Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2651394-2651444--03064-2659976- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
\ No. 80־ Judenpolitik ־ , . .. ■Aber Sie wissen nfcht, meine Herren, was die Juden In ' r Deutschland und Frankreich sind! Ja, dort h aben die Juden manche Rechte. Aber dafür nahm man ihnen Ihre ganze Seele .... Was für Juden sind dort! Sic schämen sich ihres Judentums und tanzen, wie die Anderen pfeifen .... Sie verbergen und erdrücken Ihre Gefühle .... sie betrügen sich selbst und die Andern!“ E. Tschirikow ■DIE JUDEN.“ Die politische Machtstellung der Juden unterscheidet sich wesentlich von derjenigen der anderen. Religionsgemcinschäften: nur in einigen wenigen Zentren sind wir in so kom- Pakten Massen ansässig, dass wir als solche ein Faktor sind, mit dem gerechnet werden muss. (Berlin, Breslau, Posen, Frankfurt a. M.) Aber auch hier sehen wir gar ,bald unsere Macht grenze: nur bei den kommmmlcn Wahlen schalten und walten wir nach unserem Gefallen, ausschliesslich bei diesen verlangen und setzen wir durch, dass diese und jene Sitze von Juden besetzt werden. Darüber hinaus werden solche uns nur konzediert — wenigstens in den linksstehenden bürgerlichen Parteien. Dass diese Konzessionen selbst von denen um Eugen Richter nur widerwillig gemacht wurden und werden, ist ja ein offenes Geheimnis. Haben wir Juden ein Interesse a:1 einer so gearteten Machtstellung? Es bedarf keiner weiteren Erörterung, diese Frage in Bczug auf die kommunalen Wahlen unbedingt zu bejahen, wiewohl das plutokratische Wahlsystem von der grösseren Zahl der Juden ihren Interessen entsprechend bekämpft werden müsste. Wenn wir auch von den wenigsten Juden in der kommunalen Vertretung ein positives Schaffen für die Juden selbst erwarten, so füllen sie doch wenigstens ihre Sessel aus, die bei ihrem Weichen sofort von den wachsenden mittel■ parteilichen, beamteten und anderen Antisemiten eingenommen werden wurden. Und diese würden, wenn n sic einen entscheidenden Einfluss in der Kommune erst hätten, uns Juden ihre Fäuste gar bald spüren lassen. Dieser Gesichtspunkt ist cs allein, welcher uns stets veranlassen wird, unsere agitatorischen Kräfte zu Gunsten der Teilnahme an den Kommunalwählen spielen zu lassen, wiewohl wir wissen, dass die in deutschfreisinniger Schule aufgewachsenen Kommunalstrategen in der überwiegenden Mehrzahl Juden erst in zweiter Linie ihrer Interessen und Gefühle sind und wiewohl wir an ihrem Aufwand von Arbeit für Schweinepolitik, Wohlfahrtspflege ״ohne• Unterschied der Konfession" keinerlei Anteil haben. Unser Programm ergibt sich aus der heutigen Judennot Seife 663 von selbst Zu seiner Durchführung bedürfen wir der Konzentration aller Judenkräfte auf das Judentum selbst Sein und Nichtsein der Judenrechte, die heut noch vom Gesetze gewährleistet, allerdings nicht geachtet werden, liegen in der Hand der staatlichen Gesetzgebung. Dass die Sozialdemokratie bedingungslos unsere Rechte schützen wird, bedarf wohl keines Beweises. Alle Versuche, ihr antisemitische Tendenzen anzudichtcn, stammmen aus derselben Konkurrenzquelle. — Im Freisinn, der ja durch seine Wandlungen und Spaltungen, ob sie offen sind oder latent, eine köstliche Satyre auf die Freiheit der Gesinnung bietet, ist offiziell Judenschutz, d. h. Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte proklamier^: aber welche ernste Regierung rechnet heut noch mit diesem Nichts von Partei, der sich durch seinen Wiesbadener Feldzug gegen die National-Sozialen sein Grab gegraben hat? Ein bejarnmernswertes Nichts, für das man Mitleid haben muss, wenn man der grossen Tage und der grossen Männer von Einst gedenkt. Von Antisemitismus durchfressen! Notdürftig die Scham verdeckt in Eisenach; äusserlich wenigstens versuchte es die Leitung, ihre Anstandspflicht den Juden gegenüber zu wahren Und doch steht fest, dass nur mit Hilfe der Deutschfreisinnigen die Wahl des Antisemiten möglich war. Der Nimbus, dass unsere Rechte beim Deutschfreisinn in sicherem Schutze sind, ist für immer geschwunden. Der leider fast allgemein verbreitete Glaube, dass wir Juden naturgemuss in seine Reihen gehören, verdankt wohl mehr einer historischen Gewohnheit und der pietätvollen Dankbarkeit sein Dasein, als der kühlen Rechnung mit den Tatsachen. Wenn w.'r auch das oberste Gesetz der Selbstachtung wahren, niemals mit einem Antisemiten gemeinsame Sache machen zu wollenn, so werden wir doch in jeder Partei — mit Ausnahme natürlich der offiziell antisemitischen — Männer finden, welche unseren Ansprüchen in der Judenirage genügen. Und was hält uns an dem alten deutsch-freisinnigen Glauben? Welche Interessen binden den jüdischen Landwirt an ihn oder den jüdischen Mittelstand, dessen Umfang immer noch unterschätzt wird und dessen Existenzfragen in direktem Gegensätze zu der herrschenden Richtung des Freisinns stehen? Die Juden sollten aufhören, sich von einer und zumal von der einen Parteischablone bestimmen zu lassen. Sic sollten aufhören Parteibonzen zu wählen und endlich beginnen, freie Männer zu wählen, die eine Gewähr geben, dass sie ״mit Wort und Tat“, ״voll und ganz" (Verzeihung!) das Gesetz hüten. Wo die Juden überhaupt einen Einfluss haben, sollten sic ihre "MODISCHE RUNDSCHAU Drfingt’s Euch auch von dannen weit:. Bleibt bei Eurer Mörderherde! . Auf der ganzen weiten Erde Ist kein Obdach Euch bereit. _ Ohne Macht, solch Leid zu enden, Ohne Willen, selbst zu wenden Diese Schmach und die Gefahr, Nur ein Hoffen auf’s Vergelten: Also, Makkabäerhelden, Stellt heut’ Euer Volk sich dar. Alle nicht! Ein Freiheitsstreben, Sehen wir im Ost sielt breiten, ‘Das* dem der Makkabi gleicht:* Juden brechen eine Gasse Für die Freiheit jener Masse, Die sic heut* vertiert zerfleischt. " . . Ti * Alle nicht! Trotz Fcindesmäehten Sehen wir sie aufrecht fechten, Die der schlimme Feind bedräut. Uns’re wackern Jungen streiten, Ehe sie den Tod erleiden, Für die Ehre kampfbereit.- * _ Dass aüch uns das Tagsgewühle Ein Erstreben hoher Ziele Fürder nimmer jäh erstick’! Dass in alter Stammestreue Juden wieder, echte, freie, Uebcrall die Welt erblick’! Dass auch wir uns einig fänden. Eins nicht nur im Gabenspenden, Auch im Willen,, auch im Mut. Dass aus all’ der dumpfen Schwere Sich die alte Judenchre Neu entfach’ mit starker Glut! Lasst im elg’nen Kraftvertrauen Wieder uns die Heimat bauen, Uns’res Volkes Schutz und Ruhm. Hell erschall’ ein neues ״Werde". Es erblüh’ aus alter Erde Junges Makkabäertum. Julius Simon.