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Jüdische Rundschau · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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סא. a JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 19 Die vorhandenen öffentlichen jüdischen Volksschulen sind zu j erhalten. Die Schulverbändc kömsen jedoch deren Auflösung bei der Schulaufsichtsbehörde beantragen, wenn fünf Jahre nacheinander die Zahl der Schüler weniger als zwölf betragen hat. Ueber das Vermögen der hiernach aufgelösten Schulen wird von der Schulaufsichtsbehörde Bestimmung getrofien. An einer Volksschule, an welche nach ihrer besonderen Verfassung bisher gleichzeitig christliche und jüdische Lehrkräfte angestellt werden können, hat es dabei auch in Zukunft sein Bewenden, sofern nicht die Schulverbünde eine Einrichtung nach Massgabe des Abs. I bzw. der §§ 19, 20 und 22 beschliessen. Die Schulverbünde haben nach Massgabe des £ 21 für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder tunlichst zu sorgen, wenn nicht seitens der Beteiligten der Antrag auf Errichtung einer jüdischen Volksschule mit lediglich jüdischen Lehrkräften gesteht worden ist. Kür die Provinz Hannover usw. wie im Entwurf. Werde mau dan Geiste der Konfessionsschule auch den Juden gegenüber gerecht’ Vielleicht werden die Schwierigkeiten der Aufbringung der Schullasten überhaupt wie der für jüdische Volks- und Religionsschulen im besonderen dadurch beseitigt, dass zur Herbeischaffung des Grundgehaltes entsprechend den Alterszulagen und Ruhcgchaltskassen Regierungshezirks-Grundgchaltskasscn errichtet werden. Doch mag diese Frage entschieden werden, wie sie wo'lc; bezüglich der jüdischen Schulen handelt es sich nicht um den Kostenpunkt, sondern um eine Frage der Gerechtigkeit und eine solche Frage entscheidet nur das Gerechtigkeitsgefühl. Russische Juden Zur Verläumduug des Hilfswerks Während man allerseits Gelder für die Deutschen in den Ostseeprovinzen sammelt, und Juden es sind, die für die ..deutschen S t a m m c s genossen" Gelder über Gelder geben, für die wirklich in schmachvollster Weise geplünderten Juden kaum einige Nichtjuden in die Tasche fassen, wird von judenfeindlicher Seite die Ausstreuung gemacht, dass die für die russisehen Juden jüdischerseits gesammelten Gelder zu Revolutionszwecken verwendet würden. Damit will nun den Selbstschutz der Juden trefien. So vernünftig, die jüdische Selbst wehr ausgiebig zu unterstützen, um die christlichen Mitbürger hi der Ausübung ihrer Propaganda von der Lehre vom jüdischen Rachegott etwas einzuschrunkcn, sind aber unsere reichen Juden im Allgemeinen gar nicht. Die Persönlichkeit der mit der Ausführung der Hilfsaktion für die russischen Juden in Russland selbst betrauten Leute schliesst auch, wie Dr. Paul Nathan versichert, jeden Missbrauch der gesammelten Gelder zu einem anderen als dem bestimmten wohltätigen Zweck aus, und die Ausstreuung, dass die Gelder zum Teil zum Waffenankauf verwendet würden, entbehrt jeglicher Begrfmdung. Zu ihrer Meldung, die für die Juden in Odessa cingegangenen Hilfsgelder würden auch zur Förderung der Revolution verwandt, erhält die ״KÖLNISCHE ZEITUNG“ vom ״Hilfsverein der deutschen Juden“ die Mitteilung, dass jegliche Unterstützung der Revolutionäre ausgeschlossen sei. Eine jüdische Abordnung, die dieser Tage von derartigen Gerüchten hörte, wandte sich an den Minister Witte, um gegen die Anschuldigung Einspruch zu erheben. Witte erklärte der Deputation, es handele sich um ein lächerliches Missverständnis, doch sei es zu bedauern, dass der uneigennützigen und nützliehen Tätigkeit des jüdischen Hilfskomitees im Auslande auf solche Weise Schwierigkeiten bereitet werden. Wir möchten uns nachdrücklich dagegen verwahren, dass die grosse jüdische Bürgerschaft, deren ״Selbstwehr" Herr Witte durch sein Dulden der Progroms notwendig macht, ohne weiteres zu den ..Revolutionären" geworfen wird. Das hat auch der ״Hilfsverein“ in seiner Erklärung sicherlich nicht einmal a!)dcuten wollen. Witzige Russen Fast sämtliche politisch-satyrischeu Blätter gehören de1׳ radikalen Richtungen an. Nur die antisemitischen Gegner Wittes gaben ein satyrischcs Flugblatt heraus, dass sie ״Veits-Tanz“ (Wortspiel mit dem Namen Wittes) betitelteil. Unter den ״Annoncen“ dieses Flugblattes befindet sich eine an erster Stelle, in welcher der Verkauf der neuen Zigarettenmarken ״Witte“ und ״Spitzbube“, das Stück zu einem Kopeken angekündigt wird. Die Firma zeichnet sich .,Alliance Israölite.“ Auf der letzten Seite befindet sich eine andere Anzeige, die lautet: ״Man wünscht abgelegte, gräfliche (echte) Manieren zu jedem annehmbaren Preise zu kaufen. Dortselbst werden Ministerportefeuilles und Gcwisscnsrcste verkauft. Hauptpostamt. Chiffre S. J. W. (Sergej Juljewitsch Witte. Red. d. Korr.) mit gräflicher Krone.“ In verschiedenen Telegrammeu“ und in der ״Chronik" werden die Juden, die Revolutionäre. d e Liberalen etc. verhöhnt und oft nicht ohne Humor. Witte seihst aber ist bekanntlich ein Freund von Juden nur insoweit, als sic reich sind, nicht in Russland leben und zu russischen Anleihen die Gelder hergeben. Iti der ersten Januarwoche ompfiug er eine Deputation von russischen Juden und sagte ׳hneu ganz offen, dass sie gar keine Aussicht haben, volle Emanzipation von der Reichsduma zu erlangen. Nichtsdestoweniger würde die Einführung eines verfassungsmässigen Regimes immerhin eine Besserung in der Lage der russischen Juden herbeizuführen. Zu gütig. Herr Witte! Eine Tat unter Tausenden Zwei russische jüdische Flüchtlinge, denen mangels der nötigen Auswc spapicrc die Ueberschreitung der rumänischen Grenze bei Uitgheni verwehrt wurde, sind von Kosaken au Pfähle gebunden und verbrannt worden. Waisenkinder Der ״HHfsvereln der Deutschen Juden*4 hat gemeinsam mit der Grossloge des B'nei Brith-Ordens für Deutschland, zum Zwecke der Feststellung, wie viele Waisen in Deutschland untergebracht werden können, an die grosseren jüdischen Gemeiuden, Logen, Vereine usw. in Deutschland ein entsprechendes Schreiben zur Versendung gebracht: ״Einen Teil der Waisen wird man in Russland unterzubringen in der Lage sein. Jene aber, die auf diese Weise nicht versorgt werden können, werden in den einzelnen westeuropäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten von Amerika guter Obhut und guter Erziehung anzuvcrtraucn sein. Es ergibt sich damit für uns die Pflicht, einen Teil dieser unglücklichen Kinder auch in Deutschland erziehen zu lassen. Wir bitten daher ganz ergebenst, dass Sie in der dortigen Stadt giitigst feststcllen wollen, ob daselbst und unter welchen Bedingungeu russische Waisenkinder unterzubringen sind.“ Das Kuratorium der Israelitischen Erziehungsanstatt zu Ahlem hielt kürzlich in Hannover seine diesjährige ordentliche Sitzung ab. Der Vorstand erklärte unter allseitiger Zustimmung der Anwesenden, dass er es für eine Pflicht der Anstalt betrachte, sich an der Erziehung verwaister russischer Kinder, die bei den letzten Greueln ihrer Eltern beraubt worden sind, vorzudsweise Mädchen, zu beteiligen. Der judenfreundliche Witte Wien. Am Sonnabend. 31. 12״ fand ln Wien eine Ver- Sammlung geflüchteter russischer Juden statt, in der mitgeteilt wurde, dass gegenwärtig in Wien etwa 150 russische Juden als Flüchtlinge in bitterster Not leben. — Mehrere Teilnehmer der Versammlung richteten an Witte ein Telegramm mit der Bitte, aus Staatsmitteln eine Summe zur Linderung der Not der vertriebenen russischen Untertanen zu bewilligen. — Darauf kam an den Präsidenten des Oestcrreichisch-russischen Hilfsvereins Dewoniski folgendes Telegramm Wittes: ״Ich bedaurc lebhaft, ausser stände zu sein, Ihrem Gesuche weitere Folge zu geben. Graf Witte.” — Er kann Geld von den Juden nehmen. — Aber geben? Nein, Jude, das ist etwas ganz Anderes. Jüdische Flüchtlinge Thorn. Infolge des grossen Andranges, namentlich wohlhabender polnischer Juden sind alle verfügbaren möblierten und leeren Zimmer in der Innenstadt vollständig vergriffen, und schon suchen die Flüchtlinge• auch in den Vorstädten Wohnungen. — Das Strassenbild hat sich gegen früher vollständig geändert. Während zurzeit des Krieges und*kurz nach demselben der Verkehr der Polen mit und in Thorn fast gänzlich aufgehört hatte, begegnet man jetzt auf Schritt und Tritt russischen und polnischen Juden. Die hiesige Geschäftsweit ist mit dem Besuch sehr zufrieden, da, wie gesagt, die Flüchtlinge meist bessersituierte Leute sind. Neue Pogrome Wie die RUSSISCHE KORRESPONDENZ aus Moskau berichtet, fürchtet man dort den Ausbruch neuer Judenhetzen, umsomehr, als der bekannte Antisemit Schmakow an die Spitze der Stadtmiliz gestellt wurde. Für den 22. Januar ist in ganz Südrussland der Ausbruch neuer grosser Verfolgungen zu erwarten. Aus Gorodlschtsche (Gouv, Kiew) wird vom 31. Dezember der Ausbrucli einer Judenhetze gemeldet, die zwei Tage währte. Vom Hilfswerk London, 1. Januar. Lord Rothschild machte dem Vikar des meistens von Armen bewohnten Distrikts, Tottenham, das Anerbieten, die Kosten der Auswanderung von 200 Familien nach Kanada bestreiten zu wollen.

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