Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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•3V-,!י יי No. 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 49 entgehen, die sie trifft,׳ weil sie Jüdin ist? Und die dann doch ausgewic*sen wird, ..weil sie ihr Gewerbe nicht ausübt?“ Massen dringen, den Judenhass und das unsichtbare Ghetto mit s;ch bringtn der m3g ein anderes Mittel nennen, als das. ein in rr״\e r•!111\ 2ennnr»l l/nmi'f nilTtKtPflf'ln Darum steht der Jude überall im russischen Freihcitskampic au der Spitze der Sturmkolomien, darum sterben ani Galgen und an der blutbespritzten Mauer so viele .Schnorrer und Verschwörer“, weil die Juden noch viel schwerer litten als die altgläubige.» Russen, und weil sie den Stahl des Makkabäerblutes in sich haben, das die phlegmatischen Russen, diese mit Mongolcnblut versetzten Slaven, nicht in ihren Adern rollen fühlen. Und dann, weil die Juden Russlands kein Vaterland haben, nicht einmal ein Sticfvaterland, wie wir, sonder.; überliaupt kun Vaterland. Si#j s:nd eines der vielen fremden Völker, die der russ sehe Sultanisnus knirschend unter seiner Eisenfaust hielt, in seinem Eisenrrr.g zusammensehmiedete; i'ür die Polen, die Finnländer, die Kelten die Rutheucn, die Kaukasier ist Russland kein Vaterland״ sondern nur ein geographischer Begrih und eine politische Zwingburg; so auch für die Juden Russlands. Ihre Sprache und ihre Tradition ist nicht die russische, ihre Kultur ist die altjüdischc, gemischt mit der westeuropäische;;; sie haben nicht einmal das Recht des Schutzbftrgcrs für Leib und Leben, Hab und Gut. n'chts bindet sie «חי־ das Land ihrer Geburt als der harte Zwang der Vcrhältnissc. Wenn s:c sich heut empören, so ist es kein Bürgerkrieg, sondern der Krieg cin.es unterworfenen, rechtlosen, zu Tode gepeinigten Volkes gegen Tyrannen eines fremder, Volkes. Ja. diese russischen Juden sind nicht nur. wie wir, Glieder c'ncs über alle Welt zerstreuten Stammes, nein, sie srd auch ein V ז» I k mit gemeinsamer Sprache. Ueherlieferung und Kultur. Nichts fehlt ihnen, um ganz eil Volk zu sein, als ein Land eigenen Rechtes. Und immer lauter erschallt ihr Ruf über alle Welt, ihnen dieses letzte zu geben, damit sie zum vollen Leben kommen köipien, immer fliigclstärker schwingt sich ihre Hoffnung über alle Hindernisse fort, die ihrer Sehnsucht im Wege stehen. Ein eigenes Land, womöglich das Land der Väter, zu erhalten, damit die zerstreute, gehetzte Masse w ieder ganz ein Volk werde, dass ein jeder sitze unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock, das ist ihres Lebens Sehnsucht, das ist ihres Daseins Halt und Stütze. Das,־ diese Hoffnung, die unser grosser Herzl, dieser ausgekrönte König Judas, ihnen zu geben verstand, hat aus den demütigen, feig.» Schlaehtopferu von Kischiuew die Helden von Odessa und Kiew gemacht. Nehmt ihnen diese Hoffnung, und ihr liefert sie wieder wehrlos auf die Schlachtbank. Denn der Mensch braucht ein Ziel, um mehr zu sein als ein Tier! Und wäre dieses Ziel ein unerreichbares, wir müssten es dennoch den Unseligen zeigen, bis zu dem Tage,, wo der prophetische Traum der Völkerverbrüderung zur Wahrheit geworden ist, oder bis zu dem Tage, wo der letzte russische Jude den Ozean gekreuzt hat oder unter den» Mordstahl ^ler Hooligans verblutet ist. Aber beide Tage sind fern, und die •Opfer können, sie werden noch furchtbar schwerer sein, dem» von dem grossen historischen Schauspiel der russischen Revnlution ist erst die erste Szene gespielt, und unsere Brüder werden die leidenden sein, bis der Vorhang füllt. Aber das Ziel ist gar nicht unerreichbar. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Und hier ist der Wille von M.llioncn zum aussersten getriebener Mc»»schen. Sie werden ihren Weg finden, und an uns ist cs, ihnen dazu zu helfen, so weit wir vermögen, bis ihr Ziel erreicht ist. Mag die Aufgabe schwer sein, dem versprengten Volke der russischen Juden ein Land, ihr Land zurück zu geben — nichts ist gewaltiger als der Mensch, sagte der griechische Dichter, und Schwierigkeiten vermehren nur die Kraft, sie zu überwunden. Wer nicht will, ob Jude oder Christ, Arier, Semit oder Mongole, dass noch weiter unschuldig Blut in Strömen fl »esse, der mag ein anderes Mittel finden, als das, unsere Brüder aus der Mörderhöhle zu erlösen. Und wer nicht will, dass sie überall, wohin sie in eigenen Lande. Ich, wir, sehen kein anderes Mittel. Und so nehmen wir denn Abschied von euch, ihr Makkabäer Russlands. Friede eurer Asche! Und wir grüssen ehriurchtsvoll ׳ die Tapferen, die noch für Menschenrecht und Menschenglück in Waffen stehen gegen ruchlose Gewalt, die den Tod nicht scheuen für das, w׳as ihre Sehnsucht ist. Viel edles Blut wird noch tliessa», furchtbare Gräuel werden wir noch scheu, jtber das Ende des gewaltigen Kampfes wird die Befreiung Russlands und der Welt sein von unerhörter Tyrannei. Und dann werden die dankbaren Mitbürger auch auf die Gräber der jüdischen Freiheitskämpfer ihre Kränze niedcrlcgen, und werden sie, die heut verlästerten Schnorrer und Verschwörer, ehren wie die Griechen ihren Harmodios, die Römer ihren Brutus, die Deutschen ihren Armin und Schill, die auch Rebellen waren. Ein Gewaltiges vollzieht sich vor unseren Augen. Lassen sic es mich mit Dichterworten sagen: liir Alle, mein’ ich, habt gehört von jenem seltenen Eispalast! Auf der gefrornen Newaflut aufstarrte der gefrornc Glast! Dem Willen einer Kaiserin.־ der Laune dienend einer Frau, Scholl* über Scholle stand er da, gediegen Eis der ganze Bau! Um seine blanken Fensterreih'n, um seine Giebel pfiff es kalt. Doch inr.cn hat ihn Frühlingsweh’n und hat ihn Blumeuhauch durchwallt! Allüberall. w׳ohin man schritt, Musik und Girandolenglanz, Und durch der Säle bunte Flucht bewegte wirbelnd sich der Tanz! Also, bis in den März hinein, war seine Herrlichkeit zu schau‘11: Doch — auch in Russland kommt der Lenz, und auch der Newa Blöcke tau'n! Hui. wie bei'm ersten Sturm aus Süd der ganze schimmernde Koloss Hohl in sich selbst zusammensank, und häuptlings in die Fluten schoss! I Die Fluten aber jauchzten auf. Ja. die der Frost in Bande schlug. Die gestern eine Hofburg noch und eines Hofes Unsinn trug. Die es noch gestern «schweigend litt, dass man ihr auflud Pomp und Staat, Dass eine iipp'ge Ka'serin hoffärtig sie mit Füssen trat! — Dieselbe Newa jauchzt empor! Abwärts mit brause»»dem Erguss. Abwärts durch Schnee und Schollenwerk schob sich und drängte sich der Fluss! Die letzten Spuren seiner Schmach malmt* er und knirscht’ er kurz und klein — Und strömte gioss und ruhig dann ins ewig ircie Meer hinem! Die ihr der Völker hcilge Flut abdnmmtet von der Freihe.t Meer: —■ Ausmfindcnd bald, der Newa gleich braust sie und jubelt sie einher! Den Winterfrost der Tyrannei stolz vom Genicke schüttelt sie. Und schlingt hinab, den lang sie trug, den Eispalast der Despotie! Noch schwelgt ihr in dem Blitzenden, und tut in eurem Dünkel trau’n! Als käme nun und nie der Leiiz, als wiird’ es nun und nimmer tau'n! Doch malig steigt die Sonne schon, und weich erhebt sich schon ein Weh’»»: Die Decke tropft der Boden schwimmt — o. schlüpfrig und gefährlich Geh’n! Ihr aber wollt verschlungen sein! Dasteht ihr und kapituliert Laug erst mit jeder Scholle noch, ob sie — von neuem nicht gefriert! Umsonst, ihr Herrn! Kein Halter» mehr* Ihr sprecht zum Lenz den Winter nicht. Und hat das Eis einmal gekracht, so glaubt mir! dass es bald auch bricht!