Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Sjeitcj696 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 52 Volksleben hineinzugneifcn. das reich sei an Interessantem und Erhebendem. Der . ungewöhnlich fesselnde und geistsprühende! Vortrag wurde mit rauschendem Beifall amgenommen, Es war an der Zeit, dass in unserer Gemeinde wieder einmal ein solcher Vortrag gehalten, in welchem darauf bingcvlcsch wurde, dass wir Juden stolz auch auf unsere Gegönwa-t sein können, uns unseres Judentums ncht zu schämen brauchen, und nicht als Juden selbst verächtlich auf unsere armen verfolgten russischen Brüder zu schauen brauchen. E. Strassburg. Da die niesten Studenten diese Woche schon in die Eeri.cp gehen, feierte der V. J. St.*Strassl>urg bereits letzten Samstag-Abend auf seiner Kneipe das Makkabäerfcst. Dasselbe nahm einen würdigen Verlauf. Nach den einleitenden Worten unseres Präsidenten Aronson heit Bbr. Karl Meyer d׳e Festrede, in welcher er in sinnvoller Ausführung auf die hohe Bedeutung des Tages hinwies. Als Vertreter der Gäste und Bürgerschaft Strassburgs sprach Herr Bickhardt. der im Anschlüsse an die cthymologischc Auslegung des Wortes Makkabi uns V. J. St.crn den Hämmerer Juda als leuchtendes Beispiel hinstellte. Ausserdem boten noch •einige Bundesbrüder ntusika) sehe Vorträge dar. Die Kneipe schloss mit einer gemütlichen Fidulitüt. Berichtigung Bei der in letzter Nummer aus ״Itzehoe י gebrachten Notiz ist statt Itzehoe zu lesen: Iserlohn. =» Rundschau — Aus Russland Einem Berichte über die Judcnmctzcleien in Ismail (Bessarabien) entnehmen wir, dass dort 300 Familien vollständig ruiniert sind, von denen verschiedene sien verhältnismässigen Wohlstände serfreuten. 1500 Personen irrten umher, gequält von Hunger und nicht wissend, wo sic die Nacht bei dem kalten W etter verbringen sollen. Es hatte sich ch• lokales Unteistuizungskcmitce gebildet, dem viele Christen angeboren, es waren aber Mittel dringend notwendig. In Kill!, Ren i und Boigrad, wo nur unbedeutende Unruhen stattfanden, haben die Christen, hauptsächlich Bulgaren, die Juden unter ihren Schutz genommen. Dann heisst es in dem Berichte wörtlich weiter: ״Heute (9. Dezember) sind in ganz Bessarabien die Geister noch furchtbar erregt, das Leben und die Habe aller sine dem Verderben ausgesetzt; es herrscht vollständige Anarchie und die Panik ist allgemein. Wer kann, flüchtet ins Ausland. Die wohlhabenden Familien, Christen wie Juden gehen dutzendweise nach Rumänien; die Grenzbearaten lassen sic vermöge grosser Trinkgelder durch, aber viele von den Flüchtlingen werden, ehe sic die Grenze erreichen, beraubt oder getötet. — Am 4. Dezember um 10 Uhr Abends haben die Chuligans die jüdischen Passagiere, die sich am Bahnhof von K i s c 11 i n e w befanden, artgegriffen, beraubt und vier davon retötet. — In Kalarasch kam es am 3. Dezember zwischen Russen und Juden zum Handgemenge, und cs gab Tote und Verwundete auf beiden Seiten. Diese Unruhen entstanden bei der Beerdigung der Frau Ktla Buschncr, eines der Opfer des Progroms in Kalarasch. Was die Lage in Bessarabien verwirrt und erschwert, ist, dass in dieser Provinz sich auch die agrarische Bewegung mehr und mehr bemerkbar macht, während die Rumänen eine nationale Agitation betreiben. — Die Bauern haben eine Petition an den Zaren gerichtet, in der sie dringliehst Boden verlangen. Die Rumänen haben zwei Vereine gcbildet und an die Spitze ihres Programms die Forderung gesetzt, dass die rumänische Sprache in den Schulen, Kirchen und Gerichten cingefülirt werde!“ — Diese rumänischnationale Agitation in Bessarabien in Verbindung mit der etwas auffälligen Bereitwilligkeit der rumänischen Regierung, russische Flüchtige, sogar Juden, aufzunehmen. sind Symptome, die für die politische Lage Bessarabiens und die Zukunft der zahlreichen dortigen Juden noch von ernstester Bedeutung werden können. Vom Hofe Aus Petersburg, den 10. Dezember, berichtet der dortige Korrespondent der VOSSISCMEN ZEITUNG: Am Hofe ist wieder einmal der Privatdozent N i k o 1 s k 1 autgetaucht, eine Persönlichkeit, von der ich im März erzählen konnte, dass sie dem Zaren den Rat gab, er solle nur die Juden unschädlich machen, dann würde die ganze Port- Schrittsbewegung schon einschlafcn. Das war zwar für die Juden ein sehr schmeichelhafter, aber doch nicht angenehmer Ausspruch des Herrn Privatdozenten. Selbiger Herr macht gegenwärtig unter den Truppen der Garnison für das Selbstherrschcrtum Propaganda, hält Reden an die Manifestanten, die dazu bataillonsweise antreten und den patriotischen Redner auf Befehl ihrer Vorgesetzten ״wippen". Dia Presse hat sich des Falles bemächtigt, und cs wurde Abhilfe geschaffen. Nikolski darf nur noch bd Hofe sc non Unfug treiben. Neue Metzeleien In Bialystock Atexandrowo, 20..Dezember. Nach Berichten aus Bialystock sollen dort Rekruten eine Juden hetze veranstalten. Eine polnische Kundgebung Lemberg, 11. Dezember. Auf dem gestern von einem Bürger komitec cinbcrufcnen polnischen Massenmeeting in Ta r nopol referierte Professor Zaniorski über die Juden tu ctzclcicn in Russland, die, wie der Berichterstatter ausführte, noch schonend als wild bezeichnet zu werden pflegen. In '!jtrnapol habe man Gelegen-!■eit gehabt, tausende verstörte und vor Schrecken fast wahnsinnige Flüchtlinge aus Russland zu sehen, welche dem sichern Tode entkommen sind. Die Versammlung nahm einstimmig folgende Resolution an: ״Veranlasst durch das allgcmein menschliche Mitgefühl, sowie eingedenk des Jahrhundertelangen freundschaftlichen Zusammenlebens milder israelitischen Bevölkerung und in Hinsicht aut das gegenwärtige gemeinsaine Schicksal brandmarken wir das Vorgehen der barbariselten Regierung in Russland, welche nicht davor zurückschreckte, die niedrigsten Rasseninstinkte zu entfachen und den Abhub der Gesellschaft zur niederträchtigen Abschlachtinig unschuldiger und ruhiger Finwohncr nur aus dein Grunde, weil dieselben Juden sind, zu ver!:!lassen, und wir drücken deswegen der ganzen Judenschaft unsere aufrichtigste Teil-!!ahme aus.“ — Wir freuen ur.s dieser Teilnahme gewiss und wiälen hoffen, dass diese Solidarität auch daun noch Vorhalte!» wird, wem: die Polen der Jude»:h:!fe ucht mehr bedürfen werden. Protestversammlung in Turin Turin, 9. Dezember. Gestern fand fm grossen Saale der Turincr Sozialdemokratischen Arbeiterpartei eine Protest- Versammlung gegen die letzten Judenmetzeleien in Russland statt, der über 3000 Personen beiwohnten. Den Vorsitz führte Professor Castcllani. Viele Universitäts- Professoren und bekannte Schriftsteller, unter diesen auch Cesare Lombroso. hatten in Briefen ihre Zustimmung ausgesprochen. Den Hauptvortrag über die Revolution in Russland hielt eine Russin, Fräulein Dr. Angelicn Balabanow aus Lugano. Ihrer Ansicht nach sind für die״Ent- Wicklung der Revolution drei Faktoren besonders wichtig, nämlich das Arbciterproletariat, das jüdische Proletariat und das Erwachen der Intellektuellen. Zum Schlüsse wurde cibe Tagesordnung des Professors Castcllani unter stürmischen» Beifall angenommen. Schwierigkeiten des Hnfsv/erks Die Schwierigkeiten, die das Hilfswerk für die russischen Juden im gegenwärtigen Augenblick findet, werden durch einen Beschluss des Pariser Hilfskomitees der Alliance Israölite Universelle drastisch illustriert. Dieser Beschluss vom 3. Dezember lautet: ״Trotz grösster Bereitwilligkeit, das vom Russo-Jewlsh Committee zu London empfohlene Prinzip der einheitlichen Aktion möglichst zu wahren, sendet das Hilfskomitee der Alliance in Anbetracht der dringenden Notlage und des Still- Stands des Telegraphen im Lande dem Bczirkskomitcee in Odessa auf direktem Wege hunderttausend Rubel mit der Bedingung, diese Summe ausschliesslich für unmittelbar notwendige Unterstützungen zu verwenden." ״Sobald der Telegraph weiter arbeitet, ist dem Zentral* Komitee in Petersburg von dieser Sendung Kenntnis zu geben. Das Komitee in Odessa hat seinerseits eine Liste der von ihm unterstützten Ortschaften mit Angabe der jeder einzelnen überwiesenen Beträge dem Petersburger Komitee zu übermitteln." Gorkis Protest Die russischen Blätter veröffentlichen einen flammenden Protest Max »1! Oorki’s gegen die Judcr.exzcssc. ln diesen» heisst es: ״Es ist ja bekannt, dass in KischL״cw das Volk von Leuten aus den aufgeklärten Sphären angeführt wurde. Doch was Ist unsere aufgeklärte Gesellschaft. Das Ist auch Pöbel, noch schlimmer als das Gesindel aus dem Volke. Denn unser Volk ist erbittert durch die Last des Lebens, ist unwissend und umgeben von künstlch geschaffener Finsternis. Die aufgeklärte f