Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 Seite 38 _ JÜDISCHE RUNDSCHAU düng sich ganz erheblich entwickelt hat. Die grosse Masse der Juden wollte von einer kulturellen Verschmelzung mit der autochthonen Bevölkerung nichts wissen, während die Intelligenz, die sich aniangs zur Assimilation geneigt zeigte, durch den Antisemitismus der Polen abgestossen wurde. Der Zionismus fand deshalb einen sehr geeigneten Boden, und es gelang ihm, einen grossen Teil der jüdischen Intelligenz, der studierenden Jugend, der Arbeiterklasse und weiterer Biirgerkreise unter seine Fahne zu scharen. Dennoch gingen aus den Wahlen ins Parlament nur solche jüdische Vertreter hervor. die die Politik der Polen unterstützten und dies aus dem Grunde, weil die Regierung, d. h. der Polenklub, cs so haben wollte und weil auch hier Korruption und W a h 1- Schwindel eine nicht unbeträchtliche Rolle spielten. Obgleich also die Polen vielfach den Juden, die II Prozent der Oesamtbevölkerung ausmachen, die Macht im Lande verdanken, wurde diesen dafür nicht der mindeste Dank zuteil. Zu den Landes- und kommunalen Aemtern wurden sic überhaupt nicht zugelassen, zu den staatlichen Aemtern in einem ganz geringen Masse, und wirtschaftlich wurden sie auf jedem Gebiete durch Gesetze und Willkür in ihrer Entwicklung gestört. Die Vertreter der Juden, die insgesamt dem Polenklub angehörten, durften ירשו mit Einwilligung des Polen klubs für ihre unterdrückten Stammesgenossen die Stimme erheben. Die Juden blieben rechtlos. Als nun der ruthenische Abgeordnetenführer Dr. Romanczuk und nach ihm der jüdische Abgeordnete von Czcrnowitz, Dr. Strauche r und der Ruthcnc von Wassilko gelegentlich der Debatte über die Wahlreform auch die Anerkennung der Juden als Nationalität verlangten, um den Juden die Möglichkeit, Vertreter ins Parlament zu entsenden, die ihnen durch Aufhebung der Städte- und der Hande'skammerkurie entzogen wurde, zu geben, ferner aber, um die Ruthenen vor der Majorisierung durch die Polen und Juden zu schützen, wurde dies Von einem Teile der Juden Galiziens mit grosser Begeisterung aiifgenouimen. Infolge der Notwendigkeit in Österreich die Rechte der Autonomie und einer jüdischen Wahikurie zu erringen, wird fetzt jn dem von Juden bevölkerten Teile des Landes eine rege Agitation zu Gunsten der Wahlkurie ins Werk gesetzt. So sprach Dr. Leopold Kahn in Prag vor einer tausendköpfigen Volksversammlung, die aufgelöst wurde, als die Aeusserung eines tschechischnationalen Juden Yaclar ״mit demselben Rechte wie die Juden könnten auch die Zuchthäusler eine Ciecne Wahlkurie fordern,“ und infolgedessen ein solcher Tumult entstand, dass der Regierungsvertreter die Vcrsammjung auflöste. Nach der Auflösung der Versammlung begaben sich 200 bis 300 Teilnehmer nach den! jüd. V?reinsheim, wo auf Grund des § 2 des Vercinsgcsetzes die Versammlung — vor geladenen Gästen — fortgesetzt wurde. Nach längerer Diskussion und einem Schlusswort des Referenten, wurde die beantragte Resolptionsdepeschc an das Ministerium angenommen, worauf die Versammlung geschlossen wurde. In Wien hat sich ein jüdisches Wahlrechtskomitee gebildet, das die Agitation für die Anerkennung der Judenschaft als politische Individualität gelegentlich der Wahlreform leitet. Sonntag, den 7. d. Mts fanden in Galizien auf Initiative der Zionisten mehr als 250 jüdische Versammlungen statt mii der Tagesordnung: ״Die Wahlreform und die Juden," in denen eine gleichlautende Resolution zu Gunsten der Anerkennung der jüdischen Nationalität und behufs Schaffung einer jüdischen Wählerkurie angenommen wurde. Nach der Brunner VOLKS- STIMME waren es sogar 400 solcher Versammlungen. Abc. Dr. Byk veröffentlicht gegenüber dieser Agitation einen offenen Brief an die jüdischen Wähler Lembergs, in dem er die Judenkurie energisch bekämpft. Der Mann wird auf die alten Tage tätig. In Mähren fanden in den meisten Gemeinden Vcrsammlungen mit der Tagesordnung ״Die nationale Autonomic und die Juden“ statt. Die Versammlungen waren zahlreich besucht. Es wurden gleichlautende Resolutionen zu guusten der nationalen Autonomie der JuJen angenommen. An Ministerpräsident Gautsch wurden Depeschen gerichtet, im Wahlrcforinentwurf die jüdische Nationalität zu berücksichtigen Ein grosser Teil der politischen Judengemeinden und Kultusgemeinden Mährens hat sich zu gunsten der nationalen Autonomic ausgesprochen. In den letzten H Tagen sprach der Schriftsteller Dr. Hermann Kadisch über die nationale Autonomic der Juden in zirka 20 Gemeinden. In Brünn findet am 21. Januar, 10 Uhr vormittags, ein vom Exekutivkomitee der zionistischen Organisation Briinns veranstaltcter Vortrag mit der Tagesordnung: Die politische Lage der Juden in Österreich statt. Referenten: Mathias A c h e r, L u z i a 11 Brunner, Dr. W c i s e n g r ii n. In Biclitz (Oest. Schlesien) fand am!4. Januar eine grosse Volksversammlung statt. Referent: Dr. Leop. Kahn- Wien. Am 3». d. Mts. werden in sämtlichen Städten Schlesiens Volks■ Versammlungen ahgchaltcn. Bukowina. Am 7. Januar wurde eine Volksversammlung, die massenhaft besuch, t war, abgchalten. Referent: Di. St raue her. In sämtlichen Städten Bukowinas fanden in den letzten Tagen Volksversammlungen statt. Nieder-Österrelch. ln Wien fanden am 14. d. Mts. drei grosse Demonstrationsversammlungen statt, die sich für die Schaffung einer jüdischen Wahlkurie aussprachcn. Zum Schulgesetzentwurf Dortmund, 13. Januar. Nach einem Reicrat des Reichstagsobgeordneten Merten fasste eine von National• sozialen. Freisinnigen uiid Demokraten einbe• rufeue Volksversammlung folgende Resolution: ״Die Vcrsamm• iung erblickt im Schulgesetz einen Angriff auf die Kultur des deutschen Volkes, eine Entrechtung der jüdische t! Staatsbürger und Dissidenten, wie sie nur einen». Parlament geboten werden können, das durch die Dreiklassen• wähl losgelöst ist von den geistigen Kräften der Bevölkerung. Sie fordert, dass die Lösung der Schulfrage übertragen werde einer aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangenen Volks- Vertretung." Essen, II. Januar. Die Hauptversammlung des Verbandes israelitischer Lehrer der Riicinprovinz und Westfalen fasste folgende schon kurz!ungeteilte. Resolution: I. Der Verein israelitischer Lehrer der, Riicinprovinz und Westialen beklagt, dass der Entwurf eines Gesetzes betr. die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen entgegen den Bestim-• ntungen der Verfassung und des Gesetzes vom 3. Juli 1869 der jüdischen Volksschule und den jüdischen Lehrern die Rechtsgrundlnge versagt, die Errichtung und den Fortbestand der־ jüdischen Schule dem Ermessen der Schulverbände und Bezirksregierungen überlässt und den jüdischen Kindern diejenige Fürsorge für den Religionsunterricht nicht angedeihen• lässt, die den katholischen und evangelischen Kindern gewährt, wird. 2. Aus nationalen, religiösen und rechtlichen Gründen fordern wir die Streichung des § 24 des Entwurfes, unter Aufhebung der entgegenstehenden Bestimmungen des Gesetzes, von! 23. Juli 1847 in allen bezüglichen Paragraphen die shmgemässc Einschaltung der Worte ״und jüdische"״ Am 17. Januar wird eine Versammlung der Lehrer des westfälischen Industriegebietes in Dortmund Stellung zu dem Schulunterhaitungsgesetz nehmen. Als Redner tritt Wolgast at ״ml auf. Zionisten in Italien Rom, 9. Januar. (Privat-Telcgramm der WELT). Der ifmite Kongress der italienischen Zionisten, der in Rom am 7.. und 8. d. Mts. tagte, erklärte, unabänderlich am Baseler Programm festzuhaltcn. Die Diskussionsthcniata waren die Frage des Nationalfonds, die Taktik, die die italienischen Zionisten in ihrer Propaganda einzuschlagen haben und die Umbildung der Wohltätigkcitsinstitutioncn. Die Versammlung ehrte in würdigster Form das Andenken der Opfer der Judenniassaker in Russland. Fs langte ein Begriissungstclcgramm vom Präsidenten des Aktionskomitees au. das mit Applaus aufgenommen wurde. Rundschau der Presse In der N’ATIONAL-ZEITUNG schreibt der frühere Jude und spätere Bremer Hauptpastor Moritz Schwalb über ״D i e theologische Lösung der Judenfrage." Er preist darin das Friedländersclie Machwerk über die religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums wacker au. Von Friedländer schreibt er: ״Jesu Frömmigkeit und Menschenliebe betrachtet er als ganz einzigartige, alles ähnliche übertreffeude Erscheinungen, Jesu Tod nennt er, — allerdings mit einer etwas unklaren Interpretation dieses Ausdrucks — einen ,.Opfertod", dessen Wirkung, ״die Welteilösung“ sein soll. Der Mann aber, der, als Blutzeuge seiner Lehre eines solchen Todes gestorben, ist der Messias, der Christus. Und diesen, von seinen Anhängern von Anfang an gegebenen inhaltschwcrcn Titel, gönnte ihm auch FriedUir.dcr von Herzen.