Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Hunderts mit ihrem Bhte den Vertrag unterzeichnet. der sic \ ins deutsche Volk aufnahnr, und die Genies Lcssngs, Herders und vor allem Goethes haben auch unsere Jugend umschwebt. Und doch sind und bleiben wir und nennen uns mit Stolz־ Juden! Mag das Wort noch Jahrhunderte lang der Dummheit und dem Hasse als Scheltwort gelten, uns ist es ein lihrentitel, den wir. den Geusen, den ״Bettlern*‘ gleich, auf unser Banner schreiben: Ja,wir sind Juden, inul sind stolz darauf. Wir erkennen und verfechten es als unser heiliges Recht, unsere Stammesart und unsere t'cJ erlicferung zu bewahren, ‘V m Zwange n'cht zu weichen, der uns. auch uns deutsche Juden leider noch immer, dahin drängt, uns zu ducken, uns zu verstecken. Das Volk, das Moses, Christus und Sp noza, des grossen Goethe grosse:*. Me'ster gebar, braucht nicht zu verschwinden. Es hat ein Recht auf Dauer, bis einst alle Völker zusammenschmelzcn zu dem einen grossen Bruderbünde der Zukunft, den unser Prophet mit gläubigem Herzen voraussagte. Noch sind wir weit entfernt von diesem goldenen Zeitalter. Noch macht Dummheit und Hass selbst unsdeutschen Juden das Vaterland zum Stiefvaterlande. ,Noch heisst es fast für feden von uns: verzichten, verzichten auf Ehre und Stellung. Glück und Glanz, wenn wir der ungerechten Gewalt widerstehen wollen: noch zwingt man uns. den Wcttlauf um den Sieg'espreis aui allen Bahnen mit dein zehnfachen Gewicht anzutreten, nicht zum Schaden unserer Rasse, die in dieser strengen Zucht sichtlich, körperlich und geistig gedeiht. Aber, wenn man uns such die vollen Bürgerrechte verweigert, wenn wir auch mit Bitterkeit nach Westen und über den Ozean sehen müssen, wo unsere Brüder sich im vollen Sonnenlichte der Gleichheit und־ Freiheit tummeln und entwickeln dürfen — unser Leben, unser Hab und Gut sind doch gesichert. Und wenn wir nach Osten schauen, dann dürfen wir uns segnen, dass unse/־ hartes Geschick doch so leicht ist gegen das. was unsere Stammesbrüder in Halbasien zu tragen haben. Dass ihr Leben, dass ihr Hab und Gut nicht gesichert ist, das Ist uns in frischester, schaudernder Erinnerung. Noch stören uns die grässlichen Bilder aus unseren Träumen, diese verstümmelten, ermordeten, geschändeten Unseligen von Kischinew, Hornel, Odessa. Kiew und leider! so vielen anderen Städten. Noch stehen wir betäubt von dem furchtbaren Schlage, nicht wissend, wo wir arifangcn sollen zu helfen, wir, leider fast die einzigen in aller Welt, die helfen wollen, wo doch das Unglück so üfcergross ist, dass all unser Geben nur Tropfen spritzt auf den heissen Stein! « Und dennoch, über all dieses Chaos von Blut und Mord, über diesem Höllenknäuel von Finsternis und Seclenzerrüttung schw'ebt ein versöhnendes Licht, ein erstes Morgenrot besserer Zeiten. Als vor Jahren die Nachrichten von jenem ersten grauenhaften Gemetzel in Kischincw* uns erreichten, da ward uns de! Schmerz vergiftet durch die• Verachtung. Denn w ie die Schafe an der Schlachtbank Uessen sich die Männer und Jünglinge morden, ohne Gegenwehr, ohne Trotz, w׳ie gemeine Sklaven. Und seufzend mussten wir uns fragen, ob denn wirklich die hämische Behauptung unserer Feinde w׳ahr sei, dass dem Juden in seiner. Masse der Makkabäerzorn und Makkabäermut verloren gegangen sei. Heut dürfen mit Stolz sagen, dass das eine Verleumdung ist. würdig den anderen Verleumdungen, die der Hass auf uns spritzt Denn in Odessa und Kiew stand die junge Selbstwehr wie Helden von dem Leben der Ihren; die Mandelstamm und Silberfarb kämpften und fielen, der Väter wert Und so dürfen wir, wenn wir heute der Helden aus der alten Zeit unseres Volkes mit Stolz gedenken, auch der Helden aus der jüngsten Zeit unseres Stammes in feierlicher Traycr ehrend gedenken. Die da unten gebettet sind, im beschneiten Boden Russlands, sie taten das Höchste, was der Mensch tun kann — sie starben für das, was ihre Ehre war! lasst unsere Feinde spotten und schelten diese hosenverkaufenden Jünglinge waren echte Makkabäererben. Wenn wir \v. tc1־ropnischcn ״Staatsbürger jüdischen Glaubens‘* früher rns im stolzen Gc.'iihl unserer Kultur übtr diese seltsamen Erscheinungcu erhaben fühlen, die eine so sonderbare Sprache sprechen, so veraltete Anschauungen hegten und so wenig von dem hatten, was wir . Kultur‘* zu nennen beliebten, e'u Begriff, der sich leider zürnest au den Verbrauch von Seife und Zahnrulvcr und an de Verwendung gestärkter Wäsche kniipit. Heute beugen wir uns in Fiufarcht und Demut vor den Voten, die zu sterben wussten. Märtyrer heissen sic uns, heilige Blutzeugen! Sie fochten und starben, wenn sie für ihren Namen und ihre Ucbcrlieferung starben, doch für was Höheres -־ für die Freiheit und die Menselnureehte. Ich weiss, das heisst heut Vielen, und leider auch vielen .luden, ein hohles Wortgcrasscl. Und ich weiss. dass unsere Feinde und sogar viele unserer Freunde cs der jungen jüdische-׳! Selbstwehr, der jüdischen Intelligenz und der jüdischen Arbeiterschaft Russlands zum bitteren Vorwurf machen, dass sie sieh nicht auf die Verteidigung beschränkt sondern der kleine David gegen den grossen Goliath, dem ungeheuren Fe!1 de, angreifend zu Leibe ging. Aber. 1 eint aiin üchtigei! Gott, es war heilige, gerechte No;- wehr! Sie waren zum äussersten getrieben, und sic wehrte.1 sich, wie sich sogar der kleine Singvogel gegen die Hand wehrt, die ihn iängt. •..Revolution!“, das Wort klingt schrecklieh in tmsern Ohren. Aber: eine Grenze hat Tyramienmacht. L't d diese Grenze war im heiligen Russland längst überschritten. Die Zeit war gekommen, da ein Volk in die Sterne greifen darf, um seine ewigen Rechte herunterzuholen, die dort oben hängen, unvcrl erbar? Einhundertundvierzig Millionen. Menschen zermalmt von der schmutzigen Tyrannei, entrechtet und ausgesngen, nicht iür einen Gedanken, nicht für einen Grundsatz, der etwas heiliges hat, selbst wenn er ein Irrtum ist, nicht für die Aufrechterballung einer ererbten Regicrungsform, nicht für die Bewahrung einer Religion, d e Millionen ein unantastbares Palladium hicss * - sondern iür den frechen Luxu:. einer Katnorra gemeiner Verbrecher, hochgeborener Schurken, betresster Schufte, versoffener Pfaffen und ihrer Kreaturen, ihrer Diener, Parasiten und Dirnen! Das Mark des Landes verprasst, seine Rclehtumsquellcn verschüttet, der Acker ausgesogen, Hunderttausende langsam Hungers sterbend — war das noch nicht Leidens genug? Einhundertundvierzig Millionen Menschen abgesperrt von allem Wissen und Können unserer reichen Zeit, unter den Buschmann hinabgewürdigt, in Dummheit, Dumpfheit. Bestialität und rohen Aberglauben mit l'stigcr Gewalt hinabgedrückt: ein geistiger Jammer, noch ärger als die wirtschaftliche Not — gab das immer noch nicht das Recht, ״in die Sterne zu greifen‘‘? War das immer noch die ״von Gott gesetzte Obrigkeit“, der der brave Staatsbürger Gehorsam schuldet, diese käuflichen Beamten, diese jobbernden Grossfürsten, diese vertierten Spieler, Hurer und Säufer, oder war es eine vom Teufel eingesetzte Obrigkeit, deren man sieh erwehren darf in guter Notwehr wie eines gewöhnlichen Strassenrüubers, der doch wenigstens seinen Hals aufs Spiel setzt, wenn er sein Gewerbe betreibt? Wisst ihr, was cs bedeutet, kein Recht zu haben, kein Recht finden zu körnen? Wisst ihr, was es heisst, schutzlos der Willkür ausgcliefert zu sein mit Leib und Gut? Dem ersten Schurken verfallen zu sein, der euch für ein paar Silberlinge verkauft? Jeden Augenblick von Gefängnis, Verbannung und Galgen bedroht zu sein, ohne Grund, nur weil ihr zu arm seid, um euren Bczirksbeamten zu kaufen, oder zu reich, um dem Neide mächtiger Schufte zu entgehen, oder weil ihr eine schöne Frau oder eine liebe Tochter habt, auf die ein hochmögender Wüstling Appetit hat? Wisst ihr, was in eines Bruders Seele vorcelit, ,worin seine reine Schwester die rote Karte der Kcntrolimädchcn nehmen muss, nur um der Ausweisung zu