Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651452--03206-2660124
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 53 geschichfe sei der reinste Blödsinn, erwiderte der Angeklagte, dass es Hexen gebe, sei eben so wahr, wie das. was die Religion sonst noch lehre. Er habe die Schlechtigkeit und Gefährlichkeit der Hexe Jüngst erkannt und am eigenen Leibe erfahren. Sogar durch das Schlüsselloch sei sic in sein Schlafzimmer gekommen und viel Vieh habe sie, wie jeder in Sulzbach wisse, bereits verhext. Seine Anverwandten beträten aus Furcht vor der Hexe seine Wohnung nicht mehr. Natürlich machte Schlotz mit seinen Ausführungen auf den Gerichtshof keinerlei Eindruck. Seine Berufung wurde verworfen und er selbst mit der Mahnung entlassen, sich an der angeblichen Hexe ia nicht zu vergreifen. Mit den Worten, er glaube, was er wolle, verabschiedete er sich. Ferien in den jüdischen Schulen Höherer Verordnung im Reichslande zufolge ist daran icstzuhalten, dass auch die jüdischen Schulen in der Gesamtheit 70 Tage Ferien erhalten. Wenn infolge der Feiertage, die verordnungsgemäss frei sein sollen, innerhalt) eines Jahres weniger als 70 Ferientage sich ergeben, so soll die fehlende Zahl Tage in der Zeit um Weihnachten freigegebeu werden. Judenhefzen und Auswanderung Infolge der entsetzlichen Judenhetzen in Russland ist der Auswanderungsstrom mächtig angeschvvollcn. Die Auswanderung hat wieder wie anfangs der 80er und 90er Jahre die Form einer regellosen Flucht in fremde I äncW angenommen. Trotz dieser traurigen Erscheinung haben die Organisationen beschlossen, die zur Linderung der Not in Russland gesammelten Geldmittel nicht zur Unterstützung der Auswanderung zu verwenden. Es haben demnach Emigranten weder in Berlin noch in London oder Paris noch in Wien auf Unterstützungen für ihre Auswanderung zu . rechnen. Irrtümlicherweise hat sich in Russland das Gerücht verbreitet. Auswanderer würden namentlich in Berlin unterstützt. Viele, darunter Frauen und Kinder, sind in grosses Elend geraten, weil sic diesem Gcrüchtc Glauben schenkten und daraufhin sich zur Auswanderung entschlossen haben. Um weiteres Unglück zu verhüten, ist es nötig, diesem Gerüchte cntecgenzutielen und jede ohne Ueberlegung und mit unzulänglichen Mitteln unternommene Auswanderung nach wie vor hintanzuhaltcn. Immerhin war die Art. wie Frauen und Kinder in Berlin im Elend gelassen wurde, ein Schandfleck für die deutschen und insbesondere für die Berliner Juden. Vom ״Bund" Das Zentralkomitee des Allgemeinen lüuisehen Arbcterblindes in Littauen. Polen und Russland (der . Bund“), erlässt einen Aufruf an alle fre'cn Bürger, in dem folgende charaktcristfsche Sätze sich finden: Maschinengewehr kracht in den Strassen der russischen Städte: cs fallen Onter ohne Zahl das Blut fliesst in Strömen. Das alte bewährte Mittel ist wieder in Gang gesetzt: die Jude׳)- metzeleicn flammen In so unermesslichen Dimensionen auf. dass vor ihnen alle bisherigen Schrecken der zahllosen Verbrechen des Zarismus erbleichen und in ein Nichts zusammensinken. Unter dem Schutze des Militärs und der Mitwirkung der Bchörden. unter der Oberleitung Treoows. nach einem einheitlichei» Pla׳»e. bewusst und kaltblütig, morden die ..schwarzen Hunderte“ der Regierung die jüdische Beoölkcrung zu Tausciiden dahin. Ganze Viertel werden ausecschlachtet. Ganze Städte stehen in Flammen. Anarchie und Schrecken herrschen in Russland. Das Werk der Befreiung ist in Gefahr. Wir. die Vertreter der kämpfenden jüdischen Arbeitermassen, des Proletariats jener Nation, die unter den bedrückten die am morsten bedrückte »st. haben׳ längst unseren Befreiungskampf mit der Idee des Widcrst3ndes g>ecn die gedungenen Mörder des Zarismus. mit der Idee der Selbstverteidigung vereinigt. Dir* jiidisehen Proletarier haben stets in den vordersten Reihen d^s revolutionären Kampfes gestanden, und auf sic fielen stets die schwersten Schläge des schonungslosen Feindes: und gegenwärtig. wo d:csc Schläge mit unglaublicher Wucht auf sie nicdcrfallcn. ersteht die Aufgabe der Selbstverteidigung mit me dagewesener Schärfe und Dringlichkeit vor •linen. Indem s׳e sich zur Wehr setzen, dienen sic den Interessen der Revolution. Ihr Kampf um das?״eben ist der Kampf für die Sache der Freiheit. Und alle denen diese Sache teuer Ist, müssen ihnen zu Hilfe kommen. EWRFJSKII RABOTSCHf! (..Der indische Arbeiter“) nennt sich eine neue in russischer Snrache erscheinende Wochenschrift, die von ..Bundislcn" in Petersburg heraus?׳!- gehen wird oder vielmehr: herauszugeben versucht wurde. Denn schon die erste Nummer hatte die Folge, dass das Blatt konfisziert wurde. Das Blatt, das von Deutschland aus inspiriert werden sollte, bewegte sich in dieser Nummer ganz in jenen ״Theorie n“. die den ״Bund“ und überhaupt die jüdisch-assimilatorische Sozialdemokratie auszcichncn. Aber bereits hat der ..Bund“ seine Rolle in Russland ausgcspiclt. Regime Witte Riga. In der Nacht vom 17. auf den IS. Januar wurde ein Jude hei der Telephon-Zentrale ohne jeden Grund und ohne jede äussere Veranlassung von dem dort postierten Soldaten mit Bajonettstichen und Schüssen getötet. s liegt dem Grafen Witte an den Juden — T- -- soweit sie Anleihen nicht in Betracht kommen? Zionisten und Parlamentswahlen Auf das von Sir Francis Montcfiorc im Namen der ״English Zionist Federation" versandte Rundschreiben an die englischen Parlaments-Kandidaten haben mehr als 250 von ihnen geantwortet, dass sie bereit seien, die zionistischen Bestrebungen zu unterstützen. Drei antworteten, dass sie den t e r r i 10 r i a 1 i s 11 s c h c n Plan bevorzugen, von diesen drei Parlaments-Kandidaten sind zwei Juden. The Jewish Defense Association (Jüdische Schutzorganisation) Zu den grossartigsten Kundgebungen der ״Jewish Defense Association“, au deren Spitze unser Freund Dr. Leon Magucs steht, der besonders hier in Berlin von seiner Studienzeit her bekannt und beliebt ist. gehörte wohl der M a s s e 11 ־ U m - zug. den sie im Dezember in New-York veranstaltet hat. Ein Riesenzug von etwa 150 000 Personen, jüdischen Männern. Frauen und Kindern, zog unter den Klängen einer ernsten Musik, mit wellenden Z i o n s bannen!, weissblauen Fahnen und jiiJisehen Abzeichen durch die Strassen, die zu beiden Seiten von ungezählten Tausenden eingesäumt waren. Der Eindruck auf die Zuschauer war ein unvergesslicher. Sie harrten stundenlang aus. um den ungefähr 12 Kilometer langen Zug an sich vorbeizichcn zu lassen. Nach den* Umzug fanden Gedenkgottesdienste und Versammlungen statt, die alle eine glcclilautende flammende Resolution ceccn die Massakers und f ü r die Selbst wehr der Juden annahmen. Aus Palästina Jaffa (Palästina). Die hiesige Organisation ..Poale Zion“ hat bei der Angeio Palestine Co. 200 Franken für die jüdische Sclbstwchr in Russland erlegt. ״Jetzt nennt man ihn Generalmajor" Der König von Schweden hat den Justiziar der Flotte Henrik Wolff. Sohn des verstorbenen Rabbiners in Gothenburg Dr. M. Wolff, zum Expeditionschef (Ministerialdirektor) des Mar’ncministcriums mit dem Range eines Ge1:eralmaiors ernanitt. Zu so hoher Beamtcnstellmig ist bis jetzt in Schweden kein Jude gelangt, um so mehr, als in Schweden für Beamten- Posten int allgemeinen ein christlich koncfssioueüer Eid vorgeschrieben ist. Jüdische Wahlkurie Die Schutzjudci» der galizisch-polnischen Szlachtu nahmen gegenüber dem jüdischen Volkswillcn Vorspann von nicht jüdischer Seite. In einer vom Zweigverein ..Zio!1“-Fiinfl1a!1s einberufenen Versammlung sprach am 17. Januar Graf Sternb c r g über die J u d c n f r a g e. Er riet den Juden, ausschliesslich Kasten politik zu treiben, da sie keine Nation, sondern eine Kaste seien. Auf den naheliegenden Einwurf Dr. Schalits, dass grade die Ahnen des Grafen Sternberg und deren Standesgenossen die Juden zu einer Kaste herabgedriiekt hätten, antwortete Graf Sternberg, dies sei nicht ganz wahr, denn im vierzehnten Jahrhundert hätte einer seiner Ahnen die Judenstadt Prag gegen einen militärischen Angriff verteidigt. Als Angriffe gegen die Abg. Byk und Kolischcr erhoben wurden, bemerkte Sternherg. dass •lut dies kränke, denn die beiden Abgeordneten seien seine persönl'che!’■ Freunde. 1111 übrigen sei es ein komisches Bild, wenn ein Grat Sternberg die Abg. Byk und Kolischcr in einer Judcnversamnilung verteidigen müsse. — Im vierzehnten Jahrhundert hat man freilich in eben jenem Sternherg. das dem edlen Grafengeschlecht den Namen gegeben hat. die ganze Judenccmeinde wegen einer ..Hostienschändung“ verbrannt. Auch die Wiener diplomierten Angstmeier haben Bedenken gegen die Gleichberechtigung des Judenvolkes. So hat der Vorstand der Oesterreichisch-israeli tische n Union hat in einer unter Zuziehung einer sorgfältig ad 110c ausgewählten Reihe von Vertrauensmännern abgehaltenen Vollversammlung vom 10. d. M.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.