Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite; 64 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 5 Nachdem sodann Dr. Nossig unter Bezugnahme [ auf die vom Bureau für Statistik der Juden im Aufträge des Aktionskomitees herausgegebene: Broschüre einen kurzen Bericht über.die sozialen Verhältnisse der Juden in Russland gegeben hatte, sprach Motzk in-Kiew über die Ursachen und Wirkungen der Pogrome. Er stellt zahlemnässig und urkundlich die Anteilnahme der Behörden, auch der höheren an der Vorbereitung der Judeiihctzen, die geringe Hilfe, die die Juden von den Liberalen und Revolutionären erfahren haben, iest, und hob andererseits den grossen Wert der Sei bst wehr, insbesondere an Orten ohne Militär, hervor. Die Selbstwehr hat an vielen Orten die Entwicklung grösserer Pogrome verhindert, in anderen durch ihre Tätigkeit das Selbstgefühl der Juden aufrechterhalten. Die Wirkungen der Pogrome sind trotz aller Gegcnmassregeln entsetzliehe. Viele Tausende sind an den Bettelstab gebracht, Hunderttausende haben jedes Selbstgefühl, jeden inneren Halt verloren. Gerade die psychologische Wirkung der Pogrome ist eine entsetzliche. Demgegenüber können alle Hilfsaktionen nur wenig leisten. Trotz der gesani- Hielten Millionen haben die vollkommen ausgeplühderten Handwerker in Kiew pro Person nur 37 Rubel, in Odessa sogar nur 25 Rubel erhalten können. Ein wirklieh wirksames Mittel ist nur die H i n a u s f ü h rung der jüdischen Masse nach Palästina. Der nächste Referent Dr. L e 0 K o h a n -K i s c h i - new wandte sich den Einzelfragen der Emigration zu. Er kommt zu folgenden Forderungen: Einheitliches Zusammenwirken aller Organisationen zur Hilfeleistung, Regulierung der Emigration und Erforschung des nahen Orients, insbesondere Kleinasiens und Aegyptens als des geeignetsten Kolonisationsgebietes für auswandernde Judenmassen. Die Diskussion eröffnetc Dr. Nathan -Berlin. Die Judenfrage sei keine Geldirage. Darin sei er mit jedem Zionisten einig. Im einzelnen müsste aber jedem seine Ansicht über das Endziel gelassen werden. Alle können aber eine St recke Wegs zusammengehen, um der ärgsten Not zu steuern. Es handelt sich nur darum, die praktische Lösung für diese gemeinsame Tätigkeit zu finden. Praktische Massregeln sind es, die ergriffen werden müssen. Im Anschluss hieran schlug Professor Dr. Otto Warburg die Einsetzung einer Kommission zur Erforschung des Orients als eines für russische Juden geeigneten Kolonisationsgebietes vor, in der alle auf der Konferenz vertretenen Organisationen vertreten sind, und die auch berechtigt ist, vorbereitende Massregeln, zu treffen. Es sprachen ferner Dr. Alexander Marmorek, Dr. Franz Oppenkeimer, Dr. Klee. Letzterer schlägt die Ausgestaltung des Informationswesens für Auswanderer durch ein Zusammenarbeiten der zionistischen Organisationen aller Länder mit dem Informationsbureau des Hilfsvereins Deutscher Juden vor. Auch will er die Unterbringung russisch-jüdischer Kinder ausserhalb Russlands zu einer ständigen Einrichtung machen und schlägt die Einsetzung einer Konimission zum Studium diese Vorschlages vor. Andererseits möchte er, dass die Konferenz vor der Aus- Wanderung unbemittelter Elemente warnt. Rechtsanwalt Dr. A. Hantke, Berlin, fragt an, ob es wahr sei, wie הצפירה in voriger Woche berichtet hat,״ dass die Einwanderung nach Palästina freigegeben sei? ״.־'■ . So k o I o w antwortet: Es. verlautet gerüchtweise, dass ein Projekt vorhanden aber noch nicht verwirklicht sei. Dies wird zur Kenntnis genommen. Nachmittagssitzung. Die Diskussion wurde von den Herren J a s i - n o w s k i - Warschau. F r i e d c b c r g e r - London, Dr. Hildesheimer, Dr. Ludwig W c r 11 c r - Wien,! J o c h e 1 m a n 11. Oroncmaii 11, Ussischk in 11. a. ן wcitergefiihrt. Die Redner wünschen insbesondere eine ן internationale Organisation, die ständig die Hilfsaktion ן überwacht. Viele warnen auch vor einem Eingriff in innerpolitische Verhältnisse Russlands. Die dreistündige Diskussion endete mit der Einsetzung einer neungliedrigen Kommission, der sämtliche Anträge zifr weiteren Vorbereitung übergeben wurden. Abendsitzung. Nach eudgiltiger Feststellung der Präsenzliste und kurzer Verlesung der Eingänge erhielt Herr Berge!־ Berlin, der Vorsitzende •der am Nachmittag eingesetzten Kommission, das Wort zur Berichterstattung. Von den. verschiedenen vorgeschlagenen Anregungen für die Ein- Setzung eines allgemeinen jüdischen Komitees habe die , Kommission keine akzeptieren können, da sie alle zu weit gingen und praktisch undurchführbar seien. Die Komission selbst schlage nach Rücksprache mit dein Präsidenten der Konferenz und den Vertretern der erschieiieucn Organisationen folgende Resolution vor: | In Anbetracht, dass die augenblickliche unge-! heu re Notlage der russischen Juden die Mitarbeit aller jüdischen Korporationen erfordert, in Anbetracht, dass diese Notlage ein Problem darstellt, das das gesamte Judentum in erstei Reihe a״g־־hen muss, erklärt die Brüsseler Konferenz für unentbehrlich, dass eine ständige Kooperation aller jüdischen Organisationen stattfinde, und setzt zur Herbeiführung derselben ein vorbereitendes Komitee ein, das aus den Herren Greenberg und Spieimann besteht. Diese bedeutsame Resolution wmrde, nachdem sie in das Englische und Französische übersetzt worden war, unter grossem Beifall einstimmig angenominen. Auch die von Professor W a r b 11 r g vorgeschlagene, von der Koimniss'on akzeptierte Resolution: Die auf der Brüsseler Konferenz anwesenden Vertreter der jüdischen Organisationen drücken den Wunsch aus, dass die verschiedenen Organisationen sich an der Bildung einer Kommission betelligen, w'elche die verschiedenen Länder, insbesondere den Orient, in Bezug auf Immigrations- und Kolonisationsmöglichkeiten für die russischen Juden studieren soll. Diese Kommission, für welche die Mittel von den beteiligten Organisationen aufzubringen sind, soll auch berechtigt sein, vorbereitende Massregeln selbständig in Angriff zu nehmen. wurde gegen die Stimmen einiger Territorialistcn von der Konferenz angenomnicn. Schliesslch wrnrde folgende Erklärung zur Kenntnis genommen: Die Konferenz hat die Erklärung der iüdisehen Hilfsorganisationen zur Kenntnis genommen, wonach eine Emigration Mittelloser gegenwärtig von ihnen nicht gefordert werden kann, weil erstens die