Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU No 2 — nur in meinem Boden kann deine Wesensart Wurzel fassen — dass ihr dann dieser wartende und werbende Heimatboden — die Rückkehr, zu ihm, für immer verschlossen bliebe. . Diese steten ״Jerusalemsgedanken“ und das Heldenblut der Makkabaer, das auch in seinen Adern rinnt — erhebt das Judenweib selbst im Ghetto, trotz allen systematischen geistigen Niederhaltens stets über das Niveau seiner nichtjüdischen und darum weniger gedrückten Umgebung. Sie gaben und geben ihm immer und überall die Kraft, das von den Vätern überkommene ״hohe stolze“ Erbe stets aufs Neue zu erwerben. Sie ermutigen es, ״seinen Besitz“ mit Blut und Leben zu erkaufen und zu verteidigen und so hat es auch nur eines leisen Stosses in die zionistische Fanfare bedurft, um die jüdische Frau des Ostens wach zu rufen und während sich die Schwester im Westen noch träum• befangen die Augen rieb, war sie sich bereits der hohen Mission bewusst, die nun auch ihrer harrte. Der zweitausendjährige Traum schien sich zum Leben, zur Wahrheit verwirklichen zu wollen und keinen Augenblick säumte sie, um für den Heimweg zu rüsten. Gerne — ach wie gerne will sie noch warten. — Ist doch Dulden und Warten ihre ureigenste Sache. Darf sie doch nun endlich, das leise und heimlich glimmende Hofinungsfünkclien zur hellen Flamme an schüren. Hatte sie doch jetzt ein heiliges Feuer zu hüten, das zu seinem Bestand ihrer wohl bedarf und von dessen Licht und Wärme sie spenden kann, dem Vater, dem Bruder, dem Gatten und dem Sohne. Wie hat sie um die Letzteren nach Basel — der ersten Station auf dem Heimweg — senden zu können, entbehrt und gesorgt, gedarbt und gefrohndet. So weit dies anging, hat sie sich ja gerne die Füsse wund gelaufen, und ist selbst mitgekommen, — ,,sic“ die arme verachtete russische Jüdin. Und wir, die von hoher westlicher Kultur Beleckten? die wir uns gewöhnt haben, von unserm mit Bildung und Höflichkeit übertünchten Piedestal, so tief auf die Schwester im Osten herabzusehen, sind wir dieser ״fälschlicherweise als geistig rückständig ״Erachteten“ auch ein leuchtendes Vorbild gewesen? Gehen wir hier an dem Wendepunkt des jüdischen Volksgeschicks — unseres Geschicks — unserem besseren Wissen entsprechend — als tapfere Pionirinnen voran? Ist das um den Erdball kreisende ״grosse I Wecken“ intensiver in unser verfeinertes .Ohr gedrungen? Haben wir seine ganze ״Sein oder Nicht• sein" in sich schliessende Tragweite besser erfasst und verstanden? Haben wir uns schneller und zahlreicher um die Zionsfahnc versammelt als die anderen? — Leider nein. — Lange schon hatten wir — oder doch viele, ja die meisten unter uns, es vergessen, unser heiliges, altchrwürdiges Judentum als grösstes Gut zu betrachten, verlernt haben wir, uns solidarisch um dasselbe zu scharen, und deshalb hatten wir auch nicht vermocht, die erhabene Idee des Zionismus sofort, wie jene andere“ in uns aufzuuehinen, für unser ״Wiedererwachen", für unsere Renaissance gleich begeistert und begeisternd einzutreten. Kalt und gleichgiltig, wenn nicht gar ablehnend jedenfalls aber zögernd und zaudernd stehen wir vor dem grossen Tore, hinter dem die Erlösung auf uns wartet, das aber der Sage nach erst dann geöffnet wird, wenn viele edle jüdische Frauen dort anklopfen und Einlass begehren. Wohl sind bereits Einzelne von dieser Erleuchtung durchdrungen und haben sieh aut den Weg dahin begeben, das sind eben wie gesagt die ״Wenigen"; die ״Vielen“ aber noch dafür zu gewinnen, ihre Gedanken und Willenslosigkeit zu überwinden, .ihre ״Lethargie“ zu brechen — das soll, das muss die Sorge der bereits ״Erwachten“ bei uns im Westen sein. Allerdings traurig und beklagenswert ist es, dass der Werdegang ein so langsamer — dass die Banden des Schlummers so schwer zu lösen sind. Selbst wenn eine ״Mordkata- Strophe״ die andere jagt — sind diejenigen, die nich direkt davon betroffen werden nicht aufzurütteln. — Aber es ist bei unserer jüdischen Frau nicht ״Schlaf- Versunkenheit“ allein, was sie hier — bei ihrer ״ureigensten“ Sache — nur so von ferne — und da leider oft mit ironischer Miene Zusehen lässt. — Sie ist sonst nicht so indifferent, so träge, sic ist bei humanitären Werken — bei sozial-hygienischen Betätigungen, ia bei neuen Weltbewegungen nicht immer die Letzte. — Und man könnte die Frage aufwerfen: Ja geht denn bei aller werktätigen Nächstenliebe, deren Betätigung sich die Jüdin gewiss nie und nirgends entziehen soll — nicht die Not im eigenen Hause voran? Bin ich nicht vor Gott und Menschen verpflichtet, die Gefahr, besonders wenn es die ״grössere“ ist, zuerst hier zu beseitigen? Wird es nicht die Natur selbst, die doch sicher keine sentimentalen Anwandlungen besitzt — verlangen, zuvorderst die eigene Familie zu retten, bevor ich mich Sehnsucht Grosse, dunkelbraune Augen, Wehmutsvoll und tränenschwer. — Feine, schmale, blasse Wangen. — Judenkind, wo kommst du her? Aus der wohlig warmen Heimat Hat mein Schicksal mich verbannt, ׳ In des Schnees eis’ge Wüste, Fern und weit und unbekannt. Mein Füsse, fast erstarret, Wandern weiter durch den Schnee, Und mein Herz krampft sich zusammen In dem sehnsuchtsvollen Weh. Grausam klammert eis’ger Reif sich Um der Locken schwarze Nacht; Wandelt um in graue Schleier Meiner Jugend schönste Pracht. Hätt’ das Herz mir nicht erwärmet Heimatssehnsucht glühend heiss, Ach, ich läge längst erfroren Unterm Schnee und unterm Eis. — Aenne Berliner. Aus meinem Märchenbuche Der Ring des Propheten Elijjahu (Fortsetzung.) Geballte Fäuste erhoben sich wild gegen des Jtinglings Antlitz, und als er sein Schwert zur Verteidigung ziehen wollte, ergriff ihn die Uebermacht an den Armen, um ihn aus der Schenke hinauszuwerfen. Ehe er irgend welchen Widerstand leisten konnte, befand er sich draussen, mitten auf der schmutzigen Gasse. Dort zog gerade, in tabakfarbenen Uniformen, eine Abteilung der jüdischen Munizipalgarde vorüber und sang begeistert: ״Noch ist Polen nicht verloren, denn es lebt ein Gott!“ Aus einem Fenster von der gegenüberliegenden Front der Strasse höhnte eine Anzahl von Polen herab: ״Hört doch nur, u׳ie diese Judengesellschaft unsere schöne Dombrowska heruntermauschelt! Hep, Hep, Juden, Hep, Hepl"