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Jüdische Rundschau · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 694 No. 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU Auf diesen ״appeal”, der zuerst im DAILY TELEGRAPH! erschienen war, antwortete Z a n g w i II in einem Brief an f den Herausgeber dieser Zeitung, die indessen von dieser Antwort nur kurz Notiz nahm, während die itidtsclicn Zeitungen sie wörtlich abdruckten. Wir geben die •Antwort mit geringen Verkürzungen hier wieder: An den Herausgeber des DAILY TELEGRAPH. Geehrter Herr! In Ihrer Ausgabe vom 8. d. Mts. ist ein Brief erschienen, der zwar die Unterschritten, aber seinem ן sachlichen Inhalt nach nicht das persönliche Gepräge von Lord Rothschild und der sieben anderen, in der Judenschaft hervorragenden Männer trug. Insoweit, als der Brief eine Bitte um weitere Beiträge zu dem Fonds für die Erlösung der russisch-jüdischen Dulder erhielt, hat er unsere vollste und aufrichtigste Zustimmung. Tatsächlich plädierte bei einer Massenversammlung, Sir Robert Tide, ebenfalls ganz besonders tiir den genannten Eottds. Aber die Kritik der J.T. O., welche dieser Briet cinscliloss. eine Kritik, die ohne irgend einen Versuch, von unseren Führern Aufklärung zu erhalten, verlasst war. missversteht vollständig unser Problem und unser Ziel. Scho» beim ersten Entwurf unseres Planes haben wir alle späteren Einwendungen Ihrer Korrespondenzen in Betracht gezogen. Die Anklage z. IL dass wir einen Ghetto Staat errichten wollen, ignoriert vollständig den in der ganzen Welt veröffentlichten Briefwechsel zwischen Lucien Wolf nnd dem Präsidenten der Organisation, iri welchem ausdrücklich erklärt war, dass in der geplanten Kolonie Kirche und, Staat getrennt sein sollte!:, und dass das Ziel war. eine Kolonie nach britischem VorbilJe zu Kründet1. Diese Kolonie würde nicht mehr ein Ghettostaat für Juden sein, als etwa Neu־See!.u!d ein Gheitostaat t'ür Christen ist. Die Gesetze einer solchen Kolonie würden Vielt zweifellos auf denen des A’.utterstaatcs aufbauen, allerdings in modifixierter Form. wie sie ja jede britische Kolonie ihren besonderen Verhältnissen anpasst. Was den Einwand betrifft, dass, weil nur eine verhältnismässig kleine Minderheit aller Juden der Welt in wenigen Ländern volics Bürgerrecht besit/t, die russischen und anderen Juden daher vom gemeinsamen Suchen nach fTeihcit und Sicherheit durch Erschliessung eines jungfräulichen Territoriums ausgeschlossen sind, so darf die Antwort darauf getrost dein Instinkt der Engländer überlassen bleiben. Wir haben in letzter Zeit viel von den Rechten Finnlands sprechen hören, und doch beträgt die Volkscignetcs Objekt für die Erfassung der russisch-jüdischen Volk allein beinahe 6 Millionen zählt. Norwegen bat kürzlich eine bedeutende Rolle auf der europäischen Bühne gespielt; aber Norwegen hat nur 21• Millionen Einwohner. Die russischjüdische Bevölkerung besitzt eine so mächtige Lebenskraft, dass Russland selbst iür die Einpfcrchung der Juden die Entschuldigung angibt, es würde sonst von ihnen beherscht werden. Es mag den menschenfreundlichen Briefschreibern, deren treue Ergebenheit für ihre Rasse in diesem Augenblicke wohl der nötigen Vorstellungskraft und Initiative entbehrt, achtungs• durchschauert! Polen, für das wir kämpften! Polen,für das wir stritten, Polen, für das wir litten! Polen bedeutet die Freiheit, den Fortschritt und die Kultur. Für die Juden bedarf es keines anderen Heils, als einzig und allein ganz und gar Polen zu werden.*' Der Wortschwall und die eigentümliche Begeisterimg brachten Ben-Jckutiel cinigertnasscn in Verlegenheit. Fr wusste nicht recht, ob er sich eigentlich mehr über den jungen N uionalgardisten wundern solle, der mit so rührender Einfalt die Hoffnung seines Volkes auf eine dereinstige blühende Zukunft für eine Ausgeburt der Unkultur ansall, oder mehr über die dem Gespräche lauschenden Juden staunen solle, welche andächtig an dem Munde des Jünglings hingen, als ob er eine neue Tora vom Sinai verkündete. Der jüdische Wirt, dem seine Gäste wegen seines Rufes als Geizhals, in dem er stand, den Spitznamen ״Reb Karger“ gegeben hatten, war so sehr von den begeisterten Worten des Gardisten entflammt worden, dass er seinem Herzen einen sanften Stoss gab und eine dunkle Treppe hinuntereilte, um aus dem dumpfen Keller eine Flasche Wein zu holen, die er dem Jüngling spendieren wollte. Als er in den Keller kam. I voll zugestanden werden, dass ein langer und schwerer Leij densweg wandernder Bettler diese als ganz, besonders ungecignetcs Objekt für die Erfassung nder russsich-jüdischc Frage in ihren wahren und. hcrorischen Verhältnissen erscheinen lässt. Das russisch-jüdische Volk besteht nicht nu! aus Zwischendeckpassagieren; sonst hätte das ״Schwarze Hundert“ seine Ausplünderung kaum für lohnend halten können. Es besteht nicht aus einer haltlosen Horde; sonst hätten die tapferen Taten der Juden niemals zur Förderung russischer Freiheit beigetragen. Und während ein reicher russischer Jude uiis versichert, dass 10 000 wohlhabende Familien bereit seien, mit einem vereinigten Kapital von IO Millionen Pfund (jede 11>00 Pfund) Kolonien zu gründen, schreiben 100 Juden des typischen Mittelstandcs. dass sie im Besitz eines gemeinsamen Kapitals von 50 000 Rubeln und ihrer gesunden, geraden Arme sind, und auf das Signal zur Auswanderung nach dem jüdischen Lande warten. Haufen von Studenten haben ihre Bereitwilligkeit erklärt, wenn jemals eine wissenschaftliche Kommission zur Erforschung eines wilden Territoriums ausgesnudt würde, ihre Studien und ihre Lcbensatissichten im Stich zu lassen und Kundschafter, blosse Lasttiere iür die wissenschaftlichen Sachverständigen zu werden. In diesem!eitrigen Glauben und Enthusiasmus, nicht in 50 Piursd pro Kopf, wie von anderer Seite berechnet ist, liegt die wahre Hoffnung auf Verwirklichung unseres Platts. Nichtsdestoweniger könnten wir unsere Kritiker fraget!, welcher wahrnehmbare U n t e r s c 11 i e d besteht zwischen der A u s wanüeru n g. welche sie Vorschlägen und der 1 Kolonisation, welche unser Ziel ist. Geht nicht jede Kolonisation umnerklich in Auswanderung über, und vermindern sich die Kosten der Siedlung nicht in dein Verhältnis, wie die Bevölkerung wächst? Line Berechnung, die auf dem Gedanken beruht, dass die Atssieditmg des millionsten Kolonisten genau soviel kosten würde, wie die des ersten, darf ruhig dem öffentlichen Urteile überlassen werden. Überdies, wenn wir die Auswanderung in Städte und nicht in ländliche j Gebiete, die sic empfehlen, gelten lassen, worin liegt der j Unterschied der Kosten zwischen der Ansiedlung von Aus- Wanderern in verschiedenen Ländern und in imscretU alleiriigen Territorium? Tatsache ist. dass nach Beendigung der ersten Pionierarbeiten die Gvldkostcn beider Pläne genau dasselbe pro Kopi betragen. Der einzige Unterschied würde sein, dass wir dann ein Gemeinwesen gegründet haben könnten, in welchem alle fernerhin einwandernden Juden von ihren Brüdern willkommen geheissen würden, während in allen anderen Ländern die Erfahrung gelehrt hat. dass die Regierung eventuell wünschen würde, dem Zufluss eine Grenze zu setzen . Wir hätten in diesen vierundzwanzig vergeudeten Jahren ein blühendes jüdisches Land haben können, welches nicht nur für die Aufnahme der armen Flüchtlinge, sondern auch füt die kaum weniger hilflosen, reichen Juden bereit wäre, welche Russland in den letzten Wochen in saldier Menge verlassen haben, dass die Plätze in den Eiscubahuzfigeti zehn Tage vorher gebucht werden mussten. Nehmen wir uns in acht, dass war freilich sein Eifer schon bedeutend abgekühlt und so kam es, dass er nach langem, langem Sueben endlieh ein kleines Fläschchen geringwertigen Weines ergriff. Als er die. Treppe wieder herauf kam, war er sehr erstaunt, seine Gäste in lebhaftestem Streite zu finden. ״Habt ihr nie von Ettrer ruhmvollen, glorreichen Vergangenheit gehört,“ so vernahm er Ben-Jekutiels Stimme, nie von den Kriegen und Siegen Eurer Ahnen, dass ihr es so leichten Herzens über euch gewinnt, auf eures Volkes eigene Ehre zu verzichten?“ ״Von welchem Kriege redest du, tapferer Jude?“ zeterte höhnisch rein Gegenüber, ״etwa von den Kriegen im Bctli-Hmnidrasch? Von dem Wortgefecht, ob die Hühner ein Recht, haben, ihre Eier am Jom-Tobli zu legen? Welche Siege meinst du, doch gewiss die Siege der Wucherei* und Halsabschneider?“ ״feil spreche vvu den Kriegen Jonatans und Davids, von den Heldentaten Judas des Makkabäers.“ Diesmal waren (Tie Zuhörer auf Ben-Jekutiels Seite. Ihr Herz sträubte sich dagegen, dass man das pilpulistische Wortgefecht in einem Atemzuge, mit dem Wucher nannte. Auch die Namen Jonatans und Davids waren

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