Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 15 No 2 diese besonderen Aufgaben zu lösen. Dass diese durch den Kampf gegen den Absolutismus, wie ihn die D.-K. verstehen, nicht erschöpft werden, dessen war sich der Kongress sicher bewusst. Der zweite Weg, der sich dem Kongresse bot, war nach der Meinung einiger ursprünglichen Gründer des Verbandes, ihn in eine föderative Organisation umzugestaltcn, d. h. er sollte in sich alle existierenden politischen Jüdischen Parteien zu gemeinsamer Arbeit vereinen. — Der Hauptgrund, den die Verteidiger dieses Planes für ihre Idee, dem Verbande die oben ausgeführte Form zu geben, anführten, war der, dass innerhalb aller Parteien und im Judentum der Bruderkampf statt der Einigkeit herrscht, wodurch naturgemüss der gemeinsamen Sache kein geringer Schaden zugefügt wird. — Aber auch dieses Projekt fand nicht die erhoffte Sympathie des Kongresses und wurde, gleich dem ersten, verworfen. Und in der Tat ist der Gedanke, auf politischem Boden einen Block der Jüdischen Parteien zu gründen, sowohl utopistisch als schädlich. Die jüdisch-revolutionären Parteien sind so selbständig und so aktiv, dass eine Verbindung mit diesen ihnen nur zum Hemmschuh werden könnte. Und die anderen Gruppen, auch die oppositionellen, werden in keinem einzigen Punkte der praktischen Politik zu einem übereinstimmenden Ergebnis mit den erstgenannten kommen können. Ein Beweis hierfür ist ihr Einverständnis mit der Boykottierung der Reichsduma, die im Zirkular vom 6. S. 05 zugestanden worden ist. Im besten Fall würde der Block den Wert jenes bekannten Abkommens zwischen einem Mann und seinem Weibe haben, das einer der Kongressddegicrtcn mitteilte. ״Wenn du mit mir einverstanden bist, sagte der Mann, soll es sein, wie du cs möchtest. Wenn du aber anderer Meinung, als Ich, bist, — soll es sein, wie ich es will." Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Rolle des Gatten nicht von denen gespielt worden wäre, von denen die Initiative zum Zusammen- Schluss ausgegangen wäre. Nun der dritte Weg, der gewählt wurde: es war der, den Verband für die Erreichung der Gleichbcrcchtigung des Jüdischen Volkes in Russland nicht nur zu einer politischen Organisation zu gestalten, sondern ihm auch hauptsächlich nationale Ziele zu stellen. Bis zu einer gewissen Zeit wird der Verband die einzige Vertretung der russischen Judenhcit sein, die eine gewisse Aehnlichkeit mit einer wahren Volksvertretung hat. Insofern er in seiner Eigenschaft als politische Einheit auftreten soll, muss er die- Jenige Meinung ausdrücken, die jetzt innerhalb der Judcnheit vorherrscht. Diese ist natürlich oppositionellen Charakters, wird sich also gegen das absolutistische Regime richten und mit ihm keine Verbindung eingchen. Er wird dabei keine revolutionäre Organisation darstellen dürfen — ob er will, oder nicht — sondern sich auf eine passive Unterstützung des Freiheitskampfcs, der auch die Hoffnung für Erlangung der Gleichberechtigung unseres Volkes verwirklichen helfen soll, beschränken. Zugleich muss sich der Verband seines nationalen Charakters bewusst sein, und dann hat er die Perspektive einer weitausgreifenden Tätigkeit. Wiewohl es schwer ist, jetzt eine scharfe Grenzlinie zwischen politischer und nichtpolitischer Arbeit zu ziehen, ist es innerhalb einer jüdischen Organisation dennoch möglich, zwischen ״äusserer” und ״innerer" Politik zu scheiden. Nach ״aussen" arbeitend, wird der Verband sich nolcns volcns auf eine passive Rolle beschränken müssen. Nach dieser Richtung hin wird seine Tätigkeit nur darin bestehen, die Idee, die er vertritt, eine Gleichberechtigung des Jüdischen Volkes zu erlangen, auszubreiten und die ihm hierbei uiitgcgenwirkendcn Kräfte zu bckämpfen. Nach ״innen" erwächst ihm dafür eine desto höhere Aufgabe: die ganze jüdische Freiheitsbewegung zu heben, sie nicht politisch, wie die einen es gewollt, sondern national zu koordinieren. Die Revolution kostete die Juden mehr, traf sie schwerer als Irgend einen und wird Ihnen wen!- ger geben als Irgend einem. Diese Wahrheit kommt uns immer mehr zum Bewusstsein, und ein Ausweg aus dieser prekären Situation ist nur auf dem Wege der Schaffung einer eigenen jüdisch-nationalen Politik möglich. Diese erfordert aber vor allem das Vorhandensein eines Organs, welches die Grundlagen unseres Programms ausarbeitet, seine Verwirklichung in die Hand genommen und seine Anerkennung erkämpft hat. Die moralische Bedeutung einer solchen nationalen Einigung, die selbstverständlich die Uebcrzeugung der Parteien auf sozial-ökonomischem Gebiete gar nicht berührt, ist im gegenwärtigen Zeitpunkte, da das ganze Volk ohne Unterschied seiner Stellung zum Freilicitskampfe, ungeheure Opfer gebracht hat, (deren Ende übrigens noch_garnicht ab- Zusehen sind) sehr gross, fm Laufe der Zeit wird die jüdischnationale Verwaltung auf die Gestaltung des inneren Lebens der Judenhcit und des Judentums einen nicht zu unterschätzenden Einfluss ausüben können. Dann wird die Verteidigung unseres Lebens und unseres nationalen Erbgutes endlich in Händen des Jüdischen Volkes sein. Indem der Kongress sich auf diesen Standpunkt gestellt hat, hat er grosse und ernste Verpflichtungen übernommen. Ob und wann es gelingen wird, sie zu verwirklichen, wird die Zukunft zeigen.*) Aber dadurch, dass der Kongress zu einer nationalen Vereinigung geworden ist, hat er zum ersten Male die Einheit der Judcnheit in Russland proklamiert und eine fruchtverheissende Idee in die Masse des Jüdischen Volkes gebracht. ' In diesem Sinne begrüssen wir den zw׳cften Kongress. Nationale Kurie — Jüdische Autonomie Bei uns Juden muss das alte Wort vom schwachen Gcschlecht׳■ modifiziert werden. Es muss heissen ״und der grosse Moment fand ein reiches Geschlecht". Jetzt, ־wo in Österreich sich durch die cv. Schaffung nationaler Kur km die Gelegenheit bieten würde, dem Judentumc und dem Judenvolke die wirkliche Gleichberechtigung im Nationalitätenstaate zu erkämpfen, sind cs die reichen polnischen Judea die dem Judenturne dank ihrer reichen Privatinteressen schon so manchen Schaden geleistet haben, die dank der Macht, die sie als Kultusvorstände haben, gegen die neueste Phase des jüdischen Freiheitskampfes auftreten. Wann cs je etwas Jüdisches gcgeben hat, ist es noch immer von Dr. Byk und seinen Geldbeutelgenossen aufs grimmigste bekämpft worden, so jetzt das sdbsverständlichc Streben nach Erlangung einer nationalen Kur:e. in der cs freilich recht unwahrscheinlich sein würde, dass die Herren vom Polenklub noch weiter die Judenstimmen zu fangen imstande wären. So fand am ersten christlichen Wcihrachtstage auf Einladung־ des Rcichsratsabgeordneten Dr. Byk im Saale des hiesigen jüdischen Gemeindehauses in Lemberg eine ״vertrauliche" Konferenz der jüdischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Galiziens sowie der Vertreter solcher Ki'ltusgcrneindcn und anderer jüdischer Vertrauensmünner aus ganz Galizien statt, wie sic den exklusiven Kreisen angeboren, die sich von anderen gaiizischcn Juden durch ihren Reichtum unterscheiden. Man beriet über d־*e von jüdischnationaler Seite befürwortete Schaffung jüdischer Wahlkurien *) Am Kongress nahmen u. a. teil: Winatver, Rattner, Dr. Schemarjah Lcw’in, Grusenberg. Ussischkin, Schabotinsky. Viele die zur Teilnahme hinreisten, wurden unterwegs durch den Eisenhahnstreik fcstgehaltcn. Von Bedeutung ist cs, dass Ussischkin zum Leiter des Kongresses und damit der Ocsamtorgan'isUon der russischen Juden gewählt wurde. Es wurde beschlossen, baldigst einen allgemeinen Judenkotigress in Russland einzuberufen, der aus direkten allgemeinen Wahlen — auch Frauen haben Stimmrecht — hervorgelxm soll um möglichst die wahre, unbeeinflusste Mcüiung der gesamten russischen Judenschaft zum Ausdruck zu brlucfen. fm ailgemeitien fordert man verfassungsmässige Gleichberechtigung der Juden unter Garantie jüdisch-nationaler Schulen mit jüdischer Sprache und jüdischer Gemeiudeautonomie. Sonst decken steh die Forderungen vielfach mit denen der dcmokratischkonstitutionellen Parteien. (Red.) יייי״י״■ ■»«— t* ״י׳ -י י Mrmj «יי■w.w *׳ y■׳??-