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Jüdische Rundschau · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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I Seite 36 JÜDISCHE Verkehr mit ihnen! Ihr, die Ihr gewohnt seid, einen Menschen, der sich sittlich vergangen, der sich rechtlich verschuldet hat, zu meiden, weil Euch die Vornehmheit des Seelcnadcls solches anbefiehlt, ״Haltet rein Eure Familien und Gemeinschaften, haltet fern alle und alles, was der Ehre Eurer göttlichen Religion, Eures geheiligten israelitischen Namens und Eurer Glaubensgenossenschatt zuwider ist! Bedenket: die Treue ist kein leerer Wahn - Durch diesen Hinweis auf bekannte Einzelfälle fühlte sich der Vorstand seiner Tempclgemeinde peinlich getroffen. Und so geschah es, dass der Vorstand auf Betreiben des ersten Vorsitzenden, Herrn Jos. Schönfeld, mit allen gegen 2 Stimmen beschloss, Herrn Dr. Leimdörfer für seine Kühnheit eine schriftliche Rüge zu erteilen; eine derartige Anspielung auf bestimmte Fälle von der Kanzel herab sei, wie es in dem Schreiben hiess, ״ein Verstoss gegen Moral und gute Sitte". Darauf erwiderte Herr Dr. Leimdorier, dass er die Rüge nicht accepticren könne. Besonderes Interesse verdient der Fall, weil Herr Jos. Schönfcld gleichzeitig 2. Vorsitzender der Hamburger deutsch-israelitischen Gemeinde ist, die bekanntlich eine rein weltliche, von den beiden Kultusverbänden (orthodoxer Synagogenverband und neologc Tempelgemeindc) getrennte Institution ist. Die Amtszeit des genannten Herrn läuft Ende Januar ab, und wir sind gespannt, ob die Repräsentanten bei der Neuwahl diesen ״liberalen“ Mann für würdig erachten werden, weiter eine führende Rolle in der Hamburger Judenschaft zu spielen. Möglich ist in unserm heutigen Gemeindeleben alles! Protestversammlung in London London, 9. Januar. Gestern fand in der Queen's Hall eine grossartige Protestversammlung statt. Den Vorsitz führte Lord Rothschild, der durch Stettaucr hierzu und überhaupt zur Beteiligung veranlasst worden ist. Unter den Anwesenden sah man die bedeutendsten Männer der englischen Aristokratie wie auch des grossen englischen Judentums. Es liefen Entschuldigungsbriefe ein und Sympathie-Kundgebungen vom Erzbischof von Canterbury und vom früheren Premier-Minister Sir A. Balfour. Der Letztere schreibt u. a.: ״Die Behandlung der jüdischen Bürger seitens der europäischen Volker vom Mittelalter an ist der dunkelste Fleck auf der Geschichte des Christentums. Ich habe ein tiefes Vertrauen, dass der Abschluss dieser entsetzlichen russischen Tragödie des russisehen Juden ihr unveräusserliches Recht auf Freiheit, Sicherheit und Gleichberechtigung bringen wird.“ Lord Rothschild suchte in seiner Eröffnungsrede die Ur- Sachen der Massakers, die in der macchiavellischen Politik der reaktionären Umgebung des Zaren zu finden sind, zu erklären, betonte aber merkwürdigerweise zugleich, dass man die Regierung für die Massakers nicht verantwortlich machen könne. Der Bischof von Ripon schlug darauf folgende Resolution vor: ״Die Versammlung äussert ihr Entsetzen und ihre tiefe Entrüstung über die organisierten Massakers in Russland, die nach der Ansicht aller Engländer ohne Unterschied des Glaubens oder der Parteiangehörigkeit eine Schmach für die RUNDSCHAU _No.J. Zivilisation und ein Unglück für die Menschheit sind. Die : Versammlung spricht ihre tiefe Sympathie mit den Familien der Opfer wie auch mit denen aus, die die Massakers überlebt haben." Diese Resolution, die vom Bischof selbst und von Sir Edward Clarke in hinreissenden Worten verteidigt wurde, ist; einstimmig angenommen worden. Eine zweite Resolution wurde vom römisch-katholischen Erzbischof von Canterbury i eingebracht, die folgenden Wortlaut hatte: ״Diese Versamm-! hing gibt der Hoffnung Ausdruck, dass die inneren Wirren, i unter denen das russische Reich jetzt leidet, bald zu Ende sein; werden, und dass alle russischen Juden ihren christlichen! Mitbürgern gleichgestellt werden, was das einzige Mittel [ wäre, der Wiederholung von Judenhetzen vorzubeugen." Der! Erzbischof zitierte unter anderem das Beispiel des Kardinals; Manning, der vor 2-4 Jahren bei ähnlichem Anlass nicht 1 zögerte, die russische Regierung öffentlich der Mitschuld an den Judcn-Metzeleien anzuklagen. ״Obwohl die Versammlung; sich dessen bewusst sei. dass sie sich in die inneren Ange-! legenheiten einer fremden Nation einmischc, halte sic es für | notwendig, in diesem Momente ihre Proteststimme zu erheben,! damit die Mächtigen in Russland ihre Stimme hören.“ Zur i Unterstützung dieser Resolution sprach der frühere Statthalter j von Süd-Afrika, Lord Milncr, der die politische Bedeutung j der Judemnctzcleien hervorhob und zugleich warme Worte; der A n c r k c n n u u g f ii r die Juden von S ü d - A f r i k a,! die grösstenteils Zionisten sind, f a n d. Auch die zweite Re- | solution wurde einstimmig angenommen. Es wurde auch ferner; beschlossen, über Anregung des Rcv. Dr. Horton, die von Lord j Kennaird unterstützt wurde, dass man die britische Regierung! ersuchte, auf die russische Regierung einen den Juden j günstigen Einfluss auszuüben. Mit dem üblichen Dankes Votum j für den Vorsitzenden schloss diese Versammlung, die ein weit nachhallendes Echo in der englischen Presse und in der Ge- Seilschaft gefunden hat. Die falsche Hausnummer Als Illustration der unleugbaren Tatsache, dass die russische Masse samt und sonders der Überzeugung ist, dass das Zentral-; direktorium der jüdischen Massakres in St. Petersburg seinen Sitz hat, wird uns ein Ausschnitt aus dem gewiss nicht sonder- . lieh judenfreundlichen ST. PETERSBURGER HEROLD cingesandt, der am 10. Januar, No. 32S, und unter der Aufschrift ״Merkwürdiges Ansinnen an das Ministerium des Innern", ' folgendes berichtet: | ״Vor kurzer Zeit wandten sich die Altgläubigen : Starsobijadzy, des Minskcr Gouvernements mit einer merkwürdigen Eingabe an den Minister des Innern, Herrn D u r n o w o. In dieser kollektiven Eingabe, die eine grosse Anzahl von Unterschriften trug, erklärten die Altgläubigen, dass ihrer tiefen Uberzeuugung nach die grössten ' Feinde des heiligen Russlands und des Russischen Volkes die Juden seien. Daher erklären sich die Altgläubigen, alle, ohne Ausnahme, bereit, gegen die Juden im Minskcr Gouvernement gewaltsam vorzugehen, alle Juden zu berauben und zu vornichtcn, sobald ihnen, den Altgläubigen, vom Ministerium des ist.“ Ben-Jekutiel konnte sich der Tränen nicht ent halten und mit kutmnerbebender Stimme forschte er: ״Bist du nicht Jimtijjähu?“ Der Alte fuhr fort: ״Ich bin der Mann, der das Unglück gesehen...“ ״Du Glücklicher“, scholl plötzlich tief unten von der Erde zu Jimüjjfihü empor die Stimme des Ewigen Juden: ״Du Glücklicher, dass du es nur einmal geschaut, ich aber sehe es nun schon ununterbrochen bald zweitausend Jahre." Als er dieses hörte, vergoss Jirmijjahü Tränen, bis er ganz zu Tränen geworden und 2erüossen war. An ן Ben-Jekutiel aber eilten verschiedene Bilder vorüber, j die immer schwächer und undeutlicher wurden. Er I sah Jerusalem zerstören, und den Tempel brennen, I und sah, wie das Volk vertrieben wurde, und wie man seine Edelsten erschlug und seine Besten verbrannte, und immer stand der Ewige Jude dabei, und begleitete sie von einem Lande zum anderen, und immer wollte er retten und helfen, und immer war es vergeblich Und immer sagten die Verfolgten: ״Im nächsten Jahre wirds besser sein, im nächsten Jahre blüht Glück und Heil,“ und stets war das folgende Jahr schlimmer als das vorhergehende. Immer schwächer und undeutlicher waren die Traumbilder geworden, bis sie endlich ganz verblassten. Noch wenige Stunden schlief Ben-Jekutiel ruhig und traumlos. Der Morgen stieg herauf, an der Tür klopfte es, und der Kellner kam herein, um zu ■ fragen:; ״Was befehlen der Herr zum Kaffee?“ Und da der junge Mann nicht recht verstand, wovon die Rede war, so erwiderte er: ״Ich bin mit allem zufrieden. Mir ist es gleich.“ I (Fortsetzung folet.) i! >| wjLin.jipi!Wiiiwii^p»—*jf ,׳|f^»iPfW1«WP|1w!11111[1!:1^g^’j1^1«1;y^|1^j1J^|. ty f'"T9 WJPWWf

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