Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 Seite 3 JÜDISCHE RUNDSCHAU zur Evidenz bewiesen worden, und aus der Schrift über die .*arische Weltanschauung" lassen sich mühelos den alten Beweisen noch viele neue hinzufügen. Dennoch würde Chamberlain, da er ia genügend Vorzüge besitzt, die Bewunderung der Zeitgenossen verdienen, wenn er ein simpler Durchschnitts- Indogermane wflre; dieses aber ist er nicht, sondern er ist ein Mann der Oeffentlichkcit, ein Literat und Volkserzieher, und 'da bedeutet die Unfähigkeit zu logischem Denken trotz aller symbolischen Eigenschaften doch einen beachtenswerten' Mangel Es dünkt mich fast, dass Chamberlain es selbst eingesehen hat, und dass in dieser Erkenntnis gleichsam die Tragik seines Schriftstcllcrdaseins liegt. In seinem Büchlein erweckt er. den Eindruck, als wäre er trostsuchend heimgegegangen zü den Grüften seiner Ahnen, zu den Tälern des Pendschab, um zu sehen, ob auch die ältesten Indöaricr arm an Logik iiild unklar im Denken waren; denn wenn dem so wäre und sich seine Hoffnung erfüllte, so wären seine Fehle! keine Mängel mehr, sondern Eigenschaften der Edelrasse, also edle Eigenschaften. Er hatte In der Tat Glück; denn er schreibt: ״Den Trieb, alle Erscheinungen symbolisch miteinander zu verketten, bis die lebendige (nicht abstrakt begriffliche) Vorstellung der Einheit erreicht wird, den unerschöpflichen Reichtum der Phantasie, den kühnen, furchtlosen Gedankenflug, die metaphysische Ader, die Innigkeit, die unvergleichliche Wertschätzung der Persönlichkcit, die Selbstlosigkeit, den heiligen Ernst, die Neigung zur Askese, den enormen Fleiss, die wissenschaftlichen Erfolge, die mystische Vertiefung, auch die Weitschweifigkeit, die Schwerfälligkeit, die Geschmacklosigkeit, die Charaktcrlosigkeit unklarer Gedanken, welche Hand in Hand mit kindischer Systcmatomanie geht, die Bereitwilligkeit, fremden Dingen Wert beizumessen und den eigenen hervorragenden Wert zu unterschätzen usw. Das alles finden wir bei den Indoariem wieder und erblicken somit uns selbst in einem vergrössernden Spiegel,” In einem Wust teils verständlicher, teils unverständlicher Phrasen verborgen findet man hier in einer grossen Beichte das Geständnis von der ״Häufigkeit unklarer Gedanken” bei den Ariern, begleitet von den stereotypen Aeusserungen des Eigenlobs, die zum Inventar aller modernen germanischen Rassentheoretiker gehören. Das indische Denken ist nach Chamberlain kein Forschen, sondern ein Sichversenken, keine Tätigkeit, die auf Erkenntnis der Aussenwelt gerichtet ist, sondern auf eine Vertiefung des Innenlebens. Dass diese Art des ״Denkens" etwas hervorragend^ Gutes und Edles bedeutet, vermag natürlich nur der blutreine Indoarier zu verstehen, der über eine fein ausgebildete metaphysische Anlage verfügt. ״Die Metaphysik allein täte es aber auch nicht; ohne einen tiefen religiösen Instinkt kann indisches Denken nie verstanden werden.” Es ist also eigentlich keine Beschäftigung für Philosophen, sondern für Theologen. Chamberlains Ahnen sind wie der Enkel selbst, keine logischen Köpfe, sie können einen Gedanken nicht in gerader Linie zum Ende führen, sie bewegen sich vielmehr die Kreuz und Quer, ohne Ziel und Energie. ״Der indoarische Metaphysiker," erfahren wir, ״istnun der tastendeDenkerl Er weist alle Nachteile eines solchen auf: unmethodisches Verfahren, Verweilen bei Einzelheiten, endlose Wiederholungen (etwa wie ein Blinder, der in einem Dom die Anzahl der Säulen •nur durch Betasten einer Jeden einzelnen festzustellen vermag), dann auch ein sich Ergötzen an Bildem, die das noch ungeschickte Auge arg verzerrt über die Welt projiziert, zugleich mit der Unfähigkeit, etwas Sichtbares scharl und genau aulzubauen." Chamberlain gibt übrigens selbst zu, dass im indoarischen Denken manches als Wahnwitz erscheint, aber es habe den Vorteil, dass es die ״gemeinsame Weisheit" eines ganzen Volkes, ״ein organisch gewachsenes Naturerzeugnis" sei. Dieses ״organische" Denken im Gegensatz zum unorganischen sprunghaften Denken der europäischen Philosophen verdanke man der absoluten Rginheit des Indoariers, der von keinem Tropfen semitischen Blutes infiziert sei. Er spottet seiner selbst und welss nicht wie. , ״ r Humoristisch wird Chamberlain, wenn er die indische Philosophie im Emst mit der griechischen vergleicht, die er als ein hellenisch-semitisches Mischprodukt für minderwertig hält, — humoristisch vor allen Dingen durch die; Wahl seiner Beweise. ״Und während noch in den heutigen entarteten Tagen viele Indöaricr aus reiner Rasse in gänzlicher Abgeschiedcnhcit ihr Leben beschliessen und beim Herannahen des Todes ihre Grabstätte selbst bereiten und sich hihig hinlegen, um schweigend und einsam sich mit dem allgegenwärtigen Weltgcist zu vereinen, sehen wir Sokrates bis zum Augenblick, wo er den Schierlingsbecher leert, dialektische Haarspalterei mit seinen Freunden treiben und den Nutzen des Glaubens an die Unsterblichkeit für die menschliche Gesellschaft besprechen." Semiten, Mongolen und andere missratene Oeschöpfe könnten meinen, dass diese Worte ein Lob für Sokrates enthalten; ganz falsch! Chamberlain will damit sagen: Der Indoarier ist der Weise, der Greche.‘aber.ist de'r Waschlappen. Zum Glück für Sokrates ist iedoch der germanische Gelehrte über die Dinge, die er behandelt, nicht genau unterrichtet. Denn wie Rhys Davids, ein hervorragender Indologc, mitteilt, liebten auch die indischen Priester die ״dialektische Haarspalterei”, somit sie dazu fällig waren; leider aber waren sie meistens unwissend und abergläubisch. ״Einige wenige unter ihnen," schreibt Rhys Davids, ״waren auch in der Tat gelehrt, eine noch kleinere Anzahl war von tiefem Denken erfüllt, und in den Schulen, in denen die Jüngeren Priester herangebildet wurden, nahmen die philosophischen und sophistischen (!) Erörterungen keineswegs eine geringe Stelle ein." ~~ Dass das indische Denken für die Menschheit nicht so fruchtbringend war wie das hellenische und semitische, ist freilich eine andere Sache, und man wird es Herrn Chainberlin nicht Übel nehmen, wann er bei seinem überschwänglichen Stammesgefühl zur Ehrenrettung der arischen Rasse und zum eigenen Tröste das logisch-philosophische Denken dem metaphysisch-theologischen untcrordnet. Denn unbedingt müssen fa die Indoarier in allen Stücken den übrigen Menschen überlegen sein. Auch eine Priesterhierarchie sollen sie nicht gekannt haben, obwohl Jeder Gebildete weiss, dass es nirgends auf der Welt eine so zusammengeschlossene, herrschsüchtige Priesterkaste gab wie die der Brahmanen. Man muss indessen nicht glauben, dass Chamberlain mit denselben Worten auch stets dieselben Begriffe bezeichnet. 0 nein! Wenn man nach einem Teil seiner Auseinander- Setzung überzeugt ist, dass das indische Denken unlogisch, mindestens alogisch ist, findet man dicht daneben das Gegenteil; und unser Mystiker wagt folgendes zum besten zu geben: ״Wäre man berechtigt, ein derartiges Denken, in welchem Widersprüche unvermittelt neben einander gestellt werden, kurzweg unlogisch zu nennen? Ich glaube es nicht Die Inder haben glänzeude Polemiker gehabt, und ich wüsste nicht, ob unsere europäische Philosophie eine schärfere und in höherem Grade treffsichere Verw׳endung logischen Denkens aufweisen kann, als z. B. die Widerlegung des Realismus, des absoluten Idealismus und des Nihilismus in den Vedäntasütras des Cankara. Die indische Weltanschauung im ganzen genommen ist Jedoch unfraglich, wenn nicht eine unlogische, so doch eine alogische — in dem Sinne nämlich alogisch, dass die Logik das Denken nicht beherrscht sondern ihm nur, wo es not tut dient." Wo es not tot! Das hat man sich demnach so ungefähr so vorzustellen, dass der indische Denker sich in Positur setzt, um zu denken, und dann Je nach Bedürfnis und Laune sagt: Nu will ich mal logisch denken, oder: Nu will ich mal alogisch denken. Soweit Chamberlain die Weltanschauung und das Denken der Indoarier nur erklärt, kann man ihm folgen, wo er kritisch wird und Vergleichungen anstellt wird er unlo-