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Jüdische Rundschau · 1906-01-26 · Heft 4 (26.1.1906) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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In Hinsicht der Barbarei, mit der diese Länder die Juden seit Jahrhunderten behandein, wissen wir nicht, welchem Lande die Palme zu reichen. Fast scheint es uns, dass das'christlich o rth o ־ doxe Russland und das nicht minder christliche Kult u r ־ Rumänien dein fanatischen Halbmondlande nicht den Vorrang lassen können, auch wenn man die letzten Ausbrüche kultureller Gesinnung in Russland gar nicht in Rechnung zieht. Denn solche Judenmorde, wie sie heute in Russland von Staatswegen vor sich gehen, hat Marokko nicht in den trübsten Zeiten seiner gewiss niemals hellen Herrschaft gesehen. Freilich ist Marokko immer das einzige muhammedanlsche Land gewesen, das sich mit dem schiitischen Persien um den Rulun stritt, die Juden so zu behandeln, wie sie es sonst nur im christlichen Europa gewöhnt waren. Während die semitischen Araber und die semitisierten Türken die Juden immer auch in den Tagen einer gewissen Gegnerschaft als Stammverwandte, ja als Brüder fühlten und behandelten, haben die indogermanischen Perser und die wahrschein־ lieh den christlichen Spaniern nahe stammverwandten Marokkaner zu allen Zeiten die Juden, die sie als stammfrenid empfanden, als Feinde behandelt Es ist kein Zufall, dass der in Europa so in F.or gekommene Judenfleck eigentlich auf marokkanische Herrscher zurückgeht. Immerhin freilich bleibt die Gelehrigkeit anzuerkennen, mit der Europas Söhne diese Erfindüng der verhassten Ungläubigen aufgriffen, als es galt, die Juden zu erniedrigen und sie möglichst unter das Vieh herabzudriieken, gegen das man wenigstens in der Theorie das alttestamentliche Wort aufnahtn: ״Und der Gerechte erbarmt sich seines Viehes!“ Zu gleicher Zeit tagen die Marokkokonferenz und die Brüsseler Zusammenkunft. Beide haben für uns Juden dringendes Interesse. Denn während wir die russische Judenfragc in Brüssel besprechen, die uns unter den Nägeln brtnnt, wird sich in Algeciras wenigstens äusserlich das Schicksal der vielen Hunderttausende von marokkanischen Juden entscheiden, die in ein kaum minder finsteres Ghetto eingesperrt schmachten wie die Juden des europäischen Ostens. Freilich hat man seit Jahrhunderten nicht von so blutigen Verfolgungen gehört, wie sie augenblicklich im allcrchristlichsten Staate an der Tagesordnung steten. Marckko ist ja nur ein Barbarenstaat und begnügte sich mit einer Gesetzgebung, wie sie in Russland ja auch seit Jahrhunderten die Juden systematisch unterdrückt und fern von Licht und Luit hält. Immerhin ist Russland ein christlicher Staat und Marokko ein islamischer. Das macht dem europäischen Gewissen natürlich einen grossen Unterschied aus. Denn während sich in Russland keine europäische Macht einmischt, ist cs die anerkannte Pflicht aller Kulturmächte, sich in Marckko grade einzuniischen. Während in Russland die Juden ganz und gar daraui angewiesen sind, was sie aus eigener Krait sich an Rechten und an Schutz für die Freiheit und Ehre ihrer Söhne und Töchter, an Sicherheit ihres Eigentums ertrotzen und erkämpfen, ist es möglieh, dass die marokkanischen Juden eine papierene Gleichberechtigung erlangen, wie sie Juden anderer Länder, wenigstens in Europa bereits besitzen. Die Bemühungen, die von europäischen Juden in dieser Richtung unternommen wurden, sind, wie es scheint, nicht ohne Erfolg geblieben. Hier sind sich Zionisten mit dem deutschen Hilfsverein und der ihren Grundstatuten nach universellen, d. h. in diesem Falle jüdischnational sein sollenden Alliance Israßlite Universelle begegnet. Es sind Schritte getan worden, um die an der Konfeienz beteiligten Regierungen zu veranlassen, für eine gesetzliche Gleichstellung der jüdischen, wie überhaupt der nichtmuhaimnedanischen Bevölkerung Marokkos einzutreten. Dass sich eine Gleichberechtigung der Nichtmuhaimnedaner mit den religiösen Lehren des Islam durchaus vereinbaren lässt, dafür hat die Türkei durch die Tat den Beweis geliefert. Wie gesagt, die erwähnten Schritte haben Erfolg gehabt. So sind die nordaincrikanischcn Delegierten angewiesen worden, in diesem Sinne tätig zu sein, ebenso hat sich das deutsche auswärtige Amt sehr entgegenkommend gezeigt. Es ist zu erwarten, dass Italien auf der Konferenz die Glcichberechtigungsfrage anregen wird. Ferner hat die Kurie die Vertreter Oesterreiclis und Spaniens ersucht, für Glaubensfreiheit zu wirken. Der Papst erklärte in einer Unterredung, er billige die Absicht Italiens auf der Marokko- Konferenz für die Religionsfreiheit der Juden in Marokko einzutreten, und erinnerte dabei an seinen Protest gegen die Judenmetzeleien in Russland, wobei er sagte, 1 die Menschheit sei eine Bruderschaft; er achte die J Juden hoch wegen ihres Festhaltens an ihrem alten < Glauben.

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