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Jüdische Rundschau · 1905-12-22 · Heft 51 (22.12.1905) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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t Seite 67^ JÜDISCHE - -r■-— ־—— - Völker vermögen die Russen nicht Herren z1׳ bleiben. Über Polen verhängte zwar Witte, als es die Autonomie verlangte, den Kriegszustand; doch hat er sich bereits genötigt gesehen, diese Massrcgel wieder aufzuheben. Und auch utu die Losreissung des Kaukasus zu verbildern, versuchen es die Russen bereits!rieht mehr mit Armcnierniassakres, wie sic solche noch gegen Ausgang des Krieges durch die betörten Tartaren veranstaltcn licsscu. Kurzum, die russische Gewaltherrschaft ist kläglich zusammengebrochen und wird sich nicht wieder aufrichten lassen. Deshalb ist auch an eine Wiederaufnahme der russischen Eroberungspolitik für absehbare Zeit nicht mehr zu denken. De gesamte Kulturwelt, die sieb von der Ucbcrmacht des russischen Barbarenstaates bedroht sah, atmet erleichtert auf. Vor allem aber kann die Türkei, die vor den russischen Kroberungsplänen wohl am meisten auf der Hut zu sein hatte, getrost m die Zukunft blicken. Russland wird reicht mehr im- Stande sein, das türkische Rach zu unterwerfen, selbst wem!;11 ihm noch einmal die Reaktion oder eine herrsch- und gewinnsiiehtige Bourgeoisie siegen sollte. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden aber •n Russland diejenigen Parteien zum Siege gelangen, die eine ' Probe rungspolitk überhaupt nicht wollen. Verbleibt aber Paliisiina mit seinen Nachbargebictcn den Türken, so haben wir mit einem Staat zu unterhandeln, der uns freundlich gesinnt ist. Andere Machte aber als mägliehe ktinfige Besitzer Palästinas ins Auge zu lassen, wäre heute mehr denn je massiges üedankenspiel. So gewährt uns die russische Revolution bei allen Greueln, die sie über uns gebracht hat. doch auch nach dieser Seite h'n einen Lichtblick. Russische Juden Unglaubliche Verbrechen sind in den letzten Wochen von den schwarzen Banden, den Chuligans, in nahezu halb Russland begangen worden. Die Reaktionäre wollten das!reihe tlichc Manifest des Zaren um jeden Preis vereiteln und glaubten ihr Ziel am ungestörtesten erreichen zu körn en, wenn sie der Regierung mit einer Empörung des Mobs zu schaffen machten. Geld hatten sie ja genug, und was tut der P0Bel_ nicht für Geld! Auch die Parole war bald geiunden. ״Haut die Juden!“ brüllte die aufgereizte Masse und wälzte sich gegen die unglücklichen Opfer, die ihrer Mordgier rettungslos preisgegeben waren. So entstand eine Gegenrevolution, die sich nicht genug an Scheussliclikeiten und Blutvergiessen tun konnte. Nicht einmal Kühnheit besassen die Mörder, die sich an den Qualen der wehrlosen Opfer weideten. Und wie verhält es sich mit der revolutionären staatsfeindlichen Gesinnung, deren man die Juden ז!ו Russland bcschuldigte? Gewiss werden auch viele Juden zu den Agitatoren gehören, aber verhältnsmässig wohl kaum In grösserer Zahl als Christen und Heiden. Der bekannte russische Kriegskorrespondent N e m i r o w i t s c h Dantschenko singt von dem Patriotismus russischer Juden ein Ruhmeslied, vor dessen Klang die fanatische Wut derer, die keinen Unterschied machen können oder wollen, sich scheu verkriechen muss. Der deutschen Übersetzung im BESTER LLOYD entnehmen wir folgende Worte: Es sind einige Monate verstrichen, seitdem ich die Mandschurei-Armee verlassen habe. ich erinnere mich au jüdische Soldaten; sie Starben neben den unsrigen. In die Geschichte der Helden sind nicht wenige Heldentaten eingetragen, welche eben *on jenen ״Juden" vollbracht wurden, die hinzuschlachten die Patrioten der Schwarzen Banden und d e Vatcrlandsretter der Chuligans jetzt eben auffordern. In den Spitälern lagen die Juden neben Christen, und gemeinsam mit ihnen hat man sic in ״brüderliche" Gräber verkü‘N DSC HAU _____. ... _N0. 51 senkt. Und wenn dort der schurkische Schrei erschallt wäre: ״Haut die Juden!•*, so kam! ich mir vorstellen, welche Empörung sich auf dm Gesichtern der Kriegskameraden abgespielt hätte. Ich erinnere mich, wie nach einer Schlacht beinahe eine ganze Abteilung sich nachts auf das Schlachtfeld begab, um den jüdischen Helden aufzusuchen, der doit zufifckgelasscn wurde und nach der Meinung seiner Mitkämpfer noch lebendig war. Man hat ihn halbtot gefunden und ilm auf den Schultern in der Dunkelheit durch das noch immerwährende Artilleriefeuer getragen. Ich habe auch einen anderen Juden nicht vergessen, der “ bei der Überschwemmung und unter Gewehrschüssen den Eluss Schabe durchschwamm, um zu erfahren, wohin eine Seldatonabtcilung geraten war. die beim Rückzug ver- *essen worden war: Er fand sie im Gras und brachte sic auf Umwegen zur Position. Die iiid'schen Soldaten wäre: nicht im mindesten schlechter als ihre russischen• Kollegen. Sie flüchteten nicht, sie wichen nicht den Gefahren aus. I!, tropischer Hitze, bei Regenguss, in halbgefrorenem Kot. hungernd und ermüde! hat der jüdische Soldat denselben Dienst und ebenso ehrlich und widerspruchslos geleistet wie der Pole, der Russe und Tartare. Ich erinnere mich an einen jiidisehen Sappeur, der mit freudigen! Lächeln zu mir sprach: ,Jetzt wird man aufkören, uns *‘Jud*!‘‘ zu schimpfen." Ich erinnere mich au einige jüdische b a r n! herzig c Schwestern. Unter den heiligen Mädchen, Riissiime!. Deutschen« Polinnen waren s:e wie ihresgleichen. Sie habe•: ebenso den schweren Dienst getragen, verausgabten ihre Kräfte in abschculicr.cn Waggons mit Verwundeten, Kranke;, und Scuchcnbcliaftcten. Sie hungerten und froren und trüge:! in die Pflege der unglücklichen Opfer des Krieges ihre Stammcsleidenschaft und Energie. Unter ihnen waren nicht wenige, die eine höhere Bildung genossen haben, die zu Mause in reichen Familien verwöhnt waren. Und nachdem sie plötz* lieh in die furchtbaren Bedingungen des Kriegslebcus gerate;: waren, vollzogen sic ihr Werk, ohne der schwersten, der schmutzigsten und bei weitem nicht effektvollen Arbeit aus* ztnvechen. Ich habe solche gesehen, die über den sterbe;:־ den Soldaten bitterlich geweint haben; unsere Soldaten nanu* ten sie ״Schwester“ und ״Liebe", und wieviel Zärtlichkeit. Dankbarkeit und heilige Rührung lag im Ton dieser Kriegs*!mirtyrer! Man weiss schon, dass die meiste'!! M i I i t ä r ä r z t e in diesem Kriege Juden waren. Sie bildeten min* destens 60 Prozent der Gesamtzahl. Man brachte oft Frauen*. Augen- und Kinderärzte hin, und von keinem von ihnen habe ich einen Vorwurf gehört. Ich berufe m ich auf meine k r icgs ko 11e g׳.r. A ntwortet!' Haben die jüdische״ Arzte schlemt gearbeitet? Waren sie faul? Haben sie uu* gewissenhaft ihre Sache verrichtet? Sind nicht viele von ihnen an Entbehrungen, Typhus und Disscnteric gestorben■1 Gingen sic nicht im Feuer hinter den Soldaten? Verbanden sie nicht Verwundete in der Kette, beinahe angesichts der japanischen Vorpostcnliuie? Verbrachten s:c nicht Tag und Nacht bei den Batterien? Bemühten sie sich, in Sicherheu im Rücken der Armee, fern von der Gefahr, zu bleiben? Nein, und tausendmal nein! Der Arzt, der Soldat, die Juden waren, die jüdische Schwester haben mit imgeschwächter Energie unserem Vaterlandc, unserem Bauer im grauen Soldatenmantd, unserem Offizier gedient, und das nicht aus Not, s o n - dem aus Gewissen. Und ich habe dort weder Juden, noch Polen, noch Russen gesehen, ich sah nur Bürger eines grossen Landes, welche ihr Wissen, ihre Kräfte, ihren Mot und, was das Wichtigste ist, ihre Sech: für den Bruder dnlii״* gaben, mag er, welcher Religion auch immer sein.

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