Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU ' No. 2 Seite 13 ״ mit meiner Hilfe nach aussen wende? Allerdings wenn uns die nächsten Angehörigen nichts mehr bedeuten, wenn uns jeder Familiensinn abhanden gekommen ist — wie hier — wo die moderne Jüdin alles Zugehörigkeitsgefiihl verloren hat, wo auch die letzte Spur von ״Rassenstolz“ und ״Stammesbewusstsein“ — zu dem sie doch ein Recht, wie keine andere Frau hätte, geschwundcn ist — so ist es nicht zu verwundern, wenn wir da nachhinken, oder gar ganz zurück bleiben, wo wir die Leitung und Führung haben müssten. — Unser grosses erhabenes Judentum — die Flamme, die der ganzen Kulturwelt ״Licht und Wärme spendete — die Quelle, aus der allein sie ihr reines gesundes Wasser geschöpft — wie wird es verkannt, missachtet und verleugnet von — nun zunächst von der eigenen Tochter. — Wie gerne möchten sic, wenn sic eine gewisse soziale Höhe erklommen zu haben meint, sich aus ״ihm“ und ihrem ״Volkstum“ hinausdrücken. Und wo sie dies nicht direkt zu tun vermag, so sucht sie es doch möglichst zu verbergen. — Um alles in der Welt will sie sich nicht als Jüdin betätigen. Sie flüchtet sich mit ihren Idealen, die wohl jedem jüdischen Kinde angeboren sind — hinter ein ״freies Menschentum,“ sie beteiligt sich hervorragend an sozialer Hilfsarbeit, sie bemüht sich eifrig und fleissig um d e ״Damme“, die man der verheerenden Flut gesellschaftlicher Auswüchse bauen will. — Voll Mut und Ausdauer ist sie überall am Rettungswerke — nur das Zerstörungswerk irn eigenen Lager sieht sie nicht, für das Unglück hier hat sie kein Empfinden. Was geht sie auch das jüdische Volk an — dem ist als solchem doch nicht mehr zu Helfen. Dessen Frage wird schon und zwar mit der allgemein weltlichen, mit der endlichen Menschenvcr• söhnung und Verbrüderung gelöst werden. — Mensch* heitsverbrüderung — hohes heiliges Wort — erhabene Idee — auch du bist ein Kind des Judentums — eine Perle aus der Krone, die es der Welt geschenkt. Nein, nicht nur eine Perle, ein leuchtender Stern, die Krone selbst bist du — und gewiss, du wirst einst die Welt mit deinem Olanzc erfüllen und ihren Geschöpfen ein ״Eden“ auf Erden bereiten. — Aber diese Verheissung irdischer Glückseligkeit liegt noch in so nebelhafter Ferne, es führen so ungeheure Wegestrecken zu ihr, es werden noch solche Ströme von Blut und Tränen dazwischen fliessen, dass ein kleines sturmbedrohtes Menschenschifflein, wie das des Judentums, so sehr es auch an diese Schauer gewohnt und so oft es auch siegreich daraus hervorgegangen ist — doch zerschellt und zermürbt sein müsste — ehe es das ״neue Ufer“ erreicht hätte. Andererseits aber wäre ein ״freies und befreites“ jüdisches Volk, das sein eigenes Leben leben, seinen eigenen oft bewährten Gedankenhochflug verwerten könnte, wohl im- Stande, diese erlösenden Zustände durch seine ״Initiatäve“ viel früher als dies sonst wahrscheinlich wäre, dem Menschengeschlecht zuzuführen. Von dem allen will aber bis jetzt die moderne Jüdin nichts wissen. Ihre tatsächlich’ positiven Leistungen und ihr dadurch gestärktes Sclbtbewusstsein lässt sie gänzlich den Sinn und Gedankengang ihrer christlichen Umgebung vergessen. Sic leugnet, dass ihr jemals, weder ein Vorurteil noch eine Minderwertschätzung von dort nahen könnte. Weil sic unbedingt schätzt und hochachtet, wo es verdient und angebracht ist, glaubt sic ihrerseits sich im gleichen Falle von Liebe und Verehrung umgeben. — Das stete leise Klirren des ״Gliettotürchens,“ das man ihr immer und überall bereit und offen hält, das man aber . erst dann sichtbar werden lässt und zwischen sich und sie aufstellt — wenn man das Nötige von der Jüdin gelernt hat und sie dann überflüssig, oder wenn eine kleine menschliche Schwäche bei ihr zu bemerken ist, die übrigens gerade von den andern auf sie übertragen wurde. — Das merkt —■ das will die jüdische Frau nicht beachten. So hatte ich, meine Umgebung und mich selbst % vergessend, das alles ohne jede Unter* brechung hcrvorgesprudelt — als ich endlich doch einmal einhaken musste — und. da merkte ich mit , Schrecken, dass mein Temperament wieder einmal mit mir durchgegangen war. Es war dies zwar nicht das erste Mal, dass es mir diesen Streich gespielt hat. Aber es ward mir doch etwas peinlich zu mute, denn auf eine ״Polemik“ hatte ich es nicht abgesehen, und schon wollte ich einige entschuldigende Worte sagen, als die Dame plötzlich aufstand und mir tief erregt die Hand reichte. Fragend sah ich zu ihr empor, denn Aussehen und Haltung überraschten mich aufs Höchste. Ich hatte eine ablehnende, ja entrüstete Antwort erwartet, aber darnach sah diese Frau nicht aus. Und jetzt sprach sie auch mit dumpfer, halb* lauter Stimme: ״Ja, ja, liebe Freundin, Sie haben hier treulich gezeichnet. — Ein Gemälde haben Sie ent* In Ben-Jekutiel kochte es vor Wut und• Entrüstung. Wahrlich, diese Juden schienen ihm keine besseren Polen zu verdienen. Er brauchte sich nicht lange zu besinnen, was er zu tun hätte. Er drehte seinen Ring yon rechts nach links und sagte: ״Nur fort aus diesem Ort, nur fort aus dieser Zeit, wohin, ist gleich!“ IV. In einer prächtigen Parkanlage fand sich Ben-Jekutiel wieder; es war der Berliner Tiergarten, wo er auf einer Bank sass und staunend die Wagen mit ansal«, welche von flinken Rossen gezogen, obwohl überfüllt .mit Menschen, doch mit Leichtigkeit und schnell sich fortbewegten, weil sic ln Schienen liefen. Alle Wagen sahen ganz gleich aus und trugen die Inschrift ״Berliner Pferdebahngesellschaft“ und eine Nummer Das war doch einmal etwas Neues. Da konnte er sehen, wie mit so einfachen Mitteln die Menschen es nun so weit gebracht hatten. Er konnte es nicht unterlassen, einen alten Herrn mit weissem Barte, der sich zu ihm auf die Bank gesetzt hatte, anzusprechen, um ihm seine Bewunderung dieser sinnreichen Erfindung auszudrücken. ״Ja, ja,“ lautete die Antwort, ״wenn man alle Pferdebahnw'agen Berlins zählen wollte, man hätte grade genug zu tun. — Sie sind wohl von ausserhalb?** ״Ich bin aus Jerusalem im Lande Israel.“ ״Ei, da sind sie wohl gar ein Araber oder Türke; das hätte ich doch wahrlich nicht geglaubt, dass ich heute am späten Abend noch eine so interessante Bekanntschaft machen sollte.“ ״Nein,“ erwiderte Ben-Jekutiel, ,ich bin ein Sohn des Volkes Israel." ״Das heisst vornehm ausgedrückt," sagte der Greis, ״Sie w01׳len sagen, dass wir Glaubensgenossen sind; w׳ie sich das doch gut trifft. Seit wann sind Sie denn in Berlin anwesend? Uebrigens gestatte ich mir, mich Ihnen vorzustellcu: Ich heisse Abraham, bin Bankier, und habe in der Jiidenstrasse ein Bankgeschäft. Mit wem aber habe ich die Ehre?“ ״Ich heisse Schimon, und bin der Sohn des edlen Jekutiel.“ ״Des edlen Jekutiel? — Sehen Sie,“ sagte Herr Abraham, ״bei uns kommt es selten vor, dass Juden adlig werden, also sind Sie von Adel?“ Und da Ben-Jekutiel nicht verstand, w׳as er meinte,