Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 664 JÜDISCHE' RUNDSCHAU Nö. 50 politische Tätigkeit ausschliesslich von diesem Gesichtspunkte aus üben. Die paar freisinnigen Konfessionsiuden, die wohl gclegentlich einmal im Parlament eine Rede für uns leisten, bleiben uns erhalten; denn die Parteileitung kennt im voraus den drohenden Stimmenverlust, wen sie etwa daran dächte, uns jene zu streichen. Die Stellung der Juden kann sich nur bessern, wenn der rreisinnsbann bräche. Die Juden sind heut derart in allen Erwerbskreisen verteilt, dass ihre Gesamt-lntercsscn nicht durch eine und dieselbe Fraktion vertreten werden können. Nur in der Judenrechtsfrage müssen wir einig bleiben und hier die Hebel der Tatik ciusetzen. Taktik! Befolgt nicht jede einzelne Partei eine solche, die von Jahr zu Jahr sich ändert, je nachdem die Verhältnisse sich ändern? Alle Parteien tun dies unbeschadet ihrer Grund* Prinzipien. Jede Partei setzt sich vorzüglich aus Männern zusammen, welche in dem Parteiprogramm ihre und ihrer Kaste Interessen vertreten. Und auch der einzelne Jude soll bcginnen, sich zu dieser persönlichen Rechtswahrnchmung zu erziehen: er wird freilich in der evangelisch-konservativen Fraktion ebensowenig bodenständig werden, wie in der katholischen Zentrumspartei, da ihn ja die konfessionellen Grundprinzipien von ihnen trennen. Aber gibt es nicht Juden genug, um nur dieses Beispiel zu erwähnen, die als Landwirte oder als sonstige Gewerbetreibende in agrarischen Gegenden, mit den Konservativen gleiche volkswirtschaftliche Interessen teilen? Wer glaubt ausser den paar Fraktionsheiligen im Freisinn heut noch an den heiligen Manchester? Etwa die Masse der — vorwiegend jüdischen Wähler? — Sehen wir ganz ab von der sozialdemokratischen Partei, so darf man heut bei der antisemitischen Durchseuchung des Freisinns, welche nur noch die paar jüdischen klein- und grosspariamentarischen Fraktionsleuchten im Interesse Ihrer persönlichen Sesselchen leugnen, ruhig behaupten, dass die Juden in keiner bürgerlichen Partei mehr einen ehrenvollen Platz haben. .Daher Abkehr vom alten Bann! Revision der Juden- Politik! Anstelle der Fraktionspolitik soll reinste Judenpolitik treten. Mit dem Wahn muss gebrochen werden, dass jeder Jude, welcher ln einem Programm der weiter rechtsstehenden Parteien sein Heil sucht und findet, ein röckgratloser Streber ist. Die Zugehörigkeit zum Judentum bedingt' keineswegs mehr diejenige zu einer bestimmten Partei, am wenigsten zur freisinnigen, welche heut den schlimmsten Antisemitismus treibt, den versteckten! Wer wirtschaftlich sich an sie gebunden fühlt, bleibe bei ihr. Die historische Dankbarkeitsscntimentalität aber hat ihre Berechtigung verloren. Der oberste Gesichtspunkt muss die Stellung des jeweiligen Kandidaten zur Judenfrage• bleiben. Wo Juden leben, haben sie, wenn sie auch in kleiner Zahl vorhanden sind, stets einen gewissen Einnuss. Und. diesen sollen sie ausnützen. Sie sollen nicht mehr dem antisemitischen Freisinn unbedingte Folge leisten, sondern je nach ihren Interessen auch mit den übrigen Parteien paktieren. Diese werden gar bald aufhören, die Juden als ihre natürlichen politischen Feinde zu betfachten und beginnen, ihre Stellung zu uns zu revidieren. Weder der politische noch der gesellschaftliche Antisemitismus könen schärfere Formen annehmen. Wir Juden können also durch eine stramme Judenpolitik an Ansehen und Macht nur gewinnen. * * * Jüdisch oder Hebräisch? Unter dem Titel ״Jargon oder jüdische Sprache“ hat Gg. B. G. R. Onhut in No. •19 der RUNDSCHAU einen Artikel geschrieben, der mir in vielen Punkten anfechtbar erscheint. Schon der Titel des Aufsatzes ist nicht richtig gewählt. Denn als ״Jüdische Sprache" werden wir wohl jene Sprache ו zu bezeichnen haben, die von der Mehrheit des jüdischen Volkes gesprochen wird. Das ist aber heute unzweifelhaft das Jüdisch-Deutsche, das nach den Feststellungen von Goldb e r g -Wilna in der ZEITSCHRIFT FÜR DEMOGRAPHIE UND STATISTIK DER JUDEN in Russland allein von 95 Prozent der Bevölkerung gesprochen wird, ganz abgesehen von Galizien und den Ghettos von London und New-York, wo das Jüdisch-deutsche ebenfalls vorherrscht. Ob nun Jüdisch-deutsch als eine eigene Sprache oder ein Dialekt bezeichnet werden muss, ist für das praktische Leben vollkommen irrelevant, eine blosse Streitfrage der Philologie. Die Tatsache, die Gg. Unhut anführt,x^ass nämlich Plattdeutsch und Schwäbisch doch ebenfalls nicht als eigene Sprachen gelten, ist nicht beweiskräftig, da beispielsweise das Schweizen Deutsch — doch ebenfalls nur ein'allemanischer Dialekt des Deutschen — auch in Philologenkreisen als eigene Sprache anerkannt wird. Aus meinem Märchenbuche Der Ring des Propheten Elijjahu Es war ein kleines dumpfes Zimmer in einer abgelegenen Strasse Warschaus, wo sich der jüdische Jüngling ־wiederfand. Vor ihm stand ein ungefüger Tisch aus grobem Eichenholz, um den ausser ihm noch zehn oder zwölf polnische Juden sassen und standen. Ihre langen, dürftigen Kaftans verrieten, dass sie den Kreisen der Armut angehörten. Auf den anderen Tischen, den Holzbänken und selbst dem breiten Kamin lagen allerlei Waffenstücke, Czakos, Degen, Pistolen aus allen Zeiten und in allen Grössen. ״He, Kretschmar, Wudka, bringe Wudksu verfluchter Jude,“ rief ein eintretender Pole, indem er trunken auf Ben-Jekutiel lostaumelte. Dieser wich ihm mit allen Zeichen des Ekels aus. Der Wirt brachte das Verlangte, der Gast zahlte und trank, und verliess taumelnd das Lokal wieder. Die Juden rückten näher an einander, betrachteten neugierig Ben-Jekutiel von Kopf bis Fuss und tuschelten einander ins Ohr, bald über den neuen Ankömmling, bald über den Aufstand j und den Freiheitskampf der Polen, der dl? ganze Welt in Aufregung erhielt. Die Kraft ׳des Wunderringes liess aber Ben-Jekutiel nicht bloss den jüdisch-deutschen Mischdialekt seiner Volksgenossen hören und verstehen, er lauschte zugleich auch einem Zwiegespräch, das die Waffenstückb und Bänke mit einander pflogen. ״Ich sass auf dem mutvollen Haupte Berkos/‘ sagte ein alter Czako, an dessen Rissen man die vielen Schlachten abzählen konnte, die er mit hatte durchfechten müssen, ״er trug mich in jener wilden Schlacht, wo ihn, den Berko Joselowicz, noch auf dem blutigen Schlachtfelde an der Spitze seiner jüdischen Freiwilligenschar der grosse Thaddäus Kosciusko persönlieh zum Obristen ernannte und ihm eigenhändig das Kreuz des polnischen Militärordens an 'die Brust heftete. Mich trug er auch, als bei Praga die jüdische Heldenschar im Kampfe erlag und er allein dem Blutbade entging; ich auch schützte sein tapferes Haupt, als eine feindliche Kugel seine Brust durchbohrte, während er unter ״französischen Fahnen für die Freiheit Polens in Oalizien focht.“ Ein breites Schwert, das ehemals einem polnischen j Adligen zu eigen gehört hatte, ehe es nämlich die Miss- I Wirtschaft des Eigentümers in die Hände und den Be-