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Jüdische Rundschau · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 50 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 671 Abtprimas v. Hemptinne an der Pilgerfahrt tcilnclimen, um die acht Mitglieder de£ Benediktinerordens, welche' nach längerem Studium der arabischen Sprache gewidmeten Aufenthalte im griechischen Seminar in Rom für den ..Zion” entsandt w wer den und ebenfalls mit dem Pilgcrzuge fahren, in ihre neue Niederlassung cinzuführcn. Kleine Mitteilungen Die Wahlen zum Direktorium der akademischen Lesehalle in Berlin haben Donnerstag abends ihr Ende erreicht. Das Resultat ist faxendes: Es haben Stbnmen erhalten: die ״Nationale Partei״ (Antisemiten aller Schattierungen) 841, die katholischen Kandidaten 207, die Freie VerwaJtungspartei 256. der Verein Jüdischer S t u - denten 231. Gewählt sind folgende Herren: ״Nafionale Partei“: Kündiger (Verein Deutscher Studenten), Hennig (Akademischer Verein für Mathemat k und Physik), Püschel (nationaler Finke), Sasse (Akademischer Ruderbund), Schmidt (V. D. St), Ebering (Rechtswisscnschaftlicher Verein), Franz (Evangelischer Bund), Boesc (nationaler Finke), van den Katholiken: Dobroschke. Müller, von der Vcrwaltungspartef: Jung, Werthe m, vom V c* r c i n jüdischer Studenten: Merzberg. Hofstein. Am!9. November starb in Warschau der bekannte Vorkämpfer des Terrltorialisraus in Russland. J. Chasan. In früheren Jahren hatte er der Verbreitung des Zionismus grosse Dienste geleistet, wandte sich jedoch nach dem VI. Kongresse vom Zionismus ab und der territorialistischen Idee zu, die in ihm einen nicht ungeschickten Propagator verliert. Die Antisemiten der verschiedenen Spielarten haben nun auch ihre Initiativanträge beim Reichstag eingebracht. Es sind nicht weniger als 16. Die Herren haben sich sogar bemüssigt gesehen, ein alphabetisches Sachregister zu den Anträgen beizufügen, damit die Anhänger im Lande sehen sollen, wie eifrig die Antisemiten sich an der Gesetzgebung beteiligen. Natürlich wird den Wählern dadurch nur Sand in die Augen gestreut,' denn wer die pariamentarischc Geschichte der letzten Jahrzehnte verfolgt hat, weiss, wie die FREIE DEUTSCHE PRESSE schreibt, dass die antisemitischen Abgeordneten bei wirklich wichtigen Beratungen und Abstimmungen entweder gar nicht anwesend sind oder gegen einander stimmen oder überhaupt nicht wissen, was sie tun sollen und sich deshalb der Stimmabgabe enthalten. Am Dienstag, dem 5. Dezember, fand in Dover eine Versammlung statt, die sich mit de* Handhabung des Fremdengesetzes in Dover und Foikestone beschönigte. Es wurde bcschlossen, Dover und Foikestone zu Häfen unter dem Fremdengesetz zu erklären, soweit Passagiere III. Klasse in Betracht kommen. Für die Passagiere II. Klasse übernehmen die Eisenbahngescllschaften die Verantwortung. In den genannten Häfpn werden Empfangsstationen eingerichtet zur Examinierung und ärztlichen Untersuchung der Passagiere III. Klasse fremder Nationalitäten. Der Zollstab der genannten Häfen wird vergrössert, und für jeden Hafen werden Hafenätzte ernannt. Strassburg L Eis, Für die Opfer der Judenmassakrcs in Russland bewilligte der Oemeindcrat auf demokratischen Antrag hin 5000 Mark.. ... Rundschau der Presse DIE WELT enthält in No. 4 einen intccssanten Leitartikel ״E i n e J u d e n k u r i c i״ österreic h“. dem wir folgende Stellen entnehmen: ״Fragen wir uns aber, ob wir Juden den Gedanken einer Jüdischnationalen Autonomie mit ungetrübter Freude begrüssen dllrfen, so beschleicht uns ein unangenehmes, bitteres Gefühl. Es ist die Angst des jüdischen Patrioten: die Etablierung einer Judenkurie könnte dazu fahren, die־ tiefste Schande der osterreiehischcn Judenschaft vor allen Völkern zu enthülle״ Als zum ersten Male die Idee nationaler Kurien auftauchte, wu de die Befürchtung ausgesprochen, dass auch der nationale Ka taster den nationalen Minoritäten keinen sicheren Schutz ge währen könne. Irgend eine nationale Majorität kann ja auf den niederträchtigen Gedanken verfallen, eine entsprechende Gruppe abzudclegicrcu. mit dem Aufträge, sich dem guten Zwecke zuliebe zur anderen Nationalität zu bekennen, um auf diese Weise den nationalen Gegner betrügerisch auf seinem eigenen Boden zu bekämpfen. Nun denn, eine Befürchtung ähnlichen Inhalts ist v״r allem unseren Juden gegenüber am Platze. Was haben sic denn seit Jahren und Jahrzehnten anderes getan, als sich zu fremder Nationalität zu bekennen? Sie könnten darin ungeübten Wahlfälschern geradezu als Lehrmeister dienen. Deutsche Tschechen? Tschechische Deutsche? Fine Kleinigkeit! Fragt nur die Jüdischen Deutschnationalen oder die jüdischen Jungtschechen. Die wissen Bescheid. Es ist wirklich und wahrhaftig möglich, in Westösterreich sogar wahrscheinlich, dieses Schauspiel für boshafte Götter: dass unsere Juden sich als Deutsche oder Tschechen in die nationalen Kataster eintragen lassen. Sie haben sich bisher den Nationen aufgedrängt, die darob schon sehr.ungeduldig waren. Sic bringen immerhin die Leistung zustande, sich in Zukunft den nationalen Katastern aufzudrängen dem wehrlosen und geduldigen Papier der Kataster. Was lässt sich dagegen machen? Eine Sprachprlifung ist natürlich ausgeschlossen. Ausgcschlossen aber auch eine gpsonderte Kurie für Leute, die sich der internationalen Sprache der Charakterlosigkeit bedienen. Nicht einmal das von einem österreichischen Politiker vorgeschlagene Mittel wider den Schwindel des falschen Bekenntnisscs nützt in diesem Falle. Der ingeniöse Politiker schlug vor, einen Zusammenhang zwischen nationalen und Steuerkatastern herzustellcn: ein jeder Wähler werde sich wohl hüten, durch ein falsches Bekenntnis in die Zwangslage zu kommen, für die nationalen Bedürfnisse einer fremden Nation sein Geld herzugeben. Ein jeder Wähler — mit Ausnahme des jüdischen .... Da ist vor kurzem ein böhmischer Jude, der seit vielen Jahren in China lebt und ein grosses Geschäft betreibt, nach Wien gekommen, unter anderem auch deshalb, um hier eine Hiiiskrait für sein Shanghaier Bureau zu gewinnen. Er engagierte einen Stammesgenossen aus Prag, einen tüchtigen Ingenieur, dem es bisher in Wien nicht gut gegangen war. Als der Vertrag zwischen den beiden Herren perfekt war, fragte der Schreiber dieser Zeilen den Ingenieur: ״Was werden Sic da drüben zuerst anfangen?“ Und bekam die klassische Antwort: ״Ich werde einen Sokolverein*) gründen.“ —■ Dieser eine geht nun. glücklicherweise, nach China und wird kein öffentliches Dokument — das wird der Kataster doch sein — fälschen können. Leider bleiben aber genügend viele seiner Gesinnungslosigkeitsgenossen hier und gründen Sokolvcreinc aui heimischer Erde. Trotz alle- und alledem: Der jüdischnationale Kataster kann ein ungeheures Erziehungsmittel werden. Es Ist doch nicht dasselbe, ob einer verstohlen und in der Menge verschwindend sein Judentum verleugnet, oder ob er es offiziell, im vollen Tageslichte tut. Der Stimmzettel ist diskret gefaltet. Der Kataster wird offen aufliegen. Vielleicht wird das manchen die längst entwöhnte Scham lehren. Vielleicht wird mancher von den Einschleichern sich schämen, zum Einbrecher zu werden.‘ Und das Werk dieser Erziehu• —ird mannigfach unterstützt werden. Die radikalnationalen Parteien werden den sogenannten gemässigten schärfer als bisher auf die Finger schauen können. Es wird nicht mehr möglich sein, jüdische Wahlhilfe zu verleugnen oder zu verschleiern . . . Auch der jüdische Kataster kann keinen Juden gewaltsam zu seinem Judentum bekehren. Aber den wankelmütigen wind er jene Ausrede aus der Hand winden, die wegen ihrer scheinbaren Richtigkeit die gefährlichste w׳ar: die Ausrede, dass sic sich der Politik einer; fremden Nation anschliesscn oder politisch untätig bleiben müssten. Damit wärfs vorbei in dem Augenblick, wo ein österreichisches Reichsratswahlgesetz die jüdische Politik gleichsam sanktioniert, die anerkannte Religionsgemeinschaft auch als Nation anerkannte. Jüdische Polotik w׳äre dann auch in den Augen von Abcles und Genossen keine Utopie mehr, sondern etwas so Reales wie die Gründung eines Sokoivcreincs oder die Einberufung eines deutschen Volkstages. Ja. die Judenkurie wäre ein wunderbares Erziehungsmittel, obwohl heute der Vcrgani dafür und der Daszynski dagegen ist, dass Oesterreich die Juden als besondere Nationalität anerkenne; und obwohl die Stimmen nicht fehlen werden, die eine Vermehrung der österreichischen Nationalitäten um eine neue als staatswidrig bejammern werden. War’s an den bisherigen nicht genug? Nein! Gerade diese eine fehlte. Gerade, diese eine vergiftete und verfälschte bisher den Na- .tionalitätenhadcr, machte bei Deutschen und Tschechen die Ailerradikalsten zu Kommandanten der nationalen Bewegungen. Diese eine kleine Nation mehr bedeutet für den Staat, der sie anerkennt, viel Natlonalitätenkampf weniger, Ja, wenn dieser Staat Oestereich klug sein will, dann muss er, gleichgültig ob er die Wahlpflicht einführt oder nicht, speziell den Juden den Katastcrzwang auferlegen, Dr, B. F. Im Anschluss daran wird ״Zur Wahlrech tsf rage” an gleicher Stelle mitgeteilt: ״Am 3, Dezember fand in Wien eine Besprechung von zionistischen Vertrauensmännern aus ganz Oesterreich statt, *) Nationalpolnische Vereine mit stark antisemitischen Tendenzen. Anm. d. Red. d. J. R.

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