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Jüdische Rundschau · 1905-12-15 · Heft 50 (15.12.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 50 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 665 “"Die *Behauptung, *dass alle Leser der Jüdisch-deutschen Zeitungen und Literatur deutsch verstehen unu so die fce treffende Sprache.ihre Existenzberechtigung verlieren würde, wenn sie sich der deutschen Lettern als Schrift bediente, widerspricht den Tatsachen. Unzählige Maie ist es mir in der russischen ״Tscherta“ begegnet, dass Leute, die vollkommen das Jüdische beherrschten, weil es eben ihr ״Man!meloschen“ ist, kein Wort Deutsch weder in Schrift noch Sprache .verstanden. Das ist di? Regel, nicht die Ausnahme. Die Verschiedenheit der jüdischen Sprache in den einzelnen Ländern ist, soweit das geschriebene Wort in Betracht kommt, nicht so übermässig gross, dass man nicht bequehi Jüdische Zeitungen aus den verschiedensten Gegenden verstehen kann. Richtig ist nur, dass das in den anglosächsischen Ländern gebräuchlichc Jüdisch sehr viele Anglizismen enthält, die eben gelernt werden müssen. Das gesprochene Wort zeigt allerdings Verschiedenheiten der Betonung, aber auch diese sind nicht so bedeutend, als dass man nicht nach einiger Übung sogar einen Littwak versteht. Ein ausserordentlicher Irrtum ist es, wenn Gg. ünhut behauptet, dass das Jüdisch-deutsche im Abnehmcn begriffen sei. Im Gegenteil! Nach den mir zur Verfügung stehenden Daten hat z. B. die Auflage des Petersburger FRAIND in den letzten beiden Jahren riesenhaft zugenommen und sogar die englischen und amerikanischen jüdisch-deutschen Blätter, wie der in London erscheinende DER JIDDISCHE EXPRESS und der New-Yorker VORWÄRTS haben ein ständiges Steigen ihrer Auflage zu verzeichnen. Und dieser Aufschwung rührt nur zum kleinen Teil vom Anschwellen des Einwanderungs- Stromes her, vielmehr behauptet sich das Jüdische-deutsche grade in den englisch sprechenden Ländern als selbständige Sprache. Diese Tatsache wird auch von Unparteiischen anerkannt. So brachte THE AMERICAN HEBREW vor kurzem einen Artikel von THE EVENING POST zum Abdruck: ״The Mission of the Yiddish Pre$s“, in dem es heisst: . . . Die Jüdische Presse hat daher eine lange Periode der Prosperität vor sich (. . . the yiddish press has before it, thereforc, a long period of prosperity.) — Gewiss gehen sowohl in Russland, Galizien wie in Engfand und Amerika ständig Elemente der Volkssprache verl°ren. Das sind die in die Bourgeosie aufsteigenden Proletarier,, die sich meistens sehr schnell, in jeder Richtung sehr schnell assimilieren. Das Proletariat selbst aber bewahrt das Jüdisch-deutsche durchaus. Soviel über die tatsächlichen Angaben des besprochenen Aufsatzes. Den Satz des Gg. ünhut, dass das Jüdisch-deutsche nicht die jüdische Nationalspra che werden kann, unterschreibe ich vollständig. Trotzdem müssen wir es jedoch heute pflegen, weil es ein vorzügliches Mittel ist, um in ständiger Fühlung mit dem Wünschen und Streben, dem Fühlen und Denken der übergrossen Mehrheit unseres Volkes zu bleiben. Wir würden töricht handeln, uns eines so vorzüglichen Agitatlonsmittel, wie cs die Beherrschung des Jüdischen im Osten ist, zu begeben. Ganz abgesehen davon, dass die jüdische Volksseele sich in so unendlicher Feinheit und Grösse, in allen ihren Golusnöten und nationalen Empfindnngen im Jüdischen offenbart hat, dass hierdurch allein unsere heutige Volkssprache der Pflege und des Studiums wert erscheint. Freilich dürfen wir die Pflege des Hebräischen daneben nicht vernachlässigen, denn in Ercz Jisrael, inmitten dem Hebräischen verwandter Sprachen, wäre das Jüdisch-deutsche allerdings ein Unding. Heute jedoch ist es uns noch von immensem kulturellem Wert, wenn aucli durch seinen Gcbrauch und den des Hebräischen, von den jeweiligen Landes- Staatssprachen abgesehen, das Odium der Zweisprachigkeit auf uns lastet. Aber schliesslich gab es auch einmal in Erez Jisrael eine Zeit, wo man die Bibel ins Aramäische übersetzen musste, weil das Hebräische dem Volke fremd gcworden. Wer heute im Zionismus seine Lebensaufgabe sicht, der wird sich das Studium und den Gebrauch des Jüdischen angelegen sein lassen müssen, denn ohne das Jüdisch-deutsch kein Eindringen in die Empfindungen unseres Volkes, insbesondere seines proletarischen Teiles, ohne M a m m e 1 o s c h e n keine Asiu.tion im Osten. Dr. Lazar Felix Pinkus-Hamburg. Zum gleichen Thema erhalten wir folgende Zuschrift: Mannheim, 10. Dezember 1905. Geehrter Herr Redakteur! Ich finde es — gestatten Sic mir zu sagen — tmbegreiflieh, dass Sie den Artikel über ״Jargon oder Jüdische Sprache“ in der letzten Nummer der RUNDSCHAU Raum geben konnten. Er k a n n mit Ihren Ansichten nicht übereinstimmen und nicht mit den Tendenzen, die die RUNDSCHAU verfolgen soll. — sitz des jüdischen Trödlers gebracht hatte, antwortete ihm in unwirschem Tone: - ״Das du jüdischen Ursprunges bist, brauchtest du wirklich nicht zu berichten; das merkte ich gleich an deinen Prahlereien. Aber sage doch, schmutziges Ding, in welcher Trödelbude der Judengasse hast du denn .den Namen, Kosciusko nennen hören, den du durch dein Oemauschel schmähst?“ — . ״Die Juden,“ fiel eine der alten, ungehobelten Bänke ein, haben wie jetzt, So auch damals zu d'en ,Waffen gegriffen, da sie mehr als aJle Menschen der Erde bedrückt und in Knechtschaft sind. Warum sollten nicht auch sie daran arbeiten, die Freiheit zu erlangen die ihnen winkt, wenn das russische Joch zerbrochen ist. das auf der polnischen Nation lastet? Man hat es ihnen versrochen und gewährleistet. Freilich von den polnischen Adligen wird ihre Freiheit nicht kommen wohl aber von ihnen selber un*d von den unterdrückten Leibeigenen, die zuerst Russlands Macht brechen, dann aber sicher den verhassten, hochmütigen Adel stürzen werden. Wo alles frei wird, wird auch den Juden , die Freiheit nimmer vorenthalten werden.“ ״Freilich, freilich,“ sagte ein zerlumpter Schafspelz, der unbeachtet am Kamin in der Ecke lag,“ die Leibeigenen werden nicht stille stehen, wenn sie die Tyrannei des Auslandes gebrochen haben. Dann kommen die polnischen Tyrannen selber an die Reihe. Wenn erst die Fremden aus dem Sande sind, so wird der Leibeigene auch mit der Szlachta seine alte Rechnung zu begleichen haben. Aber glaube nur nicht, du schmutziges Bankgerümpel oder du mauschliger Lumpenczako, dass es den Polen einfiele, sich von den Juden ihre alte, ererbte Freiheit erkämpfen zu lassen. Ich möchte wirklich einmal so einen Handelsjuden sehen, der nicht davonliefe, wenn er zufällig ein blankes Messer sähe. Ha, ha, ha, ha, Juden und kämpfen, das wäre doch das Neueste, was ich höre. Dazu also hätten die Polen gekämpft, dazu geblutet und gerungen, zu dem Zwecke die drückendste Knechtschaft abgeschüttelt, dass Juden die Freiheit erkämpft hätten, um ln ihnen, den gierigen Blutsaugern und Wuchergeseilen die schlimmsten Tyrannen zu finden? Nein, Bank-Juden sind schmutzige Juden, und Polen sind edlen Polen, bis an das Ende der Tage, Polen soll den Polen verbleiben und nicht den Juden. Und du, Czako, i

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