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Jüdische Rundschau · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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No. 1 Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU gisch und ungerecht. Lächerlich ist sein Stolz aui das ״orgav:oi$che Denken" dej Arier, als ob nicht.alle Rassen ״organisch” */dächten, als ob sich .flicht jegliche Philosophie organisch ent־ /j»*ickeltc.>״Um ihre. WeltanschauifnK. braucht man die. Inder?'nicht zii beneiden; was sic aber besonders auszeichnen soll, *.findet man auch anderswo, vornehmlich bei den Juden. Oe- '/!־ade im . Judentum war ja Philosophie zugleich Religion und /Religion zugleich Philosophie, und wenn Chamberlain der eu־ ropüischen Philosophie gegenüber sagt: ״dagegen war die /indische Weltanschauung' die Seele des indischen Volkes, sie /bestimmte die äussere Gestaltung seines Lebens uud sie bildete den Inhalt seines Denkens, seines Trachtens, seines Han- /delns, seines Höffens," so braucht pian für das Wort ״indisch" ,nur*Jüdisch" zu setzen, und der Satz ist erst recht wahr. /Chamberlain natürlich merkt die Aehnlichkeiten• nicht, aber er /.scheint sic wenigstens, zu ahnen; denn ganz plotzTfch macht er /einen £n sich" richtigen Unteriujhied zwischen Juden und Semi- / te/h" und plädiert .nur für eine Befreiung aus semitischen,, nicht JüJisehen Vorstellungen. . Selbstverständlich wirft, er an an- /deren Stellen semitisch und jüdisch wieder wild durcheinander, */)iitcrcssant ist eine seiner wenigen zutreffenden Bemerkungen, . dass nämlich .die indische Philosophie durch und durch aristohratisch sei. ״Sie perhorreszier.t jegliche Propaganda; sie /weiss, .dass die höchsten Erkenntnisse pur den Auserlesenen //zugänglich sind/uud sie weiss, dass nur unter bestimmten physischen Rassebedingungen, sowie durch bestimmte Schu- ’״ lung" das Auserlesene gezüchtet werden kann." Ist das nicht .genau die Lehre von der Auscrwähltlieit, die man dem jüdisehen /Volke nie verzeihen kann?. Wie kommt־ Chamberlain trotz dieser Einsicht dazu, die spöttische Aeusscrung zu tun: ״Da sind ,wir freilich weit von den! ״Gott Zebaoth”, der den/ ganzen Kosmos den Juden zu Liebe erschaffen hat!?" Ebenso ungerecht und unlogisch behandelt er das Christentum. Bald spricht er begeistert von Christus, den er höher stellt als die *Brahmanen, bald jammert er darüber, dass die Indoeuropäer, ״der religiöseste Menschenstamm der Erde," sich so tief erliiedrlgt haben. Jüdische Historie" zur Grundlage Ihrer Re- "ligion zu nehmen. Bei einiger Aufmerksamkeit und mit ganz wenig Logik würde er erkannt haben, dass das Christentum in Wahrheit gar keine jüdische, sondern eine arische Religion ist. Den Anfang zu diesem Verständnis macht er an einer Stelle* *seiner* Schrift, wo er das Gottmenschentum. die Askese und den Pessimismus des Christentums als indoärische Vor}־ ״Stellungen bezeichnet.. Falsch ist dagegen der von Ihm kon- ״Struierte .Gegensatz zwischen dem christlich-arischen Gott- XAter und dem jüdisch-semitischen Gottherrn; denn, vom Christentum und vom Judentum wird Gott in gleicher Weise als Vater und .Herr verehrt. Aber kleine Irrtümer muss mau Herrn Chamberlain schon durchgehen lassen. .... Yiel gründlicher hätte er den arischen Charakter des Christentnms.beweisen können, wenn er noch auf die Dreieinig־ ..keit* die indische Trlmiirtf hingewiesen hätte und darauf, dass ,alle .feste und Gebräuche der Christen arischen Auffassungen weit näher stehen als jüdischen. Die Arier haben^aus dem ursprünglich jüdischen Christentum eine arische Religion ge- ..macht; was..noch jüdisch daran ist, ist ihnen innerlich fremd. Daher, kann man wohl begreifen, dass Chamberlain zornig ־ sagt: ^J)ie indische .Weisheit wird einem nicht wle'Tnosaischc Kosmogonlc eingetrichtert.״ Dem Juden braucht die/ mosaische Lehre nicht eingetrichtert zu werden, er lebt in ihr, selbst wenn er keinen positiven Glauben besitzt; ihm'ist' sie das ״organisch gewachsene Naturerzeugnis'׳, desseu Wurzein. in demselben Boden genährt wurden wie die Wurzln seines eigenen Geschlechts. Sehr präzise drückt, sich Albert RcIbmayr (״Inzucht und Vermischung beim Menschen"), hierüber aus. indem er sagt: ״Seine zähesten Wurzeln hat der Glaube im Blut, in den ererbten Ganglien, und je. älter eine Religion ist und durch |e mehr Generationen sie Zelt gehabt hat, sich in dem Nervensystem .einos Volkes zu fixieren, desto zäher hängt ein Volk an seiner Religion, und fast keine Gewalt ist imstande, sie zu überwinden." Selbst der Atheismus nicht, möchte ich hinzufügen, so paradox es aucli klingen mag. Wie wenig jedoch der Arier mit dem jüdischen Rest des Christentums verwachsen kann, hat das Judcnvolk Jahrhundertc hindurch beobachtet. Die christliche Liebe! Mit einer Zähigkeit, die uns eifersüchtig machen könnte, und mit einen! Mut, den wir nachahmen sollten, haben die indogermanischen Christen die Nächstenliebe als ihr unveräusserliches Eigentum proklamiert. Wenn uns aber gelegentlich diese Liebe gar zu heiss wurde und wir unsererseits erklären wollten, was man im Judentum unter Nächstenliebe versteht, wurde uns hohnlachend demonstriert: Euer Gott ist ein Gott der Rache, unser Gott aber ist der Gott der Liebe. Ja, es ist wahr. Der Gott der Juden ist ein Gott der Rache. Mein ist die Räche, spricht der Herr. Aber seinem Volke befahl er: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst. Der Christengott dagegen ist ein Gott der Liebe. Sein ist die Liebe, deuten die Christen, sie selbst aber üben die Rache. Wir brauchen zum Beweise dessen nicht in die Vergangenheit zu blicken, nicht einmal auf den europäischen Feldzug in China und auf die Kriegstaten in! schwarzen Erdteil. Wir Juden selbst, wir wandelnden Zeugen indoarischer Grausamkeit, haben in diesen Tagen Dinge erlebt die jeden von Liebe faselnden Indoeuropäcr Lügen strafen. Russland! Nein, wir wollen diesmal nicht von Russland sprechen: dort herrscht ja die Revolution, die bekanntlicii Weiber zu Hyänen macht, und Hyänen haben kein Gewissen. Gewissenloser und grausamer als die Bestialität der Wilden war die Teilnahmlosigkeit des zivilisierten Europas das den Schmerzenschrei unschuldiger Greise, Frauen und Kinder gehört hat und sich dennoch nicht empörte. Den Rekord in der Lieblosigkeit aber schlugen die oach Chambcrlain edelsten Sprossen das indoarischen Stammes, die Germanen. Der Oberbürgermeister Lueger in Wien besass neben der Schadenfreude die Geschmacklosigkeit, auch für die östcrreichische Hauptstadt die Herrschaft der Hooligans zu prophezeien. In einer Versammlung deutsch-nationaler Studenten zu Berlin lachten die künftigen Volksfiihrcr herzlich, als die russischen Judenschlächtereien erwähnt wurden. Im deutschen Reichstage verteidigte .Liebermann von Sonnenberg die slavisehen Greuel, die. eine höchst einfache Möglichkeit schufen die reichen Juden zu beerben. Und die Herren auf der Rechten platzten vor Heiterkeit. Im ״Tag" warnte Richard Nordhausen — übrigens ganz unnötigerweise — das.deutsche Volk, es!nöge tun Gotteswillen kein Geld für die russischen Juden hergeben. Allen diesen Herren möchte ich eine Strophe ins Album schreiben, die sie gerne annehnien werden, weil sie aus dem germanischsten der Bücher, aus der Edda .stammt: . ״So klein wie der Saud, so klein der Verstand . bei engbegrenzten Geistern; . . nicht ,gleich wurden alle.mit Einsicht begabt, verschieden ist alles auf Erden." . Ja. verschieden Ist alles auf Erden, ganz verschieden, z. B. ist von der ,.arischen Weltanschauung" die jüdische, — freilieh vielleicht nicht ganz so vernünftig. Wir haben keine Freude an dem Schmerz dessen, der gerecht büsst, geschweige denn am Leide des Unschuldigen. Wir verstehen nicht einmal das Gemüt auszuschalten, wo es sich verstandesgemäss um die Selhserhaltung der Rasse handelt. Wir vergessen sogar die uns selbst geschehenen Unbilden und haben Mitgefühl mit unseren Peinigern. Wenn wir in die Sitten Luegers und der Deiitschiiationalen verfallen könnten, wifrden wir den arischen Bettler schroff von der Tür weisen. Wir aber gaben ihm und den armen Christenkindern gerne unseren Obolus, dass sie auch ein wenig von der Weihnachtsfrcude spüren, von lenem Feste, das die Ochurt der Liebe feiert. — Mein ist die Rache, spricht der Herr. Uns aber hat er befohlen: Liebe deinen Nächsten wie dich seihst. Max Jung mann.

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