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Jüdische Rundschau · 1905-12-29 · Heft 52 (29.12.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Na 52 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seitc_693 drückten Juden in Russland ־und anderen Landern aiifnclinicrt 211 können. Hier sollen sie etwas wie einen jüdischen Staat gründen mit weiter Autonomie unter britischer Souveränität Einstweilen ist diese Organisation noch ohne Territorium, Valls ein <3;cignctes Land gefunden wird, müsste cs nach Ansicht der Führer umfangreich genug seih, um mindestens vier Millionen Seelen autuelimen zu können, d. h. cs müsste •mindestens ebenso Kross sein wie Irland, das nur Millionen Menschen zahlt und bereits an manchen Stellen stark übervöikcrt ist. Angenommen, die englische Regierung wäre bereit ein solches Territorium herzugeben, wann und wo könnte .dieses Land verwertet werden. Kolonien lassen sich nicht über Nacht gründen. Die Kolonisation ist eine langsame und allmähliche Arbeit.Die Natur will gefreit und gewonnen, der jungfräuliche Boden ausgerolidet und bebaut sein. Hausen müssen erbaut und barmen errichtet werden. Alle diese Vorbreituugsarbeit müssen von : jungen und abgehärteten Pionieren ansgefiihrt werden, so dass Jahre vergehen dürften. ׳ יי*vor das Land geeignet sein wird, eine grössere Zahl Emigranten mit ihren Familien aufzunchmcn. An eine Kolonisation, die geeignet wäre, dem dringenden Mangel an einer Zufluchtsstätte für die Opfer der Verfolgung abzuhelien. ist also einstweilen nicht zu denken. Auch gegen den Plan der Führer, wonach die Kolonie eine eigene Autonomie besitzen soll, lassen sich schwere Bedenken erheben. Es ist noch nicht lange her, dass die jiidischeu Ghettos in den zivilisierten Ländern erst niedergerissen wurden, und die Juden die Erlaubnis erhielten, zusanunen mit ihren andersgläubigen Mitbürgern zu wohnen. Nun sollen die Juden mit eigener Hand ein neues Ghetto resp. einen Ghettostaat mit eigenen Geestzen errichten? Ais wenn die Gesetze von England und seinen ireic-11 Kolonien für die unglücklichen russischen Juden, die bis jetzt in ihrem eigenen Lande praktisch geächtet werden, nicht gut genug wären. Der Plan der territorialistischen Organisation setzt voraus, dass die Juden selber eine Isolierung wünschen, dass sic durch ihre Gewohnheiten und Institutionen sich selbe! für ungeeignet halten, sich mit dem übrigen Teil der Welt zu assimilieren. Ferner muss gefragt werden, haben die Wortführer der jüdisch-tcrriatoriaiistisclicn Organisation die Kosten in Beträcht gezogen? Die Erfahrungen haben gelehrt, dass eine Kolonisation selbst unter den günstigsten Umständen mindestens 50 Pfund uro Kopf erfordert. Wo wollen die Herren die für die erste Million russischer Juden erforderlichen 50 Millionen Pfund Sterling finden? Selbst wenn die jungen Einwanderer alles, was sie in der neuen Heimat erwerben, hergeben wollten, wurde nur ein kläglicher Betrag aufgebracht werden können. Die Leiter der Organisation gehen an, dass ihre Bestrebungen mit der Philanthropie nichts zu tun haben. Haben sic auch schon dafür gesorgt, dass die Geldgeber, ”die für eine so zweifelhafte Kolonisation unbedingt erforderlichen ersten Mittel geben? Falls die Führer der territorialistischen Organisation zur Einsicht gelangen sollten, dass ihre Projekte unerreichbar sind, j und sie wenige.!1 hochtrabend, statt für Millionen nur für Tausende ihrer unterdrückten Glaubengcnosscn sorgen י wollten, würde ihre Energie in den jetzigen unhcilschwcrco! Zetten grossen Nutzen für die jüdische Emigration haben I können. Die 50 Pfund, die erforderlich sind, um langsam und; mit, grossen Schwierigkeiten eine einzige Person zu kolonli sicrcn, würden genügen', um sechs Personen nach Argentinien! hintihcrzubringcti. Nach den bisher mit der Auswanderung | nach Argentinien gemachten praktischen Erfahrungen zu urteilen, könnte dieses Land für eine .unbestimmte Zahl von Juden von nicht nur grossem, sondern unmittelbarem Vorteil sein. Auch Kanada könnte nach der jüngsten grossmiitigen Rede des S.ir Wilfried Lauricr gleichfalls eine sehr : grosse Zahl von geeigneten F.ittw anderem aufnehmen. Falls Mittel für Kolonisation aufzubringen sind, so könnte man diese Mittel besser jetzt schon für Emigration verwenden. Mim destens sechsmal so viel Gutes würde damit gestiftet werden: i denn sechsmal soviel Opfer der russischen Unterdrückung ־würden aus der Finsternis in das Licht der Freiheit gelängen. Endlich — und das ist das Wichtigste — würden alle Pläne, ob Kolonisation, ob Emigration, nur.einem kleinen Teil der Dulder zugute kommen. •F ii r das Gros des russisehen Judentums kann das Heil nur in Russland selber unter einen! Regime von Freiheit und Oerechtigkeit erfolgen, einem Regime, unter dein sie die gleichen Rechte mit allen ihren Mitbürgern gemessen. Dass sic dieses Recht endlich erhalten, muss unsere ständige Hoffnung und unser unaufhörliches Verlangen sein. Die dringendste Pflicht ist aber einstweilen das zu tun. was uns am nächsten liegt. Das ist unsere Pilicht gegen die Opfer der K a t a - Strophe, deren Angstruf aus mehr als‘hundert russischen Städten zu uns herübertönt. gegen die Tausende von Witwen und Waisen, die durch die mitleidslosen Schlächtereien ihrer j Väter .und Ernährer beraubt worden sind, gegen jene Tausende von Männern. Frauen und Kindern, die für das ganze Lehen j von Schurken verstümmelt worden sind, das ist endlich j unsere Pflicht gegen jene Zelmtausende. die durch die Zerl störungsw ut von Räubern und Bestien ohne Haus und ohne | einen Pfennig geblieben sind. Diesen Leidenden beizustehen, ן die Hungernden und Obdachlosen zu schützen, den Tausenden von bedrohten Leben mit allen möglichen Mitteln zu helfen, das muss in erster Reihe unsere Sorge sein. Wir bitten afle guten Menschen, die zweifellos in bester Absicht mit Projekten umgehen, die im besten Falle in einer fernen Zukunft einigen Wenigen zugute kommen könnten, ihre Energie mit der unsrigen zu vereinigen für die grosse uns unmittelbar bevorstehende Arheit. Nicht nur müssen die gegenwärtigen und I dringenden Bedürfnisse befriedigt werden, wir müssen auch! versuchen, für viele tausende lebende Opfer der russischen : Barbarei etwas Dauerndes zu schaffen!“ 1 1 Rothschild. Claude G. Montefior e. Samuel M 0 n t a g 11. Leonard L. C o h en. David L. Alexander. Benjamin L. Cohen. N. S. Joseph. S t u a r t M. S a m u e I. Freunde: .... ״Indem wir uns auf unserem ange- J stammten Boden unsere Freiheit erkämpfen, versichern! wir uns wechselseitig der Freiheiten und verteilen sie ' unter einander. Mag es nun nötig sein, gemeinsam uns zu konstituieren, oder getrennt, der allgemeine Wille wird darüber entscheiden, ebenso wie die wechsclsei tigen Ucbereinkommen. Vielleicht gedenkt ihr ein gesondertes Gesetz vorzuzichcn, vielleicht ist es eure Absicht, euren heiligsten Wünsehen die Krone a ti f z u s e t z e n und zu Jakobs Land z 11 r ti c k z u k e 11 r c n! In allen Fällen wird die polnische Nation, durchdrungen von der Gerechtigkeit Eurer Wünsche, sich mit Feuereifer bereit erklären, euch zu helfen. Erhebt heute eure Gebete und vereinigt sic mit den unseligen, damit Gott die Sache i beider Völker triunipliieren lässt. Bald wird j die Stunde der Befreiung' schlagen, kein Augen- ן blick ist zu verlieren. Handelt fortan ohne j Unterschied mit uns vereinigt. Wer sich nach dem : Winde richtet, der wird nicht säen, und wer , der . Wolken achtet, der wird nimmer ernten.; - ״Seht, Freunde, und dass müssen wir Juden über uns ergehen lassen, ohne dagegen zu protestieren?-Nein, seht doch, wie man uns von dieser Seite an die Rückkehr nach Palästina er* innert, und wenn es auch mit honigsüssen Worten ge- Schicht.“ ,,Ist das wirklich deine Meinung, Freund?“ fragte Ben-Jckutiel, indem er mit seinem Stuhle dem jüdischen Nationalgardisten näher rückte. Es war gewiss das erste Mal, dass es dem jungen Frcihcitshcldcn begegnete, dass ein Jude sich vermass. ihm hierin zu widersprechen. Er betrachtete ihn vom Kopf bis zur Sohle mit so sonderbaren Blicken, als könne er es garnicht verstehen, wie man in dein Aufrufe des nationalen Komitees etwas anderes erblicken könnte, als einen Angriff auf die Rechte der Juden. ״Sichst du denn nicht, mein Bester, wie hier Pah'istina erwähnt wird? Würde man sich gestatten, auch nur anzudeuten, dass die Krone der jüdischen Wünsche und Hoffnungen die Wiederherstellung eines veralteten Staatswesens in Asien sei, wenn man noch immer nicht den Hintergedanken Ins werden könnte, dass die Juden nicht wert sind, Polen zu sein? Polen, süsses Wort: wie es uns bei diesem heiligen Namen

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