Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 1 Seite_2_j._ __JÜDISCHE Nun, ja, ein Feigling von echt arischer Rasse hat ja hinter geschützten Mauern die Losung ausgegeben, ,,dass, wer einen Juden totschlägt, ihn beerbt!‘־ Das ist arische Moral und arischer Mut! Denn der tapfere Herr, der zu Mord und Plünderung aufruft, wird sich hüten, sich dort zu beteiligen, wo man auf Gegenwehr rechnen muss. Er hat nur den Mut zur Plünde• rung nach geschehenem- Mord. Er gehört zu jenen, die immer wieder ihre christliche Gesinnung betonen, er wie seine Genossen vom Bunde Catiiinas, Ahlwardts und 'des eben begnadigten Piicklcr. Wir müssen es natür- :jiclr den Christen überlassen, zu entscheiden, was teilte christliche Gesinnung ist. und erlauben uns auch keinen Zweite!, dass eben das die wahre christliche Liebe ist, ״was-wir so regelmässig bei Behandlung der Judenfrage *aus der KREUZZEITUNG herauslesen. Aber gemach! Preussen ist ein gesunder Staat und wir «werden auch in unsern Ostprovinzen trotz alles Tlakatismiis, und anderer nationaler Mache gegen die;Juden in unseren Häusern unbehelligt bleiben und nur unsere Brüder in! Ostreiche haben einstweilen Grund und Gelegenheit, die Judenehre zu verteidigen. Und wahrlich, hoch halten sie die Fahne des Judentums und wir sehen zu unserer Freude, dass die alte Helden• kraft des Judenvolkes im Judenelend nicht erstorben ist. Schwer war das Jahr, das wir soeben verlassen, um so sciiWercr, als es uns in Sorgen lässt, dass noch schwerere Tage hereinbrechen werden. Kaum kommen die Unglücksfälle für die Gesammtheit inbetracht, die in *einem normalen Jahre als ungeheuer schwere Verlüste empfunden .wäre!!, Verluste, wie es der Tod von Männern ist, die •für das Judentum von so grosser Bedeutung waren, wie Konsul A. M. Simon, Dr. 0 Kok esc h, Justizrat Dr. Heinrich Meyer- Cohn, Grand-rabbin Zadoc Kahn. Diese schweren!;und :unersetzlichen Verluste sogar mussten vor dem schweren nationalen Unglück zurücktreten, in dessen Mitte wir stehen . und das alle Aufmerksamkeit d־*r ganzen ־Nation auf sich zieht. Musste doch sogar d:e schwere Krise des siebenten Kongresses hier in den Hintergrund treten. ־..* "־ . Darum steht heute mehr als je die Auswanderungsfrage, neben der Frage des nationalen Kamp;es in Russland im Vordergründe des Interesses. Dabei tritt es immer klarer in die Erscheinung, dass allein der Zionismus den Zustand des Judenvolkes erkannt hat, und‘dass er auch allein vorausgesehen hat, auf welchem Wege der Judennot und der Judentumsnot zu steuern ist. Immer mehr bricht sich in weiten Kreisen di׳• Ueberzeugung Bahn, dass die Errichtung einer öffent- •lich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina die einzig mögliche Lösung der Judenfrage ist. ־. Neben dieser grossen Arbeit für das gesamte Judentum, an der wir Teil haben, trifft das deutsche, eigentlieh ja nur das preussische Judentum, noch die neue Volksschulgesetzvorlage. Es hat das unzweifelhafte Interesse, dass seine Rinder in dem Geiste des Alten Testaments und de* jüdischen Geschichte erzogen werden. Statt dessen bedeutet die neue Vorlage einen weiteren schweren Schlag gegen den Bestand des Judentums in den preussischen Staaten. In den Provinzen, *wo das neue Volksschulgesetz sogar mit seinen direkt gegen das Judentum gerichteten Spitzen zur Kräftigung jüdischer Gesinnung beitragen könnte, well die Umwandlung jüdischer Schulen in Simultanschulen, wie es bisher regelmässig der Fall war, ein wenig eingeschränkt werden könnte, soll das Volksschuigesetz nicht gelten. Dass Posen und Westpreusscn nicht RUNDSCHAU iu den Entwurf mit einbezogen worden sind, gilt zwar weniger den Juden, trägt aber viel mehr zu seiner Feindschaft gegen das Judentum bei, als die Bestim• mung, die die Rabbiner praktisch von der Schulaufsicht ausschliessen soll. Die Preussische Judenschaft hat sich durch ihre Anteilnahme am Staate das gute Recht erworben, dass der Staat aus Staatsmitteln, zu denen die Juden nicht minder als alle andern beisteuern, nicht ז bioss die Judenmission fördert. Es ist doch gerade ausreichend, dass aus den Steuern, die auch jüdische Bürger zahlen, jene Gesellschaft offiziell unterstützt wird, die genau so durch ihre blosse Existenz uns in unsern Gefühlen verletzt, wie sich fromme Christen mit Grund verletzt fühlen könnten, wenn wir eine Gese’lschaft zur Verbreitung des Judentums unter Christen und Heiden gründen wollten. In einem Staate, der Juden- und Heidenmission aus offiziellen Staatsmitteln unterstützt, sollte man wenigstens bei dem Entwürfe eines Schulgesetzes, das einen noch dazu konfessionellen Charakter trägt, die Parität nicht in altgewohnter Weise bei den Juden enden lassen. Sollen denn die Juden immer Bürger zweiter Klasse bleiben? Das sollte der Gesetzgeber nicht zum Ziele nehmen. So stehen wir zu Beginn des neuen Jahrganges einem schweren Kampfe gegenüber, wir Juden im allgemeinen, wenn wir neun Zehntel unseres Stammes in einem Vcrzwciflungskampf für Haus und Herd, um das Leben der Brüder, Kinder und Eltern, um die Ehre der Schwestern und Töchter, aber auch um die Ehre der Jüdischen Nation begriffen sehen. Uns selbst aber, die wir bei diesem Kampfe nicht müssig stehen wollen, ist ebenfalls ein schwerer Kampf aufgezwungen worden, ein Kampf gegen die Angriffe auf die jüdischen Volksschulen, die zum Opfer bestimmt sind einem Volksschulgesetz, das, wie immer, nur den Majoritäten zu Gute kommen soll. Zugleich ist es unsere Pflicht, die Angriffe auf unsere Ehre abzuweisen, auf die Ehre unseres Volkstums. Wir müssen gegen die Lauheit und Gleichgiltigkeit uns wenden, die in unserm Volke selbst noch immer weite Kreise beherrscht, und müssen vor allem die Jugend aufrütteln, sich der Fahne des Judentums wieder anzuschüessen. Wie bisher werden wir auf der Warte stehen, werden wir mit dem festen Ziele ״Zion“ vor Augen, von dem wir uns durch keine Hetze und durch keine Zuckerbrote abbringen lassen, weiter den Kampf führen für die Ehre und die Zukunft des Juden-Volkes! Arische Weltanschauung Als erster Band der Monographienseric, dte von Cornelius Gurlitt unter dem Titel ״Die Ku11u r"*) herausgegeben wird, erschien die ״Arische W e 11 a n s c h a uung" des bekannten Houston Stewart Chamber- I a i n. Ueber Chamberlain ist schon viel geschimpft worden. Oft mit Unrecht; denn er ist ja ein grundehrlicher Idealist, dabei kein Kämpfer, sondern ein Träumer, der für die fixe Idee seines Edelrassentums mit dei selben rührenden Kind- Vichkeit schwärmt wie ein Backfisch für seinen Liebiingsdichter. Ausserdem ist er ein Meister des Stils und ein noch grösserer Meister der Phantasie; aber well die Oötter nicht alle guten Gaben an einen Menschen verschwenden, so haben sic auch Herrn Chamberlain eine Tugend versagt, nämlich den Scharfsinn. Dieses ist von Friedrich Hertz und dem verstorbenen Heinrich Meyer Cohn e tutti quanti *) Verlag Bard, Marquardt u. Co״ Berlin. י׳.י. מי^יוייי**■ י»יין:יי4.ימ