Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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f Seite 22 Eine neue jüdische Kolonie Biienos-Alrcs, 12. Dezember. Die Notwendigkeit einer neuen jüdischen Ansiedelung der Kolonisten von Mauricio hat Rabbiner Hoffmann veranlasst, bei der ״Kolonisation btroeder’ ein geeignetes Terrain in der Pampa Central, im Umiangc von 6500 Hektar, zu erwerben, zum Kaufpreise von dt) Senilling per Hektar. Die neue Kolonie, bisher ..La Positiva”, wird den Namen ״Villa Mauricio“ führen. Protest London, 2. Januar. Die heftig diskutierte Frage, ob hier eine grössere Demonstrations-Versammlung ahgehalten werden soll, um der Entrüstung über die Judenmctzeleien in Russland Ausdruck zu geben, ist nun von dem Jewisli Board of Dcputies bejahend entschieden worden. Das Meeting wird im Januar in der grossen Queens-Hall, unter dem Vorsitze des Lord Rothschild, stattfinden. Verschiedene führende Persönlichkeiten der Geistlichkeit und der politischen Welt haben ihre Beteiligung zugesagt. Ein Parlament? In Manchester brachte am Montag ein Herr Belisha ein jüdisches Parlament in Vorschlag, dessen Pflicht es sein soll, die jüdischen Angelegenheiten zu überwachen und zu regeln. Der Sekretär des Obcrrabbiucrs von London erklärte, man werde in der zweiten Woche des Januar über diesen Vorschlag in London beraten. Die Hauptaufgabe des Parlaments werde sein, scheussliche Vorfälle, wie sie in Russland vorkamen, zu verhindern und den Verfolgten pekuniäre Unterstützung zu geben. Als den geeignetsten Ort fiir ein derartiges Parlament bezeichnetc er Frankfurt. Auch der Rabbiner der Zentral- Synagoge in London sprach sich für den Vorschlag aus. Er ist der Ansicht, dass eine Reiorm in dem Rabbiner- und Lehrerwesen der Juden notwendig sei. Die Juden aller Nationen seien reformbedürftig. Unter der! russischen Juden gebe es zwar viele intelligente Leute, aber auch viele, die man fiir die entsetzlichen Vorkommnisse mit verantwortlich machen könne. Den Juden würden ihre Fehler niemals vorgchalten, da die von ihnen selbst gewählten Geistlichen mit ihren Familien von wenigen reichen Leuten abhängig seien und diese nicht zu tadeln wagen dürften. Der Herr Belisha weiss offenbar noch nicht, dass in Basel bisweilen ein jüdisches Parlament tagt, das vom Vertrauen des Jüdischen Votkes getragen wird, freilieh aber auch nicht oder doch nur sehr wenig ״von reichen Leuten abhängig“ ist. Tataren sind eben keine Juden Konstantlnopel, 30. Dezember. Der Spczialkorrespondent der ״Chicago Daily News“, Stanley Washburn, der seit vierzehn Tagen im Becken des Schwarzen Meeres reist, hat den Dampfer ״La France“ gechartert und in verschiedenen Häfen tatarische Flüchtlinge aufgenommen. Dieser, sowie ein anderer französischer Dampfer. ״Douro” mit mehreren hundert Tataren wollten diese im türkischen Hafen Trapezunt an Land setzen. Die türkischen Behörden verhinderten die Landung unter der Angabe, dass die Flüchtlinge keine Pässe hätten. Die Flüchtlinge trefien morgen in Konstantinopel ein. Der französische Geschäftsträger Boppc erklärte der Pforte, wenn man ihre Landung hier verbiete, werde er sic gcwa 11sam vornehmen lassen. — Wcnn’s sich um Juden handelt, mischt man sich n i c h t in die inneren Angelegenheiten eines andern Staates. Parität Ein für die Engherzigkeit der liberalen Stadt Memmingen bezeichnender Vorgang ereignete sich gelegentlich der letzten Stadtratswahlcn. Der seit 15 Jahren dem Gcmeindckollegium angehörende Herr Albrccht Gerstle, zugleich Vorstand der״ israelitischen Kultusgemcinde. war vom vorbereitenden Komitee zur Wahl in den Stadtrat vorgeschlagcn worden. Bei der Wahl selbst, die das Gerncindckollcglum vollzieht, erhielt er jedoch nur eine verschwindend kleine Anzahl von Stimmen. Herr G. erklärte darauf sofort seinen Austritt aus dem Gemeindckollegium mit der Begründung, dass ihm schein* bar von dieser Seite nicht das Vertrauen entgegengebracht werde, wie von den Bürgern. Darauf ging ihm ein Schreiben vom Gemeindekollegium zu, das feststellt, dass das Vertrauen zu seiner Person nicht in Frage gekommen wäre, sondern dass lediglich konfessioneller Gründe halber seine Wahl in den Stadtrat nicht hätte erfolgen können. Sollte Herr Gerstle niemals etwas davon gehört haben, dass es einen Zionismus gibt, so möge er getrost ״lediglich konfessioneller Gründe halber“ sich unterrichten, was das ist. No. 2 I Es ist ja nur ein Jude Von recht roher Gesinnung erwies sich am 27. November der Soldat Heinrich Frisch vom 2. Trainbataillon in Würzbürg. In der Kantine sass der Soldat Tb. Sichel beim Briefschreiben, als Frisch zu ihm hintrat und ihm den Schaum seines Bieres ins Gesicht blies. Sichel bat sich Ruhe aus; Frisch wurde aber noch frecher, schüttelte ihm das ganze Bier ins Gesicht und schlug ihm den Sieirtkrug auf die Nase. Von den anderen Kameraden fcstgchalten und zur Rede gestellt, antwortete er: ״Das schadet nichts, es ist ja nur ein Jude!” Das Kriegsgericht verurteilte den bürgerlich und militärisch schlecht qualifizierten Frisch zu drei Wochen Gefängnis. Am 20. v. Mts. erhängte sich in Frankfurt a. d. Oder der bei der 6. Komp, des Gren.-Regts. No. 12 stehende iiidlsche Rekrut Wollheini aus Berlin. Als Motiv zu der Tat wurde uns von einem Kameraden des Verstorbenen angegeben, dass W. nur auf diese Weis: den Schikanen sonor Vorgesetzten, speziell seines Unteroffiziers, entgehen zu können glaubte. — Das hiesige Blatt brachte nichts über diese Angelegenheit. Rundschau der Presse DER FRA1ND, die grosse jüdisch-deutsche, in Petersburg erscheinende ו ageszeitung. ist von der Regierung verboten, der Herausgeber und Chefredakteur öinzburg ist verhaftet worden. An Stelle des FRAIND erscheint im gleichen Verlage eine neue Tageszeitung: DAS LEBEN. Zwei der besten Redakteure scheiden aus, weil das Blatt immer mehr den Zior.lsmus befehdete. In Odessa erscheint eine neue zionistische Tageszeitung KADIMA in russischer Sprache. Ausserdem wird hi allernächster Zeit ebendort eine weitere grosse zionistische Tageszeitung in jüdisch-deutscher Sprache unter dem Namen DIE HOFFNUNG erscheinen. Die Sozialdemokraten, denen unter den Füssen der Boden von den Zionisten-Sozialistcn abgegraben wird, setzen alles daran, um ihr Zentrum Wilna zu halten. Es ist sehr fraglich, ob ihnen das gelingen wird. Sie gründen zu diesem Zwecke in Wilna hauptsächlich mit Hilfe der deutschen, soll heissen deutsch-jüdischen Sozialdemokratie, eine neue jüdisch-deutsche Tageszeitung DER WECKER für den Bund, mit dem ausdrücklichen Zweck, den Bund bei der Internationale zu halten. Bleibt der Bund jiidisclmational, wie er zu sein behauptet, so setzt er sich in Konflikt mit der ״internationalen" Sozialdemokratic, wird er fiir international erkannt, so biisst er alle seine Anhänger ein. Wir können also dieser Entwicklung ruhig ins Antlitz schauen. Die Herausgeber der in Wilna erscheinenden bekannten hebräischen Tageszeitung HASMAN geben seit dem ersten Januar auch eine jüdisch-deutsche Tageszeitung unter dem Namen DIE ZEIT heraus. Chefredakteur ist B e u A w i g d .־, r. der Leiter der TUSCHIAH und des HASMAN. Die WELT erscheint seit 1. Januar 1906 in Köln. Sie verändert damit ihren Erscheinungsort, aber nicht ini geringsten ihre Tendenz. Denn unverrückbar steht als ihr Leitstern und Endziel jener Satz des Baseler Progratums fest, der seit zehn Jahren ihr Titelblatt ziert. Er ist und bleibt ihr Kampfruf, ihr stolzes Programm. Die äussere Ausstattung des Blattes wird eine wesentliche Ausgestaltung und Verbesserung erfahren. Hand in Hand damit wird die inlialtliclic Ausgestaltung gehen. Die WELT wird als das getreue Spiegelbild der Gesanitbewcgung über alle Ereignisse, die ihre Entwicklung und Zukunft tetreffen, raschest und gründlich berichten. Ein Blatt der jüdischen Moderne, getragen von der Fülle und Vielseitigkeit ihrer nationalen Hochziele! Fiir ernstes Streben nach diesem Ziele bietet die neue Leitung, die Redakteure Bcrthold F e i w e I und Coralnik, Gewähr. ״Unter Zions siegverheissendem Zeichen wird die WELT nunmehr von Köln aus in alle Länder, wo Juden wohnen und Zionisten wirken, hinausflattcrn. Mögen die Zionisten ihr gegenüber überall ihrer Parteipflicht eingedenk sein!" — Ferner wird allen Abonnenten der WELT vom 1. Januar 1906 ab das Organ der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas. ALTNEULAND, Monatsschrift fiir wirtschaftliche Er- Schliessung Palästinas, dessen Jahresabonnement sonst 6 Mark beträgt, zum Vorzugspreise von zwei Mark jährlich geliefert. Gleichzeitig erscheint ALTNEULAND wie bisher, als besondere Zeitschrift, und ferner noch in russischer Übersetzung als Beilage zuJewrcjskazaShisn. Der Leitartikel der neuen Redaktion der WELT beschäftigt sieh mit der Brüsseler Konferenz zur Organisierung der Aus- Wanderung. Darin heisst cs: ״Das zionistische Aktions-Komitee hat sich zum Anwalt in dieser. Sache gemacht; Es hat noch in den schwersten Tagen JÜDISCHE RUND.SCHAU *ד*- *•־יוייזי יייקדיו״יייי,