Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651451--03183-2660100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 37 No. 3. JÜDISCHE RUNDSCHAU Innern eine entsprechende Weisung zügelten wird. Der Minister des Innern, Herr Durnowo, schrieb auf dieser Eingabe eigenhändig: ״Den Minskcr Qouverncur zu bcnachricht i g e n." Da diese Worte bald von bösen Zungen in doppelter Weise gedeutet wurden, beeilte man sich im Ministerium des Innern, den Minskcr Gouverneur anzuweisen, die Vertreter der * Altgläubigen im Gouvernement zu sich einzuladen und ihnen klar zu machen, was fiir ein merkwürdiges Ansinnen sie an das Ministerium des Innern steilen, wenn sie glauben, dass die Weisungen zu den Judenmassakers vom Ministerium des Innern ausgehen. Ausserdem ist dem Polizeidepartement soeben befohlen worden, mehrere seiner besten Agenten nach dem Minskcr Gouvernement zu entsenden mit dem Befehle, an Ort und Stelle festzustellen, wie ein solches unsinniges Gerücht entstehen und sich verbreiten konnte und ob diese Bewegung unter den Altgläubigen nicht hereits solche Dirnensionen annahm, dass die öffentliche Ruhe im Gouvernement gefährdet erscheint.“ Es ist keine Frage, dass man dem Ministerium des Innern mit solcher Zumutung Unrecht tut. Sein Standpunkt ist der des freisinnigen Rabbi, der andern, die ihn um Rat fragen, das Rauchen am Sabbat verbietet, selbst aber auf die Frage, warum er denn rauchc.mit der Gegenfrage anwortetc: ״Hab ich Sie denn gefragt?“ Der Souverän Syriens Auf ein Gesuch des Oberrabbiners Moise Halövy In Konstantinopel, um die Erlaubnis zur Veranstaltung einer Sammlung zu Gunsten der russischen Opier, erteilte der türkische Justiz- und Kultusminister Abdul Rahtnän im Auftrage des Sultans den folgenden Bescheid: ״In Angelegenheit der Sammlung, die Sie nach dem Muster der Sammlungen in den anderen Ländern mittels einer aus Jüdischen Notablen zusammengesetzten Spezialkommission unter Ihren Stammesgenossen im Reiche zu veranstaltcn wünschen, um Geldmittel aufzubringen für die Unterstützung der durch die Judcnmassakres in Odessa und in andern russischen Städten geschädigten Familien, bringe ich zur Kenntnis, dass gemäss einer Mitteilung des Grossveziers das Premiersekretariat des Palasjes davon Nachrieht gibt, dass auf Grund eines kaiserlichen Jrädö mit Rücksicht auf die grosse Treue, durch welche die Juden sich unter den osmanischen Untertanen auszeichnen, die bcantragte Vollmacht bewilligt worden ist. In Anbetracht des Umstandes, dass cs eine Menschenpflicht ist, den erwähnten Familien Liebe und Freundlichkeit zu erweisen, steht auch dem nichts im Wege, dass sich Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften an dieser Sammlung beteiligen. Ein Teil der ausgegebenen Zeichenlisten wird Sr. Kais. Majestät vorgelegt werden: Instruktionen betreffs der Ausführung dieser ganzen Ve־ordnung sind dem Ministerium des Innern übermittelt worden.“ ׳t injp' Der» Sultan bemerkt, wie der JEWISH CHRONICLF. meldet, in der Dekret wörtlich: ״An diesem Akte der Humanität wünsche ich selbst mich zu beteiligen.“ r Das ist der Herrscher des Landes, in dem nur politische Schwierigkeiten unsere Tätigkeit unmöglich machen sollen. Wir sehen hierin eine neue Bestätigung unserer von antizionistischer Seite so oft angegriffenen Ansicht, dass schon heute die türkischer! Länder und nur die türkischen Länder die Grundlage zu einer dauernden Hilfe für das Judenvolk werden können. Hilfswerk Der Hllfsvereln der Deutschen Juden In Berlin teilt mit, dass er bereits weitere 800000 Mark für die Opfer der russisehen Judenverfolgungen an Rothschild and Sons in London Überwiesen hat. Tabakbau in Palästina Syrien baut verschiedene Sorten Tabak. Eigenartig ist der sogenannte Abüricha, ein salpeterhaltiger, mit schwärzlicher Asche verbrennender Tabak, welcher in der Gegend von Lädiqqlja wächst und ausschliesslich von dort in den Handel gebracht wird. In normalen Jahren werden etwa •1000 Ballen zu 100 kg (der Ballen zu •100 Franken ab Lädiqqija) nach Grossbrltannien verschifft, das der einzige europäische Abnehmei dafür ist. 1902 war die Ernte besonders reich; es gelangten 6509 Ballen zur Verschiffung, doch blieben über 2000 Ballen wegen minderer oder zu gemischter Qualität unverkauft im Bestimmungshafen liegen.. Neuerdings soll die Ottomanischc Tabaks-Rcgie-Gcscllschaft in Konstantinopcl, die neben dem Monopol der Tabakverarbeitung und des Tabakverkaufs auch den Ankauf des Rohproduktes beansprucht, letzteres für Syrien ohne Erfolg, an Stelle der Privathündlcr Lädiqqljas sich die englischen Lieferungen gesichert haben. Andere Arten Tabak werden vorwiegend um Damaskus, in der Biqä\ bei Dschabail, Saida und auch im Libanon gebaut. Ein Bcirüter Haus führt Dschabailtabake zum Preise von 3,50 bis 4,10 Mark für 1 kg ab Beirut aus. Insgesamt gingen über Beirut 1892: 1151 DZ syrischer Tabak aus. In Palästina wurde der Tabakbau vor sieben Jahren eingeführt, und zwar verdankt dieser Zweig der Landwirtschaft seine Einführung in Palästina dem reinen Zufall. Ein eng'ischer Tabakkaufmann, der sich zufällig auf einer Reise in Palästina befand, machte die Administration auf die Möglichkeit des Ge deihens des Tabaks im nördlichen Teile Palästinas aufmerksam. Es wurden alsdann Versuche mit Tabak in Metüie angestclli, später wurde Tabak auch in Jessöd-Hama'aläli und Rösch- Pinnäh gebaut. Dort erhält sich die Kultur auch noch Jetzt. 1902 wurde ein Versuch mit dem Tabak in Sichrön iaaköb gemacht, der aber im folgenden Jahre nicht mehr wiederholt wurde. Vor zwei Jahren begann man mit dem Tabakbau in Wädi-Hanen und in Pcthach-Tikwäh. Auch in RechSbhöth wurde bereits Tabak gebaut; da aber das verflossene Jahr gerade für Tabak kein günstiges war, so hat der Versu h, der mit ungenügenden Mitteln begonnen wurde, bisher kein gutes Resultat. Was den palästinischen Tabakbau kennzeichnet, ist die nicht fachmännische Behandlung des Erzeugnisses, welche dazu führt, dass man im Lande bisher keine charakteristische Marke von Tabak produziert. Dazu gesellt sich noch der Umstand, dass die Behandlung des Tabaks in Bezug aui Farmer.- tierung, Sortierung, Verpackung im allgemeinen sehr mangelhaft ist. Darum hat sich der Tabak trotz des vo! handelten grossen Bedarfes im benachbarten Ägypten keinen Absatz ve!־ schaffen können. Das abgelaufene Jahr brachte einen Ertrag von zirka 11000 kg. die nur mit Schwierigkeit und untei Veriust plaziert werden konnten. Um eine Verbesserung in dieser zweifelsohne für Palästina zukunftsreicher» Kultur zu er. eichen, müsste diese von einer kompetenten Institution, am besten einer Versuchsstation, zum Gegenstände eines genaueren Studiums, gemacht werden, und zwar in Bezug auf Sortenwähl, Entebereitung, Fermentierung, Sortierung, Ver- Packung u. s. w. Zionisten und Wahlen Sir Francis Montefiore versandte im Namen der ״English Zionist Federation" ein Rundschreiben an sämtliche Parlaments-Kandidaten, w׳orin sie auf die Alien Bill das antisemitische Gesetz, und ihre Wirkungen auimerksam gemacht werden. Zugleich wird darin das zionistische Programm entwickelt und auf die im Zionismus liegende einzige Möglichkeit zur Lösung der Judenfrage hingewiesen. — Nur wenn die Kandidaten sich für den Zionismus einzusetzen bereit erklärten, könnte ihnen wieder Unterstützung seitens der Masse der jüdischen Wähler zuteil werden. Ueberhaupt setzt sich die palästinische Zionistenpartei wie schon früher mit rühmlicher Einmütigkeit für die Abschaffung 4es asemitisehen Gesetzes ein. Autonomie und Wahlkurie Die Ankündigung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts durch das Ministerium Gautsch hat unter zwei Bevölkerungsgruppen Galiziens eine besonders erhitzte Bewegung hervorgerufen: unter den Ruthenen und unter den Juden. Unter den Polen herrscht eine geteilte Stimmung. Bislang haben die Polen auch in rein ruthenischen Kreisen, dank der Unterstützung der Juden und den spezifisch galizischen Wahldurchführungen, die Mandate an sich gerissen. Die Juden machen in den Städten Ostgaliziens das Qros der Bevölkerung aus und haben stets mit den Polen zusammengehalten, Zusammenhalten müssen. Nicht aus Liebe zu den Polen, sondern infolge der Abhängigkeit von den Polen und der Regierung, die in Galizien mit dem Willen der Polen zusammenfällt, und der Rechtlosigkeit, in der der Jude Galiziens noch heute lebt. Die Juden haben sich in Galizien sehr wenig assimiliert. Die vor etwa 40 Jahren ersetzenden Assimilationsbestrebungen haben sehr geringe Resultate gezeitigt, wiewohl die allgemeine Volksbil-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.