Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651449--03139-2660054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 1 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 ן Eine spanisch-jüdische Frage? t)a einmal die vor einigen Wochen in der FRANK- FURTER ZEITUNG besprochene ׳־Frage der Rückkehr der scpharedischen Juden nach Spanien, auch m der RUNDSCHAU aufgeworfen ist, ist es vielleicht nicht ohne Interesse, wie sich ein scpharedischer Jude zu dieser Bewegung stellt. Schreiber• dieser Zeiten ist auch ein ״Israeiita espanol" und hat bis vor einigen Jahre» unter den scpharedischen Juden* gelebt und gewirkt. Der spanische Senator Dr. P u 1 i d o meint cs nicht schlecht mit uns; ich habe zwar nicht die Eine gehabt, die Bekannt- Schaft des Herrn zu machet» und war nicht hei dem ,.begeisterten Empfang“, den er überall bei den Scpharcd'tui gefanden haben soll, anwesend, seine Bestrebungen kenne ich aber-ganz genau. Nun, was will der Herr von uns? Wir sollen nach Spanien zu nick kehren, Dass wir für diese freundliche Einladung höflichst unseren Dank auszuspnechen haben, ist ganz selbstverständlich - das haben wir -getan. Beweis ״der begeisterte Empfang, den er überall bei den Sepharedim gefanden' hat“, dass wir uns aber weiter dafür bedanken müssen — das ist, niemer Ansicht nach, notwendig. Warum sollen wir hingchcn? Herr Dr. Pulido mag von seinen» Standpunkt als ״spanischer Patriot“ antworten. Wie er will: ich verstehe auch sehr gut, dass ״Spanien unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht weiter zu existieren vermag, ohne sich neue Kräfte Zufuhren zu lassen.״ Das spanische Land muss befruchtet werden — das ist' ganz klar! Wollen wir aber den spanischen Boden befruchten? Nein! Wir bähe» absolut keine Lust, den spanischen Boden zu •bereichern und kein Interesse, unser gegenwärtiges Schicksal im Orient mit dem künftigen in Spanien zu vertauschen. Wir möchten allerdings einen 'a nd c r e n Boden befruchten,־ aber das ist nicht der Boden Spaniens, sondern -.־ Palästinas. Wir haben die Martyrologie unserer Vorfahren in diesem Lande nicht vergessen ur.d wir haben keinen Grund zu glauben, dass nach einer Kolonisation von 2 Millionen Juden cs in Spatiien nicht eine zweite katholische Isabella und einen zweiten Torquemada geben wird. König Alfons macht Ja einen sehr netten Eindruck; dadurch allein, dass er Dr. Gastcr empfangen hat, beweist er noch nicht, dass er den ״Spaniern ohne Vaterland“ Brot, Gew issensf r e i h c i t' imd Menschenrechte zu garantieren im stände ist. Die 2 Millionen sepharedischen Judei» leben Verhältnismassig gut. abgesehen von den marokkanischen Juden. Sie genfessen in den Balkaulander!» (die ru1t»änischen Juden gehören nicht zu den Juden spanischer Zunge) und in der Türkei gesetzlich und faktisch alle Rechte, die überhaupt den Bürgern dieser Staaten gewährt werden. In der Türkei gelangen die Juden zu den höchsten Würden und Aemtern. Wenn die ökonomische Lage der Juden in diesen Ländern eine nicht so gilänzendc ist, so ist das auf ganz andere Motive zurückzufflhren. Eine Judennot, wie wir sie in Russland zu verzeichnen haben.•‘ existiert also in den Ländern des Orients nicht.— Wir, Zionisten, haben uns lange überlegt, ob wir ein angebotenes Land ausserhalb Palästina selbst als Asyl für unsere obdachlosen Brüder in Russland anuehmen sollten urnl haben uns nach langen Debatten für die Nichtannahmc entschieden. Selbst die extremste« TernitoriaUsten geben zu, dass die Kolonisation ausserhalb Palästinas nur ein Asyf. cm NötbeheUf für denjenigen Teil des Jüdischen Volkes ist, welcher nicht länger in seinem jetzigen Wohnsitz bleiben, kann. Nicht an die Ansiedelung der «epharedisehen Juden, die ״länge r“ ln ihren jetzigen Wohnsitzen bleiben können, in einem Lande wie Spanien, können wir denken, sondern an die Ansiedelung unserer russischen Brüder,; die sich in äusserster Not befinden. Wenn uns Spanien 2 Millionen russischer Juden anstatt 2 Millionen sephardischer Juden beherbergen will, so werde!» "• wir uns noch die Sache gut überlegen müssen . Werfen Sie einen Blick nach Bulgarien und nach Aegypten und Sie werden sehen, dass die sephardischen Juden nicht nach Westeu, sondern weiter nach Osten wolleju Die zionisbsche Idee hat aälzu tiefe Wurzeln in den Ländern der Scphardim gefasst, um sie veranlassen zu können, nach Spanien zurückzukehren. Der, Zionismus hat in uns soviel ‘ Selbstbewusstsein erweckt, dass es unmöglich ,ist, uns als Dung iii r Ircmd.en Bode 1» zu verwenden. Im Namen der jüdischen Intelligenz protestiere ich gegen‘solche. Zumutungenf Herr Dr. Pulido mag ja In London bei den sephare- ’ dischcn׳ Millionären und Assirnilanteii Anklang gefunden halten, bei der jüdischer«, national-gesinnten Intcl'igenz wird er gesehlosseuo Türen finden. Herr Dr. Pulido kann sicher se'n. dass, sobald seinen Worten Taten folgen, die sephardische. Intelligenz ‘ mit allen ihr zu Gebote, stehenden Mitteln alles machen wind, »un die Rückkehr eines Einzelnen aus dem‘ Galuth Sephared nach Spanien zu verhindern. Und noch eine Frage! — Was sollen wir dort machen. Herr Pulido? Darüber geben Sie uns keine Auskunft! —, Schr politisch von Ihnen» Unpolitisch wäre aber von uns, wenn wir diese Frage nicht stellten, Ange: nommtn. dass die 2 Millionen ״Spanier olinc VateiHand"'in ihr ■ Vaterland (sic!) zurückkehren, was werden sie dort anfangen? Wo sind die nötigen Garantien daiür, dass ihre Lage mindestens so gut sein wird, als diejenige, in welcher sie sich ni ihren•: Geburtsländern befanden, ״Picos en gaamiedcm“ , sage» die Leute hei uns zu Hause. Dieses spanollsehe (nicht spanische) Sprichwort, w־elches im Französischen ״Micux vaut un tiens, que deux tu l'auras“ bedeutet, wird Herr Dr. Pulido Während seiner Reisen im Orient gehört haben. . . .. , Dr. R. C a 1 e b - Strassburg i. Eis. . =“. Rundschau, — Aus Russland Die Lcmberger NOWY WIEK meldet aus Brody: Eine ״Schwarze-Hundert"־Bande überfiel am 27. Dezember 1905 ' etwa eine Meile von der galizischrussischen Grenze entfernte von Juden bewohnte Häuser; plündertc dieselben vollständig aus und misshandelte die Bewohncr. Von den Misshandelten sind sieben den furchtbaren Verstümmelungen erlegen. ■••'''* Flüchtlinge im vermeintlichen. Asyl . Es ist bekannt, dass infolge der russischen Wirre»» mehrere jüdische Familien aus Bessarabien speziell aus Kisch ine w und Odessa, zu ihren Verwandten in Rumänien geflüchtet sind, wo sie sich momentan aufhaltcn, um abzuwartcu, bis cs in Russfand etwas ruhiger wird, und sie in ihre Heimat zurückkehren können. Fast alle Flüchtlmge sind wfohlhabmd uiiil fallen nicht - nur niemandem zur Last, sondern bereichern noch die Hote-'r ,!fers. Restaurateure und andere Kaufleutc. Kaum hatten sie. so־wird der FRANKE. ZTG. geschrieben, einWenig aufgeatmet, ... als der zur Regierungspartei gehörige Deputierte J. Bratdscu die Regierung Interpellierte. w׳as für Massregeln sie zu ergreifen gedenke gegen die ״nationale Gefahr“,, die aus dem Aufenthalt der nach Rumänien geflüchteten russischen Juden, die revolutionäre •Ideen verbreiten können, erwachsen kann. Ob die Regierung nun die Geflüchteten schleunigst ausweiseit wird? Die Matrosen des rebellischen russischen Kriegsschiffes .,Potemkiu“ wurden, als sie nach Rumänien käme»», bereitwillig autgeuommen, und es war viel von rumänischer Gastfreimd- Schaft die Rede. Diesmal handelt es sich ״nur" um Juden, und da glaubten viele Politiker die Gelegenheit benützen zu müssen, um sich als ״Patrioten“ zu zeigen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.