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Jüdische Rundschau · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · page 14

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 698 No. 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU diesem Grunde steht ieder, wenn auch nur in hy^p^Jhetischer Form, unternommene Versuch, aut die pontischen Anschauungen irgend einer Klasse der Bevölkerung einen 11 «zulässigen Zwang auszuöben. itn Widerspruch mit dem Staatsgrundgcsctz.c. Hie bürgerlichen rrt!־ beiten müssen für alle glcichmässig und unterschiedslos gelten, und darum kann auch jedermann bei der Betätigung der politischen Meinungsfreiheit innerhalb der geschlichen Schranrien des nachdrücklichen Schutzes der btaatsgewalt gewiss sein.; Zu einer Beunruhigung in dieser Kichtung hegt demnach kein Grund vor. Bei diesem Anlässe möchte ich nur noch bemerken, dass leider die politischen Erörterungen in Österreich bereits seit langem in einem sehr erregten Tone geführt werden. Würde man nach den in den \ ersanunlungen gehaltenen Reden auf die wahren Gesinnungen der Bevölkerung schliesscn, so müsste man mitunter sehr bekümmert sein. Gerade mit Rücksicht aui diese gesteigerte Gereiztheit des Parteilebens kann die Regierung nur die dringende Mahnung aussprechen, besonders in politisch so bewegten Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, alles zu vermeiden, was die Spannung steigern und die nationalen oder konfessionellen Gegensätze verschärfen könnte. Antisemitenherrschaft in Dresden Pas war immer so uftd wird immer sc. sein: der Krug gellt so lauge zu Wasser, bis der Henkel bricht. Jeglich Ding hat sein Ende, sogar die Schrcckenshcnschaft und Miss- Wirtschaft der Dresdener R e i o r :11 p a r t e i, die auf granitenen Unadern errichtet schien für unabsehbare Zeiten und mm nach zwanzigjährigem Wirken in Unsegen zusamniengestürzt ist• gleich einem Kartenhause. Jedem kommt sein Tag, auch Herrn Oswald Zimmermami, es gibt unerfassbare Mächte, denen das Schniähwort ״Verjudung" aus dem Wanenschutz der Gasse und •der Gosse so wenig tut wie dein Monde die .MissfaUensktmJgebiing einer gekrfmkteil Hundeseele. Die Dresdner Reformer halten zwei Jahrzehnte lang die schöne Hauptstadt an der Elbe beherscht. Dass die rückschrittlichsten und rückständigsten Antisemiten sich mit Vorliebe in die Toga des fortschrittlich ‘ gerichteten Reformmeiisdten hüllen, das kann nicht auffailen; die Maskerade hilft eben auch mit wirtschaften, und in Sachsen sagt man im Volke: ״Alle Vorteile gelten.“ Die Dresdener Antisemiten oder ״Reformer” haben sich die Herrschaft im Rathause, den grossen Einnuss in der Bevölkerung zum Teil durch die Vor- Spiegelung zu erringen gewusst, dass sie die rechten Besitzer und Verfechter deutscher Treue und Redlichkeit seien. Ihr volltönendes Daraufloswcttern wider alles, was sie zu durchsichtigem Zwecke als ״undeutschen” oder Jüdischen" Schw indel bezcichneten. hat grosse Schichten der Bevölkerung von Dresden verwirrt: wie die Kindlein dem Ratteniänger in den Koppelberg gefolgt, so folgte die Dresdener Bürgerschaft den Judenhetzern, die einen finsteren Geist heimisch werden liessen im herrlichen Eibflorenz. Und nun nach zwanzig Jahren ist der Z u s a tu in e n b r u c h gekommen, der Zusammenbruch in der Sünden voller Blüte. Es hat sich wieder einmal erwiesen, dass Tugendbolde, die öffentlich Wasser predigen, heimlich Sekt trinken. Wenn man die Dresdner Antisemiten so hörte, so musste man zu den!'Glauben kommen, dass sie. ״urteutscltc" Idealisten vom reinste!» Wasser, die verteufelte Korruption auf allen Wegen und Stegen bekämpfen, und das. was sie tun. um des Vaterlandes. der Vaterstadt und des Volkes willen tun mit reinem* Herzen und mit reiner Hand. Nach Tische liest man's anders. Jetzt, da bei den Stadtvcrorduetenwahlcu mittels des von den Antisemiten selber geschaffenen neuen Wahlrechts sämtliche Antisemiten, die zur Wahl standen, an die frische Luft befördert worden sind und die Beseitigung des Restes der Partei iin Ratlmusc bei den nächsten Wahlen ausser allem Zweifel stellt. — jetzt stellt sich dieses Volksgericht, das einem Gottcsgcricht gleicht, dar als eine Quittung für die!nasslose Cliquenwirtschaft, die von diesen abgetakelten Gent lernen getrieben worden. Ein durchaus christliches Blatt in Dresden, das keine Parteibcziehungen unterhält, bestätigt, dass dieser Cliquenwirt־ schuft, die auch vor persönlicher Bereicherung der Mitglieder der Gilde durch städtische Lieferungen, über die sic selbst zu befinden!iahen, nicht z.urüekschreckt, dass dieser Cliquenwirtschaft ..ein vernichtendes Urteil gesprachen" worden ist. Die parteilosen DRESDNER NEUESTE NACHRICHTEN schreiben: ״East zwanzig Jahre hat der reformerische Klüngel Dresden beherrscht. Wie ein riesiger Polyp hat er mit seiner, Fangarmen unser öifcntüches Leben umklammert, hat jede freie Regung, jeden Aufschwung im Handel und Gewerbe erstickt und mit seiner verhetzenden! Agitation das Volk vergiftet." Das Blatt fügt hinzu: ״Die : Reformerclique hat abgewirtschaftet in unserer Stadt für alle Zeit.” Selbst die alten DRESDNER NACHRICHTEN, die der Aufrichtung der Herrschaft in Dresden durch ihre Art der Bchaudtuug der Juden so ״wacker” vorgearbeitet, scheinen jetzt mit dem Gewitter einverstanden, das die Luft in Dresden gereinigt hat. Von ganz besonderem Interesse ist die Tatsache, dass die Handwerker, die Kleingewerbetreibenden, grosse Beamtengruppen, die man bisher als die festesten Stützen der Antiscmitenpartei kannte, sieb in hellen Haufen von den ״Reformern" abgewandt haben. Ein solcher krasser Umschwung ist noch selten dagewesen: c׳n solches Jena hat noch selten eine Partei erlebt, die in ihrem Machtdiinkcl. ihrem Siegerhochmut,' ihrer brutalen Unduldsamkeit keine Grenzen kannte. Alles, was in diesen Dresdner Stadtverordnetenwahleil al£ Mitglied der bishörigen Vormaclitnartei in den Wahlbewerb eingetreten ist. wurde von den Wäldern 'rücksichtslos fortgesäbclt: das schärfste und nachdrücklichste Gericht hat die schärfsten und nachdrücklichsten Vorkämpfer des AntisennlenkHingels ereilt. Es ist. um mit dem verbreitetsten Blatte i:1 Dresden zu spreclien. eine völlige Umwälzung in dem politischen Leben der Hauptstadt eingetreten. ״Des Kaisers Feind“ Der bekannte antisemitische ״Dichter" Max Bcwer veröffentlicht ein Gedicht über ״des Kaisers Feind", das trotz seiner geradezu grässl.clicn Verse .seinem •Inhalte 'nach absoluter und wenig origineller Biöd.::\1 ist. Der Kaiser habe nirgends einen Feind mit Ausnahme der Juden. Die wollen ״mit der Axt des Aufruhrs den Kamcrtliron zerschlagen und in das Kaiserschloss die!*lammen der Empörung tragen" und noch aüerlei andere Schandtaten verüben, zuictzt . ‘hn. wenn er zur Notwehr greift, über die Grenzen seines Landes hetzen 1!1:d auf sein Haupt noch einen Preis iiir Mör- Cerhände setzen, die Kaiserkinder enterben. ״Und die zärtlichen Gestalten Ins Massenheer des Pöbels re.1111." Indessen könne der Kaiser getrost sein, dieser schreckliehe Eciad ist ja nicht deutsch, sondern jüdseh. Und woher weiss Bewer alles das? Nun, haben denn licht Marx und Lassabe so aller!•.־•; gesagt und geschrieben, das Herr Bewer nie recht verstanden hat, und das daher sehr schlimm sein muss? Aber nicht nur daher stammen die Tränen Max Bcwers. des Unglücksraben. Er hat entdeckt, dass Während Deine besten Bürger. Durch ihrer Arbeit Beispiel Den fürchterlichen Feind zu bändigen suchen. Und seihst der Landeskirche prjesterliche Diener Ihn mit dem Kreuze ernst beschwören, Gebot dem frevlen Treiben dieses Volks Noch niemals Einhalt ein Rabbiner. Alien Respekt vor der licentia poetica und vor der Hellseherei eines blindwütigen Poeten — aber wir müssen doch gegen die!!etzte Behauptung, abgesehen vo” ihrer ficberfrosierregenden Formulierung, cinwendc!’. dass Herr ikwer nicht so genau informiert sein durfte über die Reden und Taten aller Rabbiner, um mit Bestimmtheit behaupten zu können, cs habe noch iric ein Rabbiner gegen die Sozialdemokratie gepredigt. Aber gesetzt den Fall, es könnte nachgcwiescn werden, dass wirklich noch nie und nirgends ein Rabbiner sich zun! Beschützer des deutschen Kaisers gegen den sozialdemokratischen Feind aufgeworfen hat. Könnte nicht der Grund auch sein, dass der Rabbiner sehr gut weiss. dass die Sozialdemokratie so wenig mit dem Judentum zu schaffen habe, wie der Antisemitismus mit dem Christentum? Könnten die Rabbiner nicht am Erde sich sagen, dass, sintemalen ..der Landeskirche priesterlichc D'ener". de eine weit grössere Autorität und Machtfiille besitzen, nicht das Anwachsen der Sozialdemokratie auf drei Millionen ohne die Frauen und ohne die jungen Leute — haben verhindern können, sic erst gar nicht eine solche Danaidenarbeit versuchen wollen, zumal ja die Juden nach antisemitischen Lehrern Kapitalisten. Ausbeuter sind, cs sich also bei den jüdischen Sozialdemokraten nur um Ausnahmen bandeln könne. Aber es lohnt wirklich nicht, gegen den von Antisemiten in Prosa und in Versen oft genug w'׳evlerhoUen Unsinn, dass die Juden für die Sozialdemokratie verantwortlich seien, zu Felde ziehen. Wir bedauern nur eins, dass nämlich das Gedicht in einem Buche veröffentlicht wird, welches im ״G oe th e - V 0 r 1 a g c“ (!) in Laubegast-Drcsdeu erscheint und wenn wir dann noch etwas bedauvrn. so diesen Schwachköpf, der vom ״Geist“ getrieben wird, solches Zeug zu ״dichten“!

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