Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651451--03185-2660102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
No. 3 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 39' Wenn nun auch solche Äusserungen nicht überall eine rückhaltlose Zustimmung wecken können, so sind sie doch sehr geeignet, eine Annäherung zwischen Synagoge und Kirche, vielleicht sogar Verhandlungen behufs einer Einigung beider, vorzubereiten. Wenn einmal unter den gebildeten Juden eine beträchtliche Anzahl dahin gelangt, mit Fricdlünder von Jesu gerade dieser Konferenz, die ein Novum ist, ihr von vornherein ein Programm aufzuoktroieren, sic in bereits vorgezeichnete Bahnen zu leiten. Es handelt sich zunächst. tim Rekognoszierung und Absteckung.des Terrains: Die russischen Delegierten werden ihren Bericht und ihre Vorschläge untert.!t. u Uni «InM W! I St? •\ L# ♦ I Alinll " “ zu sagen: ״er war unser, und sein Evangelium ist unser“, dann darf man hoffen, dass ■die theologische Lösung der Judenfrage in nicht allzu ferner Zukunft sich finden wird. Allerdings muss auf beiden Seiten cinigds unumgänglich Notwendige geschellen, wenn Juden und Christen sich vereinigen, zu einer einheitlichen Religionsgemeinschaft sich verbinden sollen. Die Kirche muss alles, was ihrem Glaubensbekenntnis von.Mythcismus und Menschcnverguttcrung und ihrem Kultus von Wunderglaubcn anhaftet, beseitigen. Die Synagoge muss von ihrem nicht durch eine wunderbare Offenbarung angeördneten Ritualgesctz sich gänzlich befreien und ihren veralteten, das Zusammenleben der Juden mit den Christen störenden Festkalcndcr ab sch affe 11. So schwer diese beiderseitigen Reformen auch sein mögen, in dem Bewusstsein zahlloser gebildetcr Juden und zahlloser, von dem sehr altersschwach gewordenen Kirchenglaubcn befreiter Christen sind sie schon längst vollbracht. So darf man denn hoffen, dass sie sich auch auf dem Gebiet der äusseren Tatsachen endlich verwirklichen werden.“ Wenn Herr Schwalb tatsächlich auf diesem Standpunkt steht, so hätte er ja ebensogut Reformprediger sein können und hätte der Taufe nicht bedurft, die docii auch ״ein nicht durch eine wunderbare Offenbarung angeorductes Ritualge setz" darstellt. Freilich wäre das eben keine völlige konsequente Assimilation geworden. Der unmoderne Rcligionsmischmasch, der von Schwalb empfohlen wird, lockt heute keinen Hund mehr vom Oien und keinen Juden zur Taufe. Da sind die staatlichen Zurücksetzungen ehrlicher und die Bevorzugungen getaufter Juden viel zugkräitigerc Mittel. Zur Brüsseler Konferenz schreibt die WELT: ״Jeder Tag beinahe bringt jetzt nette Beweise für die Berechtigung, für die Notwendigkeit der Brüsseler Konferenz. Die Idee eines einheitlichen Vorgehens in der Behandlung der russisch-jüdischen Frage liegt sozusagen in der Luft. Es ist bezeichnend, dass an verschiedenen Stellen Vorschläge auftau־ dien, die dem Grundgedanken der Brüsseler Konferenz ent- «preeben. ״Es gibt Projekte, die schon zum Teil ihrer Erfüllung nähergehen, vielleicht sogar in die Brüsseler Konferenz einmünden werden. In Amerika hat dieser Oedankc besonders rasch Boden gewonnen. Die grossziigigen und praktisch veranlagten Amerikaner haben auch da die Bedenken und Hindernisse schneller überwunden als die in politischer Hinsicht konservativeren und weniger unternehmenden euro- .päischcn Juden. Derselbe Gedanke, der einst zur Gründung der ״Alliance israclite universelle” iiihrte, die einen Zusammenschluss der Juden verschiedener Länder zum Schutze gemeinsamer Fnjeresscn proklamierte, tritt jetzt, aber nicht mehr zaghaft und der Zeit cntsprcchendleeKnwnkfltän dkcGqgeN zaghaft und verschwommen, sondern in klaren und den Forderungen der Zeit entsprechenden Formen zutage- So hat sich in San Francisco auf die Anregung Mr. Voorsangers die ״International Society for the promotion oi Jcwish rights” gegründet." . . . ״Es w-ird auch nicht uninteressant sein, an dieser Stelle die Betrachtungen eines amerikanischen Juden Im JEWISH COMMENT in ihren Schlussfolgerungen wiederzugeben. ״Eine einfache ״Repräsentanz" (״representative men") sagt er,” genügt uns nicht mehr. Wir rnüssen Führer haben und hinter ihnen treue Scharen. Die Grundlage dessen, was wir für die russischen Juden tun wollen, soll ihr eigener Wunsch sein. Und jede Vereinigung, die ohne genaue Kenntnis ihrer Wünsche Xegründet w׳ird, wird nicht vorwärts kommen können." Die Ucbcrlcitung dieses Gedankenganges auf die Brüsseler Konferenz ist nicht schwer. Was die Konferenz bringen wird, wissen w׳ir doch nicht, cs wird von dem Rat und der Einsicht der Delegierten abhängen — die Prämisse wird jedenfalls gegeben sein, d. h. die Möglichkeit einer gründlichen Ausspräche zwischen russischen und nichtrussischen Juden. Man legt uns zwei Fragen vor: Was ist fes Arbeits-Programm der Konferenz? Wie wotten w׳ir ihr die Kompetenz einer w׳irkliehen Vertreterin der hauptsächlich Interessierten sichern? Die erste Frage stellen zumeist die westeuropäischen jüdischen Organisationen. Ihnen antworten wir, dass naturgemüss die Beratungsgegenstände sich zum grossen Teil aus der Konferenz selbst ergeben werden. Es wäre gegen das Wesen dass man die osteuropäischen Juden patronisierte, dass mat^ die Rechnung ohne den Wirt machte. Der Ernst der Lage,' der Umschwung in den äusseren russisch-jüdischen Verhältnissen, die imponierenden Beweise, dass die russische Judenhcrrschaft. selbständig und innerlich frei, keine Patronanz, ‘ auch nicht die von Wohltätern, über sieh setzen lassen möchte,• — die unabweisbare Erkenntnis, dass es unmöglich ist, dass einige wohlwollende reiche Brüder die Geschicke eines Volkes von 6 Millionen ohne Rücksicht auf dessen besondere Bedürfnissc lenken — das alles ist die Voraussetzung' und erste Stütze der Brüsseler Konferenz. Ihre ,zweite •Furiktion. Wird" die Prüfung der Möglichkeiten sqin,' die das 'niehtressisc^ Judentum bieten kann. . .1׳ ־• . . Es werden Organisationen vertreten sein, .die in Tiinsichf; auf ihre Stärke und ihre Mitte! über lange Erfahrung ־vei־- fügen. Die erste Zusammenkunft wird das verschwommene Bild, das wir. über die Kräfte der aktiven Judenhcit haben, erhellen, sie wird vielleicht manche Illusion zerstören, dafür aber reale, praktische Propositionen zeitigen!!; :i . V, , ■ : Die seit einiger Zeit bestehende OcseÜschaft palästinensischer Ethrögim-Händler in Palästina פר* עץ הדר veröfientlicht eine Mitteilung, dass durch sie allein rituell genügende. Ethrogim zu beziehen sind. ' .- ' ‘ ל ״Um Irrtfimern vorzubeugen, teilen wir ausdrücklich mit, dass die von einzelnen Händlern verkauften Ethrogim sämtlich gepfropft sind. Bei Beginn des Ethrögim-Handels werden wir. um das Publikum vor Täuschung zu bewahren, die Namen , der Gesellschaften und Händler, die von uns. kaufen,' in. den' Zeitungen bekannt .geben. Wir zweifeln nicht, dass unsere gesetzestreuen Brüder diese Veröffentlichung berücksichtigen . und die Gelegenheit benutzen werden, sich אר-־לג%£ .ד׳עדיש. zu verschaffen und gleichzeitig die Interessen der jüdischen Bewohner des hl. Landes zu fördern. Wir haben in Jaffa ein Bureau eröffnet, das bereitwillig jegliche Auskunft erteilt. Öjc.. Adresse ist: Gesellschaft Pri Ez Hadar, Oesterreichische Post in Jaffa." Tatsächlich soll man rechtzeitig mit der Agitation begin-, neu, die Ethröghn im künftigen Jahre nur von den palästini.-, sehen Kolonisten zu kaufen anstatt von den Korfuer Antisemiten. .; ״Mut“ Wir sprachen in No. 49 des vorigen Jahrgangs von dem Mut der irn Verlag von Ullstein & Co. erscheinenden BER- LINER ILLUSTRIERTEN ZEITUNG, die von den Odessaer Metzeleien berichtet hatte, ohne zu erwähnen, dass die Getöteten und Geplünderten Juden waren. Wir haben damit, will uns scheinen, ein erziehliches Werk vollbracht. Die neueste Nummer 2 desselben Blattes bringt Bilder von den Rigaer Schreckenstagen und erzählt dabei: ״Nicht nur in den reichen Vierteln der Stadt, sondern auch in den armen Judenvierteln, vollbrachten die Plünderer ihr grausames Werk. Hier würden"' viele, die W iderstand leisteten oder ihre Habe retten wollten, von der Menge unter entsetzlichen Martern erschlagen.".—־ Waren es vielleicht deutsche Juden, die in Riga erschlagen wurden, dass ihre Erwähnung gestattet ist? Aber andere Blätter, die sonst gut informiert waren und stets objektiv bcrichteten, wussten gerade von Rigaer Judeiimordeu wenig zu berichten. Also war cs w׳ohl die Frucht unserer kleine» Lehre, dass man sich nicht mehr scheute, das Wort ״Jude" zu schreiben. Der GENERALANZEIGER FÜR DIE GESAMTSTER- ESSEN DES JUDENTUMS enthält einen Posencr Brief - der Vorgänge von symptomatischer Bedeutung beleuchtet: . .Das Lokalkomitec des Hilfsvcrems deutscher Juden war es, das offiziell die Hilfsaktion in Posen organisierte. Um die Beitreibung von Geldern hat cs sich auch redlich bemüht, wenngleich der Erfolg im Vergleich zur Grösse der Gemeinde und zum Reichtum in ihr ein kläglicher genannt werden muss. Der vielgerühmte jüdische Wohltätigkcitssinn hat sieh nur bei den ärmeren und mittleren Kreisen de)r. jüdischen Bevölkerung hier gezeigt: die Leistungen der Plutokratie aber standen in keinem Verhältnis zu den Opfern, die sic zu bringen gewohnt ist, wo es sich um nichtjüdische Zwecke handelt. Und über das Geldsammcln hinaus ist nicht , das Mindeste getan worden. Eine allgemeine jüdische Protest-