Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 2 worfen, das ich all’ den jüdischen Frauen meiner Bekanntschaft vor Augen halten möchte — denn in der Tat, solche Jüdinnen kenne ich nicht wenige — und eine davon bin ich ja selbst. — Ich muss leider gestehen, und Sie wissen es ja ohnedies — ich intcressiere mich für alles mögliche, nur nicht für mein Volk und für meinen Glauben. Nichts, gar nichts wollte ich vom Judentum wissen, aber — und das könnte vielleicht meine einzige Rechtfertigung sein — ich wusste auch nichts von ihm. Niemand hat mir etwas Gutes und Grosses von ihm gezeigt, ich war schon von Haus aus gewohnt, es stets im hässlichsten Lichte zu sehen. Meine Eltern — die Mutter“ — doch hier brach sie weinend ab und mir klang das oft gedachte Wort ins Ohr: Die Mutter klag’ ich an — Sie hat nicht recht getan. — Ja, die Mutter — die Mütter — wenn diejenigen von ihnen, die ihre Kinder in solch unverzeihlicher Unwissenheit über die Art, die Geschichte und die Vergangenheit ihrer Abkunft heranwachsen lassen — wenn sie sogar einen ״stummen Protest“ gegen dieselbe nähren und gross ziehen — wenn sie nur einen Teil der hohen Verantwortung, die mit ihrem neugeborenen Kindiein in ihre Arme gelegt wird, empfänden — wenn sic nur eine Ahnung davon hätten, dass jedes Kind mit dem ״Krönrecht“ zur Welt kommt, in seinem ״Glauben“, seinem ״Volks• tum“ erzogen und unterrichtet zu werden, — es wäre vieles anders. — Diese Worte blieben zwar ״ungcsprochen“, wir wraren beide zu ergriffen, um deren viele zu wechseln — aber wir empfanden, dass sie eine stumme Zwiesprache zwischen uns bildeten. Und als ich dann Abschied nahm und die ״neugewonnene Freundin“ mich um jüdische Lektüre bat, da wusste ich, dass die stolze, moderne Dame sich gewandelt hat — In ein jüdisches Weib. Elise Gut mann. Ein jüdischnationaler Kongress in Russland Aus dem Russischen von A. Gurland-Dessau. Der in der Zeit vom 22.-25. November in Petersburg stattgehabte Kongress der Vertreter des Verbandes zur Eriangung der Gleichberechtigung für das Jüdische Volk in Russland ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben des Jüdiso sagte er ״ja,“ denn das sagt man meist, wenn man nichts versteht Und er erzählte seinem neuen Bekannten weiter, dass er erst heute Abend nach Berlin gekommen sei, und niemanden in der Stadt kenne. Da würde es aber Zeit sich nach einem Hotel umzuschen, lautete die Antwort, und beide erhoben sich, um ihre Schritte dem Tore zuzulenken. Als sie zutn Brandenbürger Tore kamen, hatte der Jüngling reichlich Gelegenheit, die schönen hohen Rundbogen und die Gruppe oben auf dem Tore zu bewundern. Er fragte seinen Begleiter, ob die Gruppe dort oben irgend eine symbolische Bedeutung habe. ״Jawohl,“ erwiderte der Bankier, ״das ist die Siegesgöttin Viktoria, sie heisst gerade so wie die Konigin von England. Das ist doch das bekannte Denkmal, das der Korse Napoleon nach Paris mitgenommen hatte, und das wir in so grossartigen Siegen zurückerobert haben. Jedesmal, wenn ich an das Tor hier komme, so sage ich mir immer stolz: Wir haben die dreitägige Schlacht von Leipzig doch nicht vergeblich geschlagen. Kein Volk, keine Nation der Welt kann sich solcher Siege rühmen wie wir.“ ״Freilich“, sagte Ben-Jekutiel, ״wo ist eine Nation sehen Volkes während der letzten bedeutungsvollen Zeit. Wir werden in den nächsten Nummern kurze Auszüge aus den Verhandlungen dieses Kongresses bringen, dem trotz der ungünstigen Zeit Verhältnisse, viele Vertreter aus der Provinz beiwohnten. Für heute nur einen kurzen Blick auf die dort geleistete Arbeit. Dem Kongresse lagen eine ganze Menge von Fragen vor: politischen, programmatischen und organisatorischen Charakters waren sie, — aber den Kernpunkt aller Diskussionen bildete immer wieder die einzige, hauptsächlichste Frage: w׳as stellt der Verband vor, und was muss er sein? Alle anderen Fragen erschienen nur, so wichtig sie naturgemäss waren, als Form gegenüber diesem Inhalte, der Kardinalaufgabe, die der Kongross auf die eine oder die andere Weise lösen musste. Es standen ihm drei Wege offen. Der Verband, als eine rein politische Organisation betrachtet, die ihr Ziel — (Erreicliung der Gleichberechtigung des jüdischen Volkes —) auf den! Wege politischer Arbeit verfolgt, die, nach aussen gerichtet, aber doch dazu beitragen müsste, jenes demokratischc System zu verwirklichen, das der Wilnaer Kongress als die einzige Basis für die Erreichung der Gleichbcrechtigung der Juden betrachtet hat. Als politische Organisation musste der Verband fundamentale Aenderungen über sich ergehen lassen und als politische Partei mit einem bestimmten bis in alle Punkte hinein ausgearbeiteten Programm sich konstituieren. In dieser Gestalt hätte der Verband natürlich einen bedeutenden Teil seiner Anhänger eingebiisst, aber er hätte, der Meinung derjenigen nach, die das Prograrnnfuntcrstiitztcn, an Kraft und Bedeutung gewonnen, indem er sich mit einer der Parteien vereinigt hätte, die ähnliche Tendenzen und Zwecke haben, z. B. der demokratisch-konstitutionellen.*) Diescs Projekt wurde jedoch verworfen. Denn durch die enge Verbindung mit einer anderen Partei wäre dem Verbände die Möglichkeit genommen gewesen, die eigenen Aufgaben, die zur Bildung einer jüdischen Organisation geführt hatten, so selbständig und so kraftvoll, wie diese es erfordern, zu lösen. Als D. K.*), für die der Sinn der jetzigen Bewegung in ihren Aufgaben und in ihrem Programm liegt, haben die Juden als solche keinen Grund, als eine besondere Gruppe aufzutreten. Das letztere wird nur dadurch bedeutungsvoll, dass der Jude das Bewusstsein und die Erkenntnis von Interessen bekommt, die ihn von detn Nichtjuden unterscheiden und die den Zusammenschluss mit seinen Stammesgenossen erforderte, um *) D. K. heisst Demokratisch-Konstitutionclls. auf der Welt, die ähnliche Erinnerungen hätten wie wir? Kann irgend jemand sich mit unseren Feldherren messen, mit einem Jehuda Makkabbi, mit einem Schimon Tharsi oder mit Hyrkanos? Und wenn auch Jannai dem Volke schwere Leiden beigebracht hat, ein grosser Feldherr war er doch, das kann niemand leugnen. Nicht wahr, würdiger Greis, wir Juden sind doch ein edles Volk!“ Und dabei freute sich Ben-Jekuticl. dass auch in diesen späten Tagen die Juden eine dreitägige Schlacht gewonnen und ihren Feind Napolöon besiegt hätten, wenn er auch nicht wusste, was das für ein Leipzig und was für ein Napoleon das war. ״Nein, die Juden haben die Viktoria nicht geholt,“ lachte der alte Hen ans vollem Halse, ״das waren die Preussen, und wir Berliner haben ein Recht darauf stolz zu sein. Uebrigens, Herr von Jekutiel, — nicht wahr, so wahr doch Ihr werter Name, -־ täten Sie mir einen Gefallen, wenn Sie mich nicht mit ״würdiger Greis“ anredeten, es mag das in Ihrer Heimat so Sitte sein, aber hier klingt das so komisch. Sehen Sie. wir leben doch in einem kultivierten Lande und im neunzehnten Jahrhundert, also tun. Sie mir den Gefallen und sagen gefälligst: ״Herr Abraham.“ (Fortsetzung folgt.)