Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Abonnementspreis J einschliesslich LITERATURBLATTJ »lerteljihrlich; I. durch d 18 Eipcdlilon: a) In Berlin —,90 Mark, b) nach auswSrts I,— Mark, c) für das Ausland 1,5) Mark. 2. Im Poitabennemcnt 1,25 Mark. Inserüonsprels die viergcspaltene Petit ■Zeile oder deren Raum 2S Pfennig. Allyremeine Jüdische Zeitung1 Redaktion: BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Telephon: 11,3537. Expedition und Adresse för Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Jüdische Rundschau, E. G. m. b. II., Berti« N. 54, Aaguststmee 49a. Geechiftestunden der Expedition täglich (ausser Sabbat und Sonntag) vormittags 10-1, nachmittags 3—7 Uhr{ Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JUEDI5CHEN RUNDSCHAU nur bei voller Quellenangabe gestattet. Nummer 2 Berlin, 15. Tebeth5666— 12. Januar 1906 Xi. Jahrgang Das jüdische Weib Will man das Weib begreifen, studiere man die Geschichte seiner Sklaverei, um das jüdische Weib aber zu beurteilen, muss man es mit den Frauen anderer Nationen vergleichen. Mit diesen vielsagenden Worten beginnt Nahida Rcmi's Buch ״vom jüdischen Weibe“ und nicht nur dass sich die geistreiche Verfasse rin der immerhin komplizierten Auigabe dieses Vergleiches mit Fleiss und Geschick unterzogen hätte, sie hat dieselbe auch in dankens- und bewundernswertester Weise gelöst. Sie, .die keineswegs jüdischen Stammes ist, die aus reiner Liebe zum Judentum, dessen Wesenheit sie aufs Intensivste studierte, in dasselbe eingetreten, sie hat sich mit seltener Hingebung In diesen Stoff vertieft, um ihn dann mit äusserster Ob• Jektivität zu beherrschen und mit streng historischer Treue zu verarbeiten. Sie hat es verstanden, die Oeschichte der jüdischen Frau, ihre Grösse und Ihre Tragik in ein so modern’ stilvolles Gewand zu kleiden, dass auch der verwöhnteste Geschmack dabei auf seine Rechnung kommt und sie zumal auf keinem Büchertisch der gebildeten Jüdin fehlen sollte. Vielleicht ist es Mangel an Reklame, dass• das so wichtige Frauenbuch so wenig gelesen wird — denn seine Lektüre muss Eindruck machen, der In halt ist trotz seiner zehn Jahre, ein so aktueller und erhebender, er weiss trotz ״Daten und Statistik“ so zu fesseln, dass er bei näherer Kenntnis ein hochgeschätztcs Gut für die jüdische Frau werden müsste. Ja noch mehr, ein Führer und Wegweiser könnte ihr das Buch werden. Sie würde cs zur Hand nehmen in frohen und trüben Zeiten — wenn sie Mut und Trost braucht — wenn sie sich nach Hoffnung und Hilfe sehnt ־־ denn hier spricht etwas unbewusst ״Verwandtes“ zu ihr — hier zeigt sich ihrem erstaunten Blick, der echte jüdisch-nationale Frauengeist, der auch in ihr schlummert — der nie verzagt, der sich in jeder Lebenslage wiederfindet, der ringt und kämpft und wagt und siegt und der immer und überall ein grandioses Beispiel von Frauenwürde und Nächstenliebe von Opfermut und Selbstverleugnung gibt. Als ich dies alles neulich einer mir bekannten jüdischen Dame plansibel machte, als ich ihr die Notw־endigkeit der Kennt• nis unserer Geschichte, besonders unseres altjüdischen Fraucnlebens, das den modernen weiblichen Bestrebungen gar nicht so indifferent gegenübersteht, als zu vermuten w׳äre, begreiflich zu machen suchte, — als ich dann sah, wie sie aufhorchend ein gerade in der Hand gehaltenes Buch heruntergleiten liess, als ich dasselbe aufhob und einen Blick darauf warf und den neuesten ״Frenssen“, die ״Hilligenlei“ erkannte, da konnte ich mich nicht enthalten auszurufen: Ja ״Hilligenlei“ (heiliges Land) findet man auch hier. —- Es weht uns aus jedem Blatt, aus jeder Zeile des Buches entgegen. Es spricht zu uns in poetisch, edler Sprache von heiligem Land — vom Heimatland — Heimatklänge alte, nie vergessene sind es, die das ״hohe Lied“ von der Seelengrösse der biblisch-jüdischen Frau in unser Ohr schmeicheln — Heimatluit, frische, freie, gesunde ist es, die die Idylle der Ruth zu schaffen vermöchte. Soziale Höhe, gleiche Berechtigung der Geschlechter im ״alten Heimatland“ w ar es, was einer Frau (Deborah) die höchste Würde, das Richteramt verlieh, was eine Judith zur Heldin begeisterte. Der Erdgeruch der heimatlichen Scholle war es auch, der der Jüdin noch im Exil anhaftetc, der sie stark und fähig machte, alles zu dulden — der sie das lange finstere Mittelalter hindurch, mit seinen Begleiterschcinungen von Angst und Schrecken, auf sittlichmoralischer Höhe erhielt, der sie noch zur Grösse einer Trostspenderin des Mannes erhob, dem sie samt den Kindern nicht selten Stab und Stütze, Retterin und Erhalterin geworden ist. Und was ist es anderes, fuhr ich fort, als ungestillte Heimatsselinsucht, nie geschwundene Heimkehrshoffnung — was als einziger Licht• strahl in die endlose Nacht des ״heutigen Mittelalters“ fällt? und der die Jüdin alle Martern — die ihr als Frau tausendfach ״scheusslich und teuflisch“ zugefügt werden — (wenn ihr das Leben bleibt) übersehen lässt?, der ihr den namcnslosen Jammer, den eine christliche Regierung — christliche Priester und christliche Nächstenliebe über sie bringen, ertragen hilft? Und doch ist es sicher dass es all’ die Jahrhunderte hindurch manche, ja viele Frauen nur eine intensive Ueberredungskunst beim Manne und besonders in jenen Zeiten wo es sich um Taufe oder Tod handelte — gekostet hätte und all* diese Qualen, all’ das ״Unerhörte“ wäre ihr mit einem einzigen Schritt, den an das Taufbecken, für ewige Zeiten erspart geblieben. Aber die jüdische Frau wusste, sie ahnt und weiss es heute noch, dass ihr da• mit auch für ewige Zeiten der Heimweg versperrt, das Heimatland mit dem allein ihr ״Fühlen und Denken“ identisch ist — dessen Scholle ihr heute noch zuruft, du bist Stoff von meinem Stoff, Kraft von meiner Kraft