Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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/ Seite *684 JÜDISCHE ca. IW jüdische Einwohner unseres Städtchens zu einer Protcstvcrsamnilung ein. Nach einer kurzen Ansprache erteilte der Vorsitzende der Ortsgruppe Herrn Lehrer Jakob A u c r - bach- Posen das Wort. Referent sprach in einem mehr als eustündiföen Vorträge iit>er das riicnia: ״K i sc h i n e \v . Shitomier, Odessa oder Zion". In beredten Worten schilderte Redner die traurigen Vorgänge in Russland, geissclte die von den Behörden angcstelltcn Prodroms gegen unsere Statnmesgenossen und hob in glühender Begeisterung die Heldentaten der jüdischen Sclbstwehr liervor. Aber wohin mit den unglücklichen Brüdern und Schwestern, wohin mit den tausender. Waisenkindern? Hierauf Kann es nur eine Antwort geben — die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Reicher Beitall folgte den AusiüHrungen des Redners. Hierauf gelangte die vom. Vorsitzende der Ortsgruppe. Herr Alfred S a I i n g e r. eingebrachte Resolution einstimmig zur Annahme. -Pie am 10. November inj Oramss’schen Saale versammelten jüdischen Bewohner von Filehne sprechen ihren tiefsten Abscheu und ihre Entrüstung über die Judenmetzeleicn in Russland aus und verurteilten auf das schärfste das Verhalten der russischen Behörden. Pie Versammlung erklärt cs für die Pjicht jedes gesitteten Menschen, nach Kräften zur Linderung der Not und zur Vor* hfitung ähnlicher Vorkommnisse beizutragc:1!“ Nachdem noch die Herren; Kantor R e h i e I d . Imber und K u n i t z k i mehrere stimmungsvolle zionistische Lieder /um Vortrag ge* bracht hatten, wurde die Versammlung mit der Aufforderung zur kräftigen Weiterarbeit für das zionistische Programm und mit den herzlichsten Dankesworten für den Referenten, Hern Lehrer Auerbach-Posen, gegen 10 Uhr geschlossen. Posen. Ortsgruppe. Am •I. Dezember sprach Herr Referendar K o c n i g s b e r g e r über: ..Russische J 11־ denmassakres" und entwickelte vor allem die Konsequenzen, die der Zionismus daraus zu ziehen hat In der ausgedehnten Diskussion, die sich daran knüpfte, wurde vor allem die Stellung der zionistischen Organisation zu den Hilfsgesellschaiten und deren gegenwärtigen Aktionen heleuchtet, speziell das Verhalten des hiesigen Lokal- Komitees des Hiltsver.cins Deutscher Juden iiir sich und gegenüber allen Vorschlägen der Ortsgruppe (Proteslversamntlung, Trauergottesdienst. Wohltätigkeitsvorstellung usw.) lebhaft gegeissek. Es wird sich noch Gelegenheit bieten, darauf zuruckzukonmicn. Heute sei nur noch die Tatsache festgenagelt, dass der von der Ortsgruppe inspirierte Antrag eines christlichen Stadtverordneten, aus städtischen Mitteln einen Beitrag za den Sammlungen für die russischen Juden zu bewilligen, die Unterschritten zahlreicher Xichtjuden, aber mir zweier Juden fand. Der freisinnige Lokaigott, zugleich Leiter der Hil1svcrt?'ns-FiKale, fand es nicht nur iiir angebracht, gegen den Antrag zu stimmen und den Freisinnigen nichtmosaischer Konfession ob ihrer Unterschrift lebhafte Vorwürfe zu machen, sondern ist auch gegenwärtig an der Arbeit, hinter den Kulissen dem Antra? ein Begräbnis erster Klasse zu bereiten. Kaum glaublich, aber wahr! Die N a t i 0 n a 1 j ü d i s c h e Pirauen Vereinigung beginnt demnächst mit öffentlichen Kursen in jüdischer Geschichte und Literatur für Damen und Mädchen. Herr Rabb. Dr. Block wird die Kurse leiten. Im Jüdischen Diskutierklub spricht am 21. Herr Dr. Jeremias über ״Die philanthropischen Gesellschaften und die JTO“ Posen. Gruppen verband. Auch in diesem Winter ist die Propaganda eine recht lebhafte. Bisher *haben die Herren Dr. Kolienscher in öffentlicher Versammlung in Filehne ttnd Ra witsch. Dr. Cassel in Samte r, Lehrer J. Auerbach in R o g as e n und Filehne gesproewen. In interner Sitzung sprach ferne•־ Dr. K o 11 e nscher in Thorn. wo sich nunmehr Ortsgruppe konstituiert hat. die recht rührig a•* .rbeit ist. Weitere Versammlungen sind für Gncse... Btombcrg. Hohensalza, Graudenz. Pieschen. Schroda. Schrimm. Schwere״/, uiul^Moschin in Aussicht genommen. Hoffentlich stehen die Erfolge denjenigen des Vorjahres nicht nach. ßeuthen O.-S. In der am 18. November stattgehabten Versammlung hielt Herr Davis T r i e t s c h aus Berlin eine« Vor trag über die ״Probleme der jüdischen Kolonisation". Die Bedeutung der Frage der jüdischen Kolonisation sei heute mehr denn je in'den Vordergrund getreten; man blicke nur auf die russischen Greuel: wenn die Zeitungsberichte nur einigermassen richtig wären, so fehle es drüben etwa 500 WO Glaubensgenossen an dem Notwendigsten und man könne diese zerstörten Existenzen nur aufrichten, wenn man sie z. T. in ein neues Land verpflanze. Aber in welches Land? Am geeignetsten erschiene der Orient, denn die Haupteinwanderungsländer, die Vereinigten Staaten und England, hätten RUNDSCHAU ... in der letzten Zeit ii:- Millionen Juden auigeuommen, sie seien sozusagen gesättigt und begännen sich gegen eine weitere Einwanderung zu schliessen. Und diesem Beispiel werde auch der übrige Westen folgen. Die Wanderung der Juden dürfe nun nicht in ..Zerstreuung״, sondern wie es die zionistische Idee der Konzentration verlange, in ״Sammlung״ vor sich gelten. Diese Idee der Konzentration wäre seit dem letzten Baseler Zionistenkongress in den Vordergrund gerückt und die sogenannte ״Palüstinafragc" zurückgestellt worden. Das sei verkehrt. Wenn Znngwill und seine Freunde glaubten, auch irgend welche andere Länder seien geeignet, Juden aufzunehmen. so sei das ein Irrtum, denn unsere Auswanderer seien zum Unterschied von denen anderer Völker ,die grosstenteils aus der lüudiichen Bevölkerung sich rekrutierten, Hausierer, Handwerker und auch Arbeiter. Diese aber brauchten Länder, die eine gewisse Entwickluugsliöhc bereits erreicht hätten. Ausgeschlossen seien Länder mit dichter Bevülkerung oder mit niederer Lebenshaltung, wie z. B. Afrika. Ausserdem müsse das Einwandenmgsland in der Nähe der Auswanderungsgebicte liegen. Und alle diese gewichtigen Argumente 'sprächen iiir die Besiedelung Palästinas. Gegen dieses Projekt führe man an, dass Palästina zu klein wäre, dass man mit der grossen Zahl der Einwanderer rechnen müsse. Aber für den Anfang würde cs ausreichen, könnt es etwa 2 Millionen Einwanderer noch aufnehmen. Weiter müsse man damit rechnen, dass die türkische Regierung Schwierigkeiten machen werde; \or allem würde den Fremden der Landerwerb nicht le'clu gemacht; ausserdem sei es nicht angenehm, unter der türkischen Administration zu stehen, derer! Misswirtschaft freilich .nicht grösser als die russische und gali/ischc sei. Man müsse weiter daran denken, dass Palästina schon früher zu klein gewesen sei und die Bevölkerung über die Grenzen getrieben habe. Daher habe der Baseler Zionistenkungrcss die Besiedelung Paiüstinas und der englischen Nachbargebiete als letztes Ziel hingestellt, denn die an Palästina angrenzenden türkischen Gebiete seien ebenfalls verschlossen. Es kämen hier also noch in Betracht dT cgyprischc Provinz El-Arish 1n!d Cypern, m denen man, wie auch in Palästina, da sic mir dünn bevölkert seien, von .vornherein leicht die absolute Majorität erhalten könne und auch die Türkei würde alle Schwierigkeiten fallen lassen, wenn .die Juden sich als loyale Untertanen zeigen wiirden. Der Redner geht dann au! verschiedene Mittel ein, die zu diesem Zwecke führen. — Man müsse ferner bei den Unterstützungen mehr gcschäftsmässig Vorgehen, wenn darin auch gewisse Härten lägen, denn die Aerinstcn könne man nicht mit ht'niibernehmen; man müsse nur etwas besser gestellte Leute heriiberzichen, die Zurückgebliebenen gewännen dann Luft und könnten sich emporarbeiten. Weiter empfiehlt der Redner die Errichtung eines Zcntralinformationsbareaus, damit die Auskunftsstcllen in den einzelnen Ländern mitein־ ander in Konnex treten könnten. Ferner müsse man die Arbeit der Juden in Palästina produktiver machen, etwa zui Vergrösserung der Hausindustrie usw. beitragen. Nachdem der Redner noch in eingehendster Weise die verschiedenartigsten Kolonisationsfragen erörterte, die durch die Sachlichkeit der Ausführung das lebhafteste Interesse der zahlreich besuchten Versammlung fanden, schloss er mit einem Aufruf an die Anwesenden durch intensivere. Agitationstätigkeit die Tendenzen der zionistischen Bestrebungen zu fördern. Im Anschlüsse an die mit starkem Beifall anfgenommenen Ausführungen gedachte der stellvertretende Vorsitzende, Herr Pb. l.ewandowski in warmherziger Weise der getnordeten und gefallenen jüdischen Helden und Märtyrer in Russ-!and und leitete sofort eine Sammlung für die Selbstwehr ein. Weiter Je Ite er mit. dass auf ,seine Veranlassung eine Woh'- tütigkc:tsvorstellung im Bemhener Stadttheater stattgefunden habe, und ebenso ein Wohltütigkcitskonzert für den Anfang des Monats Dezember geplant sei. Hamburg. Am H. Dezember er. fand eine geschäftliche Sitzung der Ortsgruppe statt zur Besprechung innerer Vercmsangelegenlieitcn, Der Vorsitzende gab c.V.c ausführliche Uehcrsicht über die Tätigkeit der jetzt über 300 Mitglieder zählenden Ortsgruppe im letzten Halbjahr. Er erwähnte die Begründung des jüdischen Volksvercins und der zionistischen Fraiiengruppe, die bereits 75 Mitglieder zählt und demnächst eine Makkabiicrfeier für Kinder veranstalten wird. Auf eine Anfrage von Dr. K. Le vy, warum die Ortsgruppe es unterlassen habe, anlässlich der Judcmuavde in Russland eine grosse öffentliche Protestversammlung cinzuberufen, erwiderte der Vorsitzende, dass die Einberufung einer Masscnversammlung auf Grund eines Kompromisses unterblieben sei, das er mit Rücksicht auf die Hamburger Verhältnisse u*d im Ein- Verständnis mit den: Präsidenten des Aktionskomitees abgc-