Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 16 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. •2 anlässlich de! bevorstehenden Wahlrcform und der Frage der Wahlrcform respektive der Kreierung einer speziellen jüdischen Wahlkurie. Diese Reichsrats־ und Landtagsabgeord.'ieten vertreten ausnalmtslos die Assimilation, da sie kein jüdisches Volksintcresse. sondern lediglich das Interesse der reichen Leute und das Bestreben haben, ,.s ich nicht zu erkennen zu geben“. Nach lebhafter Debatte gelangte eine Entschlicssung zur Annahme, in welcher sich d e Versammelten gegen die Errichtung einer jüdischnationalen Kurie und Schäftung der jüdischen Autonomie aussprachcn, ״weit׳ sie dieschcn — man höre und staune!.— für die Zwecke der Verteidigung der jüdischen Interessen und der Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern dieses Staates וווr schädlich halten“. Als Demonstration gegen die Beschlüsse dieser Konferenz fand gleichzeitig.eine zionistische Massenversammlung statt, auf welcher die entgegengesetzten Forderungen erhoben wurden. Nach der Versammlung rangierten sich zirka 500 von den Teilnehmern. Akademiker und Handclsangestellte. zu chtctn Demonstrationszuge uttd zogen unter Vorantragung eh־er Staudartc in blau-weissen Farben vor die jüdische Gcnicindckanzki. Während ein Teil der Demonstranten auf der Strasse wartete, begab sich der andere Teil in das Gebäude selbst, kam zum Sitzungssaal und verlangte, dass das Volk an der obenerwähn־ ten Konferenz teilnehmeu dürfe. Als ihnen dies unter dem Vorwände des vertraulichen Charakters der Konferenz verweigert wurde, warfen sie hunderte von Zetteln in den Saal mit der Aufschnt: ״Fort mit der Clique!“ Darauf Hessen die Kouferenzler die Polizei requirieren, welche die Denmnstr.au־ ten aus dem Saale .hinausdrängte. Hier bei wurden zwei Zionisten auf'Wunsch der indischen Kouferenzler verhaftet, von der PoHzei aber bald wieder aut freien Fuss gesetzt. Zu dieser Nqchricht. die von Byk nahe stehender Seite in alle Blätter in entstellter Form lanziert wurde, gibt in der WELT Julius U p r z i m n y in nicht misszuvcrstclicndcr Weise unter der Aufschrift ״M a u s c 11 e I auf dem Kriegspfadc“ eine Aufklärung, die sich Herr Dt. Byk. wie wir ihn kennen, ruhig einstecken wird, ohne den Ort aufzufinden, wo man für solche Angriffe Genugtuung findet. Uprzimny schreibt: ״Wir dachten, die Xcuberin hätte ihn auf Verlangen Gottscheds verbrannt: damals hiess er Hanswurst. Wir dachten. Herzl hätte den Mauschel ausgerottet. Weit gefehlt! Da ist er ja und bläht sich in seiner Ehrcnstclluug als Faktotum und Hausjude des Polenklubs. Hoch Dr. Byk. der Politiker! Bestreitet m*ir ja nicht, dass er ein Politiker ist — politisch durch und durch, bis auf die Knochen mit Ausnahme des Rückgrates, das ihm fehlt. Allerdings nicht für sein Volk, aber im eigenen, persönlichen Interesse ist er äusserst. politisch. Er weiss. wie man Reichstagsabgeordneter wird und bleibt. Man muss einfach nur schweigen, wenns der hohe Herr gebietet* und reden, wenn es an der Zeit ist. Wenn zum Beispiel den Juden etwas passiert ist. etwas Himmelschreicndes. etwas, das so gross ist als Unglück wie die Ünveriroren־ heit des Dr. Byk. vielleicht die Polnacr Affäre oder die russischen Judenrnetzeleien — seht ihr, Kinder, dann ist cs Zeit, zum Schweigen. Denn die Regierung war dem Polenklub immer gefällig und da wird cs doch nicht etwa ein frecher Jude wagen, wie ein .Mann aufzutreten? Da stülpt man die grosse politische Schlafmütze über den Kopf und überhört das Schreien der Juden über ein Versprechen des Klubführers, nächstens wieder gewählt zu werden. Andere Pariamen־ tarier leben vom Reden. Dr. Byk erhält sich durch• Schweigen. Da kommt nun ein geschichtlicher Augenblick für ein Zehntel des jüdischen Volkes herbei. Den österreichischen Juden bietet sich die Gelegenheit, nationale Autonomie zu erlangen. Möglich, dass sie nur ein schöner Traum bleibt, aber niemand darf sich in einem solchen Augenblick des Müssigganges. der Passivität schuldig machen, am allerwenigsten die parlamentarischen Vertreter. Dr. Byk weiss das auch und richtet sich danach. Nun also. Heil dem Wackeren! Die Völker stehen einander mit dem Messer gegeniiber. da hat sich wohl auch Dr. Byk die Waffe geschliffen? Stimmt* Jetzt ist Reden politisch und Dr. Byk redet. Das Interesse des Polenklnbs ist gegen die jüdische Autonomie und das löst unseren! Politiker die Zunge. Und er zieht denn auch mit dem Messer aus. mit dem von bekannten Praktiken und Mogeleien vergifteten Messer, gegen alle guter! Juden und jeden Gedanken an jüdische Ehre und vernünftige Politik." —-Müssen wir uns wirklich vor aller Welt die brennende Schmach gefallen lassen, dass ein paar Individuen, die durch Gnade des Polenklubs und politischen Schacher in parlamentarische Körperschaften gekommen sind, unsere Ehre mit Füssen treten, indem sie unsere angebliche Entschlossenheit verkünden, Lakaien und Schlcppträgcr der anderen zu sein? Haben sielt diese Menschen auch versammelt, als die OktobcrgrcucI kamen? Und nun kommen sie und entscheiden patzig und protzig in einigen Stunden über eine Lebensfrage der österreichischen Juden und tun so. als wären sic die Kompetenz in dieser Sache. Heraus mit euren Gründen, ihr Hausjuden der Scblachzizen unter dem rühmlichen Kommando Dr. Byks! Warum ist es schädlich für unsere immer bedrohten Interessen, Leute zu haben, die im Parlament das Wort und Zutritt zu allen Instanzen haben? Zu unserer grössten Verwunderung sehen wir auf einmal, dass es eigentlich schon solche Leute gibt. Aber wo w׳arcn denn bis jetzt diese Abgeordneten, die mm plötzlich sich so iippig gebärden? An euch war doch wohl die meiste Gelegenheit, zu reden. Aber Ihr habt immer bei eurem Weinstock und Feigenbaum gesessen, Hab und Gut und Leben eurer Brüder waren euch Hckuba. —-Ihr habt berechtigte Furcht vor der Abrechnung. Ihr wisst, dass eure Herrlichkeit von Sclilachzizengnaden, die ihr für den Verkauf eures Volkes cingehandelt habt, den Tag nicht überleben wird, an welchem das ehrliche Judentum zu Worte kommt. Wozu die stundenlange Debatte, die ihr in Lemberg geführt habt? Euer Standpunkt war von vornherein gegeben und der Beschluss hätte längstens fünf Minuten gedauert. Vielleicht, dass einige wirkliche jüdische Vertrauensmärincr sich gewehrt haben. Ihr habt aber gleich einen Teil der Antwort auf eure Schamlosigkeit bekommen. Die Polizei hat euch vor der Liebe, die ihr verdient, beschützt. Aber der Wahltag wird ein Zahltag sein. Dann werdet ihr hoffentlich die ganze Antwort bekommen, auch wenn der Polenklub euch iiir trcugelcistcte Dienste ein paar Einpeitscher mehr zur Veri'iigung stellen sollte.” Zur seihen Angelegenheit gebt noch folgende Meldung ein: Rzcszow. Eine hier abgebaltene tausendköpiige jüdische Versammlung protestierte gegen die Berufung eines Oemeindetages durch Dr. Byk und sprach diesem ihre Entrüstung aus. Die Versammlung dtr Kultusvorst.'inde sprach sich gegen eine jüdiscl1:1a!io:!a!e Kurie und Schaffung einer jüdischen Autonomie aus. weil diese für die Zwecke der Verteidigung der jüdischen Interessen und der Gleichberechtigung mit den anderen Bürgen! dieses Staates schädlich seien. Aus dem Bayrischen Vaterlande Wie in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU schon anderweitig zu lesen war. ist die zionistische Bewegung in München glücklieh über den Stillstand der letzten Zeit hinweggekommen. Das beste Zeichen dafür ist die Entstehung zweier nationaler Vereine, die beide famos gedeihen - der Frauengruppc und der Verbindung ״Jordania". Wie nun schon gemeldet, ist das den Herren von der K I! i 11 e M ii n c h e n mehr als ein Dorn im Auge. Vergehens war also die Ignorierung der letzten Jahre, unterbrochen allerdings von einigen mehr oder minder gröberen Taktlosigkeiten der massgebenden jüdischen Faktoren. Gebucht und der Nachwelt überliefert muss jedoch das letzte Vorgehen der hiesigen ..Stützen der jüdischen Gesellschaft" werden. Von dem Geständnis des ersten Vorstandes der Gemeinde, Herrn Dr. Ofner, der Zionisten gegenüber in öffentlichen Ver- Sammlungen nicht einmal den gröbsten parlamentarischen Anstand wahren will, ist schon gesprochen worden. Würdig ihm zur Seite steht der Protestrabbj. der sogar die ״Religion s"stundcr1 benutzt, um der zionistischen Bewegung etwas anzuhängen fz. B. sic w ürden sich taufen lassen etc. etc.) Allein die Menge ist so gross, dass wir uns darauf beseht.Inken müssen, einige wirklich horrende Vorfälle_7.u verzeichnen. Da existiert hier ein Kindergarten, an dem eine junge Dame mi»\virkt. Nun wurde sie auch einmal als Gast in die zionistische Ortsgruppe cingefiihrt. Von ungefähr wurde das Verbrechen ruchbar und unsere Gegnerschaft (in diesem Falle ein Herr Dr. Felix Feuchtwangcr) liess cs sich angelegen sein, diese Seele 7u retten. Man stellte ihr vor. ihr zionistischer Verkehr könne von den Herren, die dem Kindergarten jeweilig Geld geben, übel ausgelegt werden. Es ist den Herren gelungen — und das wollen wir an dieser Stelle offen gestehen, die junge und leicht' einzuschiichtcrude Dame von weiterem Umgang mit den Zionisten behütet zu halten. Wie oft solche Manöver ausgcfiihrt werden, entzieht sich leider unserm Biick. Wer sind nun jene famosen Gönner des Kindergartens deren jüdisches Herz und Gemüt durch die zionistische Gcsinnung eines weiblichen Wesens, die allerdings für ihre Mühe Und Hilfeleistung für die Erziehung von Kindern auch einige |I1;|p» ןן . 1,n| ו 11)11' 1|1 I■ Ml •in ***״יי