Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 3 Seite 40 Versammlung zustande zu bringen, war schon unmöglich. Selbst die bitterste Not der Gemeinschaft hat die Klassengegensätze, die doch noch so wenig historisch sind, nicht einmal für die Dauer eines Vcrsammlungsabends zu übcrbrücken vermocht. Und sogar der religiöse Gedanke hat seine einigende Kraft nicht bewähren können: Die Anregung eines Trauergottesdienstes hat der Gemcindevorstand an das Rabbinat, die Geistlichkeit wieder an die Verwaltung verfiesen. Keiner wollte die Tat (!) wagen — und cs bcdeutete doch wahrlich kein Heldenstück, der Welt zu zeigen, dass uiiscre Gefühle für die jüdischen Brüder an der Reichsgrenze nicht Halt machen. Überhaupt haben wir in Posen in dieser traurigen Zeit wieder reichlich erfahren, was wir von der herrschenden, in Gemeinde und Kommune einflussreichen Klasse von Juden für unsere spezifisch jüdisch-sozialen und jüdisch-politischen Interessen zu erwarten haben. Nichts, absolut nichts! — müssen wir leider gestehen. Und wer in alljüdischen Kreisen für nahe Zeit auf Verständnis oder gar Verständigung hoffte, den lehren die Vorgänge der jüngsten Zeit wieder augenfällig, in wie nebelhafter’ Ferne solche Hoffnungen liegen, und dass noch lange die modernen Elemente im Judentunic die schärfste Kampfstellung gegen die Männer der alten Ära festhalten müssen! Wenigstens gilt das für eine Judenstadt hat’ exochci» ,wie Posen. Wir können uns nicht versagen, folgendes Exempel zum Besten zu geben. Ein konservativer Stadtverordneter — nach dem freisinnigen ABC-Buch müsste er Antisemit sein — bringt im Stadtparlament den Antrag ein, aus Kommunal-Mitteln 2»00י Mark für die russischen Juden zu bewilligen. Der Antrag kam so plötzlich, dass die freissinige Fraktion ihn vor der Verhandlung nicht durchberaten konnte. So nur war cs möglich gewesen, dass einige christliche Freisinnige, der Zu- Stimmung ihres Führers und Kommandeurs, des jüdischen Herrn Placzeck, sicher zu sein glaubten, als sie den Antrag mftuntcrzeichneten. Aber sic hatten sich geirrt und mussten nun voh seiten des jüdischen Häuptlings bittere Vorwüric über Ihre ■Untat hinnehmen. Trotzdem überwies die Stadtverordneten-Versammlung den Antrag an den Magistrat ״zur schleunigen Ausarbeitung einer Vorlage“ — und dort findet die gute Sache ihr seeliges Ende, trotzdem im Magistrat selbst keine judoliberale Mehrheit ist. Freilich, jener Lokalgötze, derselbe Herr Placzck, der leider auch die lokalen Geschäfte des von einem Paul Nathan Inspirierten Hilfsvcrcins in seiner Art leitet, hat dem Antrag hinter den Kulissen das Grab gegraben und rühmt sich auch noch dieser echt jüdisch-freislnnigenTat. Es geht ja eben nicht um Kalabrien oder Aalesund, nicht um Schweinenot und christlich-konfessionellen Hader, sondern ״nur" um jüdische Interessen!” * * .... ״Inzwischen fand am vergangenen Mittwoch eine Stadtverordnetensitzung statt, in der der Antrag des Magistrats: 3000 Mark für die Deutsch-Russen und 1000 Mark für die Juden zu bewilligen, abgelchnt wurde und zwar infolge einer Erklärung des Rechtsanwalts Kirschner namens der .Linken (Id est: der Juden), gegen den Antrag stimmen zu wollen. Heil!! Heilöh! Wacker!“ Kleine Mitteilungen In Obornik wurde die Entdeckung gemacht, dass die צדקה büchse ihres Inhalts beraubt war und Jedenfalls mittels Nachschlüssels oder Dietrichs geöffnet sein musste. Der Spitzbube hatte die am Kasten am Geldeinwurf befindliche Blechplatte verkehrt eingesteckt, so dass der Diebstahl sofort bemerkt wurde. Dem Diebe fielen, da die Büchse erst vor einigen Tage geleert worden war, höchstens 10 Mark in die Hände. Spuren, welche auf einen Einbruch schliessen lassen, fehlten an dem Gebäude. Zur Zeit wird die Synagoge für die Gasleitung installiert. Fribourg (Schweiz), 4. Januar. Die hiesige jüdische Gemeinde projektiert den Bau einer Synagoge; die erforderlichen Mittel sollen durch eine Lotterie aufgebracht werden. München, 7. Januar. Die aus anderen Blättern, auch in der letzten Nummer der JÜDISCHEN RUNDSCHAU wiedergegebene Nachricht, dass die Münchener Kultusgemeinde den Bau einer neuen Synagoge mit einem Kostenaufwand von 300000 Mark plane, ist unrichtig. Das Projekt geht vielmehr von der kleinen, in den letzten Jahren entstandenen galizischen Gemeinde aus, die kaum in der Lage sein dürfte, eine auch nur annähernd so hohe Summe ani/uwenden. Die Sache schwebt noch. -~ו־־- י ״ r־׳ ׳! Briefkasten der Redaktion י......ז־־־־ ta r .־־: —~- in der Budapcster ALLGEMEINEN JÜDISCHEN ZEITUNG befindet sich folgendes Angebot: ״Nachdem uns der Allmächtige den Kindersegen versagt hat. sind wir (ich und meine Frau) entschlossen, ein Waiseninädchcn im Alter von 2—4 Jatuen zu uns zu nehmen und liebevoll zu erziehen. Wir meinen ein Kind, welches seine Eltern bei den russischen Judermietzeleien verloren bat. Siegmund Griinbaum, Puszta Czokas." Die Annahme solcher Kinder an Kindesstatt seitens kitiderloser Familien upd solcher Ehepaare, die nur sehr wenig Kinder haben, ist dringend wünschenswert und nachahmungswürdig. Dr. De Jonge. Das Werk, in dem Moses Haarbleicher als der Dichter des Liedes Hagbähä nachgewiesen ist, heisst ודיי העתים ההדשיס:: für 5606. Hrsg, von Reggio und Base h.) Wien 1SJ5. M. L. in S. Das betreff. Gedicht lautet: Die Heimat. Was ist die Heimat? ist’s die Scholle? Drauf deines Vaters Haus gebaut?? ist’s jener Ort, wo du die Sonne, Das Licht der Welt zuerst geschaut? O nein, o nein, das Ist sie nimmer i! Nicht ist's die Heimat heissgelicbt. Du wirst nur da die Heimat finden, Wo's gleichgestimmte Herzen gibt! Die Heimat ist, wo man dicli gerne Erscheinen, ungern wandern sieht. Sie ist's, ob auch in weiter Ferne. Die Mutter sang dein Wiegenlied. Emil Rittershaus. Ludw. Welss. Ihr Gedicht zeugt davon, dass Sie ganz gute Prosa schreiben würden. Dagegen fehlt dem Gedicht die Poesie, die schliesslich auch dazu gehört. Sch. in Breslau. Unter den jetzigen Umständen ist es nicht empfehlenswert, Bücher direkt nach Jerusalem an die Nationalbibliothek abzuführen. Es empfiehlt sich daher überall örtliche Sanuneistcllen für Bücher und Geld einzuricht'en’und die Bücher so lange dort zu behalten, bis von der Bibliotheks kommissinn andere Anweisung erfolgt. Mitteilung Den werten Abonnenten und Ortsgruppenvorstünden zur gefl. Nachricht, dass alle ausstehenden Abonnementsbetrüge per I. Quartal 1906 am 22. Januar per Nachnahme eingezogen werden, was für Berlin 25 Pfg. und ausserhalb 30 Pig. Mehrkosten verursacht! Verlag ״Jüdische Rundschau“, e. G. ni. b. H., Auguit- Strasse 49 a. Geschäftliche Mitteilungen In der Behandlung chronischer Lungenkatarrhe mit schwäeilendem Auswurf verdient ״Siroliu Roche" unbedingt angewendet zu werden, weil es nach dem übcrcinstUntuetidcu Aus- Spruch .der angesehensten Universitätsprofessoren in kurzer Zeit den Auswurf vermindert, etwa bestehendes Fieber herabdriiekt und den Appetit hebt. ״Sirolin Roche" ist ein Kreosotpräparat: es besitzt aber nicht den unangenehmen Geschmack der übrigen, ist vollkommen ungiftig und wird in ganz besonders grossen Mengen auch wirklich in den Organismus aufgenommen, so dass es seine Heilkraft in demselben betätigen kann. Drei bis sechs Teelöffel des Mittels täglich genügen, ja nach der Schwere des Falles. ״Sirolin Roche" ist erhältlich in allen Apotheken. 1 * .. * " .. ■ .... ן