Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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4 .סא Seite 46 , ■ JÜDISCHE RUNDSCHAU v Dass die deutsche Reichsregierung, die bei der Konferenz von Algeciras auch ein Wörtchen und nicht grade das geringste mitzusprechen hat, nicht versäumen wird, für die Gleichberechtigung der Jüdischen Nation im marokkanischen Staate einzu.reten, ist eine einfache Konsequenz des intensiven Nachdrucks, den sic bei dem Berliner Kongress auf die Gleichbcrechtigung der Juden in den damals ncuentstchcnden und neu garantierten Balkanstaaten legte. Freilich wäre es nicht ganz ausgeschlossen, dass der Muley-Hassan, der ein nicht ganz so ungelehriger Schüler europäischer polit s.her Praktiken zu sem scheint, dieselben schönen Mittel und Wege findet, die Rumänien fand, um entgegen den klaren und unzweideutigen Bestimmungen des Berliner Vertrages, der . ebenso sehr die Gleichberechtigung der rumänischen Juden garantiert, wie die Unabhängigkeit Rumäniens, ׳diese sogar von jener abhängig machte, um entgegen diesen klaren Bestimmungen die Rechte der Juden zu unterdrücken. Denn in demselben Rumänien, dessen Juden durch den Berliner Vertrag die bürgerliche und staatsrechtliche Gleichstellung mit den andersnationalcn Stämmen Rumäniens verbürgt ist, sind der Jude und das Judentum vogelfrei, so vögeltrci, dass man jüdische Emigranten ohne weiteres von Staatswegen in der Donau ersäuft. Es wäre dringend zu wünschen, dass den marokkanischen Juden nicht bloss auf dem Papiere, nicht bloss in völkerrechtlichen Yc.trägen, sondern auch in der Wirklichkeit die Rc.hte gegeben werden, die jedem Menschen zukommen, der kein Mörder und kein Hochverräter ist, das Leben in Licht und Freiheit, diese unveräusserlichen Menschenrechte. Und das könnten die europäischen Staaten dies Mal wirklich erreichen, wenn cs ihnen darum ernst ist, denn Marokko ist kein christlicher Staat, sondern ein islami sches Sultanat, mit dem man ja bckanntl.ch nicht ganz so zart umgehen muss, wie mit den Mördern von Sulina und Odessa. Aber auch die Juden haben eine grosse Pflicht zu erfüllen. Wenn die Juden in Marokko die Freiheit bekommen sollen, so müssen sie sich ihrer auch würdig und reif zeigen und Bildung und Wissen müssen dazu das ihrige beitragen. Die Schulen, die bisher die Alliance Israölite Universelle in Marokko unterhält, sind aber keineswegs jüdische, sondern französ.sche Institutionen, die jüdischen Zielen leider ferner als *ranzösisch-kulturellen und polnischen Zwecken stehen. Dagegen würde es freilich verfehlt sein, durch deutsche Schulen des Hilfsvereins oder durch englische Institutionen der Angio-Jewish-Association zu wirken. Vielmehr ist es ja jüdisches Rückgrat, dessen d.e marokkanischen Juden bedürfen, wenn s.e aufrecht stehen sollen, aufrecht in der Freiheit, die ihnen vielleicht winkt. Um die Judcns-haft in Marokko der grossen Errungenschaften der Freiheit würdig und fähig zu machen, sich ihrer zum Staalswohl zu bedienen, muss man ihnen Bi.dung geben, die mit ihrem eigenen Ich, mit ihrem innersten Selbst im Einklang steht. Nur so können sie ganze Menschen, und daun auch ganze, nützliche Staatsbürger werden. Um den Fehler, den die A.iiancc Israelite Universelle zweifellos in Marokko begangen lut, wieder gut zu machen, sollten suh Hil.sverein und Zioniste.i, Angio-Jewish-Association und amerikanische Juden, Logen und Vereinigungen aller Art zusammen un, um der Alliance das gute Beispiel nicht fren.dnationaler, sondern jüdischer Schulen in Marokko zu geben. Und Wir zweifeln nicht, dass sie sich diesem guten Beispiele nicht wird entziehen können. Das sind Aussichten in der Perspektive der Algeciraskonferenz. Weit weniger aussichtenreich stehen uns die Verhältnisse jener Juden gegcuüocr, die über das Meer zu Hunderttausenden fliehen müssen, weil ihnen die europäischen Vaterländer, ganz besonders Rumänien und das weite Russland, die Luft zum Leben abschlicsscn und sie sich in Europa und Amerika gcs.hlr.sscnen Türen gegenüber sehen. Die OES'I ERREILHISCHE WOCHENSCHRIFT, die bekanntlich allen Zionistischen Anregungen gegenüber immer kühl und fremd, wenn nicht gar feindlich gegenüberstand, muss der Brüsseler Konferenz anerkennende Worte, muss ihr einen Leitartikel widmen und auf den Bankerott Hinweisen, den die Frankfurter Beschlüsse, die . einer ziellosen Aus• Wanderung die Tore schliessen wollen, genommen haben. Wir haben keinen Grund, irgendwie den Beratungen und Beschlüssen vorzttgreifeu. W;ir honen, dass die Brüsseler Konferenz etwas Dauerndes in die Wege leiten möge. Aber wir vcrhch.cn uns nicht die Schwierigkeit der Aufgabe, die sic auf sich genomeu hat, auf sich nehmen musste. W ir Zionisten geben uns keineswegs dem Traume hin, als wäre der Zionismus auch die Augenblickslösung für die auswandernden und fliehenden Juden des russischen Ghettos. Wir wissen sehr wohl, dass, während es höchste, ja allerhöchste Zeit ist, in Palästina aktiv vorzugehen, ehe uns andere zuvorkommen, dass keine landwirtschaftliche Kolonisation irgendwie dazu beitragen kann, die Auswandermigsircge zu lösen oder auch nur zu erleichtern. Seiest diejenigen, die solchen Kolonisationsplänen alles Gute wünschen, die da wünschen, dass die Hindernisse behoben werden, können sich über den Ernst dieser Schwierigkeiten nicht täuschen. So schreibt Mr. S. Winson Churc h i i 1, der neue englische Unterstaatssekretär für die Kolonien, an den Vorsitzenden der Jüdischen Territorialorganisation in Manchester eingangs eines Entschuldiguiigsschreibens, dass er einer Einladung nicht Folge leisten könne: ״Ich beantworte Ihr Schreiben vom 26. Dezember erst jetzt, da ich zuvor die Akten über das seinerzeit den Zionisten gemachte Anerbieten studieren wollte. Zweifellos sind Ihnen die mit der Errichtung einer autonomen jüdischen Kolonie in Britisch-Ostafrika verbundenen Schwierigkeiten bekannt. Abgesehen von der unter den Juden selber daiüber herrschenden Meinungsverschiedenheit, abgesehen von der Frage, ob das angebotene Territorium auch wirklieh geeignet ist, nimmt die Zahl der englischen An- Siedler innerhalb und in der Nähe des betreffenden Gebietes rapid zu. Diese Schwierigkeiten haben nicht verfehlt, meinen Amtsvorgätigcr, Mr. Littlcton, bedenklich zu machen. Selbst Lord Eigin, welcher den Gegenstand sowohl aus Sympathie für die Bestrebungen der jüdischen Rasse, als auch im Hinblick auf die jüngsten furchtbaren Leiden des jüdischen Volkes .mit grossem Wohlwollen behandelt, wird nicht umhin können, diesen Hindernissen Rechnung zu tragen.“ Wir Zionisten, die wir Palästina nicht als die Lösung der augenblicklichen Massennot ansehen, weil wir ja bisher Palästina nicht zur Aufnahme flüwhtiger Massen vorbereitet haben, wissen aber sehr wohl, dass die Lösung der Judenfrage durch den Zionismus nicht identisch ist mit der Augenbiickshilfe, die unbedingt geleistet werden muss. Wir freuen uns, dass grosso Organisationen, die nicht zionistisch sind und die bisher die Zusammenarbeit mit der Zionistische« Partei abiehnten, die bisher die Auswanderung unter a.len