galt beinahe als unverrückbares Dogma bei allen Gegnern und oft sogar ־Freunden des Zionismus, dass der ,.,Bund" im Oegensatze zu der zionistischen Partei die einzige revolutionierende, fortschrittliche und realpolitische Bewegung sei. Man hat uns seit Jahr und Tag immer und immer wieder den Vorwurf gemacht, dass wir den Absolutismus nie ofien bekämpft haben, Ja dass wir mit ihm paktierten. In den langen und unfruchtbaren Diskussionen, in den heftigen Kämpfen, die zwischen der zionistischen und der Bundistischen Partei geführt wurden, von Mann zu Mann, von Gruppe zu Gruppe, war es die Schlussweisheit der ״Bundisten" gewesen, uns zuzurufen: ״Ihr seid Bourgeois! Ihr schliesst stillschweigend einen Vertrag mit dem Absolutismus, Euer Programm geht nicht auf Umwälzung der gegenwärtigen Verhältnisse, vielmehr auf ihre Anerkennung und Billigung hinaus.” Und wenn wir den ״Bundisten” mit unwiderleglichen Gründen die Unhaltbarkeit ihrer Theorie, die Undurchführbarkeit ihrer Pläne, sofern sie auf .die Geschicke des jüdischen Volkes Bezug haben, die Unaufrichtigkeit und Inkonsequenz ihrer Bebauptungen vorgehalten haben, — dass sie sich als nationale Partei ausgeben und zu gleicher Zeit diese Nation selbst verkennen, ihre Vergangenheit und Gegenwart nicht berücksichtigen und gewaltsam in die Arme der russischen Assimilation drängen, da haben sie keine bessere Antwort gefunden, als sich in die Brust zu werfen und ihre Wunden zu zeigen. Und dabe! blieb es lange. Sie waren die Revolutionäre, wir waren die Bourgeois. Wir hätten ihnen ja auch damals sagen können, dass dieser Vorwurf uns nicht treffen kann. Wir waren ja keine soziale Partei, sondern eine nationale. Wir haben nicht mit dem Absolutismus offen gekämpft, weil unser Programm über Russland und über die Gegenwart hinausgeht. Unsere Bejahung war die grosse Verneinung. Die ״Bundisten" haben die gegenwärtigen Zustände in Russland ver neint. Wir sind in unserer Verneinung weiter gegangen, indem wir die Theorie des ״Golus" proklamierten und das Leben des jüdischen Volkes auf eine neue Grundlage stellen, von neuem aufbauen wollten. Wir waren die grossen Häretiker, die radikalen Draufgänger, und well unser Ziel ein grösseres war, konnten und durften wir auch der Gegenwart Konzessionen machen. Wenn wir in den ersten Jahren unserer Bewegung gegen die Selbstherrschaft nicht offen Front machten, so war es nicht aus dem Grunde, weil wir mit ihr paktierten oder weil wir leig waren, sondern weil wir erkannten, dass die Interessen des jüdischen Volkes mit den Interessen Russlands sich nicht identifizieren lassen, weil wir eingesehen haben, dass die Opfer, die das jüdische Volk für die Niederwerfung des Zarismus bringt, in einem Verhältnisse stehen zu dem Ertrage, den die Freiheit in Russland ihm bringen würde .... Dies und noch anderes konnten wir sagen, aber immer und immer kehrte der alte Refrain der ״Bundisten" wieder: .,Wir sind die Vorkämpier des jüdischen Volkes, w ir setzen uns jeder Gefahr aus, wir lehren das jüdische Volk, für seine Rechte zu kämpfen und die Schmach der Unterdrückung mit Blut abzuwaschen." Und so lange cs sich um Plänkeleien handelte, um vereinzelte Kämpfe zwischen dem Absolutismus und der Revolution, da waren die ״Buudisten” in ihrem Rechte. Aber es rückte die Stunde heran, in der das jüdische Volk notgedrungen in den Kampf hineingezogen wurde, wo ein ungeheures feindliches Land drohend seine Fäuste ballte gegen dieses kleine Volk. Nicht mehr politische Verhaftungen, nicht politische Prozesse. Massenabschlachtungen folgten nun. Die russische Regierung hat beschlossen, dem gesamten jüdischen Volke den Krieg zu erklären, die Sklaven fiir ihre Ketten, das ganze Volk für die Revolte eines Teiles biissen zu lassen. Es hat mit Kischinew begonnen, es folgten Hornel, Schitomir, grauenvoller denn ie wütete der Kampf in den letzten Wochen, ein unehrlicher, feiger Kampi von Millionen gegen Tausende, von Mitrailleusen gegen Wehrlose. ״Hic Rhodos, hic saltai" hätte man den ״Bundistcn” zurufeti können. Hier war die Gelegenheit geboten, zu beweisen, dass sie nicht deshalb jüdisch-nationale Politik treiben, um nur die Revolution in Russland zu fördern, sondern in erster Reihe für die Juden selbst. Sie hätten die Ersten sein müssen, die gegen den Mob mit Waffen in der Hand aufgetreten wären und die jüdisehe Selbstwehr hätten organisieren sollet). Aber sie waren nicht die Ersten. Die Ersten, die sofort nach Kischinew dlo Selbstwehr einrichteten, waren erwlcsencrmassen die Zion!• sten. Gewiss, die ״Bundisten” haben spater auch das Prinzip der Selbstwch:• anerkannt und mitgetan, und viele aus ihrer Mitte sind gefallen. Aber sie haben nicht immer und überall in den vorderen Reihen gekämpft, sogar oft die Tätigkeit der Selbstwehr-Organisation gebremst, da ihre Pa r t c i - Interessen ihnen mehr galten, als die Interessen ihres Volkes. So kam es, dass cs Zionisten waren, die in vielen Städten in entscheidender Stunde ihr Leben hingaben, um die Ehre ihrer Brüder zu retten, Zionisten aller Schattierungen, besonders aber die von allen Sozialdemokraten so verhöhnten und verspotteten ״Poale-Zion", von denen z. B. in Ekaterinoslaw allein über siebzig gefallen sind, und die sogenannten ״S. S." (Zionisten-Sozialisten). Wir verfügen über glaubwürdige Beweise dafür, dass der ״Bund” an vielen Orten einer zentralisierenden Tätigkeit der Sclbstwchr-Organisation in den Arm fiel und sie paralysierte. In den Städten, wo der ״Bund" seine meisten Anhänger zählt, sind allerdings keine Pogrome vorgekommen, aber nicht wegen der schönen Augen des ״Bundes", sondern w׳egen äusserer Umstände und der politischen Konstellation. Dort aber, wo jüdisches Blut in Strömen floss, in den Städten Süd-Russlands, im Zentrum, in den zahllosen Städtchen und Fleckchen, die vom rasenden Mob beinahe dem Boden gleich gemacht wurden, spielen die ״Bundisten" kaum eine bedeutende Rolle und haben keinen Einfluss auf die jüdisehe Bevölkerung. Es ist eine traurige Tatsache, eine betrübende und beschämende, besonders für den, dem die Interessen des gesamten jüdischen Volkes und nicht nur die einzelner Klassen am Herzen liegen, dass in einer so schweren Stunde es manche bundistische Gruppen für taktvoll und angemessen hielten, sich von den anderen jüdischen Organisationen fern zu 11 alten. Aber der Bund Ist nicht bloss taktlos, erstarrt in seinem Doktrinarismus, sondern auch nicht aufrichtig. Jetzt, sozusagen post festum, bläst er in die grosse Posaune, stellt sich als den einzigen Repräsentanten des jüdischen Volkes dar, lässt von seinen Anwalten im In- und Auslände seinen Mut preisen und verkünden, dass er allein es gewesen, der den Selbstschutz geleitet hat, noch leitet. Das Ist mehr als unwahr. Aber das ist ja die gewohnte Parteipolitik des ״Bundes" gegenüber den Zionisten! Wenn das FRANKFURTER ISRAELITISCHE FAMILIEN- BLATT dem Bunde noch folgende Worte widmet: ״Wir Wullen noch hier bemerken, dass der ״B u 11 d‘! in Westeuropa grosse Summen fiir eine sogen. ״Selbstwch r“ gesammelt und noch jetzt cs zu tun nicht• unterlassen. Ihre letzten Taten und Untaten dürften auch den Assimilationsjuden schon zu unjüdisch sein!” so hätte cs auch hinzutügen können, dass die Lärmszcr.cn auf den Gallerieu des VII. Zionistenkongresses in Basel nicht möglich gewesen wären, wenn man nicht damals schon dem ״Bunde" und seinen nächsten Nachbarn Selbstwehrgeldcr gegeben hätte. Dan betrachtete die Störung des Zioiiistcnkongresscs. die kolossale Summen kostete, als einen Akt der ״Sclbstwehr". Der Bund stand ja den Zionisten, die bereits das Erbe des Sterbenden in Russland antreten. gegenüber stets auf dem Standpunkte, dass der Zweck die Mittel heilige. Man soll gewiss für die Selbstwehr der Juden spenden, kam! aber an die Partei, die wirklich von Anfang an die Selbstwehr organisiert und geleitet hat. an die Zionisten und insbesondere an ihre proletarische Gruppe, die Poale Z i י• n. Wir können aber bereits den ״Buridismus" mit den Augen des Historikers betrachten. Der ״Bund" hat eine V'ergangenheit hinter sich. Er hat in der Umbildung der jüdischen Gesellschaft, im Umgussprozess der jüdischen Lebensformen eine bedeutende, nicht zu verkennende Rolle gespielt. Er hat auch seinerzeit ein tieferes Verständnis fiir das Wesen der Judenfrage gezeigt, als er sich von der allgemeinen russischen sozialdemokratischen Partei lossagte und autonom 1 wurde. Aber der Vertreter des jüdischen Volkes war er nie. 1111 Gegenteil, er hat allzu oft die Interessen des jüdisehen Volkes hinter denen der Partei zurückgesetzt. Die ״Bundisten" haben schliesslich nur einen negativen Erfolg erzielt. Und das müssen wir ihnen Vorhalten ,sobald sie sich als das ausgebeu. was sie tüclu sind - als Retter des jüdisehen Volkes. Rundschau —־ Schuleesetzentwurf Der Verband der Deutschen Juden hat unter dem 7. Januar 1906 in einer ausführlichen Denkschrift 11 Bcsehwerdepunkte erörtert und näher begründet. Der Verband, in welchem steh alle vorhandenen Richtungen und die Genyandcn aller &