Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- X (1905)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 656 No. 49 menen Mitteilungen sei unrichtig!“ So ist unsere Regierung gerettet vor einem neuen unglück!! Und Russland vor einem Schandfleck!“ So weit der Artikel im FRAIND. Die Meldung von der 1000 Kroneii-Spende des russischen Botschafters Fürsten Urussow war in der NT!?KN FREIEN PRESSE und im NEUEN WIENER TAGBUTT zu lesen und stammt aus offizieller Quelle;' sie ist in Wie*.! auch nicht dementiert worden. Fürst Urussow will eine günstige Stimmung vorbereiten, indem er glauben macht, er handele im Sinne der russischen Regierung, die im Ausland \Voh 1־ wollen für die unglückliche!! Opfer ihrer Verfolgung heuchelt. In Russ!ami aber könnte die Meldung von der Spende des russischen Botschafters das niedere Volk zu der Meinung verleiten, die Ermordung der •luden sei gar nicht im Sinne und nach Wunsch des Zaren, kein patriotisches Werk mehr — eine solche Ketzerei wäre sehr unwillkommen, daher beeilt man sich, die ״Wiener Mitteilung“ #•*־־.״ unrichtig zu erklären, den ״Schandfleck“, wie der FR A!NO sagt, abzuwaschen. So enthüllt sich dieser Tric des doppelzüngigen Regiments Witte! Russische Momentaufnahmen Unter diesem Titel veröffentlicht Oskar G e 11 e r eine kurze Reihe von flüchtigen Skizzen, die nur allzusehr der Wahrheit entsprechen. Eine handelt von Juden. Diese geben wir unten wieder. Traurig, dass die Geschichte unseres Volkes bereits reit ist für den — - SIMP1.1CISSIMUS. Lodz Ma1־ nennt es das polnisch-russische Manchester. Eine aufstrebende Stadt, in der die Spindeln surren; die Stadt der baumwollene» Mora! und schafwollenen Gediegenheit: - ein kleines London: neben hundertfachen Millionären Unglückselige Hungerleider. Trotzdem sie sagen, das Geld liege auf der Strasse. Auf dem Wege nach Pabianicc gelangt man in die ״Alt- Stadt". Das Zentrum des unsäglichsten Elends. Ein trostloses Ghetto voll dumpfer Verzweiflung. Durch die schmutzigen Strassen kriecht der Jammer und schleppt hinter sich Verzweiilung und Verwahrlosung. Ich kenne nichts Erbartnungs- .würdieres als die Altstadt von Lodz, dieses Ghetto der Tränen und Leiden. An einer Strassenecke steht ein Judenweib und verkauft Kwas. gesäuertes Wasser. Das Glas um eine Kopeke. Ein verhungertes, zum Skelett abgemagertes Weib, in zerschlissene und zerrissene Fetzen gehüllt. Neben ihr ein sieben- oder achtjähriger Knabe; sieht aus, als wäre er erst vier Jahre alt. Blutloses, eingefallenes Gesicht mit grossem ergreifend traurigen Augen. Man sieht es beiden au. dass sie sich schon lange nicht haben satt essen können. Sieben oder acht Millionen Geschöpfe dieser Art bevölkern das Reich des weissen Zaren, der über mehr als hundert Millionen Menschen befiehlt. Von den sieben oder acht Millionen sind vielleicht zehntausend besser dran als dieses Weib mit dem Kinde. Ueber eine halbe Stunde stand ich an der Ecke und wartete, ob Jemand ein Glas Kwas um eine Kopeke kaufen würde. Die Sonne brannte und glühte, — aber die Menschen der Altstadt haben keine überflüssige Kopeke. ״Ich habe Durst.“ beginnt das Kind leise, weinerlich. Ich kauie dem Kinde ein Glas Kwas und zahle mit einem Zehnkopekenstück. ״Der gnädige Herr werden erlauben.“ beginnt die Frau, ״ich werde das Geld wechseln gehen, habe noch keine neun Kopeken eingenommen." Ich schenke ihr das Zehnkopekcnstück und gebe dem Jungen sogar ein zweites. Da sah ich ein abgehärmtes Weib vor Freude und Glück weinen . . . .! Und diese Menschen gefährden das russische Reich, diese Menschen müssen ausgerottet werden! Am selben Tage noch las ich in einem Lodzer Zeitungsblatte, ein millionenreicher jüdischer Fabrikant habe einem polnischen Gesangverein 10 000 Rubel zum Ankäufe von Gesangbtichern geschenkt, ausserdem dem polnischen Theater 30000 Rubel, dass die Schauspielergagen gezahlt werden. Weil die braven, lieben, guten Nationalpoten die allerersten sind, die dem Juden Fusstritte versetzen. Teutscher Mut Während die ganze Kulturmenschheit mit Schrecken und Entsetzen vor den greuclvollen Bildern menschlicher Vertiertheit steht, die in den russischen Judenmetzeleien zu Tage getreten 'sind, geben unsere Antisemiten ihre Seelenverwandtschaft mit jenen Mcrdbrenn e r n deutlich 2u erkennen, indem sie zugleich diejenigen mit Schmähungen Überhäufen, die durch mildherzige Oaben das I durch jene Grcucltaten verursachte furchtbare Elend zu lin- 1 dem trachten. Die antisemitische DEUTSCHE HOCH- WACHT stösst in dasselbe Horn. Indem sie feststellt, dass sich unter den Sammel-Aufrufcn ״nicht nur Judennamen, sondern z״ B. Regierungsräte, Landrate. Bürgermeister, Prälaten, Schulräte, Lehrer, Postdirektoren, deutsche Redakteure (die doch ganz, gewiss wissen, wie der Hase läuft) und dergleichen mehr“ finden, knüpft es daran die folgende freundliehe Aufforderung: ... ״Ihr deutschen Michel, schlagt doch diesen Volks Verrätern den Schädel ein! Bildlich 11 a t ii r l i ch!** Es wäre schade um den Eindruck, wollte man diesem Ausbruch echt antisemitischer Roheit noch irgend ein Wort der Kritik hinzufiigen. Aus dem Zusatz: ״Bildlich natürlich!" mag der Leser indessen ersehen, dass dieser Roheit sich die Feigheit schwesterlich gesellt; er soll den ersten Satz, natürlich nicht abschwächen, wohl aber seinen Vcrfass e r vor dem Staatsanwalt sicher stellen. Das nennt man Mut — — bei unseren Teutschenl! Christenmord in München Das BAYERISCHE VATERLAND, das bekannte Münchener antisemitische Radaublatt, schreibt in seiner Nr. 26S vom 24. November: ״Ein empörender Vorfall, der alles, was jüdische Frechheit, Gemeinheit und Roheit bisher geleistet, weit zurücklasst, spielte sich am vergangenen Montag in den Zentral- Sälen ab. ln der dortigen Judenversarnmhmg richtete ein Jude att die Anwesenden folgende unerhörte Aufforderung: ״Sorget, dass für jeden in Ru s s l a n d g e 101 eten Juden ein Christ geopfert werde." Damit ist also der Christenmord in München proklamiert! Soweit sind wir nun durch unsere Toleranz und unsere sträfliche Glcichgütltigkeit gekommen, dass die Christen in München ihres Lebens nicht mehr sicher sind. In dem schäbigsten Judcnncste Galiziens und der Polakei dürfte das jüdische Gcsindel kann! kecker und frecher sein lausiges Haupt erheben, als in der von Judenknechten regierten Kunst- und Dunst- Stadt München. Hat man denn überall die Ohren so verstopft, dass nicht einmal mehr das schreckliche Wort ״Mord” durchdringt?’׳ Also wenn es sich um Christen handelt, da klingt sogar das Wort ״Mord" den cdeln Prcusscn- und Judenfressern schrecklich, aber wenn’s tat sächlich um erschlagene Juden geht, da finden dieselben Herrschaften die scheusslichsten Bestialitäten ״entschuldbar" und ״begreiflich”. Die WELT AM MONTAG spottet über diese teutonischen Hasenfüsse: ״Es ist begreiflich, dass die Forderung des rachegicrigen Juden gerade die Herren von der Redaktion des BAYERl- SCHEN VATERLAND mit solchem Entsetzen erfüllt Sie werden die ersten sein, die bei einer Christenhatz daran glauben müssen. Kein Wunder, dass ihnen das Wort ״Mord" besonders schrecklich in den Ohren klingt. Man sicht ordentlieh die Hand des Artikelschreibers bei der Niederschrift fliegen und zittern und hört das Klappern seiner Zähne." Jüdische Waisen Unser Gesinnungsgenosse O. C. Polak-Amsterdam veröffentlicht folgenden Aufruf: Die Nachricht von den russischen Greueln hat hier wie überall empörend gewirkt. Manche Leute fühlen nur Judennot, falls Exzesse w ie in Russland so deutlich sprechen, dass gar nicht mehr daran zu zweifeln ist. Wohtätigkeft wird jetzt geübt uni den armen Juden eine nette Beerdigung zu verschaffen. Wir Zionisten möchten lieber die Gelder gesammelt haben, um unsere Arbeit, die für Lebende i|t. zu fördern. Die Sache liegt aber jetzt so. dass auch jeder Soziotog philanthropische Arbeit mitmacht. Es ist aber die Frage, wie wir nun den Ueberblcibenden helfen werden. ״Hinaus und wohin?" bleibt die Devise und die Frage. Es gibt aber einzelne, welchen mit der Beantwortung des ״Wohin" —- welche Beantwortung noch wartet auf Charter an die Zionisten und die Jto — nicht zu helfen ist. Eine Menge verwaister Kinder blieb übrig. So lange wir denn kein Land haben für die Männer und Frauen, lasst uns versuchen, ein Heim iür verwaiste Kinder zu schaffen. Es gibt manche Judenfamilien, welche kinderlos sind, andere, die Kinder verloren haben und w׳o ein leerer Platz entstanden Ist, noch andere, die es für eine Pflicht oder Mizwoh halten, eine Waise zu sich zu nehmen. Unsere bewfährten Gesinnungsgenossen in Russland werden gewiss gerne behilflich sein, die geeigneten Kinder anzuweisen, welche neuer Eltern bedürfen. Hier in Holland sind einige Anfragen an mich JÜDISCHE RUNDSCHAU die Wiener Meldung