Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 41 Umständen nach Russland zurückpressen wollten, mit uns einig sind in dem Bewusstsein, der diingenden Not- Wendigkeit einer Organisierung der Auswänderung. Es soll sogar erst eine Aus wänder u n g werden. Denn bisher ist es nur eine Flucht, mit allen den Fehlern und Schrecken einer Flucht, einer regellosen, schrecklichen, panischen Flucht. Wenn wir aber von der Marokkokcnierenz in Algeciras trotz des guten Willens der Regierungen, und auch unserer Regierung, nur eine papierene Gleichberechtigung erwarten, die er^t ganz sl.n ähl.eh zu einer wirklichen Gleichstellung führen kann, so dürfen wir von Brüssel positive Arbeit erwarten, oie sofort beginnen muss. In Algeciras sollen andere für un; tun und raten, in Brüssel müssen w i r selber raten und taten! Um so viel, wie Selbsthilfe mehr wert Lt as Hilfe von fremder, und sei es noch so wohlmeinende: Hand, um so viel wird uns die Brüsseler Konferenz mehr bringen müssen, als wir von der Marokkokonferenz erwarten dürfen. Jeder Schlag, der die Juden trifft, bedeutet eine Niederlage des Zionismus. Denn ebenso wie die Judennot zunimmt, nehmen die Kräfte ab, die dem Zionismus Zuströmen. Aber jede Erleichterung des jüdischen Massenelends kommt dem Zior.isius zu Gu.e. Jede Erleichterung des Jüdischen Volkes bedeutet e.nen neuen Schritt in der Richtung nach ZLn. Und d.eses Zion, von dem einst das Judenvolk ausgegangen is:, bedeutet allein eine, nein die Lösung der Judenfrage. Wenn sich heute die Zionistische Organisation an der Hilfsaktion für die jüdischen Auswanderer nach überseeischen Ländern beteiligt, wenn sic für die Besserung der Lage der russischen Juden cintritt, wenn sic sich an der politischen und der mindcs.er.s ebenso wichtigen kulturell erzieherischen Arbeit für die marokkanischen Juden beteiligt, so unternimmt sie Schritte in der Richtung ihres Zieles, das immer dasselbe bleibt, das Ziel, zu dem nichts hinzugefügt werden darf und von dem nichts hinweggenommen •werden soll. Und dieses Ziel heisst Paästina. Heinrich Sachse. Gedenkrede Von D r. Franz Oppenheimer bei der Jüdischen Oedenkfeier im Neuen Kgl. Opernhause (Kroll) zu Berlin. Am 22. Januar 1906. Meine Damen und Herren! Die Feier, die wir heute begehen, gilt einer nationalen Heldentat, einer Heldentat freilich, die vor mehr als zweitausend Jahren geschah in einer Nation, die seit mehr als zweicinhalbcn Jahrtausenden ihre Selbständigkeit verlor, einer Nation, die vor fast zwei Jahrtausenden von einem furchtbaren Wirbelwinde erfasst und über alle Länder des Planetat hin zerstreut wurde. Haben wir dennoch das Recht, diese fast verschollene Heldentat einer zersprengten Nation zu feiern? Die Frage ziemt sich, denn nicht wenige unserer Mitbürger arischer Abstammung, ja, sogar viele unserer eigenen Rcligionsgcnossen schauen scheel auf solche ״national-jüdischen״ Anwandlungen. Sie wollen, dass wir Dcutsclte, Franzosen, Engländer usw. seien, keifte Nation, nein, nur eine Religionsgenosscnscliaft. Nehmen wir an, sic hätten recht! Verlören wir darum das Recht, einer hohen Ta! der Männer zu gedenken, die wir als unsere Ahnen verehren? Ich glaube nicht! Es sind zufällig dieselben Feinde, die ihr Gift auf unseren Stammesstolz spritzen, die es den Abkömmlingen alter deutscher Hcrrcngcschlechter als Schimpf und Schande anrechnen, dass sie heute mit Magyaren und Czeclien, ihrer Abstammung zum Trotz, das Deutschtum ihres Adoptiv-Vatcrlandes zu ßoden drücken. Und umgekehrt: gelten nicht die Röfugiös Berlns für Musterbürger, obschon sic Sprache und Sitte der alten Heimat mit stolzer Zähigkeit bewahren? Und ist etwa der Deutsche Kaiser ein unzuverlässiger Deutscher, weil er sich gern der Tatsache erinnert, dass der grosse Admiral Coligny zu seinen Ahnen zählte? So dürfen auch wir, unbeschadet unserer Staatsbürgerpüicht, unbeschadet unserer Liebe zu dem Vatcrlande, das uns gebar, die holten Ahnen feiern. Und liegt ihr Leben und Wirken so unfassbar weit zurück, über zwei Jahrtausende־ fast, in einer Zeit, die tausend Jahre vor Karl dem Grossen lag, in einer Zeit, da die Ahnen unserer Gastvölker zumeist noch Wilde waren, den heutigen Herero vergleichbar: ist der Ruhm dann nicht umso grösser, der Stolz nicht umso berechtigter. Denn edles Blut, edler Wem und edle Geigen werden in aller Welt umso höher geschätzt, je älter sie sind. Und wer könnte sich in Europa mit dem Alter unseres Adels messen? Unseres Adels! Ich wiederhole das Wort mit allem Nachdruck. Ein adlig Volk waren unsere Ahnen, als sie aus der Wüste hervorbrachen, um das gelobte Land zu erobern, ein ritterlich Kricgervolk mit speer- und sclnvertgewohntem Arm, wie seine Geschichte, ein adlig. Volk von milden Sitten und frommem Herzen, wie seine unvergänglich ewigen Gesetze ze.gen, die zum Grundiundamcnt aller europäischen Kultur geworden sind. Dies Volk fand de ehernen Worte der zehn Gebote, es fand die Ges.tzc der Milde und des Erbarmens für alle. Arme und Knechte, cs fand noch vor dem miluen Prediger von Nazareth das Siegeswort, das hoffentlich der Leitstern aller Zukunft sein wird: ״Liebe deinen Nächsten als dich selbst!“ - Von die-cm adligen Volke stammen wir ab, in grader Lime. Wir brauchen keine Gcschlechtsregister und Stammbäume, um das zu erhärten; kein Hcrofdsamt der Welt wird urser sonnenklares Recht bestreiten wollen. Die Tatsache, dass wir Juden heissen, Ist Zeugnis genug. Und sie beweist noch viel mehr! Durchblättert die Stammgeschichten der ältesten und vornehmsten Feudaltamilien Europas: ihr werdet viele unter ihren Ahnen finden, die den Ehrentitel .,,adlig*4 in seiner vornehmeren Bedeutung nicht verdienen, in seiner Bedeutung als edel! Wir aber, die wir heute noch Juden sind, wissen ohne Prüfung von jedem unserer Tausende von Voreitern, dass er adlig-edel war. Denn jeder, und mochte er im dunklen Ghetto mit alten Lumpen handeln, mochte er mit dem schweren Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf pilgern, verspottet, verhöhnt, bespieen: Jeder dieser hosenverkaufenden Jünglinge, die zu unseren Ahnen zählen, war dennoch ein Edler. Denn er hielt fest an Glauben und Uebcrlieterung trotz Hohn und Spott, trotz Plünderung und Mord; er straffte se.ncn Nacken gegen ungerechte Gewalt und Unterdrückung; er duldete, ehe er sich zwingen liess; er blieb sich treu in furchtbarster Versuchung — und das ist das einzige Kennzeichen wahren Adels. Einer furchtbaren Auslese w׳ard unser Stamm unterworfen in zweitausend Jahren; was schwach'und feig und ehrlos war, fiel ab, und ihr Blut kreist heute in den Adern unserer Ferxle: wir alle dürfen m.t Stolz sagen, dass wir nur Edle zu Ahnen haben, nur Männer und Frauen, die sich treu blieben in jeder Not. In diesem Bewusstsein dürfen wir das Makkabäerfcst feiern, und bleiben doch gute Deutsche, wenn wir der trotzighohen Ahnen mit Stolz gedenken. Das Blut macht den Stamm aus, und nicht das Volk. Was heut Deutsche heisst, ist e n Gewebe, in das Germanen. Kelten, Stavcn, Romanen, einzelne Mongolen und Finnen und wir Juden als Faden elngegangen sind. Was uns mit unserem verschiedenen Blut dennoch alle zu Deutschen macht, ist die gemeinsame Sprache tmd gemeinsame Geschichte, gemeinsames Glück t;nd gen einsame Not; unsere Väter haben auf den Schlachtfeldern des 19. Jahr-