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Jüdische Rundschau · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 695 eine russische Krisis von 1930 uns nicht ebenso unvorbereitet findet, und dass sie nicht wieder eine neue Anzahl von Menschenfreunden vorfindet, die die Worte wiederholen: ״Kolonien werden nicht in einem Tage gegründet." Wir wissen das leider nur zu gut, obgleich im zwanzigsten Jahrhundert man nicht alten Vorbildern zu folgen braucht, obgleich ferner Gewalttätigkeiten und der in dem Wunsch nach Freiheit liegende Ansporn ganz verschieden von den persönlichen Anstrengungen von Entdeckern und Abenteuern sind. Auch wir wissen, dass unsere Kolonie augenblicklich nur geringe Hilfe bringen kann: aber ist dies ein Grund, die alte planlose Politik fortzusetzen und niemals einen Anfang zu machen? . . Aber der Strom der Auswanderung wird nicht einmal auf diese Rechte warten, sich auch nicht durch sie zurück־ halten lassen, wenn sie da sind. DiS Masse wird zweifellos in Russland leben und für die Freiheit kämpfen. Die Zehntausende indessen, die die Schreckeiistagc und ־nächte durchjebt haben, die sehen mussten, wie ihre Tochter vergewaltigt, ihre Kinder aus hohen Fenstern heruntergestürzt, ihre Brüder lebendig verbrannt wurden, die sehen mussten, wie Augen mit glühenden Eisen ausgebrannt, Zungen mit Zangen herausgerissen wurden, werden nicht sobald Vertrauen und Zufrledenheit wiedergew,innen. Der sehon in rapider Bewegung befindliche Strom wird nicht aufhören zu flicsscn. Weshalb sollte sein Lauf nicht, anstatt die grossen Städte und gefüllten Schauplätze der Welt zu suchen, in ein unbevölkertes Land gelenkt werden, welches er bevölkern und fruchtbar machen kann? Wenn der Traum einer britisch-indischen Kolonie von britischen Staatsmännern geträumt* worden ist, weshalb sollte er Ihren Korrespondenten als ein so schrecklieber Plan erscheinen? Wir sind fest überzeugt, dass die Existenz einer nach britischem Vorbilde gegründeten Kolonie mit einer jüdischen Majorität in der Bevölkerung öberaH die beste Antwort aut Antisemitismus und die wirksamste Hüte für die Millionen sein wird, welche noch in Russland!)!eiben, um dort für ihr und ihres Vaterlands Heil zu arbeiten. Gerade weil die Kolonisation im günstigsten Falle so langsam vor sich geht, sollte sic nicht durch dieselben Männer gehindert werden, die, wenn sie ihre Kräfte in unsere Wagschale werfen würden, so wunderbar wenigstens die Anfangsstadien, beschleunigen könnten. Sie würden die!ihre und das Glück ihres Volkes mehr fördern, wenn sie unseren Plan cn bloc annehmen und uns helfen, unsere Fundamente fest zu legen, als indem sie suchen, die Aufrichtung dieses jüdischen Freiheitshmks aufzuhaltcn, das ja doch eine der Gewissheiten des Jahrhunderts ist. Gchorsamst Ihr Israel Zangwill, Präsident der Jfid.-territor. Organisation. ihnen von Jugend an viel zu sehr vertraut, als dass ihre Nennung des Eindrucks hätte verfehlen können. ״Reb Jid,“ begann ein rothaariger, hochgewachsener Jude zu ßen-Jckutiel. ״Ihr seid a emtnesdiger Chossid," und damit meinte er, ״Herr Jude, Sie sind ein wahrhaft frommer Mann.“ Ben-Jekutiel aber glaubte, dass er die Partei der Chassidim ineinte, welche sich zu den Zeiten des Königs Alexander Jannai in Jerusalem gebildet hatte, und sagte, er sei kein Chossid; er trage ja weder Schurzfell, noch nehme er Sturzbäder. Da sahen ihn die Leute erstaunt an und wussten nicht recht, ob sie ihn für verrückt halten sollten, oder glauben, dass er sich einen Scherz mit ihnen erlaube. Nach einer Unterbrechung fuhr aber jener rothaarige Jude fort: ״Nein, Herr Lublinski,“ redete er den Gardisten an, ״Dowjd-Hatnmclech und damit meinte er den König David — ist a grojsser Mann gewelm. Er hot Mischnajes gekeimt und Gemoroh gelernt, wie keiner vor ihm und keiner nach ihm. Dovid-Hammelech ist ein wirklicher Latudan gewesen.“ Jetzt war die Reihe, sich zu wundern, an Ben-Jekutiel. Unverhohlen äusserte er seine Meinung darüber, dass der König David kein Betbruder und kein Reehtslehrer gewesen sei. Mit dem —I Aus der Beweguijg ן— Berlin. Die Schckclblocks pro 1905G906 sind zur Ausgabe gelangt. Damen und Herren, welche die Einziehung von Schekeln in Berlin übernehmen wollen, bitten wir, sich mit genauer Angabe ihrer Adresse baldigst an unsern Schatzmeister J. H. Wagner. Prenzlauer Alice 9. zu wenden. Berliner Zionistische Vereinigung. Berlin. Im Jüdischen Turnverein ״Bar Kochba" spricht am Montag, dem 1. Januar 1906, nachmittags 5 Uhr. Herr Davis T riet sch über: ״Palästinaarbeit und Jüdische Katastrophen." Lokal: Dirkscnstr. 4S/49. Gaste willkommen! Allenstcfn, 13. Dezember. Im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur hielt Dienstag Abend Herr Redakteur Dr. Moses in Berlin einen öffentlichen Vortrag über ״Jung- Jüdische Bewegung". Herr Dr. Moses streifte zunächst die unglückliche Lage der russischen Juden und deren Charaktereigcnschaftcn, die sich sehr wesentlich unterscheiden von den Vorurteilen, die bei den westeuropäischen Juden über sic herrschen und unter denen er u. a. den gewaltigen Bildungsdrang der östlichen Juden hervorhob, der selbst unter Entbchrungen, wie solche uns in Deutschland unerträglich erscheinen möchten, sich erfolgreich Balm bricht. Ijr erwähnte demnach das Wicdcrcrwachen der indische:) Literatur, die hervorgewachsen aus der j'ungjliöisciie:! Bewegung, sich betätige in hebräischer Sprache und im ,Jüdisch". Dieses ״Jüdisch", das nicht mit dem ״Mauscheln" zu verwechseln ist. stellt einen Jargon dar. dessen Ursprung ein veraltetes Deutsch bildet, weiches mit hebräischen, siavischen und anderen Sprachen durchmischt ist. Es wird irn Osten von 6—7 Millionen Juden gesprochen, und ist somit eine lebendige Sprache, der man das Recht zuerkenneu muss, sich eine eigene Literatur zu schauen. Eine solche ist im Laufe des letzten Jahrzehntes auch hervorgcwackscn unJ hat gewaltige D enter hervorgebracht. Der bedeutendste unter diesen ist Morris Rosenfeld, ein armer russischer Jude, in der Nähe Warschaus geboren, nur einen Glieder besucht hat. und mit IS Jahren nach Amsterdam und von dort nach New-York auswänderte, und dort, weil er Jude, als verachteter Proletarier, als Schneidergeselle, lebt. Der Redner trug in der Übersetzung mehrere Gedichte Rosenfelds vor. die echte und tiefe dichterische Begabung vereinten und unbestritten zu dem besten gezählt werden müssen, was die moderne Lyrik bieteü Die drei Teile des Roscnfeldschcu Schöpfungen . Lieder der Arbeit“. ״Lieder des Volkes" und ״Der jüdische Mai" benutzte der Redner, um eine vorzügliche Charakteristik der äusseren Lebensschicksale Rosenfclds und seiner dichterischen Individualität zu geben. Er schloss mit der Mahnung an die jüdischen Literaturvereinc, sich weniger mit der Vergangenheit zu beschuftigen und stau dessen mutig in das moderne jüdische Schwerte habe er dreingeschlagen, und die blutigen Köpfe der umwohnenden Feinde könnten bezeugen, was sein Arm vermochte. ״Ihr wollt leugnen,“ lautete die Antwort, dass Dowid-Hammelecli is gewehn a Lamdan? Wisst Ihr denn nicht, dass er is gesessen vun morgens in der Frih bis in der Nacht im Besditt un Jiot Schailcs gepaskent?“ ״Jawohl, das leugne ich. Die Frage, die man an ihn richtete, lautete, ob Krieg, ob Frieden. Und die Antwort, die er darauf gab. war zu lesen auf der Spitze seines Schwertes. Fragt den KcmOsch von Moab und den Dago.1 von Askalon! Sie werden euch sagen, dass das Lehrliaus Davids die Schlachtfelder auf Judas Fluren waren, wo Saul Tausende schlug und er Zehntausende mit eigener Hand!“ Wachsende Aufregung hatte sich der Zuhörer während seiner letzten Worte bemächtigt. ״Er will kein Pole sein und ist kein Jude." hallte es durcheinander. ״Wie darf er cs wagen, den König David zu schmähen! Nieder mit ihm, dem Koifer-be'ikkor, dem Lehaschis-Ponitn!“ (Fortsetzung folgt.) ו

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