Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 50 Seite 669 JÜDISCHE RUNDSCHAU Gemeinde. Letztere sprach sich scharf gegendas pas- I sive Verhalten der Sogenannten Kulturm&chtd aus. Traufelern Berlin. Eine Trauerfeier für die Juden, die den Massakers zum Opfer fielen, fand am 10. Dezember in den Synagogen Oraniepburgerstras.se 30 und Rykcstrassc 53 statt. Die Rabbmer Dr. Rosenzweig und Professor Dr. Maybaum, d e die Gedächtnisreden hielten, schilderten die Bedrängnisse; ' denen die Glaubensgenossen seit Monaten in Russland ausgesetzt ind, und betonten, dass die Bedrängten und Hingemordcten als wirkliche Freiheitskämpfer zu ehren seien. Wenn auch nicht direkt in den Predigten zur materiellen Unter- Stützung dieser schwer heimgesuchten russischen Glaubensgenossen aufgefordert wurde, so füllten sich doch die an den Eingängen angebrachten Sammelbüchsen mit ansehnlichen Beträgen. Frankfurt a. M19 ״. November. Zum Andenken an die bei den Greueltaten ln Russland gemordeten Juden fanden gestern in drei Synagogen Trauerfeiern statt, in der Hauptsynagoge an der Allerheiligenstrasse, in der Synagogc auf dem Börneplatz und in Bockenheim. Die drei Gotteshäuser waren überfüllt; die Altäre waren schwarz ausgcschlagcn, die Beleuchtungskörper umflort. In der Haupt- Synagoge sprach Rabbincr-Dr. S c I i g in a n n am Börneplatz Rabbiner Dr. M. If 0 r o v i 17. und in Bockenheim Dr. J. Horovitz ju 11. Der Aufforderung zu Sammlungen zu Gunsten des Hilfsfonds wurde sofort bereitwillig entsprochen. Russische Studenten im Auslande Zur Kennzeichnung der Notlage, in weiche die im Auslande lebenden russischen Studenten geraten sind, teilt die FRANKFURTER ZEITUNG aus einem Ihr zur Verfügung gestellten Briefe einer in Bern studierenden Russin die nachfolgenden Sätze mit: ״Unsere ganze Kolonie ist Jetzt in grosser Not; man ist buchstäblich ohne Geld, aber bei den Wohlhabenderen ist dies nur eine Frage der Zeit, dagegen droht dieser Zustand bei den Aermeren von uns chronisch zu werden. Ich fühle mich ganz elend, matt und kann mich kaum rühren; die Ereignisse der letzten Tage haben mich so arg mitgenommen. Es ist ein bitteres Los, eine russische Jüdin zu sein. Eine nach d*'•־ andern meiner Kolleginnen ist nach Russland gereist, darunter auch meine einzige, beste Freundin. Sic sind vollkommen ruiniert. Die mir gesandten 100 Mark habe ich zwischen drei sehr bedürftige Kollegen verteilt. Der eine von ihnen brauchte Geld, um nach Russland zu reisen,, denn seine. - Eltern haben alles verloren, und er hat keine Aussichten, weiter studieren zu können. Die übrigen zwei sind momentan in grosser Not, haben aber gesagt, dass sie das Geld in die Kasse tun wollen, sobald sie von den Ihrigen wieder welches bekommen haben.” Russisches aus Deutschland Als der russische Riese durch die ״gelben Teufel‘‘ zu Falle gebracht war, atmeten die Völker Europas auf in dem Frohgefühi, nun leichter ihre heiligsten Güter der politische« und persönlichen Freiheit wahren zu können. Aber wie in Russland selbst, so scheinen auch anderwärts die Juden die Zeche zahlen zu sollen. Im Deutschen Reichstage sagte am 9. Dezember dieses Jahres der freikonservative Abgeordnete von Ka r do rff im Verlauf einer längeren. Rede: ״Einer etwaigen Entwicklung nach russischem Muster wird d«e Regierung' hoffentlich rechtzeitig und entschlossen vorbeugen. Auf einem anderen Gebiete wäre eine ähnliche Entwicklung im Osten aülerdings möglich; ich meine die Judenverfolgungen und erinnere an Konitz.” Und am 12. Dezember leistete sich der Antiscnvt L i e - Hermann von Sonnenberg folgende Sätze: ״Aber wir Deutschen sollten uns doch von der Alliance Israöiite nicht beschämen lassen, umsomehr, als die russisenen Juden nicht ganz unschuldige Opfer, nicht frei van Blutschuld sind. Bei jedem Bombenattentat sind Juden bete.ligt. Sollte bei uns — was Gott in Gnaden verhüten möge — einmal eine soziale Revolution ausbrechen, so würde gegen die Juden nach dem ungesehr!ebenen Oesetze verfahren werden: Wer einen Juden totschlägt, beerbt ihn. (Grosse Heiterkeit rechts.) Wir Antisenrten sind eigentlich dJc besten Freunde der Juden, die Zionisten könnten mit uns Zusammenarbeiten. Die Juden sollten selbst dafür sorgen, dass nicht immer aufs neue Massen von russischen Juden zu 1ms strömen, damit -nicht immer aufs neue Hass gegen die Jütten gesät wird." . Wir kommen auf diese Auslassungen, sobald uns das stenographische Protokoll vorlicgt, natürlich noch zurück. Aufmerksam machen wir indes heute schon auf den hohen Kultur stand gewisser Teile der Edelsten des deutschen Volkes, der sich ausdrßekt in der Anmerkung: •״Grosse Heiterkeit rechts.“ Lueger der ״Gerechte“ Aus Wien würde unter dem 6. Dezember gemeldet: Viel bemerkt wird eine judenhetzerische Rede, die gestern Bürger1neistc:> Lueger in der Donaustadt hielt. Er sagte: ״Ich warne speziell di ג Juden in Wien, nicht auch so weit zu gehen, wie ihre Glaubensgenossen in Russland und nicht allzusehr sich mit den Sozialdemokratischen Revolutionären einzuiassen. Es könnte vielleicht cintretcn, was ־in Russland eingetreten ist. Wie in Wien sind Antisemiten, aber zu Mord und Totschlag sind wir gewiss nicht geschaffen: wenn aber die Juden unser Vaterland bedrohen sollten, dann werden auch wir keine Gnade kennen.” Am 7. Dezember richteten im Gcmeinderate die fortschrittlichen Gemeinderäte Hein und Ellbogen an Bürgermeistcr Lueger wegen dessen vorgestriger judenhetzerischen Rede die Anfrage, wie er vermag, seine Rede mit dem Eide als Bürgermeister in Einklang zu bringen und als Chef einer politischen Behörde erster Instanz zu rechtfertigen, dass er den ihm gefügigen Pöbel zu Mord und Totschlag aufgereizt und dadurch einen grossen Teil der Bevölkerung bedroht habe. Bürgermeister Lueger bestritt den Interpellanten das Recht, ihn zu kritisieren. Verantwortlich Sei er für ausserhalb des Gemeinderats gehaltene Reden nur seinen Wählern und Gemeinderäten, die ihn zum Bürgermeister gewählt haben. Im übrigen suchte er seine Rede abzuschwächen; er habe nar darauf hingewiesen, dass es nicht gut sei, wenn die Juden sich mit Revolutionären und Sozialisten verbinden. Die ganze Geschichte Sei so a u 1' g e b a u s c h t worden, dass man sogar den Ministerpräsidenten Überläufe. Ausdrücklich habe er Mord und Totschlag verdammt und gesagt, wenn d e Juden das tun. könnte eventuell auch in Wien geschehen, was dort ge- $chehen sei. Das werde aber doch nicht geschehen. Hier herrsche Gerechtigkeit gegenüber Jedermann, auch gegen Juden. Seine Rede sei vollständig korrekt und jeder Jude können sie unterschreiben. Niemals sei ihm eingefallen, einem Juden ׳aich nur einen Schatten von Unrecht zuzufügen. Täglich habe er Juden beschützt •״'־cn den Willen seiner Partei. Die Majorität klatschte Beifall. — Die Juden sollten eigentlich sammeln zu einer Ehrengabe für die gejeränkte Unschuld! א i Der Vorstand der israoiitiseiten Kultusgemeinde hat darauf am 9. Dezember eine Kundgebung beschlossen, in welcher die judenhetzerische Rede des Bürgermeisters Dr» Lueger auf das entschiedenste verurteilt wird. Mit Entrüstung müsse die böswillige und unsinnige Insiuuation zurückgedrängt werden, als ob die osterreichischen Juden, die stets zu den loyalsten und treuesten Staatsbürgern zählten, Jemals ihr Vaterland bedrohen könnten. Während der Oberbürgermeister der deutschen Metropole sich hn die Spitze des Hilfskomitees für die Hinterbliebenen der Ermordeten in Russland stellte, finde der Bürgermeister von ,Wien kein Wort der leisesten Missbilligung, drohe vielmehr der Wiener Judenschaft mit ähnlichen Ereignissen. Ais Juden. Wiener und Menschen müssen wir gegen die ungerechtfertigte Verdächtigung der Judenschaft, gegen die beschämende Bloss- Steilung unserer Vaterstadt, gegen die der Humanität und Zivilisation hohnsprechende Haltung des Bürgermeisters laut imd feierlich protestieren. Die Träger der Macht werden auf Üie furchtbaren Gefahren aufmerksam gemacht, wenn die Irreführung und Verhetzung der Bevölkerung und der Apell )in die brutalsten Instinkte nicht hintangehaltcn werden.! Am 10. Dezember fand in Wien eine grosse jüdisehe Volksversammlung statt, welche, zu der letzten Rede des Dr. Lueger gegen die Juden- Stellung nahm. Der erste Redner, der Schriftsteller Felix Salten, sagte: Dr. Lueger soll wissen, dass, wenn man uns apgreift, in unserer Hand Waffen zu finden sein werden. (Tosender Beifall.) Der Herr Bürgermeister hat uns Dinge ’angedroht wie in Russland, und er hat uns zugerufen, dass er keine Gnade kennen wird. Er soll aber wissen, dass er nicht nur in den Mob, de« er gegen uns hetzen will, die ,Brandfackel geschleudert hat, sondern dass seine Worte auch bei uns gezündet haben. Wir braucaen seine.Gnade, *nicht, wir stützen uns auf die Qesetze und auf unser