Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit&m JÜDISOHE *RUNDSCHAU . No, 50 Sozialdemokraten und Selbstwehr Einem Privatbriefe aus Woroncsh vom 6. November entnimmt die FRANKFURTER ZEITUNG folgende Darstellung der dortigen Ereignisse vor und während der Judenhetze: Um den 22JZS. Oktober hatten die Arbeiter einen Streik begonnen und cs wurden Versammlungen abgehaltcn, auf denen .als Redner hauptsächlich Sozialdemokraten auftraten. Die Forderungen der Arbeiter wurden bewilligt. Alles jubelte, alles fe'erte den Sieg. Am 31. Oktober traf das Manifest ein. Die Radikalen kritisierten das Manifest, wiesen auf seine Mängel! hin und, vom Gesichtspunkt ausgehend, dass die •Regierung sich zu ergeben ebginne, forderten s e die Leute auf, die Reihen noch enger zu schlicsscn, um der Selbstherrschaft den letzten Stoss zu versetzen. In einer Versammlung, die am 3. November auf dem Kadettenplatze stattfand, bat eine Frau ums Wort. Sie sagte, sie sei die Frau eines Arbeiters, bcherrsche aber nicht vollkommen die Sprache und wolle deshalb von einem Papier ablcsen. Sie begann damit, dass die Arbeiter tatsächlich zu leiden hätten, auch die Bauern leiden: überhaupt: Alle; die Wurzel ihrer Leiden aber liege nicht ith Zar-Väterchen, sondern in den J u d e «!1 n d P o I e n. Es erhob sich hierauf ein Lärmen und Rufen, man schrie: ״Nieder“, .,Fort“, aber der Vorsitzende beruhigte das Publikum und schlug vor, die Rednern zu Erde zu hören und darauf ihr zu erwidern, umauf diese Weise die Fragen klarzustellein Nachdem die Frau 11׳ re provozierende Rede geschlossen hatte, erklärten viele, die Frau sei bestochen oder Spionin. Die Stirnmung war eine düstere. Auch in der Synagoge fand eine Versammlung statt. Als Redner traten Anhänger der ״A r ־ bcitcr-Z?o niste n“ (Poalei-Zfon. Red.) und des ,.Bundes“ auf. Die Veisanimlung endete mit revolutionären Ausrufen, der Marseilleise und einem Trauermarsch. Am 101־ genden Tage wurde wieder eifrig gegen die Juden agitiert und es wurde .vorg'escKagcn. Judenhetzen zu veranstalten. Unter dem Eindrücke der vorhergegangenen Agitation versammelte sich die jüdische Jugend und beschloss, einen Selbstschutz zu organisieren. Da es aber an Zeit mangelte, konnten nicht aüe davon benachrichtigt werden, und so bestand denn die jüdische Sdbstwehr, nur aus ungefähr 25 Personen. Revolver und andere Watten wurden auf Kosten der jüdischen Bourgeoisie angeschaiit. Der Selbstschutz verteilte sich in zwei Wohnungen. Das (sozialdemokratische) P a r t e i k o m i t e e versprach , 100 orgaai• sierte bewaffnete Arbeiter zur Verfügung zu stellen, übernahm die Leitung des Selbst- Schutzes und ordnete an. dass ohne seinen Befehl nichts zu unternehmen sei. Gegen %ll Uhr morgens (4. N’ov.) versammelte sich an der Börse eine gewaltige Menschenmenge. Sie verlangte cm Bild des Kasers, das ihr auch gegeben wurde. Darauf be- Kann die Judenhetze. Juden, die unterwegs angetroffen wurden, verfolgte man und prügelte sie durch. Juden, die mit Dtoschken fuhren, wurden herabgerissen. Als der Zug an die OeschäftsMden herankam, begann das Zerstörungswerk. Alles, was den Juden gehörte, wurde zerstört oder fortgcschleppt. Kosaken. Militär, die gesamte Polizei sahen ruhig zu und ermunterte die Räuber. Gegen Abend erschien der Gouverneur hoch zu Ross, um das Werk der Zerstörung zu überschauen. Bern Möbelntagazin von Jotfia sagte er der Menge: ״Genug. Brüder, nun vorwärts.“ Die ganze Dworjanskastrasse wurde ausgepliindert Nur drei jüdische Läden blieben unversehrt: dank der Bestechlichkeit der Kosaken und der Heiligenbilder. Bis 9 Uhr abends dauerte das Rauben und Plündern. Die jüdfsehe Selbstwehr wartete auf die versprochene Hilfe — aber diese kam nicht. 25 Mann konnten gegen e ne tausendköpfige Menge, Polizei und Militär nichts ausrichtcn. Nachts benachrfchtigte das Partei-Komitee die Selbstwehr, es ־ könne zu seinem Leidwesen, das gegebene Versprechen nicht erfüllen: 75 Mann müssten K. und Sch. (beide Leiter des Streiks und der Versammlungen) beschützen. Später bat uns das Komitee um vJer Mann zum Schutz einer ״Politischen“. Ein Kommentar Ist überllüsslg. Soweit der Brieischreiber. Wir schliessen uns der im letzten Satze ausgesprochenen Me'nung an, empfehlen aber der. Brief unseren Sozialdemokraten zu nachdenklicher Lektüre! Das Hilfswerk Bis zum 1. Dezember ergaben die Sammlungen beim Hilfsverein der deutschen Juden 1H׳ Million, beim Frankfurter Komitee 675 000 Mk., bei den4 Alliance Israelite in Paris 1% Million Francs, und bei der Alliance Israelite in Wien 500000 Kronen. Eine gleiche Summe soll bereits in Ungarn aufgebracht worden sein. In England ergaben die Sammlungen bis Jetzt 78 750 Pfund. Christen haben sich einstweilen auch in England sehr vereinzelt an den Sammlungen beteiligt. Es steht jedoch bei der grossen Erregung, welche die blutigen Ereignisse in Russland hervorgerufen haben, mit Bestimmtheit zu erwarten, dass die christliche Beteiligung noch grösser werden wird. Eine gewaltige Bc• wegung hat sich der Juden Amerikas bemächtigt. Das von Major Wcavcr organisierte Hilfskomitee in Philadelphia hat in wenigen Tagen 50 000 Dollar aufgebracht. Komitees haben sich gebildet in St. Franzisco. St. Louis, Boston^und Baltimore. St. Franzisco hat bis zum 15. November 20 000, St. Louis 16000 und Baltimore 10000 Dollar gesammelt. In Boston denkt man 50000 Dollar aufzubringen. Ausser den Gemeinden haben auch zahlreiche jüdische Trade-Unions Sammlungen eingeleitct und die Mitglieder setzen eine Ehre daran,.dass ihre Trade möglichst viel Geld aufbringt. So gedenkt die Schneiderorganisation, die grösste jüdische Arbeiter- Organisation New-Yorks, allein 50 000 Dollars aufzubringen. Die Million Dollars, welche die amerikanischen Juden aufzubringen sich Vornahmen, war schon am 25. November zusammengekommen und Jakob Schiff hat davon!80000 Pfund bereits nach London überwiesen. Ucber die Ergebnisse der Sammlungen in Russland selbst liegen irgendwelche Angaben noch nicht vor. Dieselben düriten jedoch kaum sehr reichlich sein, da jeder irgendwie bemittelte Jude letzt Russland verlässt, um die schlimmsten Zeiten im benachbarten Auslände zuzubringen. Sehr viele von ihnen werden sich daher wohl an den Sammlungen im Auslande beteiligen. Insgesamt sind bis jetzt gesammelt worden 9 *150 000 Mark und es hat den Anschein, als wenn diese an und für sicli respektable Summe sich noch verdoppeln wird. So gross dieser Betrag auch ist, so ist er doch in Anbetracht des ungeheuren Schadens an Gut und Blut sehr geringfügig zu nennen. Wie aus den Blättern bekannt wird, hat das unter Leitung des Herrn D.4־. Nathan jetzt in Russland weilende Komitee zur Feststellung 'der unbedingt erforderliehen Unterstiitzungsgeldcr an 55 Städte und zwar als erste Hilfe 713־ OSO Rbl. überwiesen. Nahezu die Hälfte davon, nämlich 333 0(0 Rbl. erhielt Odessa, wo cs *10 000 obdaclilose Juden geben soll. Kiew und Umgegend erhielten 80000 Rbl., wobei zu bemerken ist, dass gleich nach dem Krawall in Kiew selbe!4 7• Miltion Rubel gezeichnet worden sind. 40 000 Rbl. erhielt Poltawa nebst 3 kleinen Städten in der Nähe. N;ko!aiew bekam 35 000 Rbl. Rostow a. D. 31 000 Rbl.. 25000 Rbl. erhielt Hornel, 21*100 Rbl. Jekaternioslaw. 20500 Rbl. Krementschug und 20 000 Rbl. Ronmi. Cherson erhielt 12 630 Rbl., Nowo-Sybkow 11 800 Rbl.. Tschernigow 9000 Rbl., Njeshin 8000 Rbl״ Starodup 7000 Rbl. und Bachmut, Jusowka und Nowgorod-Sewersk je 5000 Rbl. Auch die in Rumänien gelegene Stadt ßraila, die in der schwarzen Woche gleichsam im. Vorübergehen von einem Krawall betroffen wurde, musste mit 5000 Rubel unterstützt werden. Auch zwei jüdische Städte, in denen zwar ein Krawall nicht stattfand, deren jüdische Bevölkerung sich aber dennoch in grosser Not befinden muss, wurden mit grösseren Beträgen unterstützt. Es sind das die Städte: Warschau, welches 15000 Rbl. und Kronstadt, welches 6500 Rbl. erhielt. Es haben im ganzen 22 Städte 690 2.30 Rbl. erhalten, während auf die übrigen 33 Ortschaiten mit ineist kleineren jüdischen Gemelnden 52850 Rbl. entfielen, wobei die einzelnen Gemeinden Beträge von 150 bis -1000 Rbl. erhalten haben. Protestversammlungen Wien, 19. November. Heute fand eine grosse Protest- Versammlung der Wiener Judenschaft gegen die Judenmetzeleien in Russland statt. Oberrabbiner Ouedcmann charakterisierte in scharfen Worten die russischen Greuel. Architekt . Marmorck verlas einen Brief eines hervorragenden russischen Universitätsprofessors, der empfichlt, dass irgendwo für die russischen Juden ein Zufluchtsort oeschaffen werde. Sodann wurde eine Resolution beschlossen, die bezweckt, dass in jedem Parlamente der Ruf nach einem gemeinsamen Schrift aller Regicrungen zur Verhütung der Wiederkehr solcher Greuel erhoben werde. — Während der Versammlung Hessen jüdische Studenten Zettel in den Saal flattern mit der Aufforderung, vor die russische Botschaft zu ziehen, Dr. Scha- I i t forderte die Versammlung auf, die beabsichtigte Demonstration zu unterlassen. Zum Schluss wurden S a ni m l u ngen veranstaltet. Rom, 19. November. Heute landen hier zwei Protest Versammlungen gegen die Judenmetzclcien ln Russland statt, eine in der Universität, die von den Studenten einberufen war, die andere in der israelitischen