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Jüdische Rundschau · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 23 für den 29. Januar eine alljüdische Konferenz nach Brüssel einberufen mit der Tagesordnung: ״Di eLage der Juden in R u s,s I a!1 d.“ Es sind Wochen seither verstrichen. Die .Lage der russisehen Juden hat sich vielleicht verschoben, gebessert hat sie sich nicht. Wie in den schrecklichsten Tagen des Blutbades steht auch heute noch das Problem in seiner ganzen Grösse da: Die Not der russischen Juden — was können wir tun. ihr zu begegnen, sic zu erleichtern? Wir, das heisst, die vereinigte Kraft aller grossen jüdischen Organisationen, alter jüdischen Parteien. Darauf sollte Brüssel die Antwort suchen, vielleicht die Antwort geben. Das Aktions-Komitee hat auf seine Einladung verschiedene Antworten erhalten, zustimmende, abwartende, ablehnende. Die Gründe der Ablehnungen wird man schwer verstehen. Prinzipieh konnte cs hier keine Schwierigkeiten geben. Es handelte sich — ausgcsprochcnermasscn — nicht um eine Konferenz mit zionistischen Zwecken, zionistischem Programm. Dafür haben die Zionisten ihre Kongresse. --Nun gibt es einen ungeheuren Notstand in Permanenz. Ihm wird, kann durch Einzetaktionen, durch Verteilung von Geldern, durch Versorgung Geschädigter — so notwendig das auch ist — nicht abgcholfen werden. «.In diesen schweren Zeiten müssen wir alle Zusammenarbeiten, und für die Arbeit <lcs Augenblicks trennt uns ia absolut 11 i c 111 s." Das ist die erste Stellungnähme i)r. Paul Nathans zur Brüsseler Konferenz, also eines, der k c i n Z i o n i s t ist, dem man aber Unkenntnis der gegenwärtigen Situation kaum vorwerfen kann. — Die Zionisten, das sei nochmals gesagt, haben nicht aus Parteiinteresse die Initiative ergriffen. Sic hielten sich zu dieser Jnitiative für berufen, weil sie von vornherein auf Vertreter aus den überseeischen Ländern, vor allem aber auf die Repräsentanten der Hauptbeteiligtcn — auf die russisollen Delegierten *— rechnen konnten. Sic glaubten, ihre Pflicht getan zu haben. An den andern ist cs, sich für die ihre zu entscheiden,“ Ueber ״Die Auswanderung der Juden aus Russland“ schreibt. Dr. Arthur Ruppin: ״Die starke Aus- Wanderung der Juden aus Russland setzt mit dem Jahre 1SS1 ein.“ — — ,.Zwar sind auch vor dem Jahre 1SSI alljährlich einige tausend Juden in westeuropäische Länder oder Ober den atlantischen Ozean gewandert (die Jcwish Encyklopädia Bd. VIII S. 58-1 gibt die Gesamtzahl der in den Jahren 1871 hrs IS80 in den Vereinigten Staaten eingewanderten russischen Juden auf •II 057. d. h. also durchschnittlich jährlich etwa 4100 an), aber der Grund und Zweck ihrer Wanderung war!ח individuellen Schicksalen begründet. Den Charakter einer Massenbewegung mit bestimmten Wegen und Zielen nimmt de׳»,Auswanderung der Juden erst seit dem Jahre 1SSI an." — — ״Weitaus die Mehrzahl aller russisch-jüdischen Auswanderer hat die Vereinigten Staaten zur neuen Heimat gewählt.“- .,Es ergibt sich, dass in den 24 Jahren von 1SS1—1904 insgesamt 7SS 1-15 Juden aus Russland in de Vereinigten Staaten eingewandert sind. Die Zahl der Einwanderer schwankt von Jahr zu Jahr sehr erheblich, und cs ist interessant, zu sehen, wie die Ziffer jedesmal nach unglücklichen Ereignissen für die Juden in Russland cmporscimellt, um dann wieder allmählich abzuebben. So entspricht der Judenverfolgung vom Jahre 1881 die bis damals unerreicht hohe Einwanderungsziffer des Jahres «802, und dieseletztere Zahl wiederum wird noch überholt durch die Einwandcrungszifiern des Jahres 1904, die zeitlich niit dem Ausbruche des russisch-japanischen Krieges und den inneren, russischen Unruhen korrespondierten. Die 77 •544 russisch-jüdischen Einwanderer im Jahre 1903/04 machten 9.54 % der gesamten Einwanderung desselben Jahres in die Vereinigten Staaten, die 812 870 Personen betrug, aus."- ״Es sind hiernach hi den 11 Jahren von 1804—1904 231 947. Russen und Polen in Grossbntannicn als eingewandert* registriert." Wie Ruppin ausführt, ״sind aber diese Russen und Polen nicht ausschliesslich Juden, sondern zu einem, wenn auch kleinen Prozentsätze. Christen, und ausserdem sind hierunter sehr viele Personen enthalten, die auf der Reise nach anderen Ländern nur vorübergehend in England verweilen.“ --״Weitere Einwanderungsländer für die russischen Juden sind Kanada. Südafrika und Palästina. In Kanada beträgt die jüdische Bevölkerung nach einer Schätzung von Clarcncc J. de Sola im Jahre 1905 30 000 Seelen, während vor 25 Jahren Kanada überhaupt keine nennenswerte jüdische Bevölkerung bcsass. Dasselbe gilt von Südafrika, das seine jüdische Bevölkerung, die nach einer Schätzung von Dr. Hertz hn Jahre 1905 sich auf annähernd 50 000 Seelen belief, ebenfalj» ers| in den letzten 25 Jahren durch Einwanderung er- ן halten hat. Mit Ausnahme eines verschwendenden Bruchteils sind sowohl die nach Kanada als auch die nach Südafrika eingcwandcrten Juden aus Russland gekommen."-״Was Palästina anhetrifft, so ist es einigen,lassen schwer, die Zahl der hier eingcwandcrten russischen Juden festzustellen. Wir wissen zwar, dass die jüdische Bevölkerung Palästinas, die im Jahre 1881 höchstens 25 000 betrug, hauptsächlich durch Einwanderung auf 80 000 im Jahne 1905 a11gew׳achscn Ist, aber es efhlt an zuverlässigen Angaben darüber, wieviele von den Einwanderern aus Russland gekommen sind. Wir möchten aimchmen, dass insgesamt von 1881—1904 25 000 Judc11_ aus Russland nach Palästina emgewandert sind, darunter 15 000 vor dem Jahre 1897 und 10000 von 1S97—1904. — — ״Es ergibt sich, dass die Gesamtzahl der jüdischen Auswanderer aus Russland im Zeiträume von 1881—1S96 ... 602 500 und von 1897—1904 . . . 428 500. hn ganzen demnach 1 031 000 Seelen betrug.“ — — ״Fast der fünfte Teil aller russischen Juden hat also in den letzten 25 Jahren seine Heimat geweebseit. Wir müssen weit in der Geschichte des jüdische!! Volkes zurückgehen, um auf ähnliche MasscnwÄnderungen zu stossen.“ Der bisherige Redakteur der WELT. Julius Uprzimnv, ist mit Jahresbeginn in den Redaktionsverband der OESTER- REICHISCHEN WOCHENSCHRIFT eingetreten. Die Redaktion der OESTERREICHISCHEN WOCHENSCHRIFT, die dadurch eine nicht unbedeutende journalistische Kraft . erwirbt, war seit Beginn jeder zionistischen Parteitätigkeit eine ihrer entschiedenen Gegnerinnen. In der letzten Zeit verlieht sie den Standpunkt einerseits der Jto. andererseits wie schon früher den einer gemässigten Assimilation.* Ry k . und Genossen gegenüber ist sic stets das kleine Übel gewesen. Wir wünschen, dass U p r i z i m n y das zionistische Prinzip in der Oe. W'o. zur Geltung bringen möge. Wir werden cs gern registrieren.__ Letzte Nachrichten Regierungs-Antisemitismus Man schreibt der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ aus Petersburg: In den letzten Tagen eriolgtcn einige Anordnungen der Regierung, die zeigen, dass das Kabinett nicht nur eine Schwenkung in seiner allgemeinen Politik gemacht hat. sondern auch, dass es gewillt ist, die antisemitische Richtung des ancien rlgime weiter aufrecht zu erhalten. Besonders waren es die Auszeichnungen, die dem berüchtigten Gönner der jüdischen Pogroms, dem Mohilcwer Gouverneur Klingenberg beschieden waren, die in letzter Zeit die Aufmerksamkeit auf diese Zustände lenkten. Erst vor kurzem zirkulierten Gerüchte, dass er angesichts seiner schändlichen Rolle in dem Hemeler und Mohilewer Pogrom aus dem Amte entlassen werden würde. Diese Gerächte wiederholten sich dann später, als es bekannt wurde, mit welcher Grausamkeit in seinem Gouvernement, in der Stadt Orscha, 30 junge Juden, die ihren.Brüdern zu Hilfe eilten, ermordet und dass diese Mordtaten mit Erlaub der örtlichen Polizei ausgeführt worden-seien. Jetzt aber wurde dieser Antisemit zum allgemeinen Erstaunen in den Senat berufen. Und zu derselben Zeit wurde der Gcneralgouverncur des südwestlichen Rayons. General Freesc seines hohen Postens enthoben, weil er nach Petersburg gekommen war. dort die Aufhebung einiger Ausnahmegesetze gegen die Juden anzuregen. Kontrarevolution im'Süden Der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ wird aus Odessa gemeldet: In der letzten Zeit erscheinen ir. Bcssarahien Flugblätter, die einen provokatorischen Charakter tragen. In einigen Bezirken wurden sie unter den Bauern durch die Semsky Natscha'niki (Landeshauptleute) verteilt. Die FlugbUitter richten sich hauptsächlich gegen die Revolutionäre, aber die Juden sind selbstverständlich auch nicht unerwähnt geblieben. Die rechtliche Gleichstellung der Juden wird als gejährlich erachtet. Es wird gesagt, dass im letzteren Falle die Juden sich aller Ländereien, aller Acmtcr bemächtigen und das russische Volk unterjochen wlirden. Die. Flugblätter wurden gleichzeitig in russischer und rumänischer Sprache gedruckt. Senator Kusmtnsky über den Odessaer Pogrom (Eine Unterredung.) Der Korrespondent der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ hatte eine Unterredung mit dem.Senator A. M. K u s m i n s k y. der gestern abend aus Odessa zurückkehrte, wo er die Pogrombewegung vom Oktober untersucht hat Senator Kusminsky hat bis jetzt keinen Minister — auch den Grafen Witte nicht — gesprochen, und hält es deshalb für seine Pflicht, in seinen Mitteilungen zurückhaltend zu sein. Trotzdem hat der Korrespondent der R. K. erfahren, dass die llntersuchung

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