Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651450--03159-2660075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 20 ’־.No 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Berlin. Die Bruttoeinnahme der Matinee der Komischen Oper zum Besten der Opfer der russischen Judenverfolgung beträgt •»17 Mk. 80 Pf. Der Betrag wurde ohne jeglichen Abzug von Herrn Gregor Herrn Dr. Hildesheimer zum gedachten Zweck übergeben. Glelwltz, 29. Dezember. Die Stadtverordneten- Versammlung bewilligte in ihrer gestrigen Sitzung zum Besten der verfolgten russischen Juden einen Betrag von 300 Mark. Aus einem kleinen Dorfe Eine Dame, die vor kurzem aus Russland in Wien eiligetroffen ist, schildert in dem ILLUSTR. WIENER EXTRABLATT in einer ergreifenden Erzählung die schrecklichen Ereignisse, die sie genötigt haben, die Heimat zu verlassen und die Flucht zu ergreifen. Fräulein Sonja Sasunowa betrieb in Novi-Deucwni, einem Dorfe in der Umgebung von Petersburg, eine kleine Tabakfabrik. Das Geschäft, in dem sic ein kleines Kapital, ungefähr 6000 Rubel, angelegt hatte, ging sehr gut. Ihr Gesellschafter, Herr Dawidow, war ein umsichtiger, unternehmungslustiger Geschäftsmann und verbrachte den grössten Teil des Jahres auf Reisen. Die Fabrik wurde unterdessen von Fräulein Sasunowa geleitet. Dawidow war verheiratet und Vater von zwei Kindern, Knaben im Alter von •1 und 1 Jahre. Ende November begann auch in Novi-Dcrewm. wo übrigens nur wenige Juden ansässig sind, der Pöbel eine drohende Haltung anzunehmen. Unzweifelhaft hatte hierbei die Polizei die Hand im Spiele, wie aus dem furchtbaren Ereignisse hervorgeht, dessen Augenzeugin Fräulein Sasunowa war. Sie erzählt darüber: ״Dawidow war im November von einer geschäftlichen Reise zurückgekchrt. Das sollte sein und unser Unglück werden. An dem schrecklichen Tage, an den ich wohl Zeit meines Lebens denken werde, standen ich und mein Kompagnon im Arbeitssaale. Die Fenster waren geöffnet, da eben eine Pause m der Arbeit eingetreten war. die zur Lüftung des Saales benutzt wurde. Plötzlich hörten wir durch die geöffneten Fenster immer 1 näher kommendes Stimmengewirr und drohende Rufe: ״Haut sie, schlagt sie tot, die Juden!“ Wir eilten entsetzt ans Fen- Ster. Im nächsten Augenblick flog aber schon die Tür des Saales auf und eine schreiende, brüllende Rotte halbtrunkcncr Menschen stürzte aut uns los. An der Spitze kam ein Polizei- Inspektor auf uns zu. Er zeigte mit gezogenem Säbel auf meinen Kompagnon und brüllte den Leuten zu: ״Da ist er ja, der. elende Jude!“ Im nächsten Augenblick versetzte er Dawidow mit dem'Säbel einen wuchtigen Hieb über den Kopf. Dawidow sank blutüberströmt zu Boden und gab keinen Laut mehr von sich. Ich hatte dem Polizisten in den Arm fallen wollen. Nun erhob er auch gegen mich den Sabel. Nur einer von den Arbeiterinnen, die inzwischen in den Saal gekommen waren, verdanke ich meine Rettung. Sie riss mich zurück und rief dabei dem Polizisten zu: ״Sic ist eine Christin!“ Was weiter geschah, kann ich nicht sagen, denn ich f:ei in Ohnmacht. Als ich daraus erwachte, befand ich mich bei Freunden vorübergehend in Sicherheit. Sie hatten sich auch der auf so schreckliche Art zur Witwe gewordenen Frau Dawidow und ihrer Kinder angenommen. Die Fabrik war von der mörderischen Rotte zerstört und bis auf den Grund niedergebrannt worden. Was war nun zu tun? Wir waren Bettler. Ausser meinem Schmucke von geringem Werte besassen wir zusammen nur 22 Rubel die Ich an diesem Unglückstage für eine Rechnung einkassiert hatte. Verwandte oder vermögende Freunde besass Ich nicht ausserdem wollte ich die unglückliche Frau mit ihren Kindern nicht im Stiche lassen. Es blieb uns also nichts übrig, als den Versuch zu wagen, ob wir über die Grenze gelangen könnten. Ich verkaufte meinen Schmuck, und' das Geld reichte knapp hin, um für mich und die Familie Dawidow die Eisenbahnkarten bis Lodz zu lösen. Auch hier waren schreckliehe Judenverfolgungen ausgebrochen, und viele Flüchtige wollten nach Petersburg, weil sie glaubten, dass es dort sicherer sei Von Lodz aus mussten wir die Wanderung nach der Grenze zu Fuss fortsetzen. Ich band das jüngere Kind Frau Dawidow auf den Rücken, das ältere trug ich selbst. So wanderten wir mühselig auf da» elenden Strassen der Orenze zu. Wenn sich unser nicht ein braver, alter Bauer erbarmt hätte, der uns auf seinem Schlitten׳ ein gutes Stück Weges mitnahm, so wären wir woW auf dem Wg.ee vor Hunger und Kälte hegen geblieben. Der Mann brachte urv: zu einer jüdischen Familie in der Umgebung־ von Kalisch. Diese nahm uns auf das gastfreundlichste auf und behielt uns zwei Tage and drei Nächte bei sich. Schliesslich gelang es ihr, einen Fuhrmann, der öfter mit Heu- und Strohladungen über die Grenze fuhr, zu überreden, dass er uns über die Grenze schmuggelte. Das jüngere ,׳'־nd musste, um diesen Plan nicht zu gefährden. mit einem Schlaftrunk emgeschläfert werden. Uns verpackte der Manu unter einer Fuhre Heu und fuhr mit uns über die Grenze. Er war den Zojiwächtern bekannt, und sie machten keinen Anstand. Einmal über die Grenze, atmeten wir erleichtert auf. Wir «n eichten mit Hilfe mildtätiger Menschen Breslau. Hier musste ich Frau Dawidow. die vollständig entkräftet war. ins Spital bringen. Die jüdische Kultusgenieimte nahm sich unser an und stattete auch mich mit Kleidern. Schuhen und dem Geld für die Reise nach Wien aus. Nun will ich nach der Schweiz, gelangen, um dort mit meinen Landsleuten zusanunenzutreffen. Ich habe alles vortoren und nn!5s mir eine »;•cuc Existenz schaffen. Posen. Der vor kurzem hier verstorbene Rentier Samuel Gabriel Schönlank vermachte unserer Stadt eine Sehenkung von 10 000 Mark, von deren Zinsen jährlich vier jüdische und vier christliche Bedürftige in Posen unterstützt werden sollen. — Wenn es in unseren Tagen schon durchaus paritätisch zugelien muss bei Vermächtnissen von Juden, dann ist dieser Modus noch der beste, der den Juden wenigstens ihren Anteil auch dann sichert, wenn die Verwalter einmal geneigt sein könnten, ״ohne Unterschied der Konfession“ zu übersetzen mit ״unter Ausschluss der Juden". Kopenhagen. Für die russischen Juden sind ungefähr 55 000 Mark gesammelt. Viele Familien halten liier vorläufige Obhut und lohnende Arbeit gefunden, viele andere sind weiterbefördert worden. — Am 26. Dezember feierten wir liier die Gemeinde- Chanuka-Fcicr, deren zwei Abteilungen für Kinder von 4—8 und für Erwachsene von 9 Uhr in bester Stimmung und mit allen möglichen Überraschungen vor sich ging. Unser sehr beliebter Chasan zündete die Lichter an und unter seiner Leitung sangen ca. 300 Kinder העוז צוד Dr. Heinrich Loewe aus Berlin, der zufällig anwesend war, sprach vom zionistische/! Standpunkte unter grossem Beifall. Dessau. In der hiesigen Anhaltloge hielt D r. Heinrich Loewe am Sonnabend einen Vortrag über das Thema ״Kreuz und quer durch Palästina“. Der Vortrag wurde vom zahlreichen Publikum mit Beifall aufgenommen. Mit gefälschten Sammellisten hat wieder einmal ein? Schwindüer sich glänzende Einnahmen verschafft. Ein aus Bayern stammender Handelsmann Michael Krag, der schon vorbestraft ist. fertigte sich Listen an. beglaubigte sie mit einem von ihm selbst hcrgesteliten Stempel, fälschte dazu auch noch eine Bescheinigung auf den Namen eines Arztes Dr. Werner und suchte mit dieser Ausrüstung wohlhabende jüdische Familien heim, um angeblich Beiträge für die Heilanstalt in Elgersburg in Thüringen zu gewinnen. Alle Beiträge steckte Krag in seine Tasche. Er hätte ein wohlhabender Manu werden können, wenn er nicht endlich ertappt und .estgeiiommcti worden wäre. Die letzten Listen, die jetzt bei ihm beschlagnahmt wurden, enthielten kein./! Beitrag unter 10, dagegen recht viele bis zu 20 Mark. Der Schwindler hat hiernach Tausende von .Mark eingenommen. Allerdings behauptet er, dass er nur für Unternehmer gearbeitet habe, die er aber leider nicht kennt. i Die Juden in Aegypten Die Zahl der Juden in Aegypten belief sich bei der Volks- | Zahlung von 1S97 auf 25 200 Seelen, d. h. 0 26 Prozent der gesamten 9 734 405 Seelen betragenden Bevölkerung. Dem Geschlechte nach waren unter den 25 200 Juden 12691 50,3 Piozent männlich und 12.509 J9.7 Prozent w'eiblich, der Staatsangehörigkeit nach waren 12693 Acgypter und 12 507 Ausländer. Diese gehörten folgenden Staaten an: Italien . 4 348 Frankreich . 3 342 Oesterreich-Ungarn .... 1465 Griechenland.1074 Qrossbritann'icn. 925 Spanien . 409 Russland ......... 314 Persien . 233 Sonstigen Staaten .... 382 Insgesamt Ausländer 12 507

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.